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UNESCO-Gipfel: Massive Kritik an der Umsetzung der Inklusion in Deutschland

BONN. Am kommenden Mittwoch und Donnerstag rückt das Thema Inklusion bundesweit in den Fokus. Dann veranstaltet die deutsche UNESCO-Kommission in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland unter der Überschrift „ Die Zukunft der Bildung“ einen Gipfel zum Thema. Vorgestellt wird dabei eine neue Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte zum Stand der Inklusion. Bereits jetzt sickerte durch: Es wird massive Kritik an der Umsetzung geben.

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Fünf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland mangelt es nämlich in den meisten Bundesländern an den gesetzlichen Voraussetzungen für den gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten. So besuche nur ein Viertel der knapp 500.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule. Dieses Fazit ziehen zwei Juristen in der Studie für das Deutsche Institut für Menschenrechte, so berichtet jedenfalls der „Spiegel“. „In keinem Bundesland ist ein abschließend entwickelter Rahmen erkennbar, der den Aufbau eines inklusiven Bildungssystem gewährleisten könnte“, so schreiben die Autoren dem Blatt zufolge.

Eindeutige Weichenstellungen fänden sich nur in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Studie des Instituts, das sich für inklusiven Unterricht einsetzt, kritisiert insbesondere Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und das Saarland: Dort bestehe unter bestimmten Voraussetzungen immer noch eine Förderschulpflicht, „verbunden mit weitreichenden Befugnissen der Schulaufsichtsbehörde bei der zwangsweisen Zuweisung zu einer Förderschule“. Thema wird auch die Finanzierbarkeit von inklusiver Bildung in den Ländern und Kommunen sein.

Ute Erdsiek-Rave, ehemalige Kultusministerin von Schleswig-Holstein und Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission, hat sich im Vorfeld zu Wort gemeldet. „In fast allen Schulgesetzen gibt es noch Vorbehalte. Es gibt auch kaum Aktionspläne zur inklusiven Bildung, die sicherstellen, dass die Förderschulen in Regelschulen überführt werden, und die klare zeitliche Vorgaben machen. Auch die Lehrerbildung wird erst allmählich auf Inklusion ausgerichtet.Die Kostenfrage ist weiterhin zwischen Bund, Ländern und Kommunen nicht geklärt. Es fehlt an Geld für den Schulumbau, Fortbildungen und Personal“, so sagt sie in einem Interview der Seite „unesco heute online“.

Und weiter meint die SPD-Politikerin: „Für Deutschland insgesamt gilt: Die inklusive Bildung endet oft nach der Kita. Dort lernen bereits 60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit anderen, in der Grundschule sind es dann nur noch 34 Prozent. Beim Übergang in die weiterführende Schule müssen viele Kinder an eine Förderschule wechseln, weil es noch zu wenig inklusive Bildungsangebote gibt. Die Lernerfolge sind hier sehr oft leider nicht ausreichend, drei Viertel der Förderschüler erhalten keinen Hauptschulabschluss. Damit sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt äußerst gering. Wenn schlecht ausgebildete Förderschüler nachträglich betreut werden müssen, ist das teurer als eine gute Bildung von Anfang an. Generell muss man leider sagen, dass Deutschland bei der Umsetzung von inklusiver Bildung im europäischen Vergleich einen der hinteren Plätze einnimmt.“

Zum bundesweiten Gipfel werden am 19. und 20. März in Bonn rund 350 Politiker, Wissenschaftler, Schulträger, Lehrkräfte, Eltern und Schüler erwartet, um eine Bestandsaufnahme der inklusiven Bildung in Deutschland zu erstellen. Die Ergebnisse werden in eine Abschlusserklärung einfließen, die Forderungen an Politik, Wissenschaft und Bildungseinrichtungen enthält. Kooperationspartner des Gipfels sind die Aktion Mensch, die Bertelsmann Stiftung, das Bildungs- und Förderungswerk der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, das Deutsche Institut für Menschenrechte, die Heidehof Stiftung, die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und die Stadt Bonn.

