Start Politik Abordnungen first, Entlastung verpennt: GEW empört sich über Kultusminister

Abordnungen first, Entlastung verpennt: GEW empört sich über Kultusminister

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DRESDEN. Die sächsischen Lehrkräfte stehen kurz vor den Zeugniskonferenzen, die Prüfungen laufen, das Schuljahr geht in die entscheidende Phase. Aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen kommt ausgerechnet jetzt die Nachricht, auf die viele Schulen seit Monaten gewartet hatten – allerdings anders als erwartet: Die angekündigte Streichung der verpflichtenden verbalen Einschätzung zu den Kopfnoten wird auch in diesem Schuljahr nicht kommen. Wenige Tage später kündigte das Kultusministerium zudem an, Abordnungen von Lehrkräften an Schulen mit besonderem Bedarf auszuweiten. Für die Gewerkschaft fügen sich beide Entwicklungen zu einem Muster zusammen. Ihr Vorwurf lautet: Mehrbelastungen würden rasch umgesetzt, Entlastungen dagegen immer wieder verschoben.

In der Kritik: Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU). Foto: SMK Sachsen

Auslöser der Kritik ist ein Vorhaben aus dem Maßnahmenpaket des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus vom Mai 2025. Damals hatte das Ministerium angekündigt, auf die verpflichtende verbale Einschätzung zu den sogenannten Kopfnoten verzichten zu wollen. Sachsen gehört zu den wenigen Bundesländern, die weiterhin Kopfnoten für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung vergeben. Zusätzlich müssen diese Bewertungen bislang durch kurze schriftliche Erläuterungen ergänzt werden. Viele Lehrkräfte betrachten diese Verbalurteile als zeitaufwendig und pädagogisch wenig ergiebig.

Wie inzwischen deutlich geworden ist, kann die Regelung jedoch nicht kurzfristig aufgehoben werden. Nach Darstellung der GEW stellte sich erst nach der Ankündigung heraus, dass die Verpflichtung im Schulgesetz verankert ist und deshalb eine Gesetzesänderung durch den Landtag erforderlich macht. Eine entsprechende Änderung wird derzeit erst vorbereitet.

GEW-Landesvorsitzender Burkhard Naumann spricht von einem schweren Versäumnis des Ministeriums. „Was das Kultusministerium hier liefert, ist ein Offenbarungseid. Erst jetzt, mehr als ein Jahr nach der Ankündigung des Maßnahmenpakets im Mai 2025, fällt dem Ministerium auf, dass die verpflichtende verbale Einschätzung im Schulgesetz geregelt ist und ihre Streichung eine Gesetzesänderung durch den Landtag voraussetzt. Diese wird erst jetzt vorbereitet.“

Und weiter: „Man hat den Lehrkräften die einzige konkrete Entlastung des gesamten Maßnahmenpakets vollmundig versprochen, ohne sich vorher um die rechtlichen Grundlagen zu kümmern. Während die juristische Hausaufgabe schlicht vergessen wurde, wurden die Mehrbelastungen aus demselben Paket bereits zu Schuljahresbeginn umgesetzt.“ Dazu zählen zusätzliche Abordnungen von Lehrkräften an andere Schulen, ein verstärkter schulartübergreifender Einsatz sowie Einschränkungen bei bisherigen Entlastungsregelungen für ältere Lehrkräfte.

Daraus leitet die Gewerkschaft einen grundsätzlichen Vorwurf ab. „Mehrarbeit sofort, Entlastung vertagen: Dieses Muster beobachten wir nun zum wiederholten Male“, erklärte Naumann. Die Enttäuschung an den Schulen sei groß. Viele Lehrkräfte und Schulleitungen hätten damit gerechnet, dass die zusätzlichen Formulierungen auf den Zeugnissen bereits in diesem Jahr entfallen würden.

Nur wenige Tage nach dieser Kritik sorgt eine weitere Ankündigung des Kultusministeriums für Protest. Nach Angaben des Ministeriums sollen Abordnungen von Lehrkräften an Schulen mit besonderem Personalbedarf im kommenden Schuljahr ausgeweitet werden. Solche Abordnungen werden seit Jahren genutzt, um Unterrichtsausfälle in Regionen mit besonders ausgeprägtem Lehrkräftemangel zu begrenzen.

Für die GEW handelt es sich dabei jedoch allenfalls um eine kurzfristige Notmaßnahme, die zunehmend zum Regelinstrument werde. Die stellvertretende Landesvorsitzende Claudia Maaß erklärte: „Mehr Abordnungen sind keine Lösung, sondern ein Notfallinstrument, das nun zum Dauerzustand wird. Wenn der Minister jetzt sogar ankündigt, es noch auszuweiten, dann ist das kein Handeln, sondern Mangelverwaltung auf dem Rücken der Lehrkräfte.“

„Der Unterrichtsausfall wird durch Abordnungen nicht behoben, sondern lediglich von einer Schule zur nächsten verschoben“

Maaß verknüpft die Debatte ausdrücklich mit dem Streit um die ausgebliebene Entlastung bei den Zeugnissen. „Kaum hat das Kultusministerium eingeräumt, dass die einzig konkrete Entlastungsmaßnahme seines Maßnahmenpakets vom letzten Jahr wegen eigener Schlamperei auf den St.-Nimmerleins-Tag verschoben werden musste, wird vollmundig eine Ausweitung der Abordnungen angekündigt, während die Lehrkräfte im Prüfungs- und Schuljahresendstress sind. Das Muster ist immer dasselbe: Mehrbelastung sofort, Entlastung vertagt.“

Die Gewerkschaft verweist auf die Folgen für die betroffenen Lehrkräfte. Wer abgeordnet werde, müsse häufig längere Fahrzeiten in Kauf nehmen, sich auf neue Schularten oder Fächer einstellen und zusätzliche organisatorische Anforderungen bewältigen. Gleichzeitig entstünden an den Schulen, von denen Lehrkräfte abgezogen werden, neue Lücken.

„Der Unterrichtsausfall wird durch Abordnungen nicht behoben, sondern lediglich von einer Schule zur nächsten verschoben. Aus regionaler Ungerechtigkeit wird Belastungsungerechtigkeit. Gerechtigkeit hängt dann eben nicht mehr an der Postleitzahl, sondern an der Belastbarkeit derjenigen, die das alles auffangen sollen“, sagte Maaß.

Die GEW fordert deshalb, die Diskussion nicht auf kurzfristige Personalverschiebungen zu beschränken. Stattdessen müsse im angekündigten Prozess „Bildungsland Sachsen 2030“ über dauerhafte Entlastungen und strukturelle Lösungen für den Lehrkräftemangel beraten werden. Naumann fordert, ein neues Entlastungspaket müsse spätestens zum Schuljahr 2026/27 wirksam werden. Weitere Verschiebungen sind aus Sicht der Gewerkschaft nicht mehr vermittelbar. News4teachers

„Unterrichtsversorgung oberste Priorität“: Kultusminister kündigt mehr Lehrer-Abordnungen an

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1 Kommentar
Realist
2 Tage zuvor

Während die juristische Hausaufgabe schlicht vergessen wurde, …“

Wer glaubt, dass das zufällig „vergessen“ wurde, der glaubt auch an die „Bildungsrepublik Deutschland“…