Start Titelthema Was ist überhaupt Bildung? Es wird Zeit für eine gesellschaftliche Debatte darüber,...

Was ist überhaupt Bildung? Es wird Zeit für eine gesellschaftliche Debatte darüber, was Kinder in der Schule künftig lernen sollen

0
Anzeige

DÜSSELDORF. Die Bildungsdebatte wirkt derzeit merkwürdig orientierungslos. Einerseits wächst die Sorge über immer schlechtere Leistungen von Schülerinnen und Schülern bei Lesen, Schreiben oder Rechnen. Andererseits verändert künstliche Intelligenz gerade grundlegend den Umgang mit Wissen: Informationen sind jederzeit verfügbar, Texte lassen sich automatisiert erzeugen, Antworten liefert auf Knopfdruck die Maschine. Dabei scheint immer unklarer zu werden, was Bildung künftig überhaupt noch bedeuten soll. Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte darüber – meint News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

“Fragen wir doch mal die KI”: News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek

„Wie gebildet sind Sie?“ Mit dieser Frage eröffnet die Zeit ihren aktuellen Schwerpunkt zur Bildungskrise („Bildung? Wozu?“). Leserinnen und Leser sollen sich durch 22 Wissenskategorien testen – Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kunst, Naturwissenschaften, Popkultur. Eine der Fragen lautet: „Wen findet man im aktuellen Kabinett der Bundesregierung?“ Zur Auswahl stehen unter anderem „Karsten und Carsten“. Die richtige Antwort: Carsten Schneider (SPD) und Karsten Wildberger (CDU). Eine andere Frage lautet: „Welcher heutige EU-Mitgliedsstaat grenzte 1989 ausschließlich an Staaten, die es heute nicht mehr gibt?“ Antwort: Polen.

Natürlich kann man solche Fragen beantworten. Man kann sie auch unterhaltsam finden. Aber die Frage drängt sich trotzdem auf: Ist das Bildung? Ist Bildung das Wissen darüber, dass zwei Bundesminister ähnlich klingende Vornamen tragen? Oder die Erinnerung an historische Grenzkonstellationen Europas?

Mit dieser Irritation beginnt der Bildungsschwerpunkt der Zeit – vermutlich unbeabsichtigt. Denn hinter dem Quiz steht eine deutlich größere Frage: Was bedeutet Bildung eigentlich noch in einer Zeit, in der Wissen jederzeit digital verfügbar ist – und künstliche Intelligenz zunehmend Aufgaben übernimmt, die früher als intellektuelle Leistungen galten?

„Aus der Bildungskrise, die Schlagzeilen macht, erwächst längst still und leise eine zweite“

Die Zeit beschreibt die Lage so: „Es ist dramatisch: Viele Schülerinnen und Schüler verfehlen die Mindeststandards im Lesen, Rechnen, Verstehen, Zuhören“, heißt es im Schwerpunkt. Die jüngsten Ergebnisse der PISA-Studie und des IQB-Bildungstrends zeigten, dass die Leistungen „noch tiefer abgesackt sind als vor 25 Jahren, beim ,Pisa-Schock‘“.

Noch schlimmer: „Aus der Bildungskrise, die Schlagzeilen macht, erwächst längst still und leise eine zweite“, so meint das Blatt. „Diese zweite Bildungskrise könnte in eine Zukunft führen, in der das Gebildetsein keinen Wert mehr hat. In der es salonfähig ist, Dinge nicht zu wissen (denn dafür gibt’s Google). In der nicht erwartet wird, eigene Gedanken zu formulieren (das übernimmt ChatGPT).“

Der Text beschreibt damit eine kulturelle Verunsicherung, die den Kern von Schule berührt. Die Frage lautet nicht mehr nur, warum Schülerinnen und Schüler schlechter lesen oder rechnen können. Sondern auch: Welche Rolle spielt Wissen überhaupt noch in einer digitalen Gesellschaft?

