GIESSEN. Hessen will den Vorbereitungsdienst für Lehrkräfte von 21 auf 18 Monate verkürzen. Zugleich sollen angehende Lehrkräfte mehr eigenverantwortlichen Unterricht übernehmen. Klaus Oehmann, Personalratsvorsitzender am Europaseminar Gießen, kritisiert die Pläne: Wer die Unterrichtsqualität verbessern wolle, müsse Zeit für Ausbildung, Beratung und begleitete Praxis sichern. Ein Gastbeitrag.

Herrlich für die Haushaltskonsolidierung – riskant für die Unterrichtsqualität
Wenn Kürzungen nicht Kürzungen heißen dürfen
Die PISA-Ergebnisse von 2022 waren bereits ein bildungspolitischer Tiefpunkt. Was hat die hessische Landesregierung seitdem getan, um die Qualität des Unterrichts nachhaltig zu verbessern?
Die neuen Ergebnisse geben darauf keine beruhigende Antwort. Im Gegenteil: Deutschland fällt weiter zurück. In Mathematik sank der Wert von 475 auf 464 Punkte, im Lesen von 480 auf 465 und in den Naturwissenschaften von 492 auf 486 Punkte. Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt in Mathematik und Lesen die grundlegende Kompetenzstufe 2.
Die naheliegende Reaktion wäre: Jetzt müssen wir Lehrkräfte bestmöglich ausbilden. Sie brauchen Zeit, um Diagnostik, Sprachbildung, Differenzierung und individuelle Förderung zu lernen. Und damit ist es nicht genug, darüber hinaus müssen Lehrkräfte u. a. auf Themen wie Werte- und Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung und Digitalisierung sowie Künstliche Intelligenz, berufliche Orientierung, Kinder- und Jugendschutz, Stärkung der psychischen Gesundheit und Inklusion vorbereitet werden.
Hessens Antwort lautet offenbar: Wir kürzen die Ausbildung der Lehrkräfte.
Der Vorbereitungsdienst ist die entscheidende praktische Phase der Lehrkräftebildung. Dieser soll von 21 auf 18 Monate schrumpfen. Die Zahl der bewerteten Unterrichtsbesuche sinkt von bis zu 14 auf acht. Die Seminarzeit wird reduziert. Gleichzeitig sollen Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst in den Hauptphasen 14 bis 16 Wochenstunden eigenverantwortlich unterrichten.
Mehr Verantwortung, mehr Unterricht, mehr Herausforderungen – aber weniger Zeit für Ausbildung. Dies bedeutet weniger Zeit für das Erlernen der pädagogischen Profession durch Beobachtung, Beratung und Entwicklung.
Das nennt die Landesregierung „Qualitätssteigerung“. Offenbar gilt neuerdings die Gleichung: minus drei Monate, minus Seminarzeit und minus professionelle Begleitung ergeben plus Qualität. Vielleicht sollte dieses Rechenmodell bei der nächsten PISA-Studie untersucht werden.
Das Hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen stellt Künstliche Intelligenz als Möglichkeit zur Entlastung dar. Und tatsächlich kann KI Lehrkräfte bei der Unterrichtsplanung unterstützen und erste Materialentwürfe erstellen, Texte strukturieren oder Formulierungen vorschlagen.
Damit wäre die Arbeitsbelastung vermutlich gelöst – wenn Unterricht hauptsächlich aus der automatischen Produktion von Arbeitsblättern bestünde.
Tatsächlich schafft KI neue Aufgaben. Lehrkräfte müssen fachlich falsche oder erfundene Angaben erkennen, Quellen prüfen, Datenschutz und Urheberrecht beachten und neue Prüfungsformate entwickeln. Sie müssen Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sprachlich überzeugende Antworten nicht mit Wahrheit zu verwechseln. Darüber hinaus ist KI das falsche Werkzeug, um den oben genannten Herausforderungen wie z.B. Stärkung der psychischen Gesundheit der Lernenden zu begegnen.
Je leistungsfähiger KI wird, desto wichtiger werden fachliche und überfachliche Kompetenzen wie Urteilsfähigkeit und eigenständiges Denken bei Lernenden und Lehrkräften. Diese Kompetenzen entstehen nicht auf Knopfdruck. Sie müssen erlernt, erprobt, beraten und entwickelt werden.
Aber keine Sorge: Dafür stehen künftig drei Monate weniger zur Verfügung.
„Unterrichten lernt man durch Unterrichten“
Nina Heidt-Sommer, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, fasste das neue Ausbildungskonzept im Landtag so zusammen: „Unterrichten lernt man durch Unterrichten.“
Das stimmt ungefähr so wie der Satz: Busfahren lernt man durch Busfahren.
Trotzdem würde niemand einen Menschen nach einer theoretischen Prüfung sofort ans Steuer eines voll besetzten Schulbusses setzen – ohne begleitete Fahrstunden, ohne Fahrlehrkraft und ohne Fehlermöglichkeit in einem geschützten Raum, um die eigene Kompetenz gezielt weiterzuentwickeln.
