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Noten, Berichte oder zum Ankreuzen? Streit um Zeugnisse

DÜSSELDORF/MAINZ. Die Grundschulen in Nordrhein-Westfalen dürfen künftig in der dritten Klasse auf Noten verzichten. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßt den Beschluss. In Rheinland-Pfalz macht der VBE hingegen gerade gegen Berichtszeugnisse in der Grundschule mobil. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick.

Noten, Berichte oder zum Ankreuzen: Die Vielfalt der Grundschulzeugnisse verwirrt nicht nur Schüler. Foto: Felipe Lorente / Flickr (CC BY 2.0)

Noten, Berichte oder zum Ankreuzen: Die Vielfalt der Grundschulzeugnisse verwirrt nicht nur Schüler. Foto: Felipe Lorente / Flickr (CC BY 2.0)

Mit den Stimmen von SPD, Grünen und der Linken stimmte der Schulausschuss des NRW-Landtags nun dafür, den Grundschulen künftig freizustellen, ob sie in der Klasse 3 Ziffernoten vergeben wollen. Mit scharfer Kritik reagierte der nordrhein-westfälische Philologen-Verband auf die von der Landesregierung geschaffene Möglichkeit, erst in der 4. Grundschulklasse verbindliche Ziffernnoten auf Zeugnissen zu geben. „Mit dieser Regelung stößt man das Tor weiter auf in Richtung Beliebigkeit im Umgang mit Qualifikationsstandards. Da Grundschulen unterschiedlich verfahren, wird die Vergleichbarkeit schulischer Leistungen außerordentlich erschwert. Auch macht der extrem späte Zeitpunkt der Ziffernnotengebung die Entscheidungsfindung für Eltern und Schüler beim Übergang zu weiterführenden Schulen nicht leichter“, so kommentierte Verbandschef Peter Silbernagel die Änderung.

Er warnte davor, Ziffernnoten auch in den weiterführenden Schulen zu dämonisieren. Schüler hätten damit in der Regel keine Probleme. Die bisherigen Grundschul-Regelungen seien kind-, altersgemäß und pädagogisch sinnvoll gewesen. Silbernagel: „Es darf nicht Schule machen, dass wir den Zeitpunkt hinausschieben, zu dem transparente Leistungsangaben und -vergleiche erfolgen. Schülerinnen und Schüler haben Anspruch auf bestätigende, ermutigende, motivierende und vor allem ehrliche Rückmeldungen.“

Der VBE in NRW begrüßt die Neuregelung hingegen. „Denn eine schematische Leistungsbewertung mit Noten widerspricht eindeutig der pädagogischen Arbeit und den didaktischen Konzepten in der Grundschule“, sagte der Vorsitzende Udo Beckmann. Die Arbeit der Schüler mit individuellen Arbeits- bzw. Förderplänen, das Beobachten der Lernentwicklungen sowie die dafür jeweils individuell notwendigen Anstrengungen könnten durch beschreibende Aussagen wesentlich treffender als durch Ziffernoten dokumentiert werden. Beckmann: „Es wäre nur konsequent, auch in Klasse 4 auf Noten bei der Leistungsbewertung und in den Zeugnissen zu verzichten. Alles andere würde einen pädagogischen Bruch bedeuten.“

„Der zeitliche Aufwand ist enorm“

In Rheinland-Pfalz sind Berichtszeugnisse – die sogenannten Verbalzeugnisse – an Grundschulen bereits die Regel. Und der dortige VBE-Landesverband trommelt aktuell dagegen. „Immer wieder berichten Kolleginnen und Kollegen, dass für sie der zeitliche Aufwand des Zeugnisschreibens enorm hoch ist und in keinem Verhältnis zum zeitlichen Umfang des Unterrichts steht. In der Regel werden für das Schreiben eines Zeugnisses im Minimum zwei volle Stunden benötigt, in den meisten Fällen jedoch mehr“, heißt es in einer Presseerklärung des Verbandes. Und: „Oftmals erleben Lehrerinnen und Lehrer allerdings, dass die Eltern den Inhalt oder manchen fachlichen Ausdruck der Zeugnisse nicht verstehen oder diese – aufgrund der Länge – noch nicht einmal gelesen haben.“ Bei den Elternsprechtagen müssten die Berichte dann mühsam erläutert werden. Deshalb fragt der VBE Rheinland-Pfalz: „Wie sinnvoll ist ein Zeugnis, dass nur durch anschließende mündliche Erläuterungen für viele Eltern verständlich wird?“ Nicht allzu sinnvoll – meinen jedenfalls die meisten Grundschullehrer in Rheinland-Pfalz. Einer VBE-Umfrage zufolge, halten nur 16 Prozent die  Verbalzeugnisse für zielführend.

Der Verband fordert für Rheinland-Pfalz deshalb eine Reform – und zwar ein Zeugnis, auf dem zum Ankreuzen in vorgegebenen Lernbereichen vier Kompetenzstufen unterschieden werden können. Das wäre in den dritten Klassen der NRW-Grundschulen nun offenbar auch möglich: Schulen müssten weiter ein „differenziertes Rückmeldungssystem“ anbieten, so zitiert die „Rheinische Post“ eine Sprecherin des NRW-Schulministeriums. Das könne durch Berichte geschehen – oder ein neues Format.

(2.2.2012)

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