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Kultusministerin will wieder mal die Mittelschule (aka Hauptschule) retten – doch: Ist sie nicht schon längst gestorben?

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MÜNCHEN. Der Physiker Erwin Schrödinger stellte 1935 ein Gedankenexperiment vor, das bis heute zu den bekanntesten Bildern der modernen Wissenschaft gehört: Eine Katze sitzt in einer verschlossenen Schachtel. Ihr Schicksal hängt von einem quantenphysikalischen Zufallsprozess ab – solange niemand nachschaut, gilt sie theoretisch zugleich als lebendig und tot. Unser Gastautor Roland Grüttner greift dieses Paradox auf, um den Zustand der Mittelschule (wie in Bayern die Hauptschule heißt) zu beschreiben. Grüttner leitete selbst eine Grund- und Mittelschule sowie später eine Montessorischule in Bayern.

Lebt sie noch? Illustration: News4teachers

Schrödingers Mittelschule

„Lebt sie nun, oder lebt sie nicht?“ Diese Frage stellt sich bei Schrödingers Katze, und sie lässt sich erst entscheiden, wenn man die Schachtel geöffnet hat. Das ist auch bei der bayerischen Mittelschule der Fall: Sie nimmt gleichzeitig zwei Zustände ein, tot und lebendig, ist vielleicht schon dahingeschieden, soll aber mit aller Macht am Leben erhalten werden.

Immer neue lebenserhaltende Maßnahmen

Es gibt wieder einmal eine lebenserhaltende Maßnahme namens „Mittelschulinitiative“ (News4teachers berichtete), ich habe nicht mitgezählt, die wievielte es ist. Die vorletzte wurde noch im vorigen Jahrtausend unter Kultusminister Schneider ins Werk gesetzt, die letzte konzipierte um 2010 herum Dr. Spaenle. Dieser ließ die nicht so vom Volk geliebte Hauptschule zur sprachlichen Aufwertung in „Mittelschule“ umbenennen, schuf zum Erhalt von Standorten Schulverbünde und stärkte die M-Züge, um zu signalisieren, dass man auch an dieser Schulart zu einem „Mittleren Schulabschluss“ gelangen kann, der mithilfe eines Sprachkompromisses zu dem der Realschule „gleichwertig, aber nicht gleichartig“ sein sollte.

All diese Initiativen haben nichts Entscheidendes am unbestimmten Zustand dieser Schulart geändert, so dass Frau Kultusministerin Stolz nun den Eindruck hatte, der Mittelschule wieder neues Leben einhauchen zu müssen. In einer Pressemeldung lässt sie verlauten, wie sie sich das vorstellt: „Im Zentrum stehen die Stärkung von Basiskompetenzen, mehr individuelle Lernzeit, noch mehr Praxisnähe und eine konsequente Ausrichtung auf erfolgreiche Bildungs- und Berufswege.“

Flexibilisierung hier, aber nicht da

Aufgrund unausgeglichener Standpunkte gerät die Ministerin mit sich selbst in Widerspruch. Zunächst erklärt sie, dass die Mittelschule flexibler gestaltet werden soll: „Ein zentraler Baustein ist die Ausweitung des jahrgangsübergreifenden Lernens (JAMI). Dabei werden Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 5 und 6 gemeinsam unterrichtet und können diese Jahrgangsstufen bei Bedarf in drei Jahren durchlaufen – für mehr Zeit zum Lernen und nachhaltigen Bildungserfolg. „Kinder brauchen Zeit: zum Lernen, zum Wachsen und zur persönlichen Entwicklung“, so die Kultusministerin.“

Da hat sie völlig Recht, die Ministerin: Eine solche Flexibilisierung ist sehr hilfreich, indem sie akzeptiert, dass zum Verstehen manche Schüler:innen länger brauchen und andere schneller vorangehen können.

Der Selbstwiderspruch besteht nun darin, dass sie eine solche Flexibilisierung vor kurzem noch abgelehnt hat. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) schlug nämlich vor, die Mittelstufe des Gymnasiums zu flexibilisieren (News4teachers berichtete), das Stolzsche Argument: „Kinder brauchen Zeit: zum Lernen, zum Wachsen und zur persönlichen Entwicklung“ gilt doch hier wie da. Oder sind das andere Kinder?

