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Lehrer wollen sich nicht von Schülern bewerten lassen

POTSDAM. In Brandenburg können Schüler ihre Lehrer auf einer offiziellen Online-Plattform bewerten, allerdings nur, wenn diese eine entsprechende Umfrage einrichten. Nur die wenigsten Kollegen tun dies bisher.

Nur wenige Lehrer aus Brandenburg lassen ihren Unterricht von Schülern bewerten. Im vergangenen Schuljahr haben nur zwei Prozent der Lehrer das Internet-Bewertungsportal des Instituts für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg (ISQ) für anonyme Befragungen genutzt. In den beiden Vorjahren waren es noch weniger, wie aus einer Antwort von Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) auf eine parlamentarische Anfrage der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen, Marie Luise von Halem, hervorgeht. Auch Schulleitungen nutzen die Möglichkeit kaum, ihre Arbeit von Lehrern einschätzen zu lassen.

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Nur wenige Brandenburger Lehrer haben sich bislang von ihren Schülern bewerten lassen. Foto: Thomas Siepmann pixelio.de

«Die erschreckend schlechte Nutzung der Selbstevaluationsportale zeigt, dass hier in großem Umfang Chancen vertan werden», kritisierte von Halem. Eine gute Feedback-Kultur verbessere nicht nur den Unterricht, sie trage auch zu besserem Schulklima bei und sei ein Baustein im Sinne demokratischer Beteiligung, von der letztlich alle profitierten. Ministerin Münch erklärte die geringe Nutzung der Schüler-Lehrer-Befragung damit, dass es «verständlicherweise Verunsicherungen» angesichts der erwarteten Rückmeldungen geben könne. Diese Befürchtungen seien aber unbegründet.

Lehrer können die Fragebögen für ihre Schüler selbst zusammenstellen. Dafür stehen laut Projektleiter für das Bewertungsportal, Holger Gärtner, etwa 130 Bausteine zur Verfügung. Unter anderem gehe es um Fragen wie «Wie interessant ist der Unterricht gestaltet?», «Ist er gut strukturiert?» oder «Ist der Lehrer didaktisch gut?». Mit einem Zugangscode können die Schüler die Fragebögen jeweils im Internet abrufen und ausfüllen. Laut Gärtner beantworten auch die Lehrer die Fragen, um zu sehen, ob die Selbsteinschätzung der der Schüler entspricht.

«Etwa 90 Prozent der Lehrer besprechen die Ergebnisse auch mit ihrer Klasse», berichtet Gärtner. Meistens seien die Rückmeldungen der Schüler sehr positiv und eine Bestärkung für die Lehrer. Das könne aber auch daran liegen, dass sich möglicherweise vor allem sehr engagierte Pädagogen an den Umfragen beteiligen.

Noch weniger Interesse gibt es bei Schulleitungen, die Lehrer um eine Einschätzung ihrer Arbeit zu bitten. Lehrer können unter anderem bewerten, ob es klare Verantwortungsbereiche in den Schulen gibt, wie gut die Schulleitung die Arbeit organisiert oder die Mitarbeiter motiviert. In den vergangenen beiden Schuljahren haben sich nur sechs Schulen beteiligt, berichtet Münch. An dieser Stelle wolle das ISQ jetzt in den Schulen noch mehr für die Nutzung werben, kündigte Projektleiter Gärtner an.

Von Halem sagte, sie unterstütze den Vorschlag des Landesschulbeirates, die Nutzung dieser Portale verbindlich zu machen. Im Potsdamer Bildungsministerium werde derzeit diskutiert, ob eine verpflichtende Regelung für die Schüler-Befragungen sinnvoll sei, erklärte Münch. Die Regelung in Berlin, wo die Teilnahme bereits verpflichtend sei, habe gezeigt, dass bisher nur ein Teil der Lehrer die Umfrage auch wirklich genutzt habe. (Anja Sokolow, dpa)

17 Kommentare

  1. Ich bin skeptisch, wie sinnvoll solche Bewertungen sind, weil Schüler oft nach Kriterien gehen, die ihrer Schulbildung nicht unbedingt nützen.
    Eine verpflichtende Teilnahme scheint mir eher kontraproduktiv, weil sie Lehrer zwingen können, sich wohlgefällig zu verhalten, um nicht an den Pranger gestellt bzw. gemobbt zu werden. Wer garantiert, dass Schüler das Instrument der Bewertung nicht missbrauchen? Die Gefahr ist groß.