Die Bildungsjournalistin Anna-Lena Scholz beschreibt das in ihrem Beitrag als historischen Umbruch. „Heute herrscht Ratlosigkeit, und eine Ahnung: Die leichte Verfügbarkeit des Weltwissens und die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz markieren einen Epochenbruch wie einst der Buchdruck: Ab jetzt wird alles anders. Vielleicht wohnen wir dem beginnenden Niedergang einer – unserer – Hochkultur bei. Und dem Beginn einer neuen.“

Gleichzeitig benennt Scholz ein Paradox. Deutschland sei formal so gebildet wie nie zuvor. Rund die Hälfte eines Jahrgangs mache Abitur. Fast 2,9 Millionen Menschen studieren. Die Akademikerquote bei den 25- bis 34 Jährigen liege bei fast 40 Prozent. „Deutschland hat im 20. Jahrhundert eine nie da gewesene Bildungsexpansion erlebt“, schreibt Scholz. „Mädchen, Gastarbeiternachkommen, Arbeiterkinder – ganze Generationen haben sich mit ihren Schul- und Hochschulabschlüssen die Bildungsleiter hinaufgelernt.“

Und doch bleibt die Unsicherheit. „Was hilft der Vergleich mit der Vergangenheit“, fragt Scholz, „wenn die Kinder der Gegenwart immer schlechter lesen, verstehen, schreiben, rechnen können? Während die künstlichen Intelligenzen zugleich immer schlauer werden.“

„Gebildet sein heißt heute: Kann ich in einer neuen Welt aufwachen und mich zurechtfinden?“

Auffällig ist dabei, wie offen inzwischen die Vorstellungen von Bildung geworden sind. Was ist Bildung? PISA-Koordinator Andreas Schleicher antwortet: „Früher stand vorgefertigtes Wissen im Zentrum von Bildung, drum herum gruppierten sich Werte, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften. Heute ist es andersherum: Zentral ist, was wir als Menschen können.“ Schleicher warnt ausdrücklich vor einem festen Kanonwissen. „Gebildet sein heißt heute: Kann ich in einer neuen Welt aufwachen und mich zurechtfinden?“

Auch die Antworten weiterer prominenter Persönlichkeiten, die die Zeit gesammelt hat, bleiben bemerkenswert nebulös. Eine gebildete Person „achtet bewusst auf ihre Umgebung und ihre Mitmenschen“, sagt die Schriftstellerin Olga Grjasnowa. Wer gebildet sei, könne „über sich selbst lachen“, sagt Moderatorin Linda Zervakis. Der CDU-Politiker Philipp Amthor erklärt: „Bildung bedeutet auch die Fähigkeit, Nöte und Bedürfnisse der menschlichen Seele zu erkennen.“ Konkrete Inhalte spielen in vielen dieser Antworten kaum noch eine Rolle.

Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass die Frage aufgeworfen wurde, was genau zum Bildungskanon gehört (dass es einen solchen geben muss, schien völlig klar). Ende der 1990er Jahre erschien der Bestseller „Bildung. Alles, was man wissen muß“ des Anglistik-Professors Dietrich Schwanitz. Das Buch verstand sich ausdrücklich als Versuch einer kulturellen Selbstvergewisserung in einer Zeit, in der auch damals bereits über Krise, Orientierungslosigkeit und den Zustand des Bildungssystems diskutiert wurde. Schwanitz schrieb, das deutsche Bildungssystem habe „Schiffbruch erlitten“ – offenbar eine immer wiederkehrende Erzählung, auch schon vor PISA –; notwendig sei eine „Neubesinnung“ darüber, was überhaupt noch zum Bildungskanon gehören solle.

