Start Tagesthemen “Einzelkinder sind egoistischer” (und andere Klischees): Was ist dran an Geschwisterrollen?

“Einzelkinder sind egoistischer” (und andere Klischees): Was ist dran an Geschwisterrollen?

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STUTTGART. Im Kita-Alltag, im Klassenraum, in Elterngesprächen – Vorstellungen über Geschwisterrollen prägen oft den Blick auf Kinder. Einzelkinder gelten als egoistisch, mittlere Geschwister als besonders sozial, Jungen als schwieriger als Mädchen. Solche Zuschreibungen wirken, auch wenn sie selten bewusst ausgesprochen werden. Doch was ist empirisch haltbar – und was eher tradierte Annahme? Der Blick in die Forschung zeigt: Vieles ist weniger eindeutig, als es im pädagogischen Alltag mitunter erscheinen mag.

Einzelkind? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Zum Thema Geschwister halten sich etliche Klischees hartnäckig. Vor dem Welttag der Geschwister (10. April) ein paar Einordnungen:

Einzelkinder sind eher egoistisch: Hier gehen die Meinungen der Experten auseinander: Studien wiesen darauf hin, dass Einzelkinder stärker auf sich bezogen seien als Kinder mit Geschwistern, sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Inés Brock-Harder. «Selbstverständlich hat es einen psychologischen und Entwicklungseinfluss, ob ein Kind alleine mit seinen Eltern aufwächst», sagt die Geschwistertherapeutin.

Es sei kein Klischee, dass Einzelkinder in der frühkindlichen Prägung anderen Einflüssen ausgesetzt seien als Geschwister, die gemeinsam weite Teile ihrer Kindheit miteinander verbrächten. Dies gelte auch für jene Erstgeborenen, die frühestens nach sieben Jahren ein Geschwisterchen bekämen.

Als Hintergrund können der Therapeutin zufolge auch die vielen Studien zur Ein-Kind-Politik in China dienen: Einzelkinder zeigten einen höheren Egozentrismus und geringere soziale Kompetenzen. Durch den fehlenden Umgang mit Geschwistern seien Fähigkeiten wie Teilen und Kooperation weniger ausgeprägt, so Brock-Harder. Zudem sei eine geringere Frustrationstoleranz ermittelt worden. Diese Erkenntnisse ließen sich teilweise auf Deutschland übertragen, wobei hier Kinder in Kita und Schule noch nachreifen könnten.

Der Einschätzung widerspricht die Persönlichkeitspsychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig: Wenn überhaupt, fänden Studien oft nur kleine Unterschiede, etwa im prosozialen Verhalten. Je nach Studie zeige sich teilweise bei Einzelkindern sogar ein weniger egoistisches Verhalten.

Eltern wollen lieber Mädchen als Jungen: Eltern bekommen im Vergleich zu früher weniger Kinder. Die Geburtenrate lag laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2024 bei 1,35 Kindern pro Frau – zwei Prozent niedriger als im Vorjahr. Entsprechend hoch seien Erwartungen an die Elternschaft, aber auch an das Kind, sagt Anna-Lena Zietlow, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Technischen Universität Dresden. «Man will das Allerbeste für sein Kind. Dieses muss aber auch gut ins Leben passen – überspitzt formuliert.»

Vor Generationen noch wünschten sich Eltern demnach einen männlichen Nachkommen, der etwa den Hof erben konnte. Doch mittlerweile wiesen einige Studien darauf hin, dass es in westlichen Kulturen eine Präferenz für Mädchen geben könnte, sagte die Forscherin vor kurzem. «Ich denke, da spielen auch ganz viele Geschlechtsstereotypen eine Rolle.» Mädchen gelten als angepasster, fürsorglicher und fleißiger. Jungen seien dagegen wilder, neigen eher zu Gewalt und sind schlechter in der Schule, heißt es oft.

