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Frau Wehs Kolumne: Elternarbeit mit Läusen

DÜSSELDORF. Auf der Telefonnotiz, die ich nach dem Unterricht in meinem Fach finde, und auf der Samiras Mutter um Rückruf bittet, steht dringend mit drei Ausrufezeichen. Seufzend nehme ich mir das Telefon, eigentlich wollte ich vor der Heimkehr der Wehwehchen noch schnell ein paar Einkäufe erledigen. Es sollte Salat geben. Das schaffe ich jetzt schon gar nicht mehr. Aber vielleicht ist die Sache ja auch schnell geklärt.

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Samiras Mutter hebt nach dem ersten Klingeln ab, offensichtlich besteht hier wirklich unaufschiebbarer Gesprächsbedarf. In verzweifeltem Tonfall erklärt sie mir, dass sich auf dem Kopf ihrer Tochter Ungeziefer eingenistet habe und sie gar nicht wisse, was sie jetzt tun wolle. “Zuerst einmal gehen Sie in die Apotheke.” Routiniert spule ich das schon so häufig getätigte Läuse-Infoprogramm ab, bestehend aus 50% Handlungsanweisungen (“Ja, sie wiederholen die Behandlung unbedingt nach 9 Tagen!”) und 50% Beruhigungen (“Sie schaffen das schon! Läuse sind ärgerlich, aber gut behandelbar.”). Ich will das Telefonat schon beenden, als ich merke, dass der Mutter am anderen Ende der Leitung noch etwas auf der Seele liegt. “Gibt es noch eine Sache, über die Sie mit mir reden möchten?”, frage ich also und hoffe insgeheim, dass sie verneinen möge. Vielleicht schaffe ich das mit dem Salat dann doch noch.

“Also da gibt es noch ein Problem.”

Pause.

“Jaha?”, hake ich nach. Ich kann nicht verhindern, dass meine Finger aufs Telefonregal trommeln.

“Ich habe auch Läuse.”

“Na dann benutzen Sie das Mittel aus der Apotheke einfach mit!” (Salat, ich komme!)

“Ähm…”

Pause.

“Jahaaa?” (Trommeltrommeltrommel.)

“Ich hab doch Ixtänschens! 150 Stück! Da krieg ich doch die Eier, diese Dingens, diese Nissen nicht raus.”

“Oh… ja dann… machen Sie vielleicht einen Termin beim Friseur Ihres Vertrauens aus?” Ich bin etwas überfragt. Das bisherige Läuse-Infoprogramm sah für Sonderfälle dieser Art keine Handlungsanweisungen vor.

“Nee, jaa. Ich dachte, ich frag erstmal Sie.”

Was? Wie? Für einen kurzen Moment sehe ich mich mit einem Stielkamm in Frau Niesweins toupierter Haarfülle herumstochern, verdränge das Bild aber schnell wieder.

“Also”, lache ich nervös auf, “das lassen Sie wohl besser Ihren Friseur machen.”

“Aber ich muss Sie doch erst fragen, ob die Samira dann morgen wohl mal mit in die Betreuung gehen kann. Denn bis die Haare raus und wieder rein sind, das dauert doch fünf Stunden.”

Witz, Charme und einen tiefen Blick in die Seele einer Grundschullehrerin erlaubt Frau Weh auf ihrem Blog “Kuschelpädagogik” und auf www.news4teachers.de. Frau Weh heißt im wahren Leben nicht Frau Weh, aber ihre Texte sind häufig so realitätsnah, dass sie lieber unter Pseudonym schreibt.

Ein Kommentar

  1. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde, nicht Eltern bitten Lehrer um einen Anruf, sondern Lehrer bitten Eltern um einen Anruf. Und Eltern probieren es dann ggf. mehrmals und zu einer Zeit, die akzeptabel ist. 😉

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