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Streit um das Turboabitur: Stoch bremst Parteifreund

STUTTGART. Die Ferien in Baden-Württemberg enden erst am Montag doch schon jetzt kocht das Streitthema Bildung wieder hoch. Neben der umstrittenen Streichung von Lehrerstellen entbrennt jetzt der Streit um das Turboabitur besonders innerhalb der SPD.

Pünktlich zum Schulstart nach den Sommerferien an diesem Montag ist der Streit um das Turboabi G8 neu entbrannt. Sollte man mehr Gymnasiasten wieder neun Jahre Schulzeit von der Grundschule bis zum Abitur (G9) gönnen? Das ist bisher nur an 44 Standorten in Baden-Württemberg möglich. Die Frage spaltet ausgerechnet die SPD, die Partei von Kultusminister Andreas Stoch. Doch auch die CDU ist sich uneins.

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch will nicht mit dem Turboabitur in den Wahlkampf ziehen. Foto: Sven Teschke/Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0)

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch will nicht mit dem Turboabitur in den Wahlkampf ziehen. Foto: Sven Teschke/Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0)

Stochs Parteifreund Claus Schmiedel, Fraktionschef der SPD im Landtag, erwartet eine Ausweitung der Schulen mit G9 bis zur Landtagswahl. «Ich persönlich rechne damit, dass wir noch in dieser Wahlperiode den Deckel von 44 Gymnasien lupfen», sagte Schmiedel den «Stuttgarter Nachrichten». Stoch hingegen glaubt nicht daran, versicherte er am Donnerstag. Neben den 44 G9-Schulen gebe es viele weitere Angebote für eine verlängerte Schulzeit, an den beruflichen Gymnasien und den Gemeinschaftsschulen. Diesen würden weitere Gymnasien mit neunjährigem Abitur unnötig Konkurrenz machen, sagte Stoch bei der traditionellen Pressekonferenz zum Schulstart.

Dabei sieht Stoch die Schulen im Land gut gerüstet: Alle Schulen seien «sehr gut mit Lehrern versorgt». Es gebe positive Rückmeldungen von Schulen und Schulverwaltung. Zusätzliche Stellen seien bereitgestellt, etwa für die Integration behinderter Kinder in die allgemeinen Schulen (Inklusion), für den Ausbau der Ganztagsschulen sowie für Vorbereitungsklassen für Einwanderer und Flüchtlinge. Die Schulen seien so gut ausgestattet, dass es gelingen sollte, auch über Jahre aufgelaufene Überstunden weiter zu reduzieren.

Hilfreich sei es da sicher gewesen, dass die Landesregierung kurzfristig auf die vollständige Streichung von 1200 Stellen verzichtet habe. So wurden jetzt nur 363 Stellen gestrichen, wobei die Lehrergewerkschaft GEW betonte, die grün-roten Pläne für das Bildungssystem vertrügen gar keine Stellenstreichungen.

Stoch kündigte an, beim Stellenabbau angesichts sinkender Schülerzahlen und neuer Aufgaben in den nächsten Jahren quasi auf Sicht zu fahren und sich eng am tatsächlichen Bedarf zu orientieren. Neue Prognosen für die nächsten Jahre wollte er nicht abgeben. 96 000 Kinder sehen in diesen Tagen ihrem ersten Schultag entgegen, im Jahr 2000 gab es im Südwesten noch 113 000 Schulanfänger.

Mit der Debatte um G8 und G9 kocht ein alter, grün-roter Konflikt wieder hoch: Denn die Landesregierung hat eigentlich vereinbart, bis zum Ende der Legislatur an dem Thema nichts ändern, ab 2016 aber möglicherweise Korrekturen anbringen zu wollen. Diese Linie hat – im Gegensatz zu Schmiedel – bislang auch Stoch vertreten. Die Grünen sind gegen eine Ausweitung von G9. Stoch kündigte an, in seiner Partei vor dem nächsten Wahlkampf dafür zu werben, dass die SPD nicht wieder wie 2011 mit der Forderung nach einer Wahlfreiheit zwischen dem Turbo-Abi G8 und G9 antritt.

Dagegen erklärte Schmiedel: «Im Herbst wird das Thema in Bayern virulent, die CSU wird vermutlich zusammen mit der SPD das neunjährige Gymnasium wieder flächendeckend einführen.» Dann sei Baden-Württemberg umzingelt von Ländern, die es anders machten. «Unsere Koalition wäre gut beraten, da nicht hinterherzuhinken.» Schmiedel sprach sich dafür aus, G9 flächendeckend anzubieten. «Für diese Wahlperiode reichen uns die gesetzlichen Möglichkeiten einer Versuchsschule – das wären bis zu 120 Schulen.»

Das sogenannte Turbo-Abitur in acht Jahren (G8) war noch unter der damaligen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) in Baden-Württemberg eingeführt worden. Jedoch wird das G8 mittlerweile auch in der CDU hinterfragt. So hatte sich CDU-Landeschef und mögliche Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Thomas Strobl, dafür ausgesprochen, dass Schüler künftig zwischen dem acht- und neunjährigen Gymnasium im Südwesten frei wählen können sollten.

Eine vollständige Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium wird es aber nach den Worten von Fraktionschef Peter Hauk auch mit der CDU nicht geben. Die Fraktion diskutiere zwei Möglichkeiten: «Entweder, wir bleiben beim G8. Oder es wird G9 angeboten – aber sicher nicht ab Klasse fünf», sagte Hauk der dpa. Es sei eine Flexibilisierung in der Oberstufe denkbar oder eine Unterscheidung zwischen dem acht- und neunjährigen Abitur zum Ende der Mittelstufe. «Es gibt auf alle Fälle in den ersten Jahren einen gemeinsamen Unterricht», sagte er. Insgesamt habe sich G8 bewährt. «Es gibt kein Indiz dafür, dass das Abitur mit G8 schlechter wäre.» (Bettina Grachtrup und Roland Böhm, dpa)

zum Bericht: Für Kretschmann geht mit dem neuen Schuljahr der Ärger wieder los: Die GEW trommelt gegen Abbau von Lehrerstellen

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