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Immer mehr Eltern schicken ihr Kind erst mit sieben zur Schule

MÜNCHEN. Die Diskussion um G8 und wachsenden Leistungsdruck in der Schule macht offenbar Eindruck. Aktuelle Zahlen aus Bayern zeigen: Immer mehr Eltern lassen ihr Kind statt mit sechs erst mit sieben Jahren einschulen. Die GEW hält das nicht für sinnvoll – sie fordert eine neue Schuleingangsphase.  

Schule wird von immer mehr Eltern offenbar als der "Ernst des Lebens" begriffen - und deshalb zurückgestellt. Foto: rolands.lakis / Flickr (CC BY 2.0)

Schule wird von immer mehr Eltern offenbar als der „Ernst des Lebens“ begriffen – und deshalb zurückgestellt. Foto: rolands.lakis / Flickr (CC BY 2.0)

Immer mehr Kinder in Bayern werden ein Jahr später eingeschult als vorgesehen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der sogenannten Rückstellungen mehr als verdoppelt. Wie eine Sprecherin des Landesamtes für Statistik sagte, wurden im Jahr 2001 etwa 5900 Kinder erst im Alter von sieben Jahren eingeschult. Im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als 12 000 Kinder. Die Bildungsgewerkschaft GEW nannte die Entscheidung der Eltern, ihre Kinder erst später zur Schule zu schicken, kontraproduktiv. Sie löse kein Bildungsproblem. Nötig sei stattdessen eine gezielte Förderung.

In ganz Bayern gab es im Jahr 2011 etwa 108.000 Schulanfänger. Die Zahl der Erstklässler ging damit in den vergangenen Jahren um mehr als 22 000 zurück.

Der enorme Anstieg der Rückstellungen hat wohl mehrere Gründe: Viele Eltern wollen ihr Kind dem Schulstress erst später aussetzen, in der Hoffnung, dass es dem Leistungsdruck – unter anderem durch das verkürzte Gymnasium G8 – dann besser standhält. Sie hoffen, dass ihr Kind so einen höheren Bildungsabschluss erreicht, die  GEW erläuterte. Zudem gibt es heute deutlich mehr Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und sprachlichen, motorischen und sozialen Defiziten. Außerdem ist der Anteil der Schulkinder mit ausländischen Wurzeln heute viel höher.

Gerade diesen Kindern sei jedoch nicht damit geholfen, einfach das letzte Kindergartenjahr zu wiederholen oder gar zu Hause bleiben, sagte die GEW-Vorsitzende Bayern, Gele Neubäcker. Sie brauchten vielmehr effektive Förderung, speziell in Deutsch.

Die GEW fordert daher eine neue Schuleingangsphase, die Kinder in einem, zwei oder drei Jahren durchlaufen können, um in die dritte Klasse aufzusteigen. Dafür seien aber deutlich mehr Lehrer nötig. Eine kindgerechte Schule biete gute Startbedingungen für alle Kinder, verzichte auf permanente Leistungskontrollen, sowie auf Auslese und Zuordnung von Zehnjährigen in verschiedene Schularten.

Das bayerische Kultusministerium teilte mit, ein Kind solle dann eingeschult werden, wenn es seinem Entwicklungsstand entspreche. Dem trage der Modellversuch «Flexible Grundschule» Rechnung, der zum neuen Schuljahr von 20 auf 80 Schulen ausgeweitet werde. Hier könnten Kinder die Eingangsphase in einem, zwei oder drei Jahren durchlaufen. «Eine Angst vor einer Einschulung ist unbegründet, die Kinder werden in den Grundschulen intensiv von engagierten Lehrkräften begleitet und gefördert», hieß es aus dem Ministerium.

Verschiedene Studien, etwa des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, kommen laut Bayerischem Rundfunk zu dem Ergebnis, dass eine Rückstellung keinerlei Effekt auf Lernerfolge oder die schulische Karriere eines Kindes hat. dpa
(12.9.2012)

Zum Bericht: „Eltern loben Lehrer – und schimpfen auf das Schulsystem“

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