DÜSSELDORF. Beim Stichwort „Förderung“ stehen oftmals die Kinder im Mittelpunkt, die im Vergleich mit Gleichaltrigen in ihrer Entwicklung zurückhängen. Selten liegt der Fokus auf dem anderen Extrem. Doch auch dieser Teil des Spektrums stellt Fachkräfte vor besondere Aufgaben: Kinder mit kognitiver Hochbegabung benötigen Angebote, die über die üblichen Anreize hinausgehen.

Manche Kinder stellen Fragen, die nicht zu dem passen, was Erwachsene von ihnen angesichts ihres Alters erwarten. Sie denken Probleme weiter oder vertiefen sich ungewöhnlich intensiv in ein Thema. Für Kitas bedeutet das: Sie müssen Antworten finden, um diesem besonderen Lernbedürfnis gerecht zu werden.
Hochbegabung als Inklusionsaspekt
Zwei Einrichtungen, die sich dieser Aufgabe explizit angenommen haben, sind die Hans-Georg-Karg-Kita im bayerischen Nürnberg und die Küeter Botzeknööfe in Kürten, Nordrhein-Westfalen. Beide Kindertagesstätten haben sich auf die Betreuung hochbegabter Kinder spezialisiert. Allerdings: „Unser Kindergarten ist keine Eliteschmiede, sondern eine inklusive Einrichtung“, betont Beatrix Hirschbolz-Ter, Leiterin der Hans-Georg-Karg-Kita, auf der Internetseite des Trägers, das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. (CJD). Hochbegabte Kinder lernen hier gemeinsam mit normal begabten Kindern aus dem Stadtteil und Kindern, die in ihrer Entwicklung zurückliegen oder Beeinträchtigungen haben. Das Ziel: alle Kinder entsprechend ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse zu fördern, ganz im Sinne des Inklusionsgedankens.
Auch die Küeter Botzeknööfe sieht es als Aufgabe, „allen Kindern genügend Spiel- und Lernräume zur Verfügung zu stellen, um eigene originelle Wege gehen zu können“. Im Fokus stehe ein Menschenbild, das davon ausgehe, dass es „normal ist, verschieden zu sein“. „Wir versuchen die Kinder zu fördern durch Fordern, damit das Potential der Kinder nicht schlummert, sondern geweckt wird“, heißt es auf der Internetseite der Elterninitiative, die als „Integrativer Schwerpunktkindergarten für Hochbegabtenförderung“ zertifiziert ist.
Unterforderung hat gravierende Folgen
Das pädagogische Selbstverständnis beider Kita-Teams deckt sich mit fachlichen Empfehlungen zur Förderung kognitiv hochbegabter Kinder. Denn damit vorhandene Potenziale tatsächlich zur Entfaltung kommen, brauchen sie „komplexere Aufgaben, vertiefende Anregungen [..], damit sie sich in ihrer ‚Zone der nächsten Entwicklung bewegen“, wie es das schleswig-holsteinische Sozialministerium in ihrer Handreichung „Erkennen, Verstehen und Begleiten – Kognitiv begabte Kinder in der Kindertagesstätte“ beschreibt. Fehlen passende Angebote könne dies „zu tiefgreifender, entwicklungshemmender Langeweile und Überdruss“ bei den Kindern führen. In der Folge entwickelten manche auffälliges Verhalten, Kindergartenunlust oder somatische Beschwerden, mahnt das Sozialministerium.
Für die Praxis bedeutet das, dass hochbegabte Kinder von Lernumgebungen profitieren, die ihnen ermöglichen, sich eigenständig mit Themen auseinanderzusetzen. Eine Möglichkeit dies umzusetzen, bieten laut der Ministeriumsbroschüre Lernwerkstätten. Das sind Räume, Ecken oder Nischen, die die Erzieher*innen mit ausgewählten Materialen bestücken, die den Entwicklungsständen der Kinder entsprechen und ihre jeweiligen Interessen aufgreifen. Sie sollen die Kinder unterstützen, jeweils eigene Bildungsprozesse zu initiieren. „Gerade kognitiv begabte Kinder können mit ihrer Lernfreude andere Kinder begeistern und mit ihren Ideen anstecken. Auf diese Weise werden neben der Auseinandersetzung mit den großen Themen der Welt auch das soziale Lernen, das aufeinander Hören und das Einstellen auf die Vorstellungen der Anderen eingeübt.“
„Kinder tauchen dann intensiv in ein Thema ein, wenn das Thema ihrem eigenen Interesse entspricht“
Ebenso empfiehlt die Broschüre Projektarbeit, um Kinder unterschiedlicher Altersstufen und kognitiver Entwicklung für Themen zu begeistern und sie bestmöglich zu fördern. Am besten sei dabei, die Projekte gemeinsam mit den Kindern zu entwickeln, denn „Kinder tauchen dann intensiv in ein Thema ein, wenn das Thema ihrem eigenen Interesse entspricht“. Beim Philosophieren wiederum trainierten Kinder „das Selberdenken, das Miteinanderdenken und das Weiterdenken“. Es ermögliche kreatives Denken und fördere argumentatives, komplexes Denken.
Selbstorganisiertes Forschen und Lernen steht auch auf der Tagesordnung in der Hans-Georg-Karg-Kita. Gleichzeitig erhalten die Kinder über den Kinderbeirat und Befragungen Mitspracherecht im Alltag, etwa bei der Planung des Mittagessens oder der Kita-Feste. „Wir wollen, dass die Kinder zu selbstbewussten, eigenständigen Persönlichkeiten heranwachsen“, sagt Beatrix Hirschbolz-Ter. Impulse und Anregungen zum Lernen erhalten die Kinder auch in der Küeter Botzeknööfe. Dabei gilt: „Angebote, die wir mit Blick auf besonders begabte Kinder entwickeln, sind immer auch offen für weitere Teilnehmer.“
Potenziale erkennen
So vielfältig die Förderansätze und -ideen sind, so anspruchsvoll ist ihre Umsetzung im pädagogischen Alltag. Die zentrale Herausforderung dabei lautet, hochbegabte Kinder zunächst zu erkennen. Die Schwierigkeit: Hochbegabung muss nicht zwangsläufig alle Entwicklungsbereiche gleichermaßen betreffen, wie die Borschüre des schleswig-holsteinischen Sozialministeriums herausstellt. Das heißt, ein vierjähriges Kind, das bereits auf dem Niveau eines Sechsjährigen liest, kann trotzdem Schwierigkeiten mit feinmotorischen Abläufen haben.
Zur Unterstützung listet die Handreichung daher „intelligenznahe Merkmale und Verhaltensweisen“ auf, die auf eine Hochbegabung hinweisen können. Dazu gehören beispielsweise
- ein außergewöhnlich großer Wortschatz,
- in einzelnen Bereichen ein sehr hohes Detailwissen,
- die Fähigkeit, sich auch komplexe Dine wie Handlungsstränge in Geschichten zu merken, oder
- Ursache-Wirkung-Zusammenhänge schnell zu durchschauen.
Auf dieser Grundlage kommt der gezielten Beobachtung im Kita-Alltag eine zentrale Bedeutung zu. Die Broschüre empfiehlt pädagogischen Fachkräften, bewusst Situationen zu schaffen, in denen sich die vermuteten Potenziale eines Kindes zeigen können. Dabei sei es wichtig, diese entsprechend des Alters und der Interessen des Kindes zu konstruieren. Daraus gewonnene Erkenntnisse ermöglichten den Erzieher*innen, dem gesetzlich verankerten Recht des Kindes auf Förderung nachzukommen. Ein weiterer Vorteil: Das Wissen über die Stärken biete einen Ansatz, um bei asynchroner Entwicklung das Kind in den Bereichen zu unterstützen, in denen es mehr Hilfe benötige. News4teachers
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