Nur antwortete die Ministerin auf den Vorschlag des BLLV, ein uraltes, abgenutztes Argument ausgrabend, es gäbe „nicht den geringsten Anlass für eine erneute Strukturdebatte“. Dabei wollte der BLLV gar nicht an die Schulstruktur, sondern eben nur die Struktur flexibel füllen.

Flexibilisierung des Mangels

Weiterhin hat die Ministerin die Absicht, die Stundentafel zu flexibilisieren: „Die Flexibilisierung der Stundentafel stärkt die Basiskompetenzen der Schülerinnen und Schüler und ermöglicht es den Lehrkräften, sie gezielt und individuell zu fördern. In den Jahrgangsstufen 5, 6 und 7 können in Eigenverantwortung der Schulen zur individuellen Schwerpunktsetzung und zur Sicherung von Basiskompetenzen künftig bis zu zwei Stunden pro Woche für einzelne Schülerinnen und Schüler, Gruppen oder die gesamte Klasse zur Förderung in Deutsch, Mathematik und Englisch genutzt werden.“

Dazu wird vom Kultusministerium folgendes Beispiel gegeben, das zeigt, was man unter Flexibilisierung zu verstehen hat:

Man kann also den einen Fächern was wegnehmen, um für die anderen Fächer mehr Stunden zu generieren. Es gibt keine Kürzungen in der Stundentafel, und es gibt auch nicht mehr Unterrichtszeit. Vor allem gibt es nicht mehr Lehrer:innen, denn die wachsen immer noch nicht auf den Bäumen. Hier wird der Zustand zwischen Leben und Tod auf andere Weise deutlich: Ich nehme den einen Patienten das Personal weg und gebe es den anderen. Weil: Ich habe ja nicht genug für alle. Das nenne ich dann „Flexibilisierung“. Das Überleben von Schrödingers Katze kann man damit eher nicht sichern.

Re-integrierter M-Zug

In Bayern gibt es seit Dr. Spaenle „M-Züge“, in denen gute Mittelschüler von der 7. bis in die 10. Jahrgangsstufe in möglichst homogenen Klassen den Mittleren Schulabschluss erwerben können sollen. Dazu gibt es jetzt eine teilweise Rücknahme dieser Reform: „Innerhalb des dreijährigen Schulversuchs „Integrierter M-Zug“ wird das M-Angebot an teilnehmenden Mittelschulen in die Regelklassen der Jahrgangsstufen 7 bis 9 integriert.“

Das ist deshalb eine interessante Maßnahme, weil man ja unter Dr. Spaenle die M-Züge noch ausdrücklich rausgenommen hat aus den Klassen 7 bis 9. Es gab in der Folge auch die entsprechenden Lehrwerke (jeweils für M- und R-Klassen), die dann in den integrierten M-Zug-Klassen wohl beide benutzt werden. Spannend ist diese Maßnahme auch aus dem Grund, dass die Verantwortlichen unter der Hand das Prinzip Homogenität aufgeben. Denn „integriert“ heißt: zusammengesetzt aus allen Leistungsniveaus.

Hier wird etwas pädagogisch verbrämt, was in der Praxis für Unmut gesorgt hatte: M-Zweige konnten nur „starke“ Mittelschulstandorte einrichten. Diese haben aus „schwachen“ Standorten gute Schüler:innen abgesaugt, weil diese an ihrer Heimatschule keinen Mittleren Schulabschluss anstreben konnten, und so wurden die kleinen Mittelschulen noch kleiner; eine kontraproduktive Maßnahme halt, die jetzt wieder zurückgenommen wird.

Brauchen Schüler:innen eine Mittelschule?

Kultusministerin Anna Stolz redet die Schüler:innen und Lehrer:innen stark und meint damit, auch die Mittelschule zu legitimieren: „Die Mittelschule sichert Chancen und gestaltet Zukunft. Sie macht stark für jeden Weg. Mit unserem Maßnahmenpaket stärken wir unsere Lehrkräfte und Schulleitungen, die jeden Tag Großartiges leisten. Gleichzeitig investieren wir ganz gezielt in die Zukunft unserer Kinder – in ihre Talente, ihre Motivation und ihre Persönlichkeit. Wir können verdammt stolz auf diese jungen Menschen sein!“

Da hat sie schon wieder Recht, aber das ist nun überhaupt kein Argument für die Mittelschule, denn die Lehrkräfte und Schulleitungen, die Großartiges leisten, würden das auch in einer anderen Struktur, und die Schüler:innen könnten ihre Talente, Motivation und Persönlichkeit auch in anderen Schulen entwickeln. Vielleicht sogar besser. Wetten?!

