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Experte zur Inklusion: „Lehrer befinden sich in einem beinah unauflöslichem Dilemma“

HALLE. Die perfekte und immer funktionierende Methode, wie Inklusion im Unterricht gelingen kann, gibt es nicht. Das sagt Inklusionsforscherin Ines Boban von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Interview. Lehrer befänden sich in einem beinah unauflöslichem Dilemma.

N4T: Spricht man über das Thema Inklusion in der Schule, gibt es kaum jemanden, der das grundsätzlich nicht gut findet. Doch die Aber folgen schnell. Welche hören Sie am häufigsten?
Boban: Stimmt, theoretisch eine gute Idee, ABER praktisch nicht umsetzbar, denn: ‚Menschen sind als solche nun mal Egoisten‘, ‚Kinder können so grausam sein‘, ‚Die Ressourcen stimmen nicht‘, ‚Die Politiker wollen nur sparen‘, ‚Das ist alles nicht so einfach‘. So und ähnlich fielen Reaktionen aus, als es vor rund 30 Jahren um die ersten Integrationsklassen ging. Da sagte ein aufgebrachter Gegner dieses Anliegens in Hamburg: „Sie wollen wohl mit unseren Kindern experimentieren!?“ Ich meinte damals bereits, dass das ganze Leben ein einziges Experiment sei – egal, wie wir was anlegen, es bleibt ein Versuch.

N4T: Viele Pädagoginnen und Pädagogen befürworten Inklusion. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sie sie im Unterricht umsetzen können?
Boban: Die Kolleginnen sind tatsächlich in einem beinahe unauflöslichen Dilemma: Inklusion ist hierzulande zu dem Thema geworden, nachdem Juristen quasi daran erinnert haben, dass es zu den Menschenrechten gehört, Anspruch auf ‚qualitativ hochwertige Bildung‘ zu haben. Was die Juristen nicht ausführen, ist, was denn unter einer qualitativ hochwertigen Bildung genau zu verstehen ist. Diesen Ball haben sie den Lernbegleiterinnen in Kitas und Schulen einfach mal so eben quergepasst. Und da dribbeln sie – zuweilen ratlos, zuweilen kreativ, je nachdem, wie ihr Team bisher im Spiel war – mit eben diesem Ball herum und suchen einen Anspielpartner in der Politik.

Werbeplakat der Aktion Mensch zum Thema Inklusion. Foto: Aktion Mensch

Werbeplakat der Aktion Mensch zum Thema Inklusion. Foto: Aktion Mensch

N4T: Und finden ihn nicht?
Boban: Zu Toren, sprich wirklicher Inklusion, kann es nur kommen, wenn die Spielregeln sich sehr grundsätzlich und für alle Beteiligten so ändern, dass Schulen aufhören, Orte der Selektionslogik und der Segregationspraxis zu sein. Da aber machen die Verantwortlichen noch nicht wirklich mit. Sie denken, es ginge nur darum, sozusagen mit etwas Schaum vom Schiedsrichter die bisherigen Regeln zu modifizieren und auch Kinder, die bisher draußen bleiben mussten, nun am allgemeinen Wettbewerbsringen teilnehmen zu lassen. Klar können wir im bereits bestehenden Spiel mehr oder weniger Fouls zulassen, fairer miteinander umgehen, achtsamer einander zuspielen etc. Aber wenn die Grundidee des gesamten Spiels auf Siegen und Niederlagen beruht und also weiterhin Selektionsmechanismen bedient werden, wie Zensuren, Vergleichsarbeiten, Tests, Jahrgangsklasse mit Sitzenbleiben etc., ist es anachronistisch, innerhalb dieses Tangos auch noch andere Tänze wagen zu wollen. Genaugenommen ist es mehr als anachronistisch, immer noch an diesen überkommenen, jahrhundertealten Modalitäten festzuhalten. Und eben deshalb, weil die Sehnsucht vieler Pädagoginnen schon lange dahin geht, sich den Menschen unterstützend und weitend, statt gängelnd, einengend, kategorisierend und sortierend zuzuwenden, stellen sich immer mehr Kollegen aktuell der Herausforderung, im Bestehenden, noch Unpassenden, bereits mehr von der menschenrechtsbasierten Logik zu realisieren. Sie jonglieren mit den Dilemmata.