  2. Eine gute Feedback-Kultur birgt meines Erachtens sehr viel mehr Potenzial als Gefahren. Die Angst der Lehrer gründet auf der hierzulande äußerst bequemen “Immunität” des Berufsstandes, die mit einer gefährlichen Kritikunfähigkeit einhergeht. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Ergebnisse einer solchen Befragung nicht zwingend öfentlich gemacht werden müssen. Es genügt, wenn der Lehrer sich vor seinen Schülern einer konstruktiven Kritik stellt und entsprechende Erkenntnisse daraus zieht. Ein engagierter Lehrer, der seinen Auftrag verstanden hat, wird kein Problem damit haben.

  3. Mich würde ja interessieren, wie solche Schüler (vor allem der Mittelstufe) ihre Eltern bewerten. Da kommen bestimmt nicht die besten Bewertungen raus.

  4. Keine schlechte Idee, die ich unterstützen würde, wenn sie in meinem Bundesland aufgegriffen würde.

    Ich selbst mache eine solche Evaluation in meinen “eigenen” Klassen per Mischung aus Ankreuzbogen und frei beantwortbaren Fragen. Die Schüler bleiben dabei anonym (ich weise dann in dem Zusammenhang auf mein katastrophales Namens- und Gesichtergedächtnis hin. Das überzeugt auch den letzten, dass ich mir selbst mit viel Mühe ganz sicher keine Schrift merken könnte, wenn ich wollte!)

    Es hat sich gezeigt, dass es durchaus einige Aspekte gibt, die die Schüler sinnvoll bewerten und ihre Bewertung auch begründen können. Dies sind vor allem die “menschlichen” Seiten wie Fairness, Problembehandlung, Verhalten als Klassenleiter etc.
    Auch wenn man nach der Alltagstauglichkeit (bzw in meinem Fall: Berufsbezug) der Themen fragt, erhält man durchaus ehrliche (manchmal entsprechende schonungslose) Antworten, die ich bisher immer nachvollziehen konnte, gleiches gilt für Verständlichkeit und NAchvollziehbarkeit der Themen, ebenso wie die Übersichtlichkeit der Tafelbilder und deren Nutzen für die Klassenarbeitsvorbereitung.

    Etwas anders sieht es bei Fragen nach Struktur und didaktischer Aufbereitung aus. Struktur mag noch durch den Laien bewertbar sein, zum Beispiel im Hinblick auf “gibt es viel Leerlauf”. Die didaktisierung eines Themas können aber Schüler m.E. kaum fundiert bewerten, ihnen fehlen schlichtweg sowohl die lehr-lerntheoretischen Hintergründe als auch das nötige Wissen um die Fachdidaktik.

    Gruß,
    DpB

  5. Was wurde eigentlich aus spickmich???

  6. Schule ist keine basisdemokratische veranstaltung.

    • …soll aber unbedingt eine werden. Auch ohne offizielle Online-Plattform können Lehrer Rückmeldungen und Bewertungen ihrer Schüler erhalten. Warum muss alles immer gleich an die Öffentlichkeit gezerrt werden? Darin sehe ich nicht den geringsten Fortschritt, sondern nur Gefahren, vor allem die der Erpressbarkeit durch Diffamierung.

    • Richtig, nicht mal Lehrer haben mitzureden. Zumindest die meisten Lehrer haben keinerlei Einfluss darauf, WAS sie unterrichten müssen. In einer Firma müssen die Mitarbeiter auch das machen, was der Chef vorgibt.