Unter dem Hashtag «Gender Disappointment» – also Geschlechtsenttäuschung – finden sich etwa auf Tiktok viele Videos von enttäuschten Eltern, weil ihr Baby nicht das gewünschte Geschlecht hat. Das scheint häufiger der Fall zu sein, wenn das Baby ein Junge ist. Auch in Internet-Foren für Eltern berichten Frauen, dass sie sich immer ein Mädchen gewünscht hätten und nun damit haderten, dass es doch ein Junge sei (News4teachers berichtete).

Sandwichkinder versuchen, es allen recht zu machen: Aktuelle Studien belegen laut der Geschwistertherapeutin Brock-Harder, dass Ehrlichkeit und Bescheidenheit bei Sandwichkindern häufiger auftreten. Damit sind Kinder gemeint, die mindestens ein älteres und ein jüngeres Geschwisterchen haben. Zudem gelten sie demnach als verträglicher und schneiden unter Geschwistern sogar am besten ab, wenn es um kooperative Eigenschaften geht. Verträgliche Kinder sind Kinder, die unter anderem kooperativ, bescheiden und emphatisch sind.

Persönlichkeitspsychologin Rohrer sagt dagegen: «Auch für Sandwichkinder finden sich in der Literatur keine dramatischen Persönlichkeitsunterschiede.» Allerdings stütze eine neuere Studie die These, dass mittlere Kinder eine etwas höhere Verträglichkeit hätten als Letztgeborene – und diese wiederum etwas verträglicher seien als Erstgeborene.

Eltern haben stets ein Lieblingskind: Viele Eltern haben favorisierte Kinder. Generell erhielten oft Mädchen sowie besonders pflichtbewusste und umgängliche Kinder den Vorzug, berichtete im vergangenen Jahr ein Forscherduo im Fachblatt «Psychological Bulletin».

Der Auswertung zufolge bevorzugen Eltern tendenziell Mädchen eher als Jungen – und zwar überraschenderweise nicht nur Mütter, sondern auch Väter. Zudem würden gewissenhafte, verantwortungsbewusste Kinder eher favorisiert. In beiden Fällen waren die Effekte zwar nur leicht ausgeprägt. Allerdings sollten Eltern sich dessen bewusst sein, schrieben Hauptautor Alexander Jensen von der Brigham Young University in Provo im US-Bundesstaat Utah und McKell Jorgensen-Wells von der Western University im kanadischen London (Provinz Ontario).

Die Zahl kinderreicher Familien nimmt stetig ab: Im Jahr 2024 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 30 Prozent der Kinder in Deutschland ohne Geschwister in einem Haushalt. 44 Prozent wuchsen mit genau einem Geschwisterkind auf. In kinderreichen Familien mit mindestens drei Kindern lebten 26 Prozent der Kinder, darunter 18 Prozent mit zwei Geschwistern und 8 Prozent mit drei oder mehr Geschwistern.

Damit hat sich die Verteilung gegenüber den vergangenen Jahrzehnten nur moderat verschoben. 1996 lag der Anteil der Einzelkinder bei 31 Prozent, 44 Prozent der Kinder hatten ein Geschwister, und 25 Prozent lebten in kinderreichen Familien. Bis 2015 stieg der Anteil der Einzelkinder zunächst auf 33 Prozent an, während der Anteil kinderreicher Familien auf 23 Prozent zurückging.

Seitdem kehrt sich diese Entwicklung allerdings teilweise um: Der Anteil der Kinder ohne Geschwister sank bis 2024 wieder auf 30 Prozent, während kinderreiche Familien wieder auf 26 Prozent zulegten.

Das Statistische Bundesamt verweist ausdrücklich auf einen möglichen Zusammenhang mit der Zuwanderung seit 2015. Diese habe die Entwicklung der vergangenen Jahre maßgeblich geprägt. Darauf deutet auch der Blick auf die Familienstrukturen hin: In Familien mit Einwanderungsgeschichte lebten 2024 deutlich häufiger drei oder mehr Kinder als in Familien ohne Einwanderungsgeschichte. Der Anteil lag hier bei 19 Prozent gegenüber rund 10 Prozent. News4teachers / mit Material der dpa

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Heinz
16 Tage zuvor

Vieles ist weniger eindeutig, als es im pädagogischen Alltag mitunter erscheinen mag“

Also in meinem pädagogischen Alltag stimmt auch kaum eines der genannten Klischees.

Was mir aber aufgefallen ist, sind Streitereien bei Jungs und Mädchen, da finde ich die Streitereien bei Mädchen weit aus schwieriger. Bei Mädchen brauche ich oft viel länger, bis ich feststelle, dass es Streit gibt, da läuft das dann manchmal schon mal über Wochen und die Gründe sind häufig so ein Schwachsinn wie, dass einer die beste Freundin von XY ist und man darf aber nur eine beste Freundin haben. Oder was auch häufig vorkommt ist diese verlanget 100% Loyalität. Wenn ich Streit mit jemandem habe, dann wird das von meinen Freundinnen auch verlangt. Das macht es bei Mädchen finde ich, oft schwierig.
Bei Jungs fällt mir der Streit häufig früher auf, weil diese es oft garnicht schaffen, dass der Streit nicht handgreiflich wird. Der Streit ist oft deutlich kürzer, massiver, auf weniger Leute begrenzt und lässt sich deutlich einfacher beilegen.

Außerdem wäre mein Eindruck, dass Mädchen ihre Probleme häufiger mit sich selbst und im stillen ausmachen oder in sich hineinfressen, während viele Jungs kommen und reden, reden, reden. Da gibt es allerdings auch einige Mädchen und Jungs, wo es komplett andersherum ist, das wäre aber zumindest mein Eindruck, dass die Anzahl grundsätzlich bei den Mädchen höher ist.

Cornelia
14 Tage zuvor
Antwortet  Heinz

Also ich denke auch, dass Jungs oft ihre Streitigkeiten offener und unkomplizierter austragen als Mädchen. Bei Mädchen ist der Konflikt eher unterschwellig vorhanden.

Rainer Zufall
14 Tage zuvor
Antwortet  Cornelia

“Also ich denke auch, dass Jungs oft ihre Streitigkeiten offener und unkomplizierter austragen als Mädchen.”
Ab dem Moment, wo Jungen (als “Männer”) nie wieder zu weinen/ über Gefühle zu sprechen beabsichtigen, halte ich es langfristig für SEHR kompliziert 🙁

Cornelia
13 Tage zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Streit hat doch nicht immer mit Weinen zu tun. Das sind doch zwei paar Stiefel .

Außerdem gewöhnen sich Mädchen auch manchmal das Weinen ab. Wenn man Brüder hat, geht das ganz schnell. Man will ja nicht die Heulsuse sein.

Rainer Zufall
13 Tage zuvor
Antwortet  Cornelia

Darum der gesellschaftliche Habitus extra bei Frauen mit Brüdern.
Ist es nicht interessant, dass die “Heulsuse” weiblich ist? Fast so, als wäre dies “unmännlich”… Naja, noch ein, zwei, dreihundert Jahre und die Menschen finden – ganz langsam – heraus, was Männlichkeit ist 😉

Heinz
12 Tage zuvor
Antwortet  Cornelia

Jungs weinen bei euch tatsächlich weniger? Bei mir sind es oft die Jungs die weinen, zwar selten über ne schlechte Note, aber oft über andere Dinge.

Rainer Zufall
14 Tage zuvor

Als Mittelkind stehe ich voll hinter all den Klischees und bin mir der uneingeschränkten Zustimmung des Forum sicher! 😀

Großer Fan von Wissenschaft, aber was soll hier Statistik den Kolleg*innen bezüglich der Arbeit mit Individuen bringen?

Susanne M.
12 Tage zuvor

Ich könnte auch nicht sagen, dass die Einzelkinder unbeliebter oder unsozialer wären. Ich beziehe mich jetzt nur auf Grundschule: Einzelkinder werden oft besser gefördert als Kinder mit Geschwistern, weil sich alle Ressourcen der Familie auf das einzelne Kind konzentrieren, und sie haben öfter Eltern in höherem Alter, die eben finanziell schon etabliert sind. Oft fand ich die Einzelkinder sogar besonders sozial, weil sie früh mitbekommen, dass Freundschaften gepflegt werden müssen ( im Gegensatz zu Geschwistern, die immer da sind)