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„Der Unterricht muss sich ändern“: Kultusminister drängt auf mehr pädagogische Diagnostik

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DRESDEN. Die Leistungen vieler Schülerinnen und Schüler gehen zurück – warum das so ist, darüber wird seit Jahren gestritten. Sachsens Kultusminister Conrad Clemens fordert nun eine grundlegende Veränderung: Mit einer kontinuierlichen Diagnostik vom Vorschulalter bis zum Schulabschluss will er Bildungsverläufe systematisch erfassen und Unterricht stärker an überprüfbaren Erkenntnissen ausrichten. Sein Ziel: herausfinden, was gute Schulen tatsächlich besser machen.

„Wir dürfen nicht stehenbleiben“: Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU). Foto: Frank Grätz | SMK

Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU) hinterfragt angesichts erheblicher Leistungsdefizite die Effizienz des Bildungswesens im Freistaat. «Damit wir im deutschen Bildungssystem weiter die Nummer 1 bleiben, müssen wir uns verändern. Wir dürfen nicht stehenbleiben», sagte er im Gespräch in Dresden. Die Kompetenzen der jungen Leute nähmen auch in Sachsen ab.

Unterricht mehr auf Persönlichkeit und Kompetenzen ausrichten

«Der Unterricht muss sich ändern. Er muss moderner werden, aber leistungsorientiert bleiben», betonte Clemens. Unterricht sollte fächerverbindend sein und könne auch selbstorganisierter werden: «Weniger frontal, nicht ausschließlich auf Wissensvermittlung, sondern mehr auf Persönlichkeit und Kompetenzen ausgerichtet.»

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Clemens zufolge geht es darum, bei den Schülern ein selbstständiges, kritisches Denken zu stärken. «Wenn wir das schaffen, können wir auch unseren Spitzenplatz verteidigen. Unterrichtsentwicklung geht über die bestehenden Strukturen hinaus.» Länder wie Kanada seien in der Kompetenzvermittlung besser.

Minister für Verlaufsdiagnostik über Jahre hinweg

«Wir brauchen mehr pädagogische Diagnostik und Messungen der Kompetenz. Und zwar nicht nur in der Kita, sondern als Verlaufsdiagnostik über Jahre hinweg.» Nur so könne man einschätzen, wie sich ein Kind im Laufe der Jahre entwickle.

«Das wäre eine Revolution. Momentan ist es so: Beim Pisa-Test kommt alle drei Jahre eine neue Stichprobe und alle sind geschockt», sagte Clemens. Er favorisiert eine bundeseinheitliche Lösung für eine sogenannte Schüler-ID. Diese Idee ist im Koalitionsvertrag von CDU und SPD im Bund verankert und soll als Bildungsverlaufsregister dienen.

Mit der Schüler-ID könnten Bildungswege, Abbrecherquoten und Schulwechsel länderübergreifend statistisch ausgewertet und Schüler gezielter gefördert werden, loben Befürworter eine solche Diagnostik. Kritiker wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und auch Datenschützer stehen dem ablehnend gegenüber.

Diagnostik soll belegen, wie Kompetenzvermittlung funktioniert

«Wenn wir dahin kommen würden, von der frühkindlichen Bildung bis zum Schulabschluss eine Verlaufsdiagnostik durchzuführen, könnten wir sehen, was funktioniert hat und was nicht», argumentierte Clemens. Damit ließe sich relativ einfach Licht ins Dunkel bringen, wie Kompetenzvermittlung funktioniere.

«Warum hat manche Schule mit mehr Unterrichtsausfall dennoch bessere Ergebnisse als eine Schule mit wenig Ausfall? Was macht sie besser? Vielleicht haben die einen Super-Bio-Lehrer, der viel experimentiert? Oder vielleicht punkten sie mit klassischem Unterricht», brachte Clemens ein Beispiel. Momentan habe man zu viel «gefühlte Wahrheit».

Clemens will Schulgesetz modernisieren

Laut Clemens liegt Sachsen mit der sogenannten evidenzbasierten Unterrichtsentwicklung noch ziemlich weit hinten. Das hänge auch mit dem sehr hohen Datenschutz im Schulgesetz des Freistaates zusammen. Anders als etwa in Hamburg dürfe man in Sachsen Schülerindividualdaten für solche Analysen nicht verwenden. «Ich möchte das Schulgesetz modernisieren», betonte der Minister.

Er äußerte sich auch zum Leistungsvermögen der heutigen Schülergeneration. «Es ist ein Phänomen, dass diese Generation viel mehr Möglichkeiten als ihre Vorgänger hat, viel mehr Material – und dennoch oft schlechter abschneidet. Das finde ich dramatisch.»

