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„Gute Nacht G8!“ – Bundesweit formieren sich Initiativen gegen das „Turbo-Abi“

BERLIN. Ungeliebtes Turbo-Abi: Dort wo Eltern frei wählen können, geben sie dem klassischen Abitur nach 13 Schuljahren den Vorzug. Initiativen rüsten zum Kampf gegen die Schulzeitverkürzung und fordern von den Kultusministern eine Revision.

Am einfachsten formulierten es die Schülervertreter: «Gute Nacht G8». Initiativen aus nahezu allen Bundesländern mit Eltern, Schülern, Lehrern, Ärzten und Psychotherapeuten formierten sich am Donnerstag bei einem ersten Treffen in Berlin, um gegen das ungeliebte «Turbo-Abi» nach nur acht Gymnasialjahren (G8) gewaltig Front zu machen. Sie wollen keinen Lernstress mehr für ihre Kinder im Gymnasium, keinen «aufgepfropften» Nachmittagsunterricht. Ihre Kinder sollen wieder Zeit für Spiel, Sport und Kultur haben.

«Wir wollen nicht bloß zurück zum alten Abitur nach 13. Schuljahren, wir wollen vorwärts zu G9 – einem modernen neunjährigen Gymnasium, in dem auch wieder Zeit für Persönlichkeitsbildung und Werteerziehung bleibt», sagt die hessische Schulleiterin Karin Hechler.

Das achtjährige Gymnasium (G8) kommt nicht aus der Kritik. Foto: Patrick Rasenberg / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Das achtjährige Gymnasium (G8) kommt nicht aus der Kritik. Foto: Patrick Rasenberg / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Es sind selbstbewusste, redegewandte Eltern, die sich bundesweit in den Initiativen engagieren. Darunter sind viele Anwälte, Psychologen, Mediziner, Lehrer – halt das klassische deutsche Bildungsbürgertum. Ihre Hoffnungen sind aktuell auf Niedersachsen gerichtet. Dort werden in der kommenden Woche Empfehlungen einer von der rot-grünen Landesregierung eingesetzten Reformkommission zum Abitur erwartet. Als erstes Bundesland könnte Niedersachsen das Abitur nach 9 Gymnasialjahren wieder zur Regel erklären – mit Ausnahmen nur für besonders gute Schüler. Und geht es nach den Initiativen, dann sollten viele andere Bundesländern bald folgen.

Nach dem Desaster um die verunglückte und mehrfach geänderte Reform der deutschen Rechtschreibung droht den Kultusministern damit erneut Unbill mit einem Projekt – das sie selbst gar nicht angestoßen haben. Ende 2001 hatte die erste PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit mit der Botschaft alarmiert, dass 15-Jährige hierzulande mit ihrem Wissen im weltweiten Vergleich allenfalls nur Mittelmaß sind. Der Schock war noch nicht verhallt, da verabredeten die Ministerpräsidenten in abendlicher Runde, bundesweit die Schulzeit bis zum Abitur auch im Westen auf 12 Jahre zu verkürzen – wie das vor der deutschen Einheit in der DDR üblich war.

Bedenken einiger Kultusminister, auf die erkannten deutschen PISA-Schwächen ausgerechnet mit einer Schulzeitverkürzung zu reagieren, wischten die Regierungschefs einfach vom Tisch. Ihren Schulministern blieb nicht anderes übrig, als den Beschluss schnell umzusetzen.

Doch statt die Lehrpläne gründlich zu überprüfen und das Unterrichtsvolumen zu reduzieren, wurde die laut KMK-Vereinbarung vorgegebene Pflichtzahl von 265 Lehrplanstunden bis zur Reifeprüfung einfach von neun auf acht Schuljahre umgelegt. Statt knapp 30 Unterrichtsstunden pro Woche gab es dann im Schnitt über 33 Stunden – auf fünf Tage verteilt. Unterricht am Nachmittag und zum Teil sieben- bis acht-Stunden-Tage waren die Folge.

Es sind nicht nur die vielen Meinungsumfragen, in denen Eltern immer wieder das Turbo-Abi ablehnen und eine Rückkehr zum klassischen Abitur nach 13 Schuljahren fordern. Dort, wo sie frei wählen können, gibt es eine Elternabstimmung mit den Füßen. Die erst versuchsweise in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wieder eingerichteten G9-Gymnasien laufen total über. In Berlin bleiben Plätze an Gymnasien mit Turbo-Abi frei, an den früher viel weniger gefragten Gemeinschaftsschulen (mit Abi nach 13 Jahren) müssen zum Teil die freien Plätze wegen zu großer Nachfrage verlost werden. In Hessen hatte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt, und den Eltern noch vor der Landtagswahl Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 zugesichert – sehr zur Überraschung seiner Parteifreunde.

Die Psychologin Anja Nostadt will bei 68-Schülern eine auffällig Zunahme von Erkrankungen – wie Einschlafstörungen, Migräne und Magersucht – festgestellt haben, wie sie zuvor sie bei ihrer Arbeit als Therapeutin nicht beobachtet hat. Zudem lasse G8 bei den kommerziellen Nachhilfeinstituten die Kassen klingen, kritisiert Nostadt.

Einzig die rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) hat bei der ganzen Debatte gut lachen. Ihr Bundesland hat bei der G8-Einführung als einziges nicht mitgemacht. Karl-Heinz Reith/dpa

Ein Kommentar

  1. Hallo man kann nur hoffen das die G8 Todgeburt bald eingeäschert wird. Gibt es beim G 8 eigentlich irgendein positives Argument? Mal davon abgesehen das das in der DDR schon immer so war? Wobei Ort die Möglichkeiten zu Entwicklung der eigenen Persönlichkeit wohl auch eher stark begrenzt war. Und bitte kein theoretisches schneller fertig.VG Dieter

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