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«Ich bin ein Bettnässer» – Solinger Heim erinnert an Misshandlungen

SOLINGEN. Schläge, Strafarbeiten und öffentliche Demütigungen – Misshandlungen waren in der Nachkriegszeit in deutschen Heimen an der Tagesordnung. Viele ehemalige Heimkinder leiden noch heute.

Heute sind sie gestandene Männer im Rentenalter, früher waren sie klein, zerbrechlich und von der Mutter getrennt. Christoph Simon und sein Bruder Thomas lebten in den 50er und 60er Jahren im Heim und waren Opfer von Misshandlungen, über die sie lange nicht reden konnten. In Solingen ist nun ein Erinnerungsort für ehemalige Heimkinder entstanden – in original erhaltenen Arrestzellen.

Über Damals zu sprechen, fällt ihnen heute nicht schwer – aber es hat 60 Jahre gedauert. «Nachdem ich nachts ins Bett gemacht hatte, musste ich am nächsten Tag mit einem Schild um den Kopf am Rhein entlanglaufen. Darauf stand: «Ich bin ein Bettnässer»», erzählt Christoph Simon, der heute 65 Jahre alt ist. Das sei für ihn das Demütigendste gewesen, das er je erlebt habe.

«Ich weiß noch, wie wir über Nacht unten im Kohlekeller eingesperrt wurden oder im Schuhkeller Schuhe putzen mussten», fügt der 64 Jahre alte Thomas hinzu. Auch Prügelstrafen, die ein Hausmeister und ehemaliger Polizist mit einem Gummiknüppel verabreichte, gehörten zur Tagesordnung. Blaue Striemen und wunde Rippen waren die Folge. Dabei habe Thomas nur Widerworte gegeben, aber nichts Schlimmes angestellt.

Die beiden Brüder waren damals sehr verschlossen, wie sie heute erzählen. Nach der Trennung der Eltern konnte sich die Mutter nicht mehr allein um die Kinder kümmern und musste ihre beiden Jungs in ein Heim geben.

Von 1954 bis 1962 lebten die Brüder in Heimen in Niederdollendorf und Waldbröl – sie waren gerade einmal fünf und sechs Jahre, als sie dort ankamen. In einem anderen ehemaligen Heim, im Solinger Halfeshof, entstand nun ein Erinnerungsort. Der Vorschlag dazu kam von Christoph Simon: «Man muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen.»

Eingerichtet hat den Erinnerungsort der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der damit die Vorgänge in seinen Jugendhilfe-Einrichtungen und die Rolle seiner Landesjugendämter als Heimaufsicht aufarbeiten will. Bereits Anfang 2012 hat der LVR eine Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder gegründet. Dies war ein Ergebnis des «Runden Tisches Heimerziehung», der von Anfang 2009 bis Ende 2010 in Berlin tagte und einen Hilfsfonds für ehemalige westdeutsche Heimkinder initiierte.

«Viele haben ihre Erfahrungen verdrängt und die Erinnerungen sind erst nach Jahren brutal ausgebrochen», sagt Peter Möller, Pädagoge und Leiter der LVR-Beratungsstelle. Viele benötigten psychologische Betreuung.

In Solingen war die «schwarze Pädagogik» strikt organisiert. Hinter den bundeswehrgrünen massiven Türen befinden sich die ehemaligen Arrestzellen, gegen die heutige Gefängniszellen gemütlich aussehen. Tageslicht gibt es hier unten nicht. Ein Pult steht nahe dem Eingang – der Arbeitsplatz des Wächters. In jeder Arrestzelle befindet sich ein zwei Meter langes Holzbrett, das als Bett diente. In der Ecke gibt es eine schmale Toilette ohne Deckel und ohne Spülfunktion. Die Spülung betätigte der Aufseher von außen, erst nachdem der Häftling sich über eine Klingel bemerkbar machte. Zwischen einem Tag und einer Woche mussten die Heimkinder hier ausharren.

Hier im Halfeshof waren die Heimbewohner bereits im Jugendalter. Jedem Namen wurde auch eine Aktennummer zugewiesen. «FE-41-S» steht in dem Strafbuch, dessen Auszüge an der Ausstellungswand hängen. Wegen der «Entfernung von der Arbeitskolonne» wurde ein 17-Jähriger zu fünf Tagen Arrest verurteilt. Außerdem verweigerten die Erzieher ihm «Vergünstigungen» wie Tabakrauchen oder Ausflüge in den Ort. Alles abgezeichnet vom damaligen Direktor, einem Pastor.

Kinder in einem Heim 1948. Foto: Hans Lachmann / Deutsches Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Kinder in einem Heim 1948. Foto: Hans Lachmann / Deutsches Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Die Gründe für eine Bestrafung waren lapidar: ein Treffen mit dem anderen Geschlecht, Zuspätkommen, Widerworte, unkorrekte Kleidung und Onanie reichten aus. Die Erziehungsmethoden waren prägend – ein Leben lang.

Christoph Simon studierte später BWL, arbeitete als kaufmännischer Leiter und ist noch heute in der Politik aktiv. Sein Bruder Thomas machte sich mit einer Softwarefirma selbstständig. «Wir hatten Glück, dass wir nachher wieder die Energie gefunden haben. Wir wollten etwas aus unserem Leben machen.» Viele hätten diese Energie aber nicht gefunden, wissen sie von ehemaligen Schulkollegen. Ihnen sei durch die verkorkste Jugend die Zukunft verbaut geblieben. Katharina Hölter/dpa

2 Kommentare

  1. ich war von 1963 bis 1968 selber im Halfeshof in Solingen. Habe letztes Jahr dieses „Erziehungsheim“
    besucht und war erschüttert. Einschließlich der Arrestzellen sieht es noch genauso aus wie zu meiner Heimzeit. Dank der heutigen Leiterin habe ich mit Ihr einen mehrstündigen Rundgang durch die Anstalt gemacht, und habe alle Gebäude meines damaligen Aufenthalts besucht.Nach der Besichtigung war ich fix und fertig, alle Erinnerungen kamen wieder hoch. Schon Jahre vorher habe ich meine Heimerllebnisse aufgeschrieben, einschließlich der Zeit vom Halfeshof. Ich habe sie dann an die Leiterin des Halfeshof geschickt, damit sie aus erster Hand erfährt wie es damals in den 60ziger Jahren hier zuging. Ihr geschilderter Bericht hier liest sich im Vergleich zur damaligen Situation noch recht harmlos an. In Wahrheit war es noch viel schlimmer.

  2. Ich weine heute noch jeden Abend. Es wurde einem alles genommen. Werde bald 60 und kämpfe jeden Tag aufs Neue.

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