21 Kommentare

  1. Die deutsche UNESCO-Kommission kennt offensichtlich die Behindertenrechtskonvention nicht. Sonst wüßten deren Mitglieder, daß das Wort Inklusion in der gesamten Konvention nicht ein einziges Mal vorkommt. In der verbindlichen englischen Fassung wird wörtlich „an inclusive education system at all levels“ verlangt. Das besagt aber nur, daß auch für Behinderte schulische Bildung ermöglicht werden soll. Das deutsche Schulsystem trägt dem beispielhaft und optimal Rechnung. Es besteht also entsprechend der Behindertenkonvention keinerlei Handlungsbedarf. Wenn man politisch gewollt dennoch Kinder, die dem Unterricht nicht zu folgen vermögen, in eine Lerngemeinschaft zwangsweise „inkludiert“, dann raubt man ihnen die Chance, von Fachkräften unterrichtet, in kleinen Gruppen und in einem ihnen angepaßten Lerntempo den für sie bestmöglichen Lernerfolg zu erzielen Die Schwachen bedürfen des pädagogischen Schonraums, um weiterzukommen, und nicht der Rennbahn der Überflieger. Hätten die Forderungen, welche die DUK erhebt, im Text der Konvention wörtlich oder auch nur dem Sinn nach gestanden, hätte keine Regierung weltweit diese unterzeichnet.

    • @Schmanck: Richtig! Hier geht es einzig und allein um die Umgestaltung der deutschen Bildungslandschaft. Inklusion ist – wie der Kultusminister von M-V M. Brodkorb (SPD) sagt – Kommunismus für die Schule. Das gesamte mehrgliedrige Schulsystem wird mit Hilfe der Inklusion in ein Einheitsschulwesen transformiert. Eine Schule für Alle! Ohne Bildungsstandards und Noten, ohne Abschlüsse und Sitzenbleiben. Denn Inklusion bedeutet intra-individuelle Förderung jedes Einzelnen. Keine Vergleiche mit anderen. Jeder erhält dieselbe Zuwendung, jedes mehr wäre wieder Exklusion. Keiner ist etwas besonderes mehr. Alle erhalten gleich viel wenig. Und viele Lehrer machen mit. Eine Schande!

  2. Mich würde wirklich mal interessieren, wie und in welchen anderen europäischen Ländern professionelle inklusive Bildung mit gezielt ausgebildeten Förderpädagogen und den dafür ausgestatteten Regelschulen betrieben wird und wie zufrieden die Eltern in diesen europäischen Ländern mit dieser Form der Förderung sind.

  3. Zitat: „Wenn schlecht ausgebildete Förderschüler nachträglich betreut werden müssen, ist das teurer als eine gute Bildung von Anfang an.“
    Wie kann man den Leuten nur solchen Unsinn erzählen? Es liegt doch auf der Hand, dass Förderschulen den Kindern viel besser helfen können.

  4. merhnachdenken

    Stimmt die Zahl oder ist das nur wieder Propaganda, um das Vorhaben zu rechtfertigen?

    „Beim Übergang in die weiterführende Schule müssen viele Kinder an eine Förderschule wechseln, weil es noch zu wenig inklusive Bildungsangebote gibt. Die Lernerfolge sind hier sehr oft leider nicht ausreichend, drei Viertel der Förderschüler erhalten keinen Hauptschulabschluss. Damit sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt äußerst gering.“

    • Ich denke, die Zahlen könnten in etwa stimmen, merhnachdenken.
      Absolut nicht in Ordnung ist aber, dass unterschwellig behauptet wird, das inklusive Lernen führe zu einer weit höheren Quote an Hauptschulabschlüssen. Das ist eine faustdicke Lüge, die aber kaum auffliegen wird, weil sich das inklusive Lernen (wie die meisten seiner Reform-Vorgänger) den Erfolg selbst bescheinigen kann und wird durch weiteres Absenken des Niveaus von Schulabschlüssen. Dann werden die Prozentzahlen natürlich steigen, auch wenn die behinderten Kinder in den Regelschulen weit weniger lernen als in den Förderschulen der Vergangenheit. Quoten sagen nichts mehr aus, wenn sie durch unterschiedliche Maßstäbe zustande kommen.
      Fast alle Reform-Erfolgsmeldungen hängen schon seit Jahrzehnten von solchen Schummeleien (Betrügereien) ab.

    • Ursula Prasuhn

      @merhnachdenken
      Wie geht es Ihnen? Habe mir schon ein wenig Sorgen gemacht, weil Sie recht lange nichts von sich hören (lesen) ließen und ich auf Ihre Beiträge – die ich immer sehr geschätzt habe – verzichten musste.

      • mehrnachdenken

        Danke der Nachfrage. Mir geht’s prima, aber irgendwie habe ich keine große Lust mehr, mich regelmäßig an den Diskussionen zu beteiligen. Ich frage mich auch, was es unter dem Strich bringt. Kein noch so überzeugendes Argument wird die maßgeblichen Entscheidungsträger zum Nachdenken oder gar Innehalten bringen.
        Viele Entwicklungen in der aktuellen Bildungspolitik wie bspw. die Inklusion halte ich für ganz schlimm, und ich werde niemals kapieren, warum die direkt Betroffenen wie die Lehrerschaft oder die Eltern das so klaglos mit sich machen lassen. Der Zug rast immer schneller in eine – m.E. – verhängnisvolle Richtung, und ich sehe niemanden, der ihn aufhalten kann oder will.
        Da konzentriere ich meine Energie doch lieber in Projekte, von denen ich mir mehr persönliche Zufriedenheit und Erfolgserlebnisse verspreche.

        • Warum die Lehrer „das so klaglos mit sich machen lassen“, kann ich nur mutmaßen. Sie scheinen zum großen Teil hinter der Bildungspolitik zu stehen, denn ein geändertes Verhalten bei politischen und vor allem gewerkschaftlichen Wahlen würde vermutlich schon einiges ändern.
          Warum die Eltern nicht aufbegehren, kann ich besser sagen. Sie schauen einfach zu wenig hinter die Kulissen und halten das für wahr, was in der Medienlandschaft einträchtig verbreitet wird und das entspricht fast zu 100 Prozent den offiziellen Verlautbarungen der Bildungspolitiker.
          Wie sollen Eltern auch anders? Sie wissen im Gegensatz zu den Lehrern doch nicht, wie es in der Unterrichtspraxis aussieht. Nur besonders interessierte Eltern erkundigen sich im Internet oder auf sonstigen Nebenwegen, was wirklich Sache ist. Die überwältigende Mehrheit aber glaubt und muss glauben, was ihr aufgetischt wird.
          Meiner Meinung nach ist die Lehrerschaft gefordert, wenn sich etwas ändern soll.

          • Liebe „Mutter“,
            ich gebe Ihnen zu 100% Recht!!! Ich persönlich wäre ja „dabei“, aber sonst kenne ich leider keinen.
            Lehrer von Regelschulen sind eigentlich für diese Aufgaben nicht ausgebildet und fügen sich in ihr Schicksal, wobei jeder versucht sein Bestes zu geben. Dass das in diesen Fällen nicht ausreicht braucht nicht erwähnt zu werden. Dass die Lehrer „zum großen Teil hinter der Bildungspolitik stehen …“ (=Ihre Mutmaßung), glaube ich eher nicht, denn:
            Im Beamtentum ist das nämlich mit dem „Wehren“ so eine Sache… Deshalb gibt es die Beamten extra: Kein Streikrecht und wenig bis kein Mitspracherecht bei Reformen aller Art. Damit hat Vater Staat sichergestellt, dass seine Verordnungen, Erlasse und Schulgesetze auch durchgeführt werden. Wie beim Bund: Maul halten und machen. Als Gegenleistung wird ein sicherer Arbeitsplatz und vergleichsweise gute Bezahlung sowie Altersversorgung „geboten“ (letzteres bröckelt gerade auch…) Und im Angestelltenverhältnis bekommen aufmüpfige Lehrer ihre Verträge nicht verlängert …denn es gibt selten unbefristete THV – Verträge… So, liebe „Mutter“, jetzt sind Sie wieder dran…

  5. Erstaunlich!

    Gibt es hier auf dieser Internetseite nur Gegner von gemeinsamem Lernen, die sich gegenseitig Honig ums Maul schmieren? Haben die Befürworter aufgegeben?

    Ohne Zweifel ist die Inklusion, wie sie aktuell versucht wird umzusetzen, noch lange nicht perfekt.
    Dass diese aber überfällig ist, besagt schon das Grundgesetz.

    Ich empfehle jedem, der die 10% Menschen mit Behinderung in Deutschland aus den Regelschulen (und damit auch von der Teilhabe am öffentlichen Leben) ausschließen möchte (und auch allen anderen) das Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raúl Aguayo-Krauthausen.

    Der Autor, der selbst im Rollstuhl sitzt, hat neulich in einem Interview auf Deutschlandradio die Sicht eines Behinderten erläutert. Demnach ist es gerade der „Schonraum“, der dazu führt, dass sich zwar prima um sie gekümmert wird, sie aber keinen Anreiz bekommen, aus ihrer völligen Abhängigkeit auszubrechen. Er und seine Eltern haben dafür gekämpft, dass er eine Regelschule besuchen darf, mit dem Ergebnis, dass er heute voll im Berufsleben steht.

    • @christian – Niemand hier würde einem Rollstuhlfahrer die Möglichkeit eines Regelschulbesuchs verwehren, im Gegenteil. Das Problem liegt doch vielmehr darin, dass bei dieser Diskussion nicht mehr zwischen den jeweiligen Unterschieden der einzelnen Behinderungen unterschieden wird. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Inklusion stellt sich hier bei den meisten Autoren wohl eher bei Menschen mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung, lernen und sozial-emotionale Entwicklung.

  6. Leider gewinnt man oft den Eindruck, dass die Abschaffung der Sonderschulen erfolgreiche Inklusion ist. An den Förderschulen wird durchaus auch im Sinne der Kinder dort gute Arbeit geleistet. Nicht jeder Elternwunsch nach Inklusion ist für das Kind gut. Die Übertragung des pädagogischen Konwhows der Sonderschulen in die Regelschule ist ein Prozess von vielen Jahren, Wer hier die Geduld verliert und nur mit Zahlen statt Inhalten hantiert macht die jetzigen Sonderschüler zu Geißeln einer Bildungsideologie. Gelungene Inklusion ist ein gesellschaftliche Riesenaufgabe, die im gewissen Sinn jahrhunderte alte Vorstellungen überwindet. Das kann nicht in wenigen Jahren gehen. Die Schule ist in diesem Prozess nur eines der Zahnräder, mann sollte ihre Rolle nicht überbewerten. Viel wichtiger wäre meines Erachtens die Zeit danach, betreutes Wohnen und betreutes Arbeiten jenseits der traditionellen Werkstatt.
    Zum Schluss. von der Schule verlangt man einen differenzierten Unterricht um unterschiedliche Begabungen und Behinderungen so gut als möglich zu fördern. In der öffentlichen Diskussion werden oft (fast) alle Menschen mit Behinderung in einen Topf geworfen. Da gäbe es für die Inklusionsprotagonisten noch großen Entwicklungsbedarf.

  7. Ursula Prasuhn

    @Johannes Diez
    Diese humorige Szene, die ein „So.Päd“ bei bildungsklick.de geschrieben hat, könnte Sie interessieren:

    These Prof. Ahrbeck: Das Erwachsenenleben ist nicht inklusiv. Stimmt:
    Selektion, hat mir der Herr Birkenstock auf dem letzten Elternabend erzählt, sei eine sehr schlimme Sache. Schon in der Schule ging das los. Leistungsdruck, Noten, Versetzungsängste und immer wieder Leistungsvergleiche. Wer da nicht mitkommt, werde schnell auf die Sonderschule abgeschoben oder darf nicht aufs Gymnasium. Recht hat er. Das ist doch überhaupt nicht human.
    Habe dann auch sofort diese neuen Erkenntnisse meiner Frau mitgeteilt. „ Recht hat er, der Herr Birkenstock“, sagte auch meine Frau, „ und du wirst jetzt daraus deine Lehren ziehen“.
    „Als erstes wirst du damit aufhören, mit deinem heißgeliebten Cabrio in diese teure Werkstatt zu fahren.“
    „Die sind aber sehr fleißig, zuverlässig und der Meister versteht sein Handwerk“ warf ich ein.
    „ Na und, “ erwiderte meine Frau. „Du selektierst aber. Auch andere Werkstätten verdienen eine Chance, probiere sie doch einfach reihum einmal aus.“ „Und den Zahnarzt, zu dem du seit Jahren immer wieder hinrennst, den wirst du wechseln. Was ist mit all den anderen, die auf Patienten warten. Mußt du denn nur den Arzt aussuchen, der dir empfohlen wird, der dir menschlich nahe steht, der ein einfühlsames Händchen hat oder kompetent wirkt. Nein. Wir werden jetzt allen mal die Möglichkeit geben, in deinen Zähnen herumzubohren.“
    Mißtrauisch erwartete ich die nächste Anweisung.
    „Im Übrigen solltest du dir auch einmal über deinen Freundeskreis Gedanken machen. Ihr mögt alle den gleichen Verein, wählt fast alle dieselbe Partei und außerdem redet ihr immerzu über das gleiche.“
    „Ich fühle mich aber wohl, wenn ich mit Gleichgesinnten meine Freizeit verbringe. Schließlich habe ich ja auch genügend Kontakte zu anderen Menschen.“
    „Das schon“, meinte meine treusorgende Gattin, „aber du selektierst doch ständig. Neulich erst hast du gesagt, mit dem Maier halte ich das keine 5 Minuten in einem Raum aus. Der arme Mann hat dir doch gar nichts getan. Du setzt den doch durch deine Antipathie einem ungeheuren Druck aus.“
    Als sie dann mit einem zarten Lächeln auf den Lippen erneut Luft holte, hielt ich selbige an.
    „Und im Büro erwarte ich von dir in Zukunft ein etwas rücksichtsvolleres Verhalten. Kürzlich erst hast du den Bewerber für die offene Stelle abgelehnt. Schon wieder selektierst du. Der arme Mensch fühlt sich doch ausgeschlossen“
    „Der war aber überhaupt nicht für den Posten geeignet. Grauenvolles Führungszeugnis, kaum fachlich qualifiziert, wenig Motivation und überhöhte Gehaltsforderungen“ waren meine überzeugenden Argumente.
    „Na und. Was soll diese inhumane Leistungsorientierung. Und vergleichen, hat schon der Birkenstock gesagt, soll man ja auch nicht ständig. Also, warum kriegt der keine Chance?“
    Die Diskussion näherte sich dem Höhepunkt.
    „Aber ich muß doch an das Wohl der Firma denken, all die Mitarbeiter, die auf den Erfolg der Produktion angewiesen sind…die Konkurrenz ist groß.“
    „Konkurrenz, Produktion, Erfolg, , das gäbe es alles nicht wenn mehr Birkenstocks auf der Welt wären,“ erwiderte meine Liebste.
    Da mußte ich ihr recht geben. Was soll nur aus unseren Kindern werden?

  8. @ Mama51
    Von dieser Seite habe ich die Lehrer noch nicht betrachtet. Danke für den Denkanstoß, der vielleicht einiges erklärt.
    Dennoch bleiben Zweifel. Immer wieder ist zu lesen, dass Lehrer typische Grünen- oder SPD-Wähler sind. Warum nur, wenn doch vor allem diese Parteien immer wieder für seltsame Reformen sorgen? Und warum sind so viele Lehrer Mitglied in der GEW, welche dieselben Ziele verfolgt wie etwa den Bildungsplan mit der „sexuellen Vielfalt“ oder auch die Inklusion?
    Dazu sind die Lehrer von keinem gezwungen, also müssen sie aus Überzeugung handeln und hinter der Bildungspolitik stehen. Oder?

    • Liebe Mutter,
      es freut mich ein wenig zur Aufklärung beigetragen zu haben.
      Leider bin ich über das übliche Wahl- und Politikverständnis „der meisten“ Lehrer nicht informiert. Die, die ich kenne fallen nicht unter die Kategorie. Da steht niemand hinter der Bildungspolitik! Egal zu welcher oder von wem! Übrigens, in Hessen war in den letzten Jahren die CDU + FDP diesbezüglich am Ruder…
      Die Mitgliedschaft in der GEW könnte sich so erklären, dass die Gewerkschaft in allen Fällen versucht, dass die Reformen echt „richtig“ durchgeführt werden. Die sind da schon sehr eifrig! Allerdings leider auch nicht immer erfolgreich … Außerdem informiert die GEW oft über , ich nenne es einmal „Vorgänge hinter den Kulissen“, von denen man sonst eher nichts mitkriegt (Schulämter und Schulleiter aber wohl…) und prangert stets Missstände an! Zudem bietet die GEW dienstlichen Rechtsschutz (weil man als Lehrer ja immer irgendwie mit einem Bein vor dem Richter steht) und die Kosten sind mit dem Mitgliedsbeitrag quasi abgegolten.
      Liebe Mutter, ich grüße Sie 🙂

      • Wie können Reformen RICHTIG durchgeführt werden, wenn sie auf falschen Annahmen beruhen? Die GEW ist m. E. schon seit Ewigkeiten eine lebensfremde Kaderschmiede für fragwürdige Reformen und macht sich gern einen schlanken Fuß durch Schuldzuweisungen, wenn sich die von ihr unterstützten Ideen in der Praxis als Horror herausstellen. Ihre Lieblingsbehauptung ist dann, dass nicht genug Geld in die jeweilige Reform gesteckt werde. Alles scheitert dann immer nur am Geld, nicht aber an falschen Denkansätzen, deren Folgen durch noch so viele Steuermilliarden nicht kompensiert werden können. Überflüssig zu sagen, dass dies auch ein unverantwortlicher Umgang mit Steuergeldern ist.

  9. Ich bin enttäuscht und erschrocken über die vielen doch ablehnenden Kommentaren über die Inklusion als solches. Es werden viele Sachen auch einfach durcheinander gemixt, die mit Inklusion nichts zu tun haben. Inklusion hat das Ziel, dass so wenig wie möglich Diskriminierung in der Schule aufgrund von Herkunft, Geschlecht und Behinderung usw. stattfindet. Mit dem „Aussortieren“ (vielfach auch abschieben!) an eine Förderschule findet gerade dieses statt.
    In jedem Einzelfall muss geprüft werden, welche Schulform die beste ist für die Entwicklung des Kindes- das kann auch mal die Förderschule sein muss sie aber nicht per se, sobald dem Kind ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wurde. Jedem Kind sollte in der Schule die Förderung (besser Herausforderung) präsentiert werden, die es braucht- egal ob (von der Gesellschaft) behindert, Migrationshintergrund, Junge oder Mädchen, hochbegabt oder „normal“ (aber was ist schon normal!?).
    Leider geht der Unterricht in deutschen Schulen immer noch davon aus, dass alle Kinder gleich schnell im Lernen und zur gleichen Zeit gleich weit entwickelt sind. Alle „marschieren“ im Gleichschritt durch die Schule. Die, die es nicht schaffen, werden aussortiert (und da muss ich widersprechen- in der Förderschule selten mit mehr Lernzuwachs als an der Regelschule aus der Schule entlassen).
    Ich kann dabei den Lehrern keinen direkten Vorwurf machen- sie haben es so an den Unis gelernt und erst jetzt kommen die Kultusminister dahinter, dass man die Ausbildung dahin gehend ändern sollte… aber es werden kaum Fortbildungen dazu angeboten, für die die jetzt schon da sind. Es wurde von oben verordnet ohne Hilfen an die Hand zu geben
    Den einzigen Vorwurf kann man bei denjenigen machen, die sich nicht mehr bewegen und lernen wollen…

    An alle Politiker: Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif – vielleicht bekommen meine Kinder ja noch die echten Anfänge in ihrer Schulzeit mit (in den nächsten 7-10 Jahren)…

    Bürokratie ist die Kunst, das Mögliche unmöglich zu machen…

    • Ursula Prasuhn

      Warum enttäuscht und erschrocken, Vater? Sie müssten eigentlich glücklich sein. Die Inklusion schreitet doch überall mit Macht vorwärts und ihre Schulen sprießen wie Pilze aus der Erde.
      Ist es da nicht ein wenig übertrieben, sich von ein paar Skeptikern die Stimmung verderben zu lassen?
      Sie und andere, die in der Seele getroffen sind, wenn sie Gegenstimmen vernehmen, bringen mich immer wieder zum Nachdenken.
      Geht es bei der Inklusion vielleicht um ein fragiles Glaubensbekenntnis, das Zweifel und Zweifler nicht verträgt? Ketzerische Gedanken sind Gift für jedes Geistesgebäude, das mehr auf Hoffnungslogik als auf solidem Wissen beruht.
      So gesehen verstehe ich Ihren Schrecken und Ihre Enttäuschung.

    • Lieber Vater,
      ein schönes Zitat am Ende Ihrer Ausführungen …und wie treffend! Bitte senden Sie es an alle Ministerien!
      Eigentlich habe ich dem Kommentar von Ursula Prasuhn nichts mehr hinzuzufügen. Aber doch:
      „Richtig gefreut“ habe ich mich über Ihre Bemerkung, „dass Sie den Lehrern keinen direkten Vorwurf“ machen. Das ist aber nett, denn es handelt sich also um einen indirekten Vorwurf…
      Wissen Sie, Sie haben in vielem, was Sie sagen, Recht, aber:
      Unsere „Kümmerlinge“ sind die Kids, die während des Unterrichts mit Stühlen um sich werfen, pausenlos auf andere Kinder einprügeln, Tobsuchtsanfälle von mehreren Minuten mit Schreikrämpfen ausleben, wenn ihnen etwas nicht passt. die, die gerne den Schulvormittag unter dem Tisch verbringen möchten, nicht in der Schule bleiben wollen, denen auf Schritt und Tritt ein Inklusionshelfer folgt, damit andere und sie selbst nicht geschädigt werden … die Liste ließe sich erheblich fortsetzen … hauptsächlich diese „Behinderungen“, die mit der schönen Umschreibung: „Störungen im sozial – emotionalen“ Bereich gehandelt werden, fallen momentan und überwiegend unter – INKLUSION -.
      An meiner Schule freuen wir uns über jedes Kind, das NUR lernbehindert, Körperbehindert, Seh- oder Hörbeeinträchtigt ist, das sehr langsam lernt oder auch geistig behindert wäre…
      So, jetzt gab`s mal „Butter bei die Fische“ und, lieber Vater, jetzt sind Sie wieder dran.
      Ich grüße Sie 🙂

  10. Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Das wissen Schmiede und das werden auch viele Lehrer, bezogen auf das zumutbare Niveau in einer Klasse wissen.
    Welchen Zweck hat dann die völlig unvermittelt zum Kult erhobene „Inklusion“?
    Ist unser technisches und ökonomisches Niveau in Deutschland zu hoch und unsere Exporte zu stark, sodass wir wie bei Bachelor und Master uns niedrigeren Standards anpassen müssen? Ich vermute, dass Inklusion in Frankreich oder Griechenland nicht so ernst genommen wird – wenn man sich dort überhaupt jemand darum kümmert.

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