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Abiball: Kostpiegelig und konservativ – „heile Welt im Kleinen“

KÖLN. Früher wurde schmucklos in der Schulaula gefeiert, heute muss es zum Abschluss der gymnasialen Schullaufbahn ein Ballsaal sein. Experten sprechen von einem Rückgriff auf tradierte Muster. Eine Abiturientin macht den Kassensturz.

Im Nachhinein muss Nina Hoffmann schlucken. Mehr als 700 Euro für einen schicken Gala-Abend? «So viel bezahle ich ja nicht mal für meinen Sommerurlaub.» Zu hoch also, die Kosten für ihren Abiball am vergangenen Wochenende? Andererseits: «Der Abend war super schön.» 750 Euro – so viel hat die 20-jährige Kölnerin sich das Fest zum Abschluss ihrer Schullaufbahn kosten lassen. Mit Ausgaben dieser Größenordnung ist sie nicht allein. Deutschlandweit werden Abibälle mit hohem Aufwand betrieben.

Maximilian Reichel-Schindler von der Landesschülervertretung in Thüringen spricht von einem «krönenden Abiball», den er im kommenden Jahr zu feiern hofft. Seit Beginn des Schuljahres sammelt sein Jahrgang Geld für das Fest. Damit kann man nicht früh genug beginnen: Die Stufe der Kölner Abiturientin Nina Hoffmann hat allein für Ballsaal und Catering 25 000 Euro bezahlt.

Abibälle werden in Berlin immer aufwendiger organisiert. (Foto: Arpingstone/Wikimedia)

Abibälle werden immer aufwendiger organisiert – etwa mit Stretchlimousine. (Foto: Arpingstone/Wikimedia)

Früher war der Schulabschluss eine eher schmucklose Angelegenheit. Der Rektor überreichte in der Aula das Zeugnis, womöglich gab es ein schlichtes Buffet. Früher wurden keine professionellen Fotografen gebucht und kein DJ bespielte eine «After-Show-Party». Früher galt ein Ball dieser Art als spießig, heute wird ihm Tradition nachgesagt.

Wolfgang Pabel, stellvertretender Vorsitzender des Bundeselternrats, nennt diese Entwicklung bedenklich. «Mit dem Bildungsabschluss hat das nichts mehr zu tun.» Der Ball sei mittlerweile vom eigentlichen Anlass, mit Kindern gemeinsam den Abschluss zu feiern, entkoppelt. Unterschiede zur eigenen Hochzeit – kaum erkennbar. «Was ist mit Familien, die sich das nicht leisten können?», fragt Pabel. «Gehören die überhaupt noch dazu?»

Gehören die überhaupt noch dazu, wenn allein die Eintrittskarte für den Ball, wie bei Hoffmann, 35 Euro kostet? «Jeder hat andere Vorstellungen. