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Versechstfacht – In Baden-Württemberg explodiert die Anzahl der Sitzenbleiber

STUTTGART. Mehr Kinder bleiben sitzen. Für die CDU ist das ein Alarmsignal. Sie will die «unsinnige Informationssperre» beim Übergang an die weiterführenden Schulen beenden. Doch Grün-Rot sperrt sich.

Die CDU will im Landtag mit einem Antrag auf die steigenden Sitzenbleiberzahlen seit Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung aufmerksam machen. Um den Trend aufzuhalten, sollten die Empfehlungen der Grundschullehrer für die weiterführende Schulart den aufnehmenden Schulen zugänglich gemacht werden. Diese könnten die Schüler nur dann passgenau fördern, wenn sie deren tatsächliches Leistungsvermögen kennen, argumentieren die Christdemokraten, deren Antrag an diesem Mittwoch im Landtag diskutiert wird.

Mit dem Machtwechsel zu Grün-Rot haben die Eltern das letzte Wort über die künftige weiterführende Schule ihres Nachwuchses. Zuvor hatten die Grundschullehrer in der Regel das Sagen.

Schüler bei der Hausaufgabenbetreuung

Wird hier übertriebener Elternehrgeiz auf dem Rücken der Kinder ausgetragen? Der Übergang scheint für viele nicht glatt zu laufen. Foto: gumtau /flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Im August 2014 hatte das Kultusministerium bekanntgegeben, dass nach den Sommerferien an den Realschulen 4,4 Prozent der Fünft- und 3,8 Prozent der Sechstklässler die Klasse wiederholen, an den Gymnasien 1,6 Prozent der Fünft- und 2,6 Prozent der Sechstklässler. Damit hatten sich die Werte bei den Fünftklässlern der Realschule innerhalb von zwei Jahren versechsfacht, an den Gymnasien vervierfacht. Von einem Land der geringsten Sitzenbleiberquoten entwickele sich Baden-Württemberg zu einem bundesweiten Schlusslicht, kritisierte der CDU-Bildungsexperte Georg Wacker.

Weil den weiterführenden Schulen die Einschätzung der Kinder durch die langjährigen Lehrer vorenthalten werde, verlören diese wichtige Zeit, die den Schülern letztlich fehle, monierte Wacker. Er fügte hinzu: «Die Sitzenbleiberzahlen sind aber nur die Spitze des Eisbergs.» Denn die Statistik berücksichtige jene Schüler nicht, die bereits während des Schuljahres freiwillig die Schulart wechseln. Von den Realschulen und Gymnasien sei zu hören, dass dies nicht wenige Schüler seien. Im Kultusministerium gebe es darüber aber keine Zahlen.

Wacker mutmaßt, dass das Kultusministerium sich des Problems ganz entledigen wolle, indem es das Sitzenbleiben abschaffe, so geschehen in der Gemeinschaftsschule. Auch an den Realschulen versuche man ähnlich zu verfahren. Vom kommenden Schuljahr an soll es dort in der fünften Klasse kein Sitzenbleiben mehr geben. Wacker: «Da kommt doch der Verdacht auf, dass so ein lästiges Thema vor der Landtagswahl versteckt werden soll.» dpa

Zum Bericht: Grundschul-Empfehlungen bringen offenbar immer mehr Eltern in Rage

24 Kommentare

  1. Milch der frommen Denkungsart

    Sage nur niemand, dass man dies nicht habe prophezeien können, so man Hinz und Kunz
    aufs Gymnasium schleust …

    • Stimmt, aber nur wenn Sie annehmen, dass die Wiederholer am Gymnasium zur Realschule gegangen wären und dort nicht wiederholt hätten. Andernfalls haben Sie den Text nicht genau gelesen …

      Verstehe ich den Text richtig, dass die Gymnasiallehrer die Grundschulleistungen nicht zu Gesicht bekommen? Ich halte das für sehr erschreckend, weil eigentlich für das Gymnasium nicht geeignete Schüler am Gymnasium sehr frühzeitig unterrichtsintern gefördert werden können. Das setzt aber dieses Wissen voraus und nicht erst im Laufe der ersten Unterrichtsmonate.

  2. Milch der frommen Denkungsart

    Da ich fachlich nur fürs Gymnasium zu sprechen kompetent bin, habe ich mich darauf kapriziert; die Lehre daraus gilt freilich global – freie Arztwahl ist begrüßenswert, unreflektiert freie Schulwahl ein führt zu solch desaströser Potenzierung.

  3. Verschwörungstheorie oder stragegisches Denken?

    Evtl. geht die Landesregierung gezielt vor:
    Elternwille ist für den Übergang zum Gymnasium entscheidend – viele Sch scheitern, weil überfordert –
    Landesregierung schafft „Sitzenbleiben“ ab – Gymnasien werden zu Einheitsschulen

    Ist das nicht ein genialer Plan, die Einheitsschule quasi durch die „Hintertür“ einzuführen?

  4. Bei mir stellt sich die Frage, warum es in BW so anders läuft als in den anderen Bundesländern. In einem anderen Bericht hieß es doch kürzlich, dass allein in BY, Sachsen, Brandenburg und Bremen die Empfehlungen verbindlich seien. Das sind doch nur 4 Bundesländer, die es noch anders handhaben.
    Wie sind die Quoten in den anderen Bundesländern, in denen die Schulwahl seit Jahren frei ist?

    Gibt es in BW gar keine Beratungen, Gespräche, Empfehlungen?
    Werden die Empfehlungen (oder wie es heißt) nicht in den Schülerakten abgeheftet?
    Zudem: gehören die Sechstklässler schon zu den Kindern, die ohne Empfehlung wechselten?
    Und wenn: Warum fällt dies jetzt erst auf? Wo war die Differenzierung, Begleitung, Beratung und Unterstützung in den vergangenen 2 Jahren?

    • BW hatte eben ein andres Ausgangsniveau als z.B. Hamburg oder NRW, und die meisten Lehrer sind ja noch die selben.
      Bei uns in RP ist die Entwicklung ähnlich, aber schwächer ausgeprägt, auch weil es flankierend in vielen kleinen Schritten „Erleichterungen“ gibt.

    • Doch, es gibt in BW für die Eltern Beratungen, Gespräche, und Empfehlungen, die sind jedoch unverbindlich. Auch die Sechstklässler gehören schon zu den Kindern ohne verbindliche Empfehlung. Es stimmt weiter, „dass die Gymnasiallehrer die Grundschulleistungen nicht zu Gesicht bekommen“.

      @xxx
      Dass „für das Gymnasium nicht geeignete Schüler am Gymnasium sehr frühzeitig unterrichtsintern gefördert werden“ halte ich für falsch. Das unterstützt den Hang der Eltern, den Rat bzw. die Empfehlung der Grundschullehrer in den Wind zu schlagen nach dem Motto: Ist mein Kind erst einmal auf dem Gymnasium, wird es dort schon fit gemacht.

      • Die meisten Lehrer werden 5en doch wohl genauso ungerne unter Klassenarbeiten setzen wollen wie Schüler sie schreiben. Außerdem gibt es Stress mit der Schulleitung, wenn die Noten dauerhaft zu schlecht sind. Besonders Lehrer ohne Beamtenstatus aus Lebenszeit überlegen sich das drei Mal. Bei Schülern, die trotz unterrichtlicher Unterstützung kein Land sehen, wird den Eltern der Schulformwechsel nahe gelegt.

  5. „Bei mir stellt sich die Frage, warum es in BW so anders läuft als in den anderen Bundesländern. In einem anderen Bericht hieß es doch kürzlich, dass allein in BY, Sachsen, Brandenburg und Bremen die Empfehlungen verbindlich seien. Das sind doch nur 4 Bundesländer, die es noch anders handhaben.
    Wie sind die Quoten in den anderen Bundesländern, in denen die Schulwahl seit Jahren frei ist?“

    Im Artikel geht es nicht primär um Quoten. Sondern um die Zunahme der Sitzenbleiber seit Abschaffung der verbindlichen Empfehlung. Einige Quoten bezogen auf Deutschland insgesamt finden Sie z. B. hier

    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/ImFokus/BildungForschungKultur/Sitzenbleiber.html

    Gemessen daran sind die BW-Quoten etwas erhöht, ob das dramatisch ist, ist Interpretationssache. Jedenfalls ist die eigentliche Nachricht wohl die Zunahme.

    „Gibt es in BW gar keine Beratungen, Gespräche, Empfehlungen?“

    Doch.

    „Werden die Empfehlungen (oder wie es heißt) nicht in den Schülerakten abgeheftet?“

    Doch. Die Lehrer dürfen aber offiziell keine Einsicht nehmen.

    „Zudem: gehören die Sechstklässler schon zu den Kindern, die ohne Empfehlung wechselten?“

    Ja. Wie kommen Sie darauf, dass nicht?

    „Und wenn: Warum fällt dies jetzt erst auf? Wo war die Differenzierung, Begleitung, Beratung und Unterstützung in den vergangenen 2 Jahren?“

    Und wie kommen Sie darauf, dass es erst jetzt auffällt? Es ist natürlich von Anfang an aufgefallen, zumindest den Lehrern. Aber man muss eben warten, bis Zahlen vorliegen. Schließlich kann man nicht auf der Basis gefühlter Wahrnehmungen debattieren.

    Soweit ich mich erinnere, wurde die verbindliche GS-Empfehlung vor drei Jahren abgeschafft, so gesehen sind die ersten Schüler ohne sie nun in Klasse 7. Es ist also eine ziemlich schnelle Reaktion, was die Zahlen angeht.

    (Vermutlich hatte das KuMi auch gar kein Interesse an der Veröffentlichung der Zahlen. Das ist wohl offensichtlich.)

    • Das Lehrer _offiziell_ keinen Einblick in die Schulakte nehmen dürfen, beruhigt mich doch, weil sie bei dienstlichem Interesse zumindest theoretisch die Möglichkeit dazu haben und diese in der Praxis hoffentlich auch nutzen.

      • Es wundert mich, dass Lehrer nicht in die Schülerakte schauen dürfen. Wer schaut denn dann in den anderen Bundesländern rein oder noch wichtiger: Wer führt sie? In Bayern führen die Klassenlehrer die Schülerakte.

        • In NRW liegen die Schülerakten häufig im Sekretariat, schon damit Fachlehrer telefonischen Kontakt mit den Eltern aufnehmen können ohne den Klassenlehrer suchen zu müssen.

    • Danke für die Antworten.

      Ich konnte mich nicht mehr erinnern, seit wann in BW die Empfehlungen aufgehoben wurden. Das Bildungssystem in den 16 Bundesländern wechselt doch häufig, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

      Dass eine Änderung im Schulsystem direkt etwas nach sich zieht, halte ich für normal.
      Nicht einschätzen kann ich, ob besonders viele Schüler vor 3 Jahren die Gymnasien gestürmt haben, dort den Anforderungen aber nicht gewachsen waren.

      Warum Lehrkräfte nicht in die Schülerakten gucken oder gucken dürfen, erschließt sich mir nicht. Dass man sich ggf. zunächst zu Beginn einer neuen Klasse selbst einen Überblick verschaffen will, ist mir klar, aber bei Problemen sollte man doch nachsehen.
      Auch etwas, was mich immer wundert: Wozu führen wir individuelle Lernentwicklung, Förderpläne etc., wenn diese dann im Papierkorb landen oder im Keller oder weggeschlossen sind?

      Wie läuft das denn in anderen Ländern/Schulen?

      • Mir fällt noch etwas ein:

        Quoten von Wiederholern können auch auf andere Weise gesteuert werden:

        Muss ein Kind die Schule verlassen, wenn es keine Empfehlung für diese Schulform hat, oder darf es zunächst an dieser Schule wiederholen? (Gerade in Diskussion in Nds.)

        Muss ein Kind wiederholen, bevor man eine Überprüfung auf Sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf durchführt?

      • Hallo,
        eure Kommentare finde ich hochinteressant und alle haben irgendwie Recht, mit ihrer Ansicht zum SITZENBLEIBEN und der Aushöhlung der Gymn., …etc.
        Aber, dass die neuen Lehrer der wfS nicht in die SuS-Akten der GS schauen dürfen ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe… sorry, ich bin aus Hessen und genau dafür werden die Akten bei uns geführt: Damit Förderpläne, Inklusionsfälle, LRS- Kurse, Zeugnisse aus den GS- Jahren,… und dgl. mehr beachtet werden können/müssen!!! Lediglich sehr wenige vertrauliche Info (z. B. schwere Erkrankungen der Eltern, die wichtig sein können, …) werden in gesonderten Umschlägen der Akte beigefügt und zunächst nur von der SL gelesen.
        Frage: In welchen Bundesländern gibt so einen Quatsch? Verzeihung, aber „Unsinn muss Unsinn genannt werden dürfen“.

        • Liebe/r Palim,
          Entschuldigung, eigentlich wollte ich meine Antwort an „NA JA“ schicken. Dabei hab ich mich leider „verklickt“. Ich glaube aber, dass das jetzt nicht so tragisch ist…

  6. @ysnp
    Sicher dürfe Lehrer, die ein Kind unterrichten, in die Schülerakte schauen! Die Grundschullehrkraft in die Schülerakte der Grundschule, die Realschullehrkraft in die der RS usw. Jodoch darf keine Lk einer weiterführenden Schule etwas aus der GS erfahren. Selbst die Kooperationsgespräche sind zwischen GS und weiterführenden Schulen dürfen nicht mehr über Einzelfälle sprechen. Das nennt sich dann zum Wohle des Kindes (Achtung Sarkasmus)

    @all
    Mich würde interessieren, ob in der Statistik auch die über die Multilaterale Versetzungsordnung abgeschulten Kinder auch gezählt werden. Ich vermute nämlich, dass nur SuS gezählt wurden, welche das Klassenziel nicht erreicht haben. SuS, die aber in die nächst höhere Klasse abgeschult werden haben das Klassenziel per Definition erreicht.

    • Aha, es ist also gut für das Kind, wenn ich als sein Deutschlehrer aufgrund katastrophaler Rechtschreibung _nicht_ in die Grundschulzeugnisse schauen darf, wie es dort so war.
      Meine Theorie: Das Kindeswohl ist nebensächlich, es sollen die Grundschullehrkräfte geschützt werden, wenn sie durch von oben verordnetes Schreiben nach Hören lauter LRS-Fälle heranziehen. (Achtung, noch mehr Sarkasmus als bei naja).

      Ihre Zusatzfrage nach der Versetzung durch Abschulung würde ich ohne zu zögern bejahen. Die Bildungspolitiker sind im Schönen von Statistiken bestimmt nicht weniger kreativ als die Agenturen für Arbeit.

  7. … klassische rot-grüne Ideologie: Abitur für alle! Und wenn die Anzahl der Sitzenbleiber sich durch Informationssperre und Elternwunsch versechsfacht hat, muss man einfach die Versetzungsregeln ändern, um das wieder zu reparieren…

  8. Geschrei, Geschrei, Pseudostatistik und schief liegende Info!
    Anstatt endlich mal zu erkennen, dass eine Auslese nach der 4. Klasse zu früh ist, … Anstatt endlich das deutsche Schulsystem so umzugestalten, dass die lang bekannte Chancenungleichheit abgemildert (auf mehr hofft in diesem Lande sowieso keiner mehr) wird, … ect. ect.
    … gibt es schwarz-braune Ideologie und Meinungsmache. Angestammte Bildungsbürger wollen natürlich unter sich bleiben.

    40 Jahre Lehrerarbeit an und -hoffnung auf Veränderungen verzeichnen nur Wehgeheul der Etablierten und teure Dienstreisen in Vorbildländer ohne Taten/Folgen.
    Armseliges Deutschland.

    • Wenn Sie mit der Umgestaltung des deutschen Schulsystems dies meinen, kann ich Ihnen zustimmen: Nicht länger zulassen, dass lernbegabte und lernfreudige Kinder in ihren Möglichkeiten behindert werden durch ideologische Theorien von Gleichheit und Gerechtigkeit, die bestenfalls dem Gender-Mainstreaming gerecht werden, nicht aber der unterschiedlichen Natur der Schüler.
      Wenn Sie also nicht alle Schüler in einen Topf werfen wollen, damit nach unterschiedlichen Möglichkeiten und Schwierigkeitsgraden gelernt werden kann, dann gibt es für mich kein Problem, Ihnen zuzustimmen.
      Zu fürchten ist jedoch, dass Sie nur einem politisch populären Blendwerk huldigen und dienen, das frühzeitig Begriffe wie „Chancengleichheit“ für sich patentieren ließ.

    • „Anstatt endlich mal zu erkennen, dass eine Auslese nach der 4. Klasse zu früh ist…“
      –> es war doch alles schon mal da! Mitte der 70-er bis Mitte der 90-er Jahre gab es bei uns (= Hessen) nur dies: Die 4.Klässer besuchten in Kl. 5 geschlossen eine Förderstufe (=5.+6.Kl.) – dort wurde nach einem halben Jahr das Fach Englisch in 3 Niveaustufen differenziert, nach einem Jahr Mathe und an manchen Schulen auch in Deutsch. Nach Klasse 6 entschieden die LEHRER, welche Schulart (Haupt-,Realschule, Gymnasium) die Kinder besuchten! Von den Gymnasien waren Lehrkräfte abgeordnet, um die gymnasialen Kurse zu unterrichten. Im Gymnasium gab es KEINE fünften und sechsten Klassen: Es begann ab Klasse 7. Die Rückläufe waren sehr gering – und es war auch keine Schande und kein großes Unglück, wenn im Gimmy mal eine Klasse wiederholt wurde 🙂 Als diese Regelung dann abgeschafft wurde, war das Geschrei der gymnasialen Kollegien riesig, denn sie hatten keine Ahnung von Lehrplänen der Unterstufe und auch im Umgang mit den „Kleinen“ war man nicht geübt…
      Ich habe bis heute nicht verstanden, warum man diese „Schulform“ nicht beibehalten hat – …. und nun ist das Geschrei (!) groß!
      Übrigens: die letzte Förderstufen – Schule, die ich kenne, hatte bis 2013 Bestand und musste „aufgeben“, weil zu viele Eltern (!!!) ihre hochbegabten Professoren in der Westentasche direkt (!!!) ins Gymnasium schicken wollten.

  9. Hier mal ein Blick in die Zukunft:

    Irgendwann kommen wir mit unserer zweifelsfrei notwendigen Differenzierer- und Individualisiererei dahin, dass jeder Schüler seine individuelle Klassenarbeit und am Ende ein individualisiertes Abitur samt zugeschnittenem Studium bekommt.
    Nur noch Einser, wäre doch prima! Übers Abschaffen der Noten bräuchte somit auch nicht mehr diskutiert werden. Keiner müsste mehr übers Sitzenbleiben heulen, Grundschulempfehlungen bräuchten wir auch nicht mehr, es gibt dann nur noch Gymnasien, denn „Gymnasium“ klingt doch so toll.

    Die Eltern sind glücklich und zufrieden, dass ihr Kind so „ingellitent“ ist, dass es sogar studieren darf und mit seinem Diplom oder Staatsexamen – ach nee, heute gibts ja nur noch Bachelor und Master – also dann natürlich mit seinem Master dazu befugt ist, sich „Master of Kloputzen“, „Master of Schnellimbiss“ oder „Master of Friseursalon bzw. Frisörladen“ … zu nennen.
    Machen wir doch einfach aus allem ein Studium. Die schlauesten Studenten können dann noch ihren Doktor machen im Kaffeekochen oder im Noch-weicher-gespült-werden-und-sich-alles-vor-die-Nase-tragen-lassen und das alles selbstverständlich in nur einem Semester.

    Juhu! Die Schule wird ein Ponyhof! (wenn sie das in mancherlei Hinsicht nicht sogar schon ist)

    Doch spätestens im Berufsleben kommt in der heutigen Zeit (für einige) das Erwachen, dass man sich dem fügen muss, was der Chef sagt und sich nicht wie beim Wochenplan in der Schule aussuchen darf, auf was ich heute am meisten Lust habe.
    Wem diese Erkenntnis nicht kommt, fühlt sich allerdings benachteiligt und gemobbt und verklagt selbstverständlich den Chef, denn der ist ja an allem Schuld.

    Aber das alles macht eigentlich auch überhaupt nichts. Wozu ständig aufregen und immer alles ausdiskutieren? In 20 bis 40 Jahren haben sich die Probleme von heute in Luft aufgelöst.
    Dann ist jeder sein eigener Chef, denn jeder ist dann ja „kluk“ genug mit seinen vielen Einsern. Und Mami wird als Helikopter eingestellt, damit man sich auch an der Arbeit ganz wie zu Hause fühlen kann. Wunderbar!
    Dann kann es höchstens noch passieren, dass die kleine, weinende Apple-Peaches-O’rly-Brunhilde-Samantha Müller-Schmidt aus der Konferenz abgeholt werden und im betriebseigenen Snoezelraum wieder zur Ruhe kommen möchte, weil ihr rosa Glitzergelstift alle ist – wofür natürlich jeder vollstes Verständnis hat, schließlich bricht für das arme Ding gerade eine Welt zusammen.

    Machen wir also so weiter wie bisher, warten ab und freuen uns auf das, was noch alles an innovativen Neuerungen in unserem schwammigen Bildungssystem „reformiert“ werden wird, um jedes Kind dort abzuholen, wo es gerade steht. (Ein Schwamm ist auch durchlässig.)

    Und noch eine allerletzte Weisheit, die sich in mein Hirn gebrannt hat, von einer Lehrerin aus meiner Praktikumszeit im Studium:
    „Bildungsreformen sind wie Züge. Wenn man wartet, kommt irgendwann die nächste. Und wenn man lange genug wartet, kommt dieselbe noch einmal.“

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