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Jugendkultur: Psychologen mahnen, Fußballfans ernstzunehmen

MARBURG. Nach dem Skandal-Spiel von Düsseldorf warnen Sozialpsychologen der Universität Marburg davor, Fankultur pauschal mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen. Sie empfehlen stattdessen, einen möglichst breiten Konsens aller Beteiligten darüber herzustellen, wo die Grenzen zulässiger Ausdrucksformen von Emotionen liegen.

"Akzeptieren, dass beim Fussball Emotionen ausgelebt und vorgeführt werden können": Fans mit verbotenen Fackeln im Stadion. Foto: funky1opti / Flickr (CC BY 2.0)

"Akzeptieren, dass beim Fussball Emotionen ausgelebt und vorgeführt werden können": Fans mit verbotenen Fackeln im Stadion. Foto: funky1opti / Flickr (CC BY 2.0)

Die Marburger Arbeitsgruppe Sozialpsychologie unter der Leitung von Professor Dr. Ulrich Wagner hat eine Stellungnahme zu den jüngsten Vorkommnissen bei den Relegationsspielen der Fußball-Bundesliga erarbeitet. Darin betonen die Fachleute von der Philipps-Universität, dass es zur Identifikation von Fans mit ihrem Verein gehöre, Gefühle auszuleben und zur Schau zu stellen.

Die Diskussion der Ereignisse beim Relegationsspiel in Düsseldorf um den Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga „bewegt sich weitgehend in pauschalen Vorwürfen und Ausgrenzungen. Diejenigen, die in Düsseldorf vor dem Schlusspfiff auf den Platz gelaufen sind und den vermeintlichen Sieg feiern wollten, werden gleichermaßen als Randalierer und Chaoten bezeichnet wie diejenigen, die zuvor Bengalische Feuer und Feuerwerkskörper auf Spieler und Zuschauer geworfen haben“, schreiben die Wissenschaftler. Dies trage zu Frustrationen und zur weiteren Eskalation bei.

„Massensport lebt von der Identifikation der Fans mit ihren Vereinen“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Mit dem eigenen Verein Freud und Leid zu erleben, gehöre im Wortsinn zur Identität der Fans: „Aus psychologischer Sicht beinhaltet das zu akzeptieren, dass Emotionen ausgelebt und vorgeführt werden können – auch wenn die damit verbundenen Ausdrucksformen nicht jedermann gefallen.“ Das bedeute aber auch, klare und nachvollziehbare Grenzen zu setzen.

„Abstrakt werden sich Fußballverantwortliche und Sicherheitskräfte mit den meisten Fangruppen schnell einig werden, dass Gewalt nicht zu akzeptieren ist“, erklären die Psychologen. Wenn es aber darum gehe, genau festzuhalten, was unter Gewalt zu verstehen sei, gebe es unterschiedliche Perspektiven – beispielsweise beim Einsatz von Pyrotechnik. Vom DFB in Aussicht gestellte Gespräche mit einer Fan-Initiative über kontrollierte Bedingungen für den Einsatz seien ausgeblieben, was für Verdruss bei den Jugendlichen geführt habe. Stattdessen müsste gerade über die Grenzen zulässiger Ausdrucksformen von Emotionen ein möglichst breiter Konsens geschaffen werden. Das würde den Wissenschaftlern zufolge dann auch dazu beitragen, dass Fangruppen Abweichler von sich aus stärker kontrollieren würden.

„Wenn Fans sich mit ihren Vereinen identifizieren, bedeutet das auch, dass sie einen Einfluss darauf haben wollen, was mit und in ihrem Verein geschieht“, lautet ein weiterer Befund der Marburger Sozialpsychologen. Die Struktur der deutschen Vereine sehe vor, dass die Mitglieder Mitspracherecht bei der Entwicklung ihrer Vereine haben. „Dennoch werden die Bemühungen mancher Fangruppen um Mitsprache von den Vereinen und der Öffentlichkeit oft als Bedrohung dargestellt. Die Interessen der organisierten Fans und der Vereinsführung gehen sicherlich an einigen Stellen auseinander – auf der einen Seite eine starke Tendenz zum Fußball als Event und zur Kommerzialisierung, auf der anderen Seite die Forderung nach Stehplätzen, günstigen Ticketpreisen und Fanarbeit.“

„Fußball, Vereine und Fans brauchen einander“, resümieren die Wissenschaftler. „Fans sind mehr als Käufer von immer teurer werdenden Eintrittskarten und Merchandise-Produkten. Sie sind diejenigen, die in den Stadien für Stimmung sorgen. Oft bilden sie die einzige Konstante, während Spieler, Trainer und Stadionnamen dauernd wechseln.“ Die Gefahr sei groß, dass die Ereignisse beim Relegationsspiel in Zukunft mehr und mehr gewalttätige Nachahmer fänden. „Wir fordern dazu auf, ernst, intensiv und dauerhaft auf Augenhöhe miteinander zu verhandeln“, erklärt das Psychologenteam abschließend. Und: „Die Vereine und der deutsche Fußball insgesamt müssen sich die Frage stellen, ob sie ausschließlich der Maxime der Kommerzialisierung und Gewinnmaximierung folgen wollen, oder ob sie auch noch andere Ziele haben.“

Die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität beschäftigt sich in Lehre und Forschung schwerpunktmäßig mit Konfliktforschung. idw

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