BERLIN. Am Samstag wollen junge Menschen in mehr als 30 deutschen Städten für bessere Bildung und mehr Zukunftsperspektiven demonstrieren. Doch die Initiative „Gen Z regelt“, die mit einem Eichhörnchen-Logo zu den Protesten aufruft, stößt bei den Schülervertretungen auf erhebliche Vorbehalte. Die Bundesschüler*innenkonferenz (BSK) unterstützt zwar viele der Forderungen, zweifelt aber an der Transparenz der Organisatoren. Inzwischen hat sich auch der bisherige Bundessprecher der Bewegung zurückgezogen. Die BSK will nun eigene Proteste organisieren – gemeinsam mit der Gewerkschaften, Elternvertretungen und weiteren Jugendbewegungen.

Die Bundesschülerinnenkonferenz (BSK) hat eine eigene Demonstration in Berlin angekündigt. „Wir werden am 20.11. als Bundesschülerinnenkonferenz einen eigenen Protest in Berlin veranstalten und hier auch mit einem zivilgesellschaftlichen Bündnis auftreten“, sagte Generalsekretärin Amy Kirchhoff in der Sendung „Frühstart“ von RTL und ntv. Nach ihren Angaben haben die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Bundeselternrat und Fridays for Future ihre Teilnahme bereits zugesagt. Auch Lehrkräfte und weitere Jugendbewegungen sollen sich beteiligen.
Damit geht die BSK auf Distanz zu den für Samstag, den 31. Oktober, angekündigten Demonstrationen der Initiative „Gen Z regelt“. Kirchhoff begründete die Entscheidung mit unklaren Organisationsstrukturen. „Man weiß nicht so genau, wer dahintersteht“, sagte sie. Die grundlegenden Anliegen der Protestbewegung unterstütze die Schülervertretung allerdings ausdrücklich.
„Die Wut, die Frustration und der Wunsch nach mehr Investitionen, vor allem in dem Bereich Bildung – das ist was, das wir auf alle Fälle mittragen wollen“
Ihre Generation sei aus vielen Gründen „wütend“, erklärte Kirchhoff. Dabei gehe es um Renten und Altersvorsorge, die Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Bedingungen an den Schulen. Viele Schulgebäude seien marode, die Lernbedingungen unzureichend. „Die Wut, die Frustration und der Wunsch nach mehr Investitionen, vor allem in dem Bereich Bildung – das ist was, das wir auf alle Fälle mittragen wollen.“
Die Zweifel an den Organisatoren werden inzwischen auch durch eine Entwicklung innerhalb der Bewegung verstärkt. Wenige Tage vor den angekündigten Demonstrationen hat sich der bisherige Bundessprecher von „Gen Z regelt“, Gianni Matheja, zurückgezogen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, begründete der 21-Jährige seinen Rücktritt damit, dass sich unter dem Namen der Bewegung inzwischen unterschiedliche Gruppen zusammengeschlossen hätten, „deren Vorstellungen und Ziele des Protests auseinandergehen“.
Matheja, der in sozialen Medien unter dem Namen „Giannistudiert“ auftritt und auf Instagram mehr als 100.000 Follower hat, sieht angesichts der Vielzahl beteiligter Akteure „einen gemeinsamen friedlichen Rahmen“ der Proteste nicht mehr ausreichend abgesichert.
Die Initiative selbst betont dagegen, dass sie Gewalt ausdrücklich ablehne. „Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspricht allem, wofür wir stehen“, heißt es in ihrem Positionspapier. „Nur friedlich können wir gemeinsam etwas erreichen.“
Zu den zentralen Forderungen von „Gen Z regelt“ gehören höhere Investitionen in das Bildungssystem, mehr Klimaschutz, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Ablehnung einer möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die Mobilisierung erfolgt vor allem über soziale Medien und Influencer, die unter dem Hashtag #genzregelt für die Demonstrationen werben. Als Erkennungszeichen verwendet die Initiative „Gen Z regelt“ ein orangefarbenes Eichhörnchen, das auch ihr Logo und ihre Auftritte in sozialen Medien prägt.
Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung hatten sich bis Mittwochabend allein für die Kundgebung in Köln rund 13.000 Interessierte registriert, in Frankfurt am Main rund 12.000 sowie in Hamburg und Berlin jeweils rund 9.000. Für München wurden mehr als 7.000 Registrierungen angegeben. Insgesamt haben sich bislang mehr als 150.000 Menschen zu den Demonstrationen angekündigt.
Die bildungspolitischen Forderungen der Protestbewegung werden von den Schülervertretungen weitgehend geteilt. Bereits vor der aktuellen Distanzierung hatte BSK-Sprecherin Isabelle Seltenreich gegenüber der Rheinischen Post erklärt, man bewerte die angekündigten Demonstrationen „grundsätzlich positiv, soweit sie friedlich und demokratisch stattfinden“. Schülerinnen und Schüler hätten das Recht und allen Grund, für bessere Bildung und bessere Bedingungen an ihren Schulen auf die Straße zu gehen.
Seltenreich verwies insbesondere auf Forderungen, die auch bei den Jugendprotesten in Frankreich und Italien erhoben werden. Dazu gehörten eine bessere Ausstattung und Infrastruktur der Schulen, ausreichend Lehrkräfte, kleinere Klassen, bessere Lernbedingungen und ein Bildungssystem, das allen jungen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gleiche Chancen bietet.
Zugleich warnte Seltenreich davor, dass Proteste von unterschiedlichen politischen Gruppen instrumentalisiert werden könnten. Bei den Schülerdemonstrationen in Frankreich und Italien war es in den vergangenen Wochen auch zu Ausschreitungen gekommen.
„Persönliche Anfeindungen und Gewaltandrohungen haben in der demokratischen Streitkultur keinen Platz“
Die Sorge vor einer politischen Vereinnahmung ist auch für den Landesschülerrat Niedersachsen ausschlaggebend. Die Schülervertretung hat sich ausdrücklich von den angekündigten Demonstrationen am Samstag distanziert. Neben fehlender Transparenz der Verantwortlichen nennt sie die Befürchtung, dass die Proteste von politischen Gruppen für eigene Zwecke genutzt werden könnten.
Trotz mehrfacher Nachfragen habe sich bislang nicht nachvollziehbar klären lassen, wer die Demonstration in Hannover organisiere und verantworte, teilte der Landesschülerrat mit.
Landesschülersprecher Otto Ellerbrock betonte, dass es richtig und wichtig sei, wenn junge Menschen ihre Meinung äußerten und für ihre Überzeugungen auf die Straße gingen. „Allerdings bedeutet das nicht, dass wir als demokratisch legitimierte Schülervertretung jede Protestbewegung unterstützen können oder müssen.“
Ellerbrock verwies zudem auf persönliche Anfeindungen und Gewaltandrohungen im Zusammenhang mit den Protesten. „Wer friedlich demonstrieren möchte, muss auch andere politische Positionen akzeptieren. Persönliche Anfeindungen und Gewaltandrohungen haben in der demokratischen Streitkultur keinen Platz. Solche Entwicklungen verstärken unsere Sorge vor einer politischen Vereinnahmung.“
Konkrete Hinweise auf geplante Gewalttaten oder Sachbeschädigungen bei den deutschen Demonstrationen liegen den Sicherheitsbehörden bislang allerdings nicht vor. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung rechnen die Innenministerien der Länder derzeit nicht mit Ausschreitungen wie in Frankreich oder Italien. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erklärte am Dienstag, die angekündigten Schülerproteste ließen zum jetzigen Zeitpunkt keine vergleichbare Eskalation erwarten. News4teachers / mit Material der dpa
Schülerproteste gewinnen rasant an Zulauf: Teilnehmerzahl binnen Stunden mehr als verdreifacht










Sehr gut.
Proteste werden schon präventiv zerlegt, bevor sie überhaupt stattfinden.
Da leistet jemand ganze Arbeit.
„Gen Z gruselt“ – Halloween, Bildungsnotstand und Terrorangst: Deutschland sucht den roten Faden.
Am 31. Oktober heißt es also: „Gen Z regelt!“ Auf dem Titelbild liegt ein Eichhörnchen-Schwimmtier schlaff am Boden. Ein Symbolbild für die Stimmungslage? Oder hat die Bildungsrepublik ihr Wappentier gefunden?
Während Frankreich unter dem Eindruck terroristischer Gewalt um Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt ringt, liefert Deutschland seinen ganz eigenen Gruselstoff: Unterrichtsausfall, Lehrkräftemangel, marode Schulen. Stoff genug für eine ganze Geisterbahn – ganz ohne Eintritt. Dazu eine Protestbewegung, deren Maskottchen offenbar schon vor dem Start die Puste verloren hat.
Süßes oder Saures? Bildungsreform oder Luftnummer? Protest oder Gruselkabinett? Und wer pustet das Eichhörnchen wieder auf, wenn die heiße Luft raus ist?
„Gen Z regelt!“ Hoffentlich. Denn wenn schon die Wirklichkeit gruseliger ist als Halloween, sollte wenigstens der Protest keine Geisterstunde der Zuständigkeiten werden. Sonst bleibt am Ende vom großen Aufbruch nur ein erschöpftes Eichhörnchen als Mitschwimmtier.