N4T: Gibt es die Methode schlechthin, wie Inklusion im Unterricht gelingen kann?
Boban: Nein! Mir gefällt die Kombination ‚Methode schlechthin‘! Was genau ist eine ‚Methode‘? Es gibt jedoch eine ganze Menge Ansatzpunkte, was zu eher inklusiven Prozessen führt und wie es eher zu Exklusionstendenzen kommt. Zentral ist, welche Lernmöglichkeiten eine Schule bietet – weg von frustrierendem und stressigen Arrangements, bei denen Schülerinnen vor allem defensiv auf die Anforderungen von Lehrerinnen reagieren, hin zu Möglichkeiten, bei denen Schüler ihren eigenen Fragen nachgehen und in sie expansiv eintauchen können. Und je nachdem, wo eine Bildungseinrichtung startet, knüpft sie an Kulturen, Strukturen und Praktiken an und baut entsprechend auf und aus.

N4T: Verstehen Sie die Sorgen von Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung oder Behinderung, ihr Kind könnte in einer allgemeinen Schule untergehen?
Boban: Natürlich. Sie sind zur Zeit DIE SEISMOGRAPHEN des Dilemmas, die anzeigen, dass es nicht unwahrscheinlich ist, in einem auf Wettbewerb und Normalverteilungskurven hin orientierten und damit auch immer latent orientierenden System mit Frust und Stress ‚untergehen‘ zu können. Aber nicht nur ihretwegen gilt es diese ‚Spielregeln zu ändern‘ – auch die sehr eloquenten und anpassungsfähigen Schüler könnten sich anders entfalten, wenn wir Schulen zu Orten der vielen Talente und Interessen machen, statt eine Engführung zu zählbaren Ergebnissen zu choreografieren.

N4T: Wie muss sich die Lehreraus- und -fortbildung mit Blick auf Inklusion verändern?
Boban: Massiv, bzw. je nachdem, wie weit wir dabei schauen. Ändern wir konsequent – um nicht zu sagen ‚radikal‘ – unsere Schulpraxen, weil wir das Schulsystem auf der Grundlage der Menschenrechte zu einem inklusiven umgestalten, dann hat dies andere Folgen, als wenn wir meinen, wir könnten den Status quo unberührt lassen und darin ein paar etwas inklusivere Momente schaffen.

N4T: Ist Schule nicht überfordert, eine Inklusion voranzutreiben, die in der Gesellschaft längst noch keine Normalität ist?
Boban: Schulen sind bislang die Orte, an denen Menschen einer Gesellschaft zusammentreffen – pflichtgemäß. Wenn eine Gesellschaft sich erlaubt, Menschen zu verpflichten, zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenzukommen, dann muss es hier um etwas sehr Kostbares gehen: Vermittlung und Neugestaltung. Und jetzt kommt die berühmte Frage: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ Soll Schule nur spiegeln, wo wir herkommen und warum wir an dem Punkt der Geschichte sind, oder kann sie auch ein Experimentierfeld dafür sein, wie Gemeinschaften, also auch Gesellschaften sein können – wenn sie versuchen, den Menschenrechten zur Verwirklichung zu verhelfen. “ Das Interview führte Stephan Lüke/Klett-Themendienst.
Zur Person
Ines Boban ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Philosophische Fakultät III – Erziehungswissenschaften.
Aktuelle Tätigkeits- und Forschungsschwerpunkte: Inklusive Pädagogik im internationalen Kontext, Berufsbegleitender Erweiterungsstudiengang Integrationspädagogik und ehem. Lehrerin an der Gesamtschule Winterhude in Hamburg sowie Mitherausgeberin des Index für Inklusion (2003, 2015).

34 Kommentare

  1. Die Frau benutzt dauernd die weibliche Form. Ich fühle mich massiv diskriminiert, schmunzel.

    „Die Kolleginnen sind tatsächlich in einem beinahe unauflöslichen Dilemma: … .“

    • Positiv formuliert meint vielleicht in erster Linie die Grundschulen, negativ formuliert ist sie dem Gender-Wahn verfallen. Den wirklichen Selektionsdruck gibt es erst in den weiter führenden Schulen, wo auch die Pubertät aller Schüler (bewusst männlich formuliert aber als geschlechtsneutraler Personenkreis gemeint) als zusätzliche „Herausforderung“ hinzukommt.
      Irgendwie predigt die Frau eine vollständige Gleichmacherei aller Menschen. Problem ist nur, dass nicht jeder Mensch ein guter Arzt, Mechatroniker, Gebäudereiniger, Maschinenbauer (alles m/w) werden kann. Ein gewisses Talent muss es dafür jeweils geben und dieses zu entdecken wird in einem auf niedrigem Niveau eingependelten Einheitsbrei sehr schwierig.

      • Du lieber Himmel,
        hört denn diese feministische Wortklauberei nie auf?
        Ehrlich, dieses ständige „-Innen“ (und vielleicht auch -„außen“ – hihihi) geht mir gewaltig auf die Nerven.
        Ich gehe zum Metzger um mein Fleisch zu kaufen und nicht zur Metzgerin, nur weil dort zufällig eine Frau verkauft. Desgleichen beim Bäcker …
        Demnächst begrüße ich beim Elternabend die Herrschaften so: Liebe Elterinnen und Eltern …. (Frei nach Uli Steins Karikatur) und meine Schüler-Innen mit: „Liebe Kinderinnen und Kinder“. Da treibt langsam die „Gleichberechtigung“ Blüten…
        Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes mögen mir die Kritik verzeihen, die Leserinnen und Leser dieser Zeilen auch, und die Schreiberinnen und Schreiber bitte ebenfalls. Nicht zu vergessen die Kritikerinnen und Kritiker, die Befürworterinnen und Befürworter dieses eigentlichen Themas hier. Sorry, das musste mal raus … und ich kenne viele Frauen, denen es wie mir ergeht!

        • Ich stimme Ihnen zu.

          Lassen Sie aber einfach mal die Begrüßungsrituale bei den Grünen, der SPD und den Linken an Ihrem geistigen vorbeilaufen. Ohne -innen geht da gar nichts mehr.

          Liebe Freundinnen und Freude (Grüne)
          Liebe Genossinnen und Genossen (SPD/Linke)

          Zumindest hinsichtlich der Begrüßung brauchen die Genossinnen/Genossen der SPD in Sachsen-Anhalt nichts Neues zu lernen.

  2. Frau Boban sagt: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ Soll Schule nur spiegeln, wo wir herkommen und warum wir an dem Punkt der Geschichte sind, oder kann sie auch ein Experimentierfeld dafür sein, wie Gemeinschaften, also auch Gesellschaften sein können – wenn sie versuchen, den Menschenrechten zur Verwirklichung zu verhelfen. ”
    Dass inklusives Lernen kein Menschenrecht ist und auch von der UNO zu keinem gemacht wurde, ist hier schon mehrmals festgestellt worden. Entweder weiß Frau Boban es noch immer nicht besser, oder sie versucht es erneut mit dem bewährten Bauerntrick.
    Noch schlimmer ist aber die Werbung für die Schule als Experimentierfeld für die Zukunft unserer Gesellschaft. Dass die Schule schon seit Jahrzehnten unter den Experimenten verschiedenster Kurpfuscher – genannt Experten – leidet, ist nichts Neues. Dass nun aber am Nachwuchs die Zukunft unserer Gesellschaft ausprobiert werden soll, ist anmaßend und menschenverachtend.
    Wie ideologisch verbohrt und bar jeden Realitätssinns müssen Ideologen sein, wenn sie sich nicht mehr vorstellen, dass Experimente auch nach hinten losgehen ganz andere Folgen haben können als die erträumten? Das gehört nun mal zum Sinn und Wesen von Experimenten.
    Welcher Schaden ist dann entstanden und wie soll das Riesenrad zurückgedreht werden, das in Gang gesetzt wurde?
    Solche Fragen lagen wahrscheinlich gar nicht erst auf dem Gebetstisch der Gläubigen.

  3. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören, alle wollen, keiner kann und alle tun so, wie wenn sie es erst seit gestern wüssten… und was noch viel schlimmer ist, wer berichtet denn mal über die Kinder die jeden Tag darunter leiden müssen? Vielleicht sollte das mal jemand tun. Jeder kann sich mal gerne eine Petition durchlesen, die ich für meinen Sohn gestartet habe. Lest euch diese mit den Kommentaren mal durch… und das ist Alltag! http://chn.ge/1Cwe7gX?share_id=rwmCJXYcJe

  4. „Dass inklusives Lernen kein Menschenrecht ist und auch von der UNO zu keinem gemacht wurde, ist hier schon mehrmals festgestellt worden. Entweder weiß Frau Boban es noch immer nicht besser, oder sie versucht es erneut mit dem bewährten Bauerntrick.“

    Frau Prasuhn, richtig, die Belege liegen vor. Ich frage mich aber schon recht lange, warum das bisher von niemandem aufgenommen wurde.
    Auch Nina Braun geht in ihren Kommentaren zur Inklusion wie selbstverständlich davon aus, dass sich Deutschland verpflichtet hat, die Inklusion umzusetzen.
    Wenn es stimmt, was Sie schreiben, und was ich auch glaube, ist die Inklusion in Deutschland das Produkt einer Desinformation oder gar einer Lüge. Es kann doch nicht sein, dass die rechtlichen Voraussetzungen für so weitreichende schulpolitische Veränderungen nicht stimmen! Ein unvereingenommener Beobachter fragt sich zwangsläufig: „Ja, was stimmt denn nun?“