Es sind nicht die Schülerinnen und Schüler, die die Mittelschule brauchen, die kämen auch in Schulen mit mehreren Bildungsgängen (SmB) klar. Es ist wohl hauptsächlich Tradition, gewürzt mit einer gehörigen Portion Ideologie, die in Frau Stolz das Wort ergreift.

Warum nur verzichtet der Rest der Welt auf eine Sortierung der Kinder in drei getrennte Schularten?

Sind die dumm (also die Regierungen)? Nein, PISA zeigt, dass die auch funktionieren, teilweise sogar besser als Bayern. Allerdings demonstriert PISA – wie überhaupt die allgemeine Bildungsforschung – auch, und das mit unschöner Regelmäßigkeit, dass eine frühe Sortierung Chancen verhindert, Wege versperrt und eine gesellschaftliche Spaltung nicht nur nicht verhindert, sondern teilweise sogar befördert.

Warum achtet das vom bayerischen Ministerpräsidenten gelenkte Kultusministerium nicht auf den Hinweis des Aktionsrates Bildung – eines von der vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft) eingesetzten Expertenrates? Diese Bildungswissenschaftler haben bereits vor fast 20 Jahren die Ansage gemacht: „Der Sekundarbereich I wird zweigliedrig (Sekundarschule und Gymnasium) angeboten.“

Warum erkennt man am Münchner Salvatorplatz und in der Bayerischen Staatskanzlei nicht die Zeichen der Zeit, die diese Entwicklung erkennen lassen:

Eigenes Diagramm nach Zahlen von Destatis

Seit Jahrzehnten befinden sich bundesweit die Hauptschulen im Sinkflug, sind also am Absterben, während die so genannte „2. Säule“, eine integrierte Sekundarstufe für alle Schüler:innen, einem klaren Aufwärtstrend folgt. Und nein, das ist nicht Ideologie, sondern pädagogische Vernunft! Und sie verhindert nebenbei, dass die Gesellschaft weiter separiert wird.

Wer mir nicht glaubt, der höre wenigstens auf John Hattie, der in Visible Learning – The Sequel über die Sortierung in Leistungskursen sagt: „Tracking has minimal effects on learning outcomes; no one profits… Why do we persist with a failed intervention? Who benefits? Not the students.“ (S. 187)

Wenn also die Kultusministerin nun erklärt: „Bayerns Mittelschulen sind stark für jeden Weg“, dann hat das den Charakter einer Beschwörungsformel und bewirkt auch genauso viel. Man muss nicht erst die Schachtel aufmachen, um zu sehen, in welchem Zustand sich Schrödingers Katze befindet. Wer Augen hat zu sehen, der sehe! News4teachers 

Roland Grüttner betreibt den Blog paedagokick.de.

FDP: Hauptschule wiederbeleben (um Kinder auf spätere Arbeit in Mangelberufen vorzubereiten)!

 

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ed840
1 Stunde zuvor

Nein, PISA zeigt, dass die auch funktionieren, teilweise sogar besser als Bayern.

Stimmt.

Wenn man z.B. PISA-2022 und IQB-2024 Mathematik als Maßstab nimmt, gibt es Länder in Fernost, in denen SuS höhere Punktzahlen erzielen als in Bayern.

Das allein erscheint mir als Beweis aber ebensowenig tauglich, wie die Vielzahl der Länder in Europa und Amerika als Gegenbeweis , in denen die Punktzahlen niedriger liegen.

Innerhalb Deutschlands gibt es m.W. kein Bundesland mit Gemeinschaftsschulen / IGS etc,, in dem bei IQB-2024 die Punktzahlen der SuS ohne / mit Migrationshintergrund und die der SuS aus der oberen/unteren Schicht ähnlich weit über dem Bundesschnitt lagen wie in Bayern.

ed840
31 Minuten zuvor

der höre wenigstens auf John Hattie, “

Der wurde allerdings hier auf n4t zum Thema Gymnasium so zitiert, dass alle Kinder die Chance haben müssten ihre Leistungen zu verbessern, nicht nur ein Bruchteil.

Klingt für mich jetzt nicht so als ob er den anderen Schularten in DE zutraut, Kinder zu Leistungsverbesserungen zu führen.