Die hessische Bildungslogik scheint anders zu funktionieren: Begleitung reduzieren, Fahrzeit erhöhen und direkt in den Linienbetrieb gehen.
Die Schülerinnen und Schüler werden dabei bildlich gesprochen zu Crashtest-Dummys. Nicht ihre unmittelbare körperliche Sicherheit steht wie in der Schulbus-Metapher auf dem Spiel. Auf dem Spiel steht aber sehr wohl die Bildung der jungen Menschen, ihre Chancen und ihre berufliche Zukunft. Damit riskiert die hessische Landesregierung nicht nur, in Sachen PISA in die falsche Richtung zu steuern, sondern gefährdet auch die wirtschaftliche Entwicklung und politische Stabilität des Landes.
Natürlich lernt man Unterrichten durch Praxis. Aber ein zu hoher Praxisanteil bei eigenverantwortetem Unterricht verhindert die Möglichkeit zur Entwicklung. Guten Unterricht lernt man durch qualifiziert begleitete Praxis: planen, erproben, Rückmeldung erhalten und entwickeln.
Der Lehrkräftemangel scheint so groß zu sein, dass bereits Studierende ab dem ersten Semester im Unterricht eingesetzt werden, wie die Studie Labora@He belegt.
LABORA@HE: noch früher ans Steuer?
Werden Studierende ohne ausreichende Qualifizierung mit Unterrichtsaufgaben betraut, ist der Unfall vorprogrammiert. Studierende, Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst sowie Quer- und Seiteneinsteigende sind keine billigen Lückenfüller. Sie verdienen eine verlässliche Ausbildung und Begleitung.
Dabei fehlt es Hessen nicht an Menschen mit Fahrerlaubnis: Vollständig ausgebildete Lehrkräfte werden aus dem Verkehr gezogen, um in HMKB und Lehrkräfteakademie Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Statt Fahranfänger unbegleitet auf die Straße zu schicken, sollten ausgebildete Fachkräfte in der Verwaltung wieder stärker auf dem Fahrersitz Platz nehmen. Verwaltungsarbeit gehört in die Hände von Verwaltungspersonal – damit pädagogisches Personal wieder für Unterricht, Ausbildung und Beratung zur Verfügung steht.
„Nichts ist so herrlich, nichts ist so live“
Kultusminister Armin Schwarz schwärmt: „Nichts ist so herrlich, nichts ist so live wie direkt auf dem Platz im Klassenraum zu stehen.“
Das Klassenzimmer ist tatsächlich „live“. Dort sitzen Kinder mit unterschiedlichen Lernständen, Sprachkenntnissen, Förderbedarfen und Belastungen. Dort müssen komplexe Entscheidungen unmittelbar getroffen werden.
Gerade deshalb ist eine gute Ausbildung unverzichtbar.
Das Klassenzimmer ist kein Fußballplatz. Referendare sind keine Einwechselspieler für den Stundenplan. Schülerinnen und Schüler sind kein Publikum, das nach einer misslungenen Vorstellung einfach nach Hause geht.
Je „liver“ die Situation, desto wichtiger sind Vorbereitung und Begleitung. Ausgerechnet daraus ein Argument für mehr eigenverantwortlichen Unterricht bei kürzerer Ausbildung zu machen, gehört zu den bemerkenswertesten Widersprüchen dieser Reform.
Die Platte von den Kürzungen
Auf die Kritik antwortete Minister Schwarz im Landtag: „Ihre Platte von irgendwelchen Kürzungen kann ja keiner mehr hören.“ Dabei spielt nicht nur die Lehrkräfteausbildung diesen Refrain. In vielen Bereichen der Bildung wird gespart, verdichtet oder zusätzliche Arbeit ohne ausreichende Ressourcen verteilt. Mal heißt es Modernisierung, mal Entlastung, mal Eigenverantwortung und mal Qualitätssteigerung. Die Worthülsen wechseln. Das Muster bleibt: weniger Zeit, weniger Personal, mehr Aufgaben.
Sollte Qualität wirklich das Ziel ist, müssen Beratung, Mentorat und unbenotete Hospitationen verbindlich finanziert werden. Geschieht das nicht, spricht die Bilanz eine deutlichere Sprache als jede Regierungsrede. Was für die Haushaltskonsolidierung herrlich klingen mag, bleibt für die Unterrichtsqualität riskant – denn eine Kürzung verstummt nicht dadurch, dass Herr Schwarz sie nicht mehr hören will. News4teachers
Zur Person: Klaus Oehmann, ist Personalratsvorsitzender am Europaseminar Gießen – Studienseminar für berufliche Schulen. Als Vertreter der Allianz Pro Bildung setzt er sich für eine zukunftsgerichtete Lehrkräfteausbildung ein. Seine Schwerpunkte liegen auf der Schul- und Unterrichtsentwicklung.
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