Anzeige


Startseite ::: Politik ::: Stoch ist empört über Philologen – Riesenkrach um „sexuelle Vielfalt“ im Unterricht

Stoch ist empört über Philologen – Riesenkrach um „sexuelle Vielfalt“ im Unterricht

STUTTGART. Schamlos in Stuttgart? Das Thema sexuelle Vielfalt im Unterricht erregt seit Monaten die Gemüter in Baden-Württemberg. Nun treibt der konservative Landeschef des Philologenverbands den Streit auf die Spitze – der Kultusminister zeigt sich empört.

Offener Brief gegen den Philologenverband: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Sven Teschke / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Offener Brief gegen den Philologenverband: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Sven Teschke / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Nach seiner Kritik an einer angeblichen Pornografisierung des Schulunterrichts gerät der Landeschef des Philologenverbandes, Bernd Saur, unter Druck. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) warf Saur  in einem offenen Brief unverantwortlichen und unfairen Umgang mit dem Thema Akzeptanz sexueller Vielfalt vor. «Mit ihrem Kommentar tragen Sie wesentlich zu einer Verschärfung des öffentlichen Diskurses bei», schreibt Stoch, der auch oberster Dienstherr des Ulmer Gymnasiallehrers ist.

Saur hatte im «Focus» unter der Überschrift «Schamlos im Klassenzimmer» davor gewarnt, Kinder «nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, öffentlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen» auszusetzen. Stoch schrieb, er sei empört über Art und Weise der Kritik. Im Südwesten wird gerade ein neuer Bildungsplan erarbeitet. Er soll Lehrer dafür sensibilisieren, Toleranz gegenüber Unterschiedlichkeit von Menschen zu vermitteln. In konservativen Kreisen sorgt ein Arbeitspapier aus dem Kultusministerium seit Monaten für Aufruhr und Demonstrationen.

Der Bundeschef des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, nahm Saur in Schutz. «Den inhaltlichen Grundansatz teile ich», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. «Über die Wortwahl kann man streiten.»

Die SPD-Landtagsfraktion forderte den Vorstand des Philologenverbands in Baden-Württemberg auf, sich von Saur zu distanzieren und zu entschuldigen. Solange dies nicht geschehe, werde die Fraktion nicht mehr mit dem Verband reden, teilte Fraktionschef Claus Schmiedel mit. Es sei ein «beträchtlicher Schaden in der Öffentlichkeit» entstanden. Die Bildungsexpertin der Grünen, Sandra Boser, sagte: «Was Bernd Saur von sich gibt, ist ekelhaft.»

Saur, der als scharfer Kritiker von Grün-Rot gilt, hatte im «Focus» kräftig zugelangt: «Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellung oder die wichtige Frage «Wie betreibt man einen Puff» sollen in den Klassenzimmern diskutiert werden.»

Stoch meinte dazu: «Ich möchte Ihnen sagen, dass ich derartige Diktionen in einem öffentlichen Diskurs, in einem fachlichen schon gar nicht, bislang nicht erlebt habe.» Saur habe drastische Formulierungen gefunden, um seine Behauptungen zu untermauern und verschärfe damit die öffentliche Debatte.

Saur ist Mitglied im Beirat der Bildungsplankommissionen und hat in diesem Gremium laut Ministerium bislang keine Kritik geübt. Stoch betonte, Saur müsse durch dieses Amt wissen, dass die Frage der Toleranz im Konsens mit vielen anderen gesellschaftlichen Akteuren gefördert werde. «Es geht um die Frage, wie alle Menschen ohne Diskriminierungen leben können», erläuterte Stoch.

CDU-Landeschef Thomas Strobl sprach von einem von der Regierung selbst angerichteten Scherbenhaufen. Grün-Rot sei das Thema dilettantisch angegangen. «Es geht darum, Kindern und Jugendlichen Werte wie Toleranz zu vermitteln – das konnte Grün-Rot nicht deutlich machen, da ist Grün-Rot gescheitert.» Toleranz vermittele man Kindern und Jugendlichen am besten durch gutes Vorbild. «Diejenigen, die anderen auf den Kopf hauen, Polizisten bespucken und beschimpfen, sind keine guten Vorbilder für Toleranz», sagte Strobl auch mit Blick auf Ausschreitungen zwischen Befürwortern und Gegnern bei Demonstrationen zum Bildungsplan.

Englischlehrer Saur hatte am Montag betont, seine Kritik beziehe sich nicht auf Baden-Württemberg, sondern auf Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Sprecherin des Schulministeriums in Düsseldorf betonte, die Richtlinien zu Sexualkunde stammten aus dem Jahr 1999 und es gebe keine Pläne, diese zu verändern.

Saurs nachträglicher Beteuerung kann Boser nicht glauben. «Er macht den Eltern in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Angst und hofft in Baden-Württemberg auf einen Kollateralschaden. Man kann nur hoffen, dass die Eltern im Land nicht auf diesen Bauernfänger-Trick hereinfallen.» Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand sagte: «Ich bin immer wieder erstaunt darüber, welches Kopfkino die Diskussion um den neuen Bildungsplan bei manchen Menschen auslöst.»

Philologen-Bundeschef Meidinger erklärte, es gebe Sexualforscher und «interessierte Gruppen», die ihre Handreichungen zu sexueller Toleranz in die Lehrpläne einspeisen wollten. Daraus gebe es «eindeutig» auch Einflüsse in die erste, später überarbeitete Version der Lehrpläne im Südwesten. Zu Saurs Wortwahl sagte er: «Manchmal muss man zuspitzen, damit Diskussionen in Gang kommen.»

Ein Arbeitspapier aus dem Kultusministerium ist der Quell aller Aufregung um das Thema sexuelle Vielfalt im Schulunterricht. Es bildet die Grundlage für den neuen Bildungsplan, der derzeit erarbeitet wird. In dem Vorschlag zur Verankerung von Leitperspektiven heißt es unter der Überschrift «Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt»: «Der konstruktive Umgang mit Vielfalt stellt eine wichtige Kompetenz für die Menschen in einer zunehmend von Komplexität und Differenziertheit geprägten modernen Gesellschaft dar. In der modernen Gesellschaft begegnen sich Menschen unterschiedlicher Staatsangehörigkeit, Nationalität, Ethnie, Religion oder Weltanschauung, unterschiedlichen Alters, psychischer, geistiger und physischer Disposition sowie geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung. (…) Kernanliegen der Leitperspektive ist es, Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu fördern. Grundlagen sind die Menschenwürde, das christliche Menschenbild sowie die staatliche Verfassung mit dem besonderen Schutz von Ehe und Familie. Schule als Ort von Toleranz und Weltoffenheit soll es jungen Menschen ermöglichen, die eigene Identität zu finden und sich frei und ohne Angst vor Diskriminierung zu artikulieren.» Julia Giertz, dpa

Zum Kommentar: Ein Scheinheiliger und viele Ideologen

Zum Bericht: Philologen kritisieren “Pornografisierung” von Schule

2 Kommentare

  1. Die Bildungsplan-Leitperspektive ist dem Wortlaut nach, „Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu fördern“.
    Und dazu braucht es eine solche Dominanz und Penetranz des Themas „sexuelle Vielfalt“ durch alle Fächer und Jahrgangsstufen hindurch?
    Statt Herrn Saur für sein couragiertes Auftreten die Hölle heiß zu machen, sollten Sie sich, Herr Stoch, und Ihre Mitarbeiter lieber an die eigene Nase fassen. Nur ein paaranstößige Wörter im Bildungsplan zu streichen und einiges appetitlicher zu formulieren, am Inhalt des Ganzen aber festzuhalten und die Petition mit knapp 200.000 Stimmen ohne Erklärung abzuschmettern, genügt nicht und ist unaufrichtig.
    Die Gegner des Bildungsplans haben immer klar gesagt, dass sie sich mit kosmetischen Korrekturen nicht zufrieden geben würden, und doch ist nichts anderes geschehen.
    Nein, Herr Stoch, so gehts nicht. Inzwischen durchschauen zu viele Leute, was da im Busche ist und lassen sich mit edlen Absichtserklärungen nicht mehr hinter die Fichte führen.
    Lassen Sie an Herrn Sauer nicht die Fehler Ihres Ministeriums aus. Das könnte zum Bumerang werden und noch mehr Menschen auf die Barrikaden treiben.

  2. Saur und die anderen Kritiker der „sexuellen Vielfalt“ haben in den theoretischen Artikeln und in den vorgeschlagenen Unterrichtsmaterialien der Gender_Aktivistengruppen wie z.B: SchLau gelesen und bringen nun Beispiele daraus, die nicht jeder bekannt machen wollte. Aber Überbringer schlechter Nachrichten werden auch heute noch geköpft – Grüne sind heute weniger gewaltfrei als 1985!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*