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Tausende Schüler demonstrieren für Klassenfahrten – Lehrer wollen Land verklagen

HANNOVER. Mehrere Tausend Schüler haben in Niedersachsen gegen den Klassenfahrtboykott von Gymnasiallehrern demonstriert. Mit Protestschildern zogen rund 3000 Schüler am Mittwoch in der Innenstadt von Hannover zum niedersächsischen Kultusministerium. «Wir wollen Klassenfahrten» und «Was ist Schule ohne Klassenfahrten?» stand auf Transparenten der Demonstranten. Auch in Stade protestierten rund 2000 Schüler, für sie war die Anfahrt in die Landeshauptstadt zu aufwendig.

Die Schüler leiden unter dem Klassenfahrten-Boykott der Gymnasien. Foto: LandesSchülerRat Niedersachsen

Die Schüler leiden unter dem Klassenfahrten-Boykott der Gymnasien. Foto: LandesSchülerRat Niedersachsen

An Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) übergaben die Schüler in Hannover 5600 Unterschriften mit der Forderung nach einem Dialog mit den Gymnasiallehrern. Sie finde es persönlich schade, dass ein Teil der Gymnasien auf Klassenfahrten verzichte, sagte die Ministerin.

Die Erhöhung der Unterrichtszeit für Gymnasiallehrkräfte in Niedersachsen erregt seit Monaten Unmut unter Pädagogen und Schülern. Seit Beginn des Schuljahres müssen Gymnasiallehrer 24,5 statt 23,5 Stunden pro Woche unterrichten. Im Vergleich der Länder liegen sie damit im Mittelfeld. Die Lehrer klagen über eine zu hohe Arbeitsbelastung.

Mehrere Lehrer haben gegen die Regelung Klage beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht. Hinter ihnen stehen der Philologenverband und die Bildungsgewerkschaft GEW.

Die Direktoren der Gymnasien sehen ihre Arbeitsbelastung als rechts- und verfassungswidrig an. Ein Grund für die Mehrarbeit sei auch die erhöhte Unterrichtspflicht, die sich letzten Endes auf das Leitungspersonal auswirke.

«Dauerhafte Selbstausbeutung ist ein Dienstvergehen», sagte der Vorsitzende der Direktorenvereinigung, Wolfgang Schimpf, bei der Vorstellung eines Gutachtens. Die Wochenarbeitszeit der Schulleiter liege derzeit bei bis zu 60 Stunden. Das Kultusministerium als Dienstherr sei verpflichtet, sich um seine Beamten zu kümmern, sagte Gutachter Alexander Thiele von der Universität Göttingen. «Es kann nicht Aufgaben noch und nöcher übertragen und hoffen, dass es gut gehen wird.» Die Vereinigung schließt eine Normenkontrollklage nicht aus.

«Die Landesregierung hat ihre Entscheidung vor mehr als anderthalb Jahren gefällt, klar kommuniziert und ich stehe auch voller Überzeugung dazu», sagte die Ministerin. Eine Stunde mehr sei vertretbar. Zudem sei ein Entlastungspaket für die Lehrer aufgelegt worden, beispielsweise durch kleinere Klassen. «Es gibt keinen Grund, Klassenfahrten nicht durchzuführen und daher appelliere ich an Lehrkräfte, die Klassenfahrten wieder aufzunehmen.»

«Lehrer und Politik müssen Lösungen finden, die nicht auf dem Rücken der Schüler ausgetragen werden», sagte Tjark Melchert vom Landesschülerrat. Der Protest richte sich gegen den Ausfall der Klassenfahrten, nicht gegen die Lehrer. Eine Instrumentalisierung der Schüler sei falsch, sagte der 17-Jährige. «Klassenfahrten stärken den Zusammenhalt in der Klasse und bringen die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern auf eine bessere Ebene.»

In dem Streit forderten Eltern einen runden Tisch. «Aufgrund der aktuell verfahrenen Lage sehen wir nur die Möglichkeit, über eine Schlichtung zu einer Problemlösung zu kommen», teilte der Verband der Elternräte der Gymnasien mit. Es müsse Schulfrieden einkehren. Lehrer dürften nicht überlastet werden und Klassenfahrten müssten stattfinden. Daher sei die Kultusministerin aufgefordert, einen gemeinsam mit den Gymnasiallehrkräften akzeptierten Schlichter zu bestellen.

Für den niedersächsischen Philologenverband ist das Problem, dass die rot-grüne Landesregierung ernsthaften Gesprächen beharrlich ausweiche. Sie verweigere sich der Suche nach sachgerechten Lösungen. Die richtigen Adressaten für die Forderungen der Schüler seien nicht die Lehrkräfte, sondern die Ministerin und die Landesregierung. Die Opposition von CDU und FDP warf Heiligenstadt Sturheit vor.

An einer Umfrage des NDR zu den Boykotten hatten sich 114 von 295 Gymnasien und Kooperativen Gesamtschulen beteiligt. Aus den Antworten ergebe sich, dass an 75 Prozent der Schulen Klassenfahrten deutlich eingeschränkt sind. dpa

Zum Bericht:Lehrerboykott von Klassenfahrten flaut nicht ab – jetzt planen Schüler Gegenstreik

4 Kommentare

  1. Respekt für die Geschlossenheit der Lehrer in Niedersachsen. Weiter so.

    • Übrigens besagen Studien, dass Gymnasiallehrer pro Jahr knapp 2200 Stunden arbeiten. Das sind ca. 50 Stunden pro Woche (bezogen auf die Arbeitswochen „normaler“ Arbeitnehmer mit 6 Wochen Urlaub und 2 Wochen frei aufgrund von Feiertagen)

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