      • Mutige Lehrer, die sich noch auf eigene gesunde Maßstäbe verlassen, unterrichten das, was sie für richtig halten. “WAS sie unterrichten müssen”, streifen sie nicht selten zwecks Nachweis der Pflichterfüllung am Rande.
        Mitarbeiter einer Firma haben da weniger Freiheiten. Ihnen werden aber auch nicht Pflichten aus ideologischen Gründen auferlegt. Hier geht es in der Regel um begründete Firmeninteressen, die auch im Sinn der Arbeitnehmer sind.

        • Wo es ein Zentralabitur gibt, kann ich nicht irgendwelche Inhalte nur kurz streifen, über die Schüler dann geprüft werden. Egal was ich für richtig halte, beim Zentralabitur steht das hinten an, da habe ich als Lehrer die Schüler optimal aufs Abitur vorzubereiten. Kein Schüler wird es mir am Ende danken und sagen: Toll, wie Sie uns aufs Leben vorbereitet haben, allerdings haben Sie mir mein Abi versaut – macht aber nix.

          • Richtig! Stoff, der zum Zentralabitur gehört, meinte ich auch nicht. Der gehört ja zum Kerngeschäft der Schulen.
            Ich meinte all den Kram, den Lobbyisten und Ideologen immer wieder in die Lehrpläne einschleusen.

          • Und wer befindet darüber, was gesunde Maßstäbe sind? Für den einen sind sie das für den anderen andere 🙂

  7. Ich glaube nicht, dass die meisten Lehrer Angst vor negativen Rückmeldungen haben. Damit werden sie doch schon während des Unterrichts meistens konfrontiert 😉
    Ich denke eher, dass es einen extra Aufwand darstellt, solche online Umfragen zu erstellen, erst Recht, wenn man von 130 Bausteine auswählen kann bzw. muss. Gerade viele Lehrer, die eher Probleme mit dem Medium Internet und Computer haben, wird diese Aufgabe abschrecken.

    • Oh doch, sie haben Angst vor negativen Rückmeldungen. Das hat übrigens jeder Mensch, bestimmt auch Sie. Wenn nicht, sind Sie außergewöhnlich oder dickfellig.
      Im Unterschied zu anderen Berufsgruppen, stehen Lehrer allerdings unter Dauerbeschuss, sei es im Klassenzimmer, sei es von Seiten der Eltern, den Medien oder (wie jetzt geplant) auch noch im Netz.
      Bei Schülern gilt die Devise: loben, loben und nochmals loben, nur so sind sie motiviert. Bei Lehrern gilt die Devise: tadeln, tadeln, tadeln, nur so hilft man den “faulen Säcken” auf die Sprünge.
      Von Außenstehenden wünsche ich mir manchmal mehr Phantasie für einen Beruf, von
      dem Dietrich Schwanitz einst sagte, dass kein gestandener Manager ihn mehrere Tage lang aushalten würde, ohne an Flucht zu denken.
      Übrigens haben auch die meisten Lehrer Computerkenntnisse, sind auf diesem Gebiet aber keine besonderen Fachleute. Bei Online-Bewertungen durch die Schüler sind außerdem weniger die Computerkenntnisse der Lehrer gefragt als die der Schüler.

  8. @bolle
    Ich stimme Ihrer Einschätzung zu.

    “Im Unterschied zu anderen Berufsgruppen, stehen Lehrer allerdings unter Dauerbeschuss, sei es im Klassenzimmer, sei es von Seiten der Eltern, den Medien oder (wie jetzt geplant) auch noch im Netz.”

    Folgende Gruppen gehören m.E. ebenfalls auf die Liste: eigene Kolleginnen/Kollegen, Schulleitungen und weitere Dienstvorgesetzte.

  9. @Grias Di
    Wir brauchen doch nicht für alles das Urteil “höherer” Instanzen, die sich auch oft genug irren oder eigene Interessen verfolgen. Ich kann nur nach eigenem besten Wissen und Gewissen für das Wohl der Schüler gehen. Es ist auch in Ordnung, wenn die Meinung der Lehrer darüber differiert. Hauptsache, sie stehen hinter dem, was und wie sie unterrichten und folgen nicht blind, blauäugig und devot irgendwelchen Weisheiten angeblicher Fachleute. Sie sind Lehrer und nicht Handlanger.

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