Clemens verwies darauf, dass etwa 30 Prozent der Erstklässler Sprachprobleme hätten. Sportlehrer könnten heute nicht mehr mit den Leistungstabellen von früher arbeiten, weil Kinder und Jugendliche die Normen für Weitsprung, Sprint oder Hochsprung nicht mehr schafften.

«Natürlich können sie andere Dinge auch besser, etwa Informatik oder Englisch. Dennoch sind sie schlechter in Mathematik und in Sport», betonte Clemens. Bei vielen habe die Konzentrationsfähigkeit nachgelassen. Manche 14-Jährige könnten kein Buch mit 300 Seiten lesen.

«Vielleicht wird an manchen Stellen einfach zu viel gemacht»

«In den Klassenzimmern hängen digitale Tafeln, die Schulen sind gut ausgerüstet. Und trotzdem muss etwas passiert sein, dass sich die Schüler von heute weniger merken, weniger Probleme lösen können», so Clemens. Vielleicht werde an manchen Stellen einfach zu viel gemacht.

Nach den Worten des Ministers wächst der Förderbedarf von Schülerinnen und Schülern. Die Fallzahlen der Kinder- und Jugendpsychiatrie seien steigend, Diagnosen wie ADHS, Angststörungen oder Autismus in unterschiedlichsten Ausprägungsformen nähmen zu. Wenn man bei sinkenden Schülerzahlen Lehrerstellen abbaue, sollten frei werdende Ressourcen auch für den Einsatz multiprofessioneller Teams genutzt werden. News4teachers / mit Material der dpa

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14 Kommentare
Götz
14 Tage zuvor

Wieso gehen die Leistungen zurück? Die Abiturnoten sind doch besser denn je!

Realist
14 Tage zuvor

Wenn man bei sinkenden Schülerzahlen Lehrerstellen abbaue, sollten frei werdende Ressourcen auch für den Einsatz multiprofessioneller Teams genutzt werden.“

Da bin ich einmal gespannt und wette darauf, dass das nicht in gleichem Umfang passieren wird. Wo würde dann die haushaltstechnische „Dividende“ aus dem Rückgang der Schülerzahlen bleiben, auf die sich schon alle Finanzminister freuen? Die kann man doch schön für andere politische Ideen verfrühstüclen, analog zur „Friedensdividende“ Anfang der 90er-Jahre. Die Folgen müssen schließlich andere Generationen ausbaden, kein aktueller Politiker wird dann noch im Amt sein.

Hysterican
14 Tage zuvor
Antwortet  Realist

Wer glaubt, dass auch nur eine Stelle, die durch evtl. sinkende SuS-Zahlen überzählig wird, in das System investiert wird,,, der / die hat das Prinzip von deutscher Bildungspolitik- und Schulpolitik immer noch nicht verstanden.

Streichen, sparen, anderweitig zuweisen, entlassen, nicht neu besetzen, usw.

ich kann es nicht mehr hören / lesen, was aus diesen Konkursverwaltungsinstituten in die bundesdeutsche Öffentlichkeit gespeit wird.
….apropos Speien …..

JoFranc
14 Tage zuvor

Diagnostik ist schön und gut, aber alleine davon lernt kein Schüler besser. Dazu muss dann ja noch gezielte Förderung kommen, was bestimmt nicht weniger Arbeitsaufwand bedeutet als klassischer Unterricht. Der Minister könnte, statt Disgnostig zu „fordern“ (von wem genau eigentlich?) vielleicht sich einfach bemühen, Mittel und Personal dafür zur Verfügung zu stellen.

447
11 Tage zuvor
Antwortet  JoFranc

Das schöne an Diagnostik ist, dass man (mit entsprechend feingetunten prompts) Diagnosen produzieren kann bis der Drucker glüht.

Also…von daher…

unfassbar
11 Tage zuvor
Antwortet  447

Die nicht besser gewordene Sau wird also nicht häufiger gewogen, sondern die Messergebnisse häufiger erzeugt.