Der Kanon, den Schwanitz auf immerhin rund 500 Seiten entwarf, war breit und ausdrücklich europäisch gedacht. Er reichte von Bibel und antiker Mythologie über europäische Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst und Musik bis hin zu Naturwissenschaften, Ideengeschichte und Geschlechterdebatten. Bildung bedeutete für Schwanitz nicht bloß Faktenwissen, sondern die Fähigkeit, sich in kulturellen Zusammenhängen orientieren zu können. Gleichzeitig beschrieb er Bildung auch als gesellschaftliche Praxis: als Sprachfähigkeit, als Wissen darüber, wie kulturelle Kommunikation funktioniert, als Fähigkeit zur Selbstreflexion. Auffällig ist aus heutiger Sicht allerdings auch, wie stark dieses Bildungsverständnis noch von der Vorstellung eines gemeinsamen kulturellen Referenzrahmens ausging – also genau jener Idee eines Kanons, die heute zunehmend umstritten ist. MINT? Kommt nur am Rande vor (was grotesk wirkt in einer Welt, die von Naturwissenschaft und Technik so stark geprägt ist wie unsere).

Heute, nur knapp 30 Jahre später, wird Schwanitz’ Kanon auf Medimops für 2,69 Euro verramscht.

„Bildung ist ein vielschichtiger Begriff und bedeutet mehr als nur Wissen anzusammeln“

Die Journalistin Scholz unternimmt nun in der Zeit einen eigenen mutigen Versuch, Bildung zu definieren – und einen Mindestkanon aufzustellen. „Man muss mindestens eine Fremdsprache beherrschen“, schreibt sie. „Fremde Länder bereisen. Man muss Orte der Vergangenheit zu seiner Gegenwart machen: Kirchen, Denkmäler, Museen.“ Sie nennt europäische Geschichte, Mathematik, Physik, Chemie, Astronomie, Literatur, Musik, Politik, Klimakrise und Weltwirtschaft. Weil? „Ein solches Gerüst, egal wie wacklig, braucht man aus einem Grund: Es versetzt einen in die Lage, Fragen zu formulieren.“

Das erscheint nun aber gar nicht so schwer. Fragen wir doch mal eben die KI, was Bildung bedeutet. ChatGPT antwortet: „Bildung ist ein vielschichtiger Begriff und bedeutet mehr als nur Wissen anzusammeln. Im Allgemeinen versteht man darunter den Prozess, in dem ein Mensch seine Fähigkeiten, sein Wissen, seine Persönlichkeit und sein Verständnis von sich selbst und der Welt entwickelt.“ Weiter heißt es: „Bildung hilft Menschen, aktiv und verantwortungsvoll am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Und mit Verweis auf Wilhelm von Humboldt formuliert die KI: „Bildung bedeutet die ganzheitliche Entwicklung des Menschen – also nicht nur Fachwissen, sondern auch Charakter, Kreativität und kritisches Denken.“

Sieh mal an – keine doofe Antwort: Bildung ist demnach nichts Statisches. Nichts, was man einmal erwirbt und dann dauerhaft besitzt. Bildung ist ein Prozess. Vielleicht lässt es sich tatsächlich relativ einfach formulieren: Bildung ist die Bereitschaft, sich die Welt immer wieder neu zu erschließen.

Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn in einer digitalen Wissensgesellschaft verändern sich die Voraussetzungen dafür ständig. Lesen und Schreiben allein reichen längst nicht mehr aus. Der kompetente Umgang mit digitalen Medien gehört inzwischen selbstverständlich dazu.

Gerade deshalb braucht die Gesellschaft möglicherweise eine neue Bildungsdebatte. Eine Debatte, die nicht darauf fokussiert ist, ob Schiller noch in die überquellenden Lehrpläne gehört oder die schriftliche Division in die Grundschule. Sondern die zunächst mal die grundlegende Frage klärt: Wofür sollen Kinder und Jugendliche eigentlich lernen? Was brauchen sie künftig, um sich neue Perspektiven – Bildung – überhaupt aneignen zu können? Erst wenn darüber mehr Klarheit herrscht, wird sich auch beantworten lassen, wohin sich Schule entwickeln soll. Im Moment allerdings dominiert vor allem ein anderer Eindruck: Die Gesellschaft ist sich sehr sicher, dass Bildung wichtig ist – aber immer unsicherer darüber, was sie darunter versteht. News4teachers

Hin zu einer “lernenden Organisation”: 17 Bildungsforscher legen ein umfassendes Bild von der Schule der Zukunft vor

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments