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Inklusion: Es knirscht an allen Ecken und Enden – auch bei der Lehrerausbildung

GÜTERSLOH. Inklusion ist die größte bildungspolitische Herausforderung für die Schulen in Deutschland seit Jahrzehnten. Und doch scheint es vielerorts an der notwendigen Unterstützung der Lehrerschaft zu mangeln. Immer mehr Eltern schlagen Alarm – im niedersächsischen Osnabrück haben sich Schulelternräte zusammengeschlossen und eine Petition gestartet. Und eine aktuelle Studie zeigt auf, dass der gemeinsame Unterricht von Behinderten und Nicht-Behinderten in der Lehrerausbildung kaum angekommen ist.

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

„Spiegel online“ zitiert aus dem noch unveröffentlichten „Monitor Lehrerbildung“, der von der Bertelsmann Stiftung, dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), der Telekom-Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zusammengetragen wurde.

Danach sehen nur sechs Bundesländer Pflichtveranstaltungen zur Inklusion für alle künftigen Lehrerinnen und Lehrer im Studium vor, nämlich Bayern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Viele andere Länder konnten keine oder nur unklare Angaben machen. Der Befund überrasche, weil sich die Kultusminister der Länder bereits vor mehr als drei Jahren darauf verständigt hätten, dass Inklusion in der Ausbildung aller Lehrer eine Rolle spielen solle, so heißt es in dem Bericht. Entsprechend sparsam sei das Angebot der Hochschulen, um künftige Lehrer auf den gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder vorzubereiten. Nur 15 der 60 Hochschulen, die zu dieser Frage Angaben machten, bieten laut „Spiegel online“ bereits Seminare und Kurse zur Inklusion an, die für Studenten aller Lehrämter verpflichtend sind. Geradezu exotisch seien verbindliche Praktika, bei denen auch angehende Gymnasiallehrer Erfahrungen mit behinderten Kindern machen könnten.

Sind behinderte Kinder in den Regelschulen „tief unglücklich“?  Stellen viele Eltern ihre Kinder beim Einschulungstermin „noch behinderter darstellen, als sie eigentlich sind“ – um ihre Kinder auf diesem Weg vor der Regelschule mit Inklusion zu bewahren? Die „Osnabrücker Zeitung“ berichtet von entsprechenden Hinweisen. Tatsache ist: Die Schulelternräte von sechs Osnabrücker Grundschulen haben sich zusammengetan und eine Petition gestartet. Die Eltern wollten damit die Inklusion an den Grundschulen verbessern, so heißt es in dem Bericht des Blattes. Denn diese funktioniere in ihren Augen nicht. „Eine sonderpädagogische Grundversorgung von nur zwei Wochenstunden pro Klasse ist nicht ausreichend“, so zitiert die Zeitung eine Mutter. Die Lehrer in den Schulen müssten den Rest auffangen und das sei schier unmöglich, so die Frauen vom Schulelternrat.

Alle Kinder litten unter der momentanen Regelung, denn die Lehrkräfte könnten gar nicht allen Kindern gerecht werden. „Die Schüler, die sich leistungsmäßig mit mittleren Bereich befinden, kommen zu kurz. Die Lehrer können auch gar nicht auf einzelne Kinder eingehen“, sagt eine andere Mutter. Das führe automatisch zu Defiziten bei vielen Schülern – gerade bei den lernschwächeren. „Wir Eltern müssen mit den Kindern vieles zuhause nacharbeiten. Ohne das geht es kaum“, meint eine dritte. Der Schulelternrat fordert ausreichend Stunden für Förderschullehrer, und zwar für alle Förderbereiche, und eine Klassengröße von maximal 20 Schülern. Auch in Bonn haben sich besorgte Eltern wegen schlechter Rahmenbedingungen zusammengeschlossen.

Die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel übt laut „Westdeutscher Allgemeiner Zeitung“ harsche Kritik am Konzept der Inklusion. „Ich betrachte die Entwicklung mit großer Sorge. Eltern haben künftig kaum noch Wahlmöglichkeiten zwischen Förder- und Regelschule. Auch die Differenzierung nach Förderschwerpunkten fällt weg. Ich halte es für eine Errungenschaft, dass wir differenzierte Angebote für unterschiedliche Begabungen und Leistungsfähigkeiten haben“, so zitiert die Zeitung die Christdemokratin. Pantel könne „nicht nachvollziehen, welchen Vorteil es für ein Kind bringt, wenn es seine Lebenszeit für ein unerreichbares Ziel vertut“. Eine individuelle und gute Förderung in einer kleinen Gruppe in einem geschützten Raum sei derzeit in Regelschulen kaum zu leisten, meint die Politikerin. Sie hält die jetzt betriebene „Inklusion um jeden Preis“ für kontraproduktiv. „Die besondere Förderung kann in den weiterführenden Regelschulen so nicht geleistet werden, weil es dort an Personal, Geld und Räumen fehlen“, erklärt Pantel, selbst Mutter von fünf Kindern. News4teachers

Zum Bericht: Inklusion: Philologenverband lehnt schwer geistig behinderte Schüler am Gymnasium ab

12 Kommentare

  1. viele lehrer haben das so kommen sehen und wurden ignoriert. jetzt erleben eltern dasselbe. sind ba l d irgendwo wichtige wahlen? die könnten etwas bewirken, entweder durch Regierungswechsel oder als wahlgeschenk.