Katze
14 Tage zuvor

„Der Unterricht muss sich ändern“, fordert der Kultusminister. Mehr pädagogische Diagnostik soll die Antwort auf sinkende Schülerleistungen sein.
Natürlich. Wenn die Leistungen zurückgehen, braucht es vor allem… mehr Diagnostik.
Nicht etwa mehr Fachwissen, höhere Anforderungen oder weniger pädagogisches Bullshit-Bingo. Nein, wir diagnostizieren den Leistungsabfall jetzt erst einmal gründlich. Vielleicht hilft ja ein neues Kompetenzraster, das man später wieder ein Stück nach unten anpassen kann.
Dabei läuft doch eigentlich alles hervorragend. Seit Sachsen sein Abitur an die IQB-Bildungsstandards angepasst hat, sind die Noten doch weiterhin ganz passabel. Also kann es am Leistungsniveau schließlich nicht liegen. Wenn die Messlatte sinkt, kommt eben trotzdem noch jeder bequem drüber.
Nur dumm, dass Vergleichsstudien etwas anderes erzählen. Da hilft es wenig, immer feinere pädagogische Diagnosen zu erstellen.
Vielleicht sollte sich tatsächlich etwas ändern. Aber nicht der Unterricht im Sinne immer neuer Methoden, Coachings und Diagnostikbögen. Sondern die bildungspolitische Vorstellung, man könne sinkende Leistungen dadurch verhindern, dass man die Standards immer weiter absenkt.
Noch mehr pädagogische Diagnostik wird daran ungefähr so viel ändern wie ein neues Thermometer am Fieber.

Hysterican
14 Tage zuvor

Klar, die Bildungspolitik muss sich ändern … denn die stellt die Rahmenbedingungen für das, was uns an der Basis ermöglicht wird.

So!!!!

Und sind wir nun eine sinnvollen Lösung unserer Misere näher?

Nöööööö – aaaaabbberr…. die Verantwortung für das Gelingen ist eindeutig in eine Richtung kanalisiert – das muss reichen.

man möchte zuweilen im Strahl kotzen … bei solchen Luftpumpen.

unfassbar
14 Tage zuvor

Ich finde es sehr nett vom Kultusminister, dass er sein eigenes Personal für die Datenerhebung und -auswertung einsetzt und all das ohne Unterrichtsausfall.

Canishine
14 Tage zuvor

«Wenn wir dahin kommen würden, von der frühkindlichen Bildung bis zum Schulabschluss eine Verlaufsdiagnostik durchzuführen, könnten wir sehen, was funktioniert hat und was nicht», argumentierte Clemens. Damit ließe sich relativ einfach Licht ins Dunkel bringen, wie Kompetenzvermittlung funktioniere.
Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was! Warum üben wir nicht einfach stärker die Diagnoseaufgaben? Dann können wir die auch besser.

447
11 Tage zuvor
Antwortet  Canishine

Das ist der Weg (oder wird es sein)

Ragnar Danneskjoeld
14 Tage zuvor

Vom Wiegen wird die Sau nicht fett.

Frank
13 Tage zuvor

Ja klar, besonders der Verkehrsunterricht sollte verbessert werden

Ludwig
13 Tage zuvor

Vielleicht werde an manchen Stellen einfach zu viel gemacht.

Ich habe noch in meiner Lehrerausbildung den Grundsatz gelernt: Weniger! Konkreter! Intensiver! (Ob das allerdings der Minister mit seinem Satz meint, weiß ich nicht.)

Mir fällt nur auf, dass heute sehr viel Wert auf einen „spaßigen Unterricht“ gelegt wird und deshalb alle nicht-spaßigen Übungsformen verpönt sind. Z.B. einen Text abschreiben, um die Schreibschrift zu üben. Das sei doch langweilig, sagen meine Kollegen. Ja, es ist nicht besonders spaßig, aber es ist sehr effektiv.

Wenn es dann als Zusatzaufgabe oder am Ende der Stunde etwas gibt, was spaßig ist (und dadurch oft nicht so effektiv, weil die Konzentration weggeht vom Thema hin zum Spaßfaktor), habe ich nichts dagegen. Aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Außerdem geht es heute viel um „demokratische Mitbestimmung“, aber auch Kinder sind Menschen :-), die ihren inneren Schweinehund nicht immer zu überwinden schaffen. Vor die Wahl gestellt, noch eine Übung zum Thema zu machen oder ein Spiel zu spielen, entscheiden sich 98% für das Spiel. Es sind eben Kinder. Die Fachleute sind wir. Wir müssen lenken, leiten, entscheiden und wir müssen überblicken, ist jetzt für heute genug geübt worden und es kann mal was gespielt werden oder sollte heute doch noch einmal geübt werden. Wir werden dafür bezahlt, die richtige Balance zu finden. Das ist unsere Arbeit!

Ich sehe schulisches Lernen (und Lehrerauftreten) heutzutage in diesem Gegensatz: Spaß vs. Effektivität (Beliebtheit vs. Durchsetzungsfähigkeit). Nicht das Eine oder das Andere, es geht um Ausgewogenheit und idealerweise immer wieder beides.

Wozu das Rad ein zweites Mal erfinden. Man schaue doch, wie Kinder früher erfolgreicher lernten, als es all den modernen Schnickschnack noch nicht gab. Und man hege keine Illusionen: Es gab auch früher Kinder, die wenig lernten und den Unterricht störten.