    • Lieber „mehrnachdenken“,

      Nina Braun geht vom Text der von Deutschland ratifizierten Behindertenrechtskonvention aus. Darin heißt es (Art. 24) wörtlich: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen …“ Und ein Förderschulzwang, wie er früher für einzelne Kinder bestand, ist – Interpretationsmöglichkeiten hin oder her – ganz sicher kein „integratives Bildungssystem“.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek
      Herausgeber News4teachers

      • Lieber Herr Priboschek,

        vielen Dank für Ihre Antwort.
        Sie wissen aber auch, dass die Konvention interpretierbar ist. Ich kann nicht im Namen von Frau Prasuhn schreiben, aber ich gehe fast davon aus, dass sie mit „mehrfach festgestellt worden“ evtl. diesen Link meint.

        http://www.elternverein-nrw.de/inklusion/un-konvention-gutachtl-aeusserung%202011-4.pdf

        Beste Grüße
        mehrnachdenken

        • Lieber „mehrnachdenken“,

          natürlich ist die Konvention interpretierbar – aber nicht in dem Sinne des vom Elternverein NRW veranlassten Gutachtens. Darin werden der englische Originaltext der UN-Behindertenrechtskonvention analysiert und die darin verwendeten Begriffe interpretiert. Gesetzeskraft für Deutschland hat aber die deutsche Übersetzung mit o. g. Artikel 24. Und darin ist nun mal von einem „integrativen Bildungssystem“ die Rede – und das ist kaum mit „Sonderschulen“ alter Prägung vereinbar. Sorry, aber das hat der deutsche Souverän am 13. Dezember 2006 so entschieden.

          Herzliche Grüße
          Andrej Priboschek
          Herausgeber News4teachers

  5. Interessant. Hier ist also schon mehrfach festgestellt worden, dass inklusives Lernen (Inklusion?) kein Menschenrecht sei. Wo ist „hier“ und wer mit welcher Legitimation dies festgestellt?
    Spannend auch die Beobachtung, dass immer dieselben Leute ein Hohelied auf das ach so überlegene vielgliedrige Schulsystem im Bildungssiegerland D singen. Ab welchem Zeitpunkt wurde denn das gute alte Schulwesen von Kurpfuscher in Mitleidenschaft gezogen? Welche Gedanken verführen zu Formulierungen wie „Dass nun aber am Nachwuchs die Zukunft unserer Gesellschaft ausprobiert werden soll, ist anmaßend und menschenverachtend“?
    Welche Alternativen führen die „Bewahrer des Altbewährten“ für die aus der Praxis schon lange formulierten Veränderungsnotwendigkeiten im System Schule an? Reicht der Hinweis „Bloss keine Experimente!“ und „Wir brauchen alte, intakte Familienstrukturen, damit beschulbare Kinder in die Schulen kommen!“ als Lösung aus?
    Anders ausgedrückt:
    Könnten die Prasuhns dieser Seiten vielleicht einen/ihren Gegenentwurf zu dem verpfuschten Schulsystem vorstellen?
    Wäre m.M.n. spannend. Danke.

    • Hinsichtlich der Skepsis gegenüber der Inklusion ist bei N4t hoch und runter diskutiert worden. Unter dem Stichwort „Inklusion“ finden Sie eine Menge Lesermeinungen.
      Was die rechtliche Seite anbelangt, lesen Sie bitte den Link für Herrn Priboschek. Empfehlen möchte ich Ihnen auch die Kolumne von Jan Fleischhauer „Übergang in eine neue Welt“ bei SPIEGEL ONLINE.

    • Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, ist ein erfreulich kritischer Mann, der sich wohlwollend abhebt von vielen so genannten Experten, die über „Bildung“ daher reden oder passt der Ausdruck „schwafeln“ besser?
      Ich weiß, für linke Bildungs – Ideologen ist H. Kraus geradezu ein Lehrer aus der Vergangenheit, der mit seinen Argumenten nicht in unsere Zeit passt. Gerade weil sich aus dem linken Lager so viele an ihm „reiben“, finde ich den Schulleiter sehr sympathisch!!
      Ihn möchte ich zu Wort kommen lassen. Dann wisssen Sie, was meiner Meinung nach im Bildungsbereich alles schief läuft.

      http://www.lehrerverband.de/internat.htm

    • Milch der frommen Denkungsart

      Ich bin kein Jurist, weshalb ich die Exegese der UN-Behindertenkonvention jenen überlasse, die dazu qua Aus-bildung berufen sind oder sich dazu emotional berufen fühlen.

      Freilich will ich dem polemischen – und ich halte zugespitzten Meinungsstreit für völlig legitim – Auskunftsbegeh-ren des „Lernenden“ gerne nachkommen, wenn auch in ebenso kontroverser Verkürzung.
      Der Sündenfall begann meines Erachtens in dem Moment, als die Sozialromantik in die Schulen einzog:

      Der Glaube, man könne jeden zu allem begaben; die Diffamierung des Leistungsgedankens durch die perfide Vokabel „Selektion“; ein Erziehungsprinzip, wonach Jugendliche mit ihren Eltern und Lehrern auf gleicher Au-genhöhe stünden; die Verunglimpfung eines normativen Verhaltenskodex als angeblichen Galgenstrick für die Individualentfaltung; der Kampfbegriff „Notenterror“; die Gleichsetzung von „Fleiß“ und „Anstrengung“ mit
      „Stress“ und „Druck“; das Falschplacement des „Förderns“ vor dem „Fordern“; die Irrlehre, die Schule müsse soziale Ungleichheiten nivellieren können; das Mantra, die Deutschen müßten ein Volk von Gymnasiasten und Akademikern werden (einhergehend mit mathematisch zwingender Qualitätserosion).

      Daß die Schule diesbezüglich freilich nur ein Spiegelbild nicht nur politischen Versagens darstellt, sondern auch erzieherischer Unfähigkeit – gewollter wie ungewollter (und zwar quer durch alle Schichten und Ethnien in die-ser „Bildungsrepublik“) -, will ich nochmals unterstreichen.

      Das Gymnasium, das ich durchlaufen habe, war beileibe nicht idealtypisch; so unvollkommen und schwächen-behaftet wie jenes, in dem ich heute noch gerne unterrichte. Doch eines bleibt wahr: wie jeder moderne Staat der Bringschuld unterliegt, Bildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten anzubieten, muß sich andererseits der Konsument seiner Holschuld bewußt sein, der nachzukommen aber eben bisweilen anstrengend ist.
      Diese Tatsache jedoch wieder in unserer leichtlebigen „fun-Gesellschaft“ zu verankern, ist die verdammte Pflicht aller hierfür relevanten Gruppen.

      • Dieses und noch viel mehr sagt ebenfalls J. Kraus.
        Ich weiß jetzt nicht, ob Sie den Link gelesen haben. Es lohnt sich auf jeden Fall, wenn auch nur, um die eigene Meinung von einem ECHTEN BILDUNGSEXPERTEN bestätigt zu bekommen.

        Das Gutachten zur UN-Konvention ist von einer Juristin für den Elternverein erstellt worden.

    • einlernender, nun ist in verschiedenen Kommentaren bereits eine Menge über unser Schulsystem geschrieben worden, das nicht nur meiner Meinung nach in die GANZ FALSCHE RICHTUNG läuft.

      Was halten Sie davon, sich dazu mal wieder zu melden?

  6. In der ganzen Inkulsionsdebatte werden viel zu viele Dinge völlig vermischt. Das Plakat der Aktion Mensch finde ich in dem Zusammenhang völlig daneben. Es gibt für mich mindestens 4 Gruppen, die man sauber treffen sollte:

    Gruppe 1: Die schwer körperlich Behinderten
    Kinder, die stark eingeschränkt sind in ihren Sinnen oder in der Bewegung. Diese Gruppe gehört an reguläre Schulen. Ich selbst hab die Erfahrung gemacht mit einem Jungen, der kaum sehen konnte, die Tafel nur mit Hilfe einer Kamera und extremer Vergrößerung sah. Oder einem gelähmten Jungen, dessen Schulbegleiter für ihn geschrieben, gemeldet, usw hat. Dies muss möglich sein in unserer Gesellschaft und das sollte jeder Kollege händeln können.

    Gruppe 2: Die schwerst körperlich Behinderten
    Meine Grenze dürfte bei völlig Erblindeten oder gehörlosen Kindern erreicht sein. Wenn ich nicht mehr (weitgehend) normal kommunizieren kann, keine Arbeitsblätter oder Tafelanschriebe mein machen kann, bin ich persönlich mit meinen Möglichkeiten am Ende.

    Gruppe 3: Die geistig Behinderten
    Hier ist es schwierig und sicher eine Einzelfallabwägung. Viele dieser Kinder sind meiner Meinung nach bei speziell ausgebildeten Kollegen besser aufgehoben. Bestes Beispiel: Der Junge mit Down-Syndrom, der an ein (für solche Fälle völlig unvorbereitetes) Gymnasium wollte. Was soll das? Das hilft keinem!

    Gruppe 4: Die Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten
    Wenn Einzelne den Unterricht für die ganze Klasse unmöglich machen oder massiv behindern, dann nimmt man den anderen Kindern ihre Chancen. Das geht nicht!

    Daher auch meine Kritik an dem Plakat. An meiner barrierefreien Schule hatte ich schon eine Reihe von körperlich beeinträchtigen Kindern, für mich ist das in Grunde schon seit Beginn meiner Lehrertätigkeit Alltag. Bei den anderen drei Gruppen ist die ganze Diskussion eine für wirklichkeitsfremde Juristen und Namenstänzer.

    • Danke für Ihre differenzierte Klarstellung. Ich teile sie voll und ganz.

      • Auch genau meine Meinung. In den blumigen Pressemitteilungen der Politik wird stets über Gruppe 1 geschrieben, vor vollständig Gehör-, Sprachlose sowie Blinde Schüler lassen sich ggf. noch technische Lösungen oder persönliche Gebärdendolmetscher organisieren (vorausgesetzt sie werden bezahlt). Gruppe 3 und 4 sind im Einzelfall zu entscheiden nach den Kriterium Schulabschluss für den Schüler und Unterrichtbarkeit der restlichen Klasse. Daher sind Schüler der Gruppen 3 und 4 sehr häufig nicht in großen Regelklassen unterrichtbar.

        Mehrfach behinderte Menschen gehören halt mehr als einer dieser Gruppen an und für jede Gruppe muss dann die Eignung für die vorgesehene Klasse geprüft werden.

    • … man muss sich doch nur ansehen wie es andere Länder machen in denen es funktioniert… was sollen wir denn ihrer Meinung nach mit den ganzen Kindern machen die ADHS, Autismus usw. haben… Stecken wir diesen Verhaltensauffälligen Kindern alle in eine Klasse und sagen, ok, dann können wenigstens die gesunden Kinder in Ruhe lernen? Ich bitte sie, wir könnten ja nach ihrer Meinung auch schon in der der Grundschule unterscheiden zwischen normal und weniger normal intelligenten Kinder… dort zählt das doch auch, ein weniger intelligentes gesundes Kind bremst die intelligenteren Kinder aus…

      Ganz ehrlich, ich finde ihre Argumentation völlig fragwürdig.

      • Milch der frommen Denkungsart

        @danny: in jenen Ländern, wo die Inklusion angeblich so vorbildhaft funktioniert, etwa Finnland und Spanien, gibt es weiterhin „Förderklassen“, die in die Regelschulen integriert – Sie würden wohl bevorzugen: versteckt – sind; im Vorzeigeland Italien wiederum kommen auf einen gehandicapten Schüler zwei Unterstützungslehrer, ein finanziell unterfütterter Luxus, den wir in Deutschland realiter niemals genießen werden.
        Im übrigen halte ich es für fragwürdig, daß Sie Frau Prashun indirekt einen Hang zum Sozial-darwinismus unterstellen.

        • „Sozial-Darwinismus“ ist auch so ein Totschlagsargument, mit dem die Inklusionisten liebend gern zuschlagen. Diffamierung Andersdenkender gehört anscheinend zum Geschäft.

  7. @einlernender
    Ja, ich bin für ein gegliedertes Schulsystem – nicht für ein „vielgliedriges“, wie Sie behaupten, sondern ganz bescheiden für ein erprobtes dreigliedriges oder notfalls auch zweigliedriges, in jedem Fall aber mit zusätzlichen Sonderschulen.
    Diese sind zwar kostenintensiv und darum der politischen Führung ein Dorn im Auge, doch sie können geistig behinderte Kinder weit besser fördern als Einheitsschulen mit ihren gewohnt großen Klassenstärken. Überdies verstehen spezialisierte Lehrer, die den ganzen Tag über mit behinderten Kindern zu tun haben, weit mehr von dieser Aufgabe als andere Lehrer oder unausgebildete, schlecht bezahlte Lernbegleiter. Zwar erhalten behinderte Kinder auch an Regelschulen Hilfe durch Spezialkräfte, allerdings nur noch in wenigen Einzelstunden pro Woche. Mehr ist nicht drin und darf auch nicht drin sein, damit das Inklusionsprinzip in der Praxis nicht ausgehebelt wird.
    Es mag Sie erstaunen, dass ich mich als Anhängerin eines integrativen Unterrichts verstehe und verstehen muss, weil dieser auch zum gegliederten Schulsystem gehört. Oder meinen Sie, dass hier alle Schüler in Wesen und Begabung identisch seien? Sie sind es bekanntlich nicht, allerdings klaffen hier die Unterschiede nicht so weit auseinander, dass ein gemeinsamer Unterricht zum täglichen Kampf gegen das Chaos wird.
    Noch ein Wort zur Nicht-Ausgrenzung und Beglückung behinderter Kinder durch die Inklusion: Wie so vieles gehören hehre, aber leere Begriffe zum bewährten Vokabular der Lobbyisten. Natürlich findet weiterhin Ausgrenzung statt – sogar in verschärfter Form. Allerdings spielt sich diese nicht mehr vor den schützenden Schultoren ab, sondern innerhalb der Gebäude. Auf Schritt und Tritt erfahren behinderte Kinder jetzt, dass sie Sonderlinge sind, die auf süßliche Weise anders behandelt werden als die Mitschüler, an vielem nicht teilnehmen können und zeitweise den Klassenraum verlassen müssen, weil es dafür Gründe gibt, die andere nicht betreffen.
    Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, wie die Erlebniswelt behinderte Kinder in Regelschulen täglich aussieht.
    Warum die Anhänger von „Eine Schule für alle“ ihre Vorstellungskraft in diesem Punkt lieber nicht gebrauchen und konsequent „ausgrenzen“, wirft mehr als nur Fragen auf.

    • Frau Prasuhn, sind Sie bitte noch so nett und beantworten die Frage von „einlernender“, die Inklusion betreffend.
      Ich habe versucht, ein wenig „Licht ins Dunkel“ zu bringen, aber nun gibt es das Gutachten vom Elternverein und die Argumentation von Herrn Priboschek. Da herrscht offenichtlich keine Übereinstimmung.

  8. @ mehrnachdenken und einlerner
    Da die UN-Konvention offenbar verschiedene Auslegungen zulässt, wird die Legitimitätsfrage immer müßiger.
    Denken Sie an das geflügelte Wort „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“. Es besagt, dass jeder vor der Justiz auf die Auslegung und Anwendung geschriebener Rechte und Gesetze durch den urteilenden (unparteiischen!) Richter angewiesen ist.
    Auf die UN-Konvention übertragen bedeutet dies: Weder die Inklusionsbefürworter noch die -gegner können von ihr mit Sicherheit die Legitimierung ihres Standpunktes ableiten.
    Für die Inklusionsgegner ist das kein Problem. Ihre Einwände waren immer sachlicher Natur und sie versuchten nie, im Meinungsstreit Oberwasser zu gewinnen durch den Verweis auf höhere Befehle.
    Dabei sollten sie es auch belassen und sich gar nicht mehr auf ein Hin und Her über die UN-Konvention einlassen. Ein kurzer Verweis darauf, dass diese auch anders ausgelegt werden kann, verbunden mit einem passenden Link, sollte genügen.
    Von Diskussionen über die Aussage der Konvention profitiert nur die Inklusionslobby, weil sachliche Argumente – bei denen sie schwach auf der Brust ist – weiterhin aus dem Mittelpunkt gerückt und unwichtig gemacht werden.

  9. @ mehrnachdenken
    Danke für Ihren Hinweis. Er bringt Licht ins Dunkel der Gesetzeslage und erspart weitere Vergeudung von Kraft und Zeit für Mutmaßungen.
    Darum auch von mir ein herzliches Dankeschön an Herrn Priboschek für die Klarstellung.
    An meiner Meinung zur Inklusion ändert das wenig. Dazu bräuchte es mehr als nur den Verweis auf die Gesetzeslage. Ich kann und muss sie respektieren, bin aber nicht verpflichtet, sie auch noch gut zu finden und zu loben.
    Im Moment beschäftigt mich die Frage, ob ein gesetzliches Recht durch politische Handhabung sukzessive zur Pflicht gemacht werden darf. Ich denke da an die rasant fortschreitende Auflösung der Förderschulen, die es Eltern immer schwerer macht, ihr Kind noch auf eine Sonderschule zu schicken. Siehe diesen Fall:
    http://www.news4teachers.de/2014/05/mutter-fordert-von-nrw-schulministerin-erhalten-sie-die-foerderschulen/
    Dass Rechte durch die Hintertür zur Pflicht gemacht werden dürfen, würde mich doch sehr wundern und an der Legitimität ihrer Umsetzung zweifeln lassen. Auf die Wahrnehmung von Rechten muss man m. E. auch verzichten dürfen.
    Ähnlich wie „Milch der frommen Denkungsart“ vermute ich, dass nach anfänglicher Begeisterung der Eltern für die Inklusion spätestens dann Ernüchterung eintritt, wenn genügend Erfahrung gemacht wurde mit dem Schulalltag einer Inklusions-Klasse.
    Weil mir die Passage des betreffenden „Milch …“-Kommentars so gut gefallen hat, sei sie hier noch einmal wiederholt:
    „Also muß man kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß allein der konzertierte Elternprotest auch dieses Hals über Kopf aufoktroyierte Projekt wieder zu Fall bringen dürfte, wenn diese an ihren eigenen Kindern verspüren werden, daß eine Inklusion ohne Augenmaß den Unterricht zur Betreuung verkommen läßt, wo er zuvor der Belehrung diente, und letztlich alle (!) Schüler defizitär zurückläßt …“

    • Es gibt keine Begeisterung „der Eltern“ (im Sinne aller Eltern) für die Inklusion.

      Es gibt eine kleine Gruppe von Eltern, die das Recht auf inklusive Beschulung für ihre Zwecke bzw. Vorstellungen von Inklusion missbrauchen. De facto ist die zahl von Kindern mit „Unterstützungsbedarf“ an regelschulen eher gering. Es machen folglich nur wenige Eltern Gebrauch von der Regelung. Viele Eltern behinderter Kinder sehen weiterhin die Förderschulen als bessere Alternative innerhalb des Bildungssystems.

      Leider fehlen aber auch ohne die Möglichkeit derinklusiven Beschulung an Regelschulen Die ausreichend hohen Anmeldezahlen an Förderschulen infolge des demographischen Wandels. Des Weiteren sind die Möglichkeiten für Lehrkräfte an Regelschulen beschnitten worden, den Förderbedarf von Schülern feststellen zu lassen. Da die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfes von Regelschülern nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Eltern eingeleitet werden darf, gibt es ohnehin schon sehr viele Schüler ohne amtlichfestgestellten Förderbedarf in den Regelklassen.

      Das eigentliche Problem ist also, dass die „Poliitik“ nicht die für eine halbwegs erfolgreiche Umsetzung des Inklusionsgedankens benötigten Ressourcn zur Verfügung stellt. Was nutzt ein A380, wenn es keine entsprechend angepassten Flughäfen gibt? Oder warum kann ein A380 ind PAD nicht landen?

  10. Mit wachsendem Interesse verfolge ich die hier m. E. sehr professionell geführte Inklusionsdebatte. Dabei halte ich es mit Frau Prasuhn, die sagt, „man muss es (zunächst!) respektieren, jedoch ohne Verpflichtung zur vorbehaltlosen Anerkennung und Lobhudelei“ –
    Was mich umtreibt, ist die Frage: Das, was hier mit vielen tollen Formulierungen scharfzüngig, pädagogisch, enthusiastisch, empathisch und intellektuell zum Thema Inklusion (und möglicherweise auch anderorts) , diskutiert, festgestellt, zitiert, oder auch nur „gemeint“ wird …. liest das vielleicht irgendjemand der für diesen Murks „Verantwortlichen“? Falls ja: Kümmert die pädagogische Entrüstung irgendeinen? Wesentlich wäre doch, dass solche Inhalte wie hier denjenigen zur Kenntnis gebracht werden müssten, die glauben (hoffen,…) sie wüssten, was sie (den Kindern, den Eltern, den LehrerInnen an-) tun. Auf den „konzertierten Elternprotest“ warte ich mit Spannung – ich fürchte, der wird (leider) noch auf sich warten lassen, denn viele betroffenen Eltern glauben immer noch an die segensreichen Auswirkungen der Inklusion für ihre Kinder – die Gegenseite wird einfach überhört und ignoriert.

    • „Wer den Sumpf trockenlegen will, darf die dort lebenden Frösche nicht befragen.“

      Dieses spezielle Zitat zeigt doch deutlich, wie Dienstherren üblicherweise auf die Meinungen ihrer Bediensteten im Bereich Schule eingehen. Wofür gibt es noch einmal das Rechtsinstrument der [b]Remonstration[/b]?

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