    • Richtig! Aber vergessen Sie die GEW als wichtige Fürsprecherin der Inklusion und Einheitsschule nicht. Wenn da die Lehrer auf Zack wären und dieser Gewerkschaft endlich mal mit vereinten Kräften einen deutlichen Denkzettel für ihre bildungspolitischen Fehltritte erteilten, wäre viel gewonnen.

    • mehrnachdenken

      Ja, die Bürgerschaftswahlen in Bremen. Dort wird die SPD aber regelmäßig wiedergewählt, obwohl die Schulpolitik des kleinsten Bundeslandes mit die schlechteste in ganz Deutschland ist.
      Der Wähler, der mündige Souverän, darüber kann ich schon lange nur noch lachen!

      • Ich auch. Mein bitteres Lachen ist schon lange der Tatsache geschuldet, dass ich mich in einem Staat fühle, der von allen Seiten als lobenswerte „Demokratie“ dargestellt wird, ich aber feststelle, dass die Bürger zunehmend desinformiert werden. “ Der mündige Souverän“ ist in der Tat ein Witz, wo alles dafür getan wird, um ihn durch einseitige Darstellung der Fakten und Ereignisse zum unkritischen Jasager zu machen.
        Ich fühle mich nicht in einer Demokratie, sondern unter der Knute einer Meinungsdiktatur.

    • Alle wissen doch besser Bescheid als die Lehrer, die tagtäglich dort arbeiten. Man stelle sich das mal bei anderen Berufsgruppen vor 🙂

  2. Die Lehrerschaft allgemein ist doch selbst Schuld! Wieso sind so viele Lehrer in der GEW?

    • Die GEW ist für die tarifbeschäftigten Lehrkräfte die einzige Gewerkschaftsorganisation innerhalb des DGB, und somit der größere Tarifpartner im Vergleich zu den sonstigen Interessenvertretungen angestellter Lehrer.
      Warum Beamte Mitglied der GEW sind, entzieht sich de facto meiner Vorstellungskraft.

      Andere Lehrerverbände (wie z.B. der DPhV oder BLLV) sind Berufsverbände innerhalb des DBB. Wie die letzte Tarifrunde wiederum deutlich gezeigt hat, ist mit den DBB-Vertretern kein „Staat“ zu machen. Denen ging es lediglich um die prozentuale Entgelterhöhung, die Forderung der Tarifbeschäftigten nach einer einheitlichen LEGO (Lehrereingruppierungsordnungen) ging denen glatt am Allerwertesten vorbei. Der GEW ist eindeutig anzuraten die Tarifunion mit dem DBB zu verlassen und getrennt mit der TdL für die tarifbeschäftigten (angestellten Lehrkräfte) zu verhandeln.

      • Was das Tarifrecht angeht, würde ich dem zustimmen. Aber schulpolitisch ist die GEW mit ihrer Einheits(soßen)schule für alle absolut nicht tragbar. Ich verstehe nicht, wieso in der GEW immer wieder diese realitätsbeschränkten Weltverbesserer in die Spitzenpositionen gewählt werden.

        • Da kann ich Ihnen nur beipflichten. Dass die GEW wegen ihrer Vormachtstellung in Tariffragen so viele Mitglieder hat und als Platzhirsch auch den größten Einfluss auf die Schulpolitik, ist ein Jammer. So lange ich die GEW kenne, ist sie eine äußerst emsige Unterstützerin rot-grüner Bildungspolitik mit Einheitsschule, Inklusion und mittelfristiger Auflösung der Gymnasien.
          Sind diese Dinge den Lehrern so unwichtig, dass sie dieser Gewerkschaft nicht endlich die rote Karte zeigen, indem sie ihr den Rücken kehren? Oder teilen die meisten sogar die GEW-Gesinnung?

        • Das Problem der GEW sind die Beamten, die sich als Funktionäre aufstellen und wählen lassen. Wenn die ihr Engagement in tarifpolitische Dinge wie Arbeitsbelastung, gleiche Bezahlung, Verbesserung der Arbeitsplatzsituation etc. stecken würden, wären die voll ausgelastet. Das Problem ist, dass sie an den tarifpolitischen Fragen, die für die Tarifbeschäftigten evident sind, kein genuines Interesse haben, da sie selbst vom arbeitsvertragsrecht nicht betroffen sind. Aus diesem Grund suchen sich GEW-Funktionäre gerne schulpolitische Themen als Ersatzspielwiese. Für mich sind deren Kandidaten auf der Wahlliste zum PR nicht wählbar, dennoch muss ich damit leben, dass sie die größte Zahl an Vertretern sowohl in den PR der Bez.-Reg. als auch im HPR beim Ministerium stellen.

          GEW bedeutet für mich: ganz einfach weltfremd

  3. Mit noch so viel Lehrerausbildung und Fortbildung wird die Inklusion nie klappen, weil das Konzept lebensfremd ist. Zwar wird es ständig schön geredet und gesund gebetet, doch das hilft höchstens der Werbung, nicht der Schulpraxis.
    Dem, was die Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel sagt, kann ich nur zustimmen.

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