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Warum eine Wissenschaftlerin vor weniger (unangekündigten) Leistungsabfragen an Schulen warnt

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MÜNCHEN. Die Diskussion über unangekündigte Leistungsnachweise an Schulen in Bayern – sogenannte Exen – reißt nicht ab. Während immer wieder gefordert wird, Schülerinnen und Schüler durch weniger Prüfungen zu entlasten, warnt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Manuela Pietraß vor einer Abschaffung mündlicher und spontaner Leistungsüberprüfungen. Gerade im Umgang mit Künstlicher Intelligenz gewännen solche Formate an Bedeutung, sagte die Wissenschaftlerin in einem Interview mit dem Bayerischen Philologenverband (bpv).

“In Zukunft eher noch wichtiger”: Prof. Manuela Pietraß. Illustration: News4teachers

Immer wieder werde argumentiert, unangekündigte Leistungsnachweise erhöhten den Druck auf Schülerinnen und Schüler. Pietraß hält diese Sichtweise für zu kurz gegriffen. „Ich glaube nicht, dass man Prüfungsangst einfach abschaffen kann, indem man bestimmte Prüfungsformate streicht“, sagte sie. „Die Angst verschwindet dadurch nicht, sondern sie verlagert sich lediglich.“

Wenn unangekündigte Prüfungen wegfielen, konzentriere sich der Druck stärker auf angekündigte Leistungsnachweise. „Werden auch diese reduziert, laden sich die verbleibenden Prüfungen – bis hin zum Schulabschluss – immer stärker auf“, erklärte die Wissenschaftlerin. „Dann entstehen am Ende echte ‚Alles-oder-nichts-Prüfungen‘, die für Schülerinnen und Schüler wesentlich belastender sein können als regelmäßige kleinere und verschiedenartige Leistungsüberprüfungen.“ Das würde aus ihrer Sicht „den Druck massiv erhöhen, statt ihn zu senken“.

Pietraß, die Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienbildung an der Universität der Bundeswehr München lehrt, sieht Prüfungen zudem als grundlegendes Instrument schulischer Arbeit. „Erstens fungieren Prüfungen als Messapparat“, sagte Pietraß. Lehrkräfte bräuchten dieses Instrument, „um festzustellen, ob sie ein Thema erfolgreich vermittelt haben oder nicht“. Zweitens müsse sich Leistungsbewertung im KI-Zeitalter verändern. „Es interessiert dann weniger, woher einzelne Informationen stammen, sondern vielmehr, ob jemand ein Problemgebiet wirklich verstanden, durchdrungen und kritisch reflektiert hat. Genau dafür brauchen wir verstärkt mündliche Prüfungsformate und spontane Abfragen.“

Deshalb wäre es „falsch, wenn gerade diese Formate jetzt abgeschafft würden“. Im Gegenteil: „Sie werden in Zukunft eher noch wichtiger.“

Veränderungsbedarf sieht die Wissenschaftlerin an anderer Stelle. „Wir sollten nicht über die Abschaffung von Formaten, sondern über die Qualität des Feedbacks sprechen“, erklärte sie. Es sei sinnvoll, sich „intensiv Zeit für Rückmeldungen“ zu nehmen – sowohl individuell als auch in Gruppen. Dafür bräuchten Lehrkräfte allerdings Entlastung. „Mein zentrales Plädoyer lautet daher: Schluss mit der starken ‚Hineinregulierung‘“, sagte Pietraß. Lehrkräfte müsse man „mehr Freiheiten lassen“, ihr „Verantwortungsbewusstsein stärken“ und ihnen „als Fachkräften vertrauen“. Sie wüssten „sehr genau, was in ihren Klassen funktioniert und was nicht“. News4teachers 

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