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Flüchtlingswelle bringt Bayerns Jugendämter an ihre Grenze – bundesweite Verteilung angestrebt

MÜNCHEN. Die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge ohne Begleitung, hat sich in Bayern im letzten Jahr versechsfacht. Die Jugendämter müssen sich um die oft traumatisierten Jugendlichen kümmern und schließen Verzögerungen bei anderen Aufgaben nicht aus. Die Schaffung neuer Stellen hilft nur bedingt, denn diese sind häufig nur schwer zu besetzen. Nun sollen die jungen Flüchtlinge bundesweit verteilt werden.

Die Jugendämter in Bayern ächzen unter der steigenden Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. «Die Arbeitsbelastung hat sich massiv verdichtet», sagte Frank Schmidt, stellvertretender Leiter des Jugendamts in Nürnberg. Das bestätigte auch Frank Boos, Sprecher des Münchner Sozialreferats. Die Betreuung hiesiger Jugendlicher sei aber nicht eingeschränkt, versicherte er. Die Jugendämter nehmen die jungen Flüchtlinge in Obhut und stellen ihnen einen Vormund.

Flüchtlinge

Flüchtlinge auf Lampedusa. Auch an Schulen macht sich die steigende Zahl junger Flüchtlinge bemerkbar. Foto: noborder network / flickr (CC BY 2.0)

3400 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung kamen laut Sozialministerium 2014 im Freistaat an – das sind sechs Mal so viele wie im Jahr zuvor. 2014 hat Bayern damit begonnen, die Jugendlichen im ganzen Freistaat zu verteilen, vor allem um Regionen zu entlasten, in denen besonders viele Flüchtlinge ankommen – etwa Rosenheim, Passau oder München.

«Wir brauchen eigentlich zwei bis drei Stellen mehr», sagte Schmidt vom Nürnberger Jugendamt. Diese würden aber erst im April neu geschaffen. Die Mitarbeiter würden derzeit zum Teil «bis über die Belastungsgrenze hinaus» arbeiten. Die Aufgaben müssten priorisiert werden, räumte er ein, betonte aber zugleich: «Nichts, was von unmittelbarer Bedeutung für die jungen Menschen ist, wird verzögert.» Auch in Würzburg steigt die Arbeitsbelastung im Jugendamt, Verzögerungen bei anderen Aufgaben seien nicht auszuschließen, sagte Sozialreferentin Hülya Düber: «Es wird versucht, das zu vermeiden, auf Dauer ist das aber nicht möglich.»

In Augsburg kommt das Jugendamt wegen der vielen minderjährigen Flüchtlinge ebenfalls an seine Grenzen. Wenn neu angekommene Flüchtlinge betreut werden müssen, könne es auch sein, dass andere Termine von der Behörde nicht mehr eingehalten werden können, erklärte ein Sprecherin der Stadt. Dank des Engagements der Mitarbeiter könnten die Auswirkungen für die Bürger jedoch «sehr gering» gehalten werden.

Das Augsburger Jugendamt geht davon aus, dass es heuer mehr als 430 Flüchtlingskinder vorübergehend betreuen muss. Für die Erstaufnahme gebe es derzeit 47 Plätze, bis Ende des Jahres sollen noch 20 hinzukommen. Um die Betreuung sicherzustellen, wurden sechs zusätzliche Stellen befristet geschaffen. Diese zu besetzen sei jedoch schwierig: Es deuteten sich Probleme an, das Fachpersonal aus den Bereichen Sozialpädagogik und Verwaltung überhaupt zu finden.

Der Verwaltungsaufwand und auch die sozialpädagogischen Aufgaben seien enorm, sagte ein Sprecher der Stadt Bamberg. Das Alter der jungen Menschen müsse festgestellt werden, man benötige Dolmetscher, die Flüchtlinge müssten medizinisch untersucht werden, sie bräuchten eine Tagesstruktur, Sprachförderung und Betreuung.

«Unser Amt ist sehr stark gefordert», heißt es auch aus Regensburg. 60 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut das Jugendamt dort. «Die Zahl hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt», berichtete Günter Tischler vom Amt für Jugend und Familie.

Eine besondere Herausforderung sei es, dass die Jugendlichen meist traumatisiert seien, sie «haben enge Verwandte, Geschwister sterben sehen», erklärte Reinhard Rottmann vom Jugendamt Erlangen. Welche schrecklichen Erlebnisse die jungen Menschen hinter sich haben, stelle sich aber oft erst einige Zeit nach ihrer Ankunft heraus, berichtete der Sprecher des Münchner Sozialreferats. Zunächst fänden es die Jugendlichen am wichtigsten, in Sicherheit zu sein. «Viele Neuankömmlinge schlafen sich regelrecht erst einmal mehrere Tage aus.»

Im Bundesrat hat Bayern eine Gesetzesinitiative zur bundesweiten Verteilung der unbegleiteten Flüchtlingskinder eingebracht. Die Kommunen an den Hauptzugangsrouten seien bei der Versorgung dieser jungen Menschen an die Grenze der Belastbarkeit gelangt, erklärte das Sozialministerium. Aber nach der geltenden Regelung bleibe die Kommune, die den Jugendlichen in Obhut genommen hat, verantwortlich, «und zwar auch dann, wenn Personal und Heimplätze fehlen. Im Sinne des Kindeswohls ist es jedoch notwendig, die unbegleiteten Minderjährigen dorthin weiterzuvermitteln, wo sie die beste Unterstützung erhalten können.» (dpa)

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