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Katholische Kirche: Eklat um Forschungsauftrag zum Missbrauch

HANNOVER. Wie ehrlich ist die Katholische Kirche darum bemüht, den sexuellen Missbrauch durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige aufzuklären? Die Deutsche Bischofskonferenz hat dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen jetzt einen entsprechenden Forschungsauftrag entzogen. Dessen Leiter Professor Dr. Christian Pfeiffer spricht von „Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche“.

Missbrauch ist für die Katholische Kirche ein heikles Thema. Foto: micagoto / flickr (CC BY-NC 2.0)

Missbrauch ist für die Katholische Kirche ein heikles Thema. Foto: micagoto / flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Untersuchung sollte, so hieß es im Juli, belastbare Zahlen zum sexuellen Missbrauch durch kirchliche Würdenträger erbringen. Als weitere Ziele wurden benannt:

  • „die Entstehung und den Verlauf des Missbrauchsgeschehens aus der Sicht der Opfer nachzuvollziehen und zu klären, welche Folgen die Taten bei ihnen ausgelöst haben“,
  • „das Handeln der Täter zu analysieren und die Bedeutung der Einflussfaktoren zu erfassen, die ihre Taten gefördert haben“,
  • „zu klären, wie sich die Katholische Kirche gegenüber Tätern und Opfern verhalten hat“, und schließlich
  • „das bisherige Präventionskonzept der Kirche zu überprüfen und falls nötig ergänzende Vorschläge zu erarbeiten“.

Der Vereinbarung hatten alle 27 Erzdiözesen zugestimmt. In der Praxis stieß die Arbeit der Wissenschaftler jedoch auf „wachsende Widerstände“, wie Pfeiffer berichtet. Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) habe beansprucht, dass die im Rahmen des Projekts entstehenden Forschungstexte einschließlich von zwei Doktorarbeiten und einer Habilitationsschrift nur veröffentlicht werden könnten, wenn sie von Seiten der Kirche vorher schriftlich genehmigt würden. Das Verbot einer Veröffentlichung sollte zulässig sein, wenn „ein wichtiger Grund“ vorliege. Zusätzlich beanspruchte der VDD laut Pfeiffer ein Mitspracherecht bei der Auswahl wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kriminologischen Forschungsinstituts.

„Wissenschaftlern kann nicht zugemutet werden, ständig überlegen zu müssen, ob bestimmte Formulierungen oder Dateninterpretationen möglicherweise die Grenzen dessen überschreiten, was der Geldgeber des Projekts akzeptieren wird. Sie sind allein der Wahrheit verpflichtet“, sagt Pfeiffer.

Akten zum Missbrauch vernichtet?

Schlimmer noch: Zur Aktenanalyse sei vereinbart worden, dass dem Forschungsinstitut alle Verfahrensakten gegen Priester, die im Untersuchungszeitraum einen sexuellen Missbrauch begangen haben, vollständig zur Verfügung gestellt werden – doch hätten ihm Persönlichkeiten aus der Katholischen Kirche glaubhaft davon berichtet, dass verschiedene Diözesen solche Akten unter Berufung auf eine kirchenrechtliche Vorschrift vernichtet hätten. Eine solche Praxis stünde „in krassem Widerspruch zu den Interessen der Opfer, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft nach Aufklärung des innerkirchlichen Missbrauchsgeschehens und ist mit dem abgeschlossenen Forschungsvertrag nicht vereinbar“, sagt Pfeiffer. Ein Schreiben an die Diözesen, ob und in welchem Ausmaß es bei ihnen zu solchen Aktenvernichtungen gekommen sei, sei bis heute unbeantwortet geblieben.

Deutsche Bischofskonferenz hat angekündigt, das Forschungsprojekt zum Thema sexueller Missbrauch mit einem neuem Partner durchführen zu wollen. „Wir waren gezwungen, heute den Drittelmittelvertrag aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung zu kündigen und die überzahlten Forschungsförderungsgelder zurückzufordern“, erklärte Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich. „Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen ist zerrüttet. Vertrauen ist aber für ein so umfangreiches und sensibles Projekt unverzichtbar. Darüber waren sich die Projektpartner von vornherein einig“, sagt der Bischof. „Das Kommunikationsverhalten von Professor Dr. Pfeiffer gegenüber den kirchlichen Verantwortungsträgern hat aber leider einer weiteren konstruktiven Zusammenarbeit jede Vertrauensgrundlage entzogen.“

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zeigte sich irritiert. im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ forderte sie die Kirchenoberen zum Handeln auf. „Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollten durch den Vorsitzenden der Bischofskonferenz schnell aus der Welt geschafft werden“, sagte sie. Gleichzeitig betonte die stellvertretende FDP-Vorsitzende ihre Wertschätzung für das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. Die Einrichtung sei eine „der ersten Adressen, um eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung auf Grundlage der Personalakten seit 1945 vorzunehmen“, sagte die Ministerin. (News4teachers)

(9.1.2013)

Zum Bericht: Missbrauch – Beauftragter zieht nach einem Jahr „bittere Bilanz“

 

 

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