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Hexenjagd? In den USA werden immer mehr Lehrerinnen des Missbrauchs angeklagt

WASHINGTON. Was ist bloß an Schulen in den USA los? Kaum eine Woche vergeht, in der es nicht eine Meldung darüber gibt, dass eine Lehrerin sich an einem oder mehreren Schülern vergangen hat. Aktueller Fall: Die 30-jährige Englischlehrerin Jennifer Christine F. aus Florida ist nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung schuldig gesprochen worden, sich an ihren minderjährigen Schülern vergangen zu haben – in 37 Fällen. Ihr drohen dafür jetzt 555 Jahre Haft. Tatsächlich, so legen aktuelle Befunde nahe, scheinen sich solche Berichte zu häufen.

Des Missbrauchs angeklagte Lehrerinnen und Lehrer werden in den USA im Internet gebrandmarkt. Screenshot: Lakeland Police Department

Des Missbrauchs angeklagte Lehrerinnen und Lehrer werden in den USA im Internet gebrandmarkt. Screenshot: Lakeland Police Department; Schwärzungen durch News4teachers

Im Zeitraum von 2001 bis 2005, so eine Recherche der Nachrichtenagentur AP, wurden 2570 Lehrer, Direktoren und Schulpsychologen in den USA für sexuelle Vergehen bestraft. Die Gesamtzahl der Lehrer dort beträgt rund drei Millionen. Im Vergleich: In Deutschland gibt es rund 800.000 Lehrer. Zwar gibt es auch hierzulande Missbrauch durch Lehrer. Das aber sind (von Skandalen wie dem an der Odenwaldschule abgesehen) Einzelfälle. In den USA kommt eine Besonderheit hinzu: Zunehmend sind es Frauen, Lehrerinnen also, die des Missbrauchs von (männlichen) Schülern angeklagt werden. Tatsächlich ist einem Bericht der „Welt“ zufolge in den vergangenen Jahren die Zahl der Klagen gegen das weibliche Schulpersonal gestiegen. Laut US-Justizministerium seien 1994 nur ein Prozent aller Missbrauchstäter an Schulen weiblich. Mittlerweile sollen es zehn Prozent sein. Etliche Fälle sorgten zuletzt weltweit für Schlagzeilen.

  • In Utah ist die Englischlehrerin Brianne A. angeklagt, mit mindestens drei ihrer Schüler eine sexuelle Beziehung gehabt zu haben. Bei einer Verurteilung droht der Pädagogin wegen der Anklage in insgesamt 14 Punkten, darunter mehrfache Vergewaltigung eines Minderjährigen, eine lebenslange Gefängnisstrafe.
  • In Kalifornien müssen sich zwei Lehrerinnen vor Gericht verantworten, weil sie ihre Schüler auf einer Party illegal mit Alkohol versorgt haben sollen und anschließend laut Anklage mit ihnen intim wurden.
  • In New Jersey steht eine Lehrerin wegen sexuellen Missbrauchs an sechs ihrer 14- und 15-jährigen Schüler vor Gericht.

Laut „Bild“-Zeitung sieht der New Yorker Psychotherapeut Richard Gartner, Autor des Buches „Beyond Betrayal: Taking Charge of Your Life after Boyhood Sexual Abuse“, drei Eigenschaften bei den Täterinnen: ein niedriges Selbstbewusstsein, Machtphantasien sowie die die Chance, sich ein zweites Mal im Leben wie ein Highschool-Mädchen zu fühlen. „Oft waren die Frauen nicht besonders beliebt in der Schule. Vielleicht sind einige von ihnen in diesem Entwicklungsstadium stehengeblieben“, sagte Gartner.

Die amerikanische Psychotherapeutin und Beziehungsexpertin Wendy Walsh meint, dass derart straffällige Lehrerinnen – die oftmals selbst noch sehr jung sind, mitunter sogar erst Anfang 20 – sich in der Schule tatsächlich wieder wie Teenager fühlten. „Damit soll das Verhalten dieser Frauen nicht entschuldigt werden. Aber sich den ganzen Tag in der Schule aufzuhalten, zwischen den verrückt spielenden Hormonen der Heranwachsenden – das hat einen Effekt“, sagte Walsh.

Und warum häufen sich die Fälle so sehr in jüngster Zeit? „Die Öffentlichkeit ist heute viel mehr für das Thema sensibilisiert“, meint laut „Welt“ der Kriminologe Alfred Blumenstein von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. „Die Bürger sind bereit, offen über mögliche Verbrechen zu sprechen und diese auch strafrechtlich zu verfolgen. Und auch die Opfer wissen, dass man ihnen zuhört und sie nicht mehr allein sind.“ Neu sei aber auch, dass private Kontakte zwischen Lehrern und ihren potenziellen Opfern via Internet viel leichter entstünden. „Die sozialen Medien haben daran einen großen Anteil“, so zitiert das Blatt einen Vertreter des Bildungsministerium in Pennsylvania. „Wenn ein Lehrer in meiner Schulzeit nach dem Unterricht mit mir privat sprechen wollte, musste er zu Hause anrufen und hatte erst einmal meine Mutter am Telefon. Heute hat er zu seinen Schülern über Facebook oder Snapchat 24 Stunden am Tag Zugang.“

Darüber hinaus spielt allerdings auch der gesetzliche Rahmen eine Rolle. Die Regelungen sind in den Bundesstaaten uneinheitlich. So gilt mancherorts eine Altersgrenze von 16 Jahren. In Alabama beispielsweise sind Beziehungen verboten, wenn der Schüler oder die Schülerin jünger als 19 ist – von dort werden dann auch die meisten strafbaren Lehrer-Schüler-Beziehungen gemeldet.

In den gesamten USA gilt: Bei sexuellem Missbrauch von Minderjährigen gibt es generell eine Anklage wegen Vergewaltigung. Den Beschuldigten drohen lange Gefängnisstrafen. Die mutmaßlichen Täterinnen und Täter werden dabei durch die Herausgabe der Polizeifotos noch vor ihrem Prozess und einem Urteil an den Internet-Pranger gestellt. Bei einer Verurteilung werden sie zudem ihr Leben lang als Triebtäter in einer „Sex Offender“-Kartei geführt und damit öffentlich gebrandmarkt. Daten wie Namen, Verbrechen und ihr Wohnort sind dann jederzeit im Internet zugänglich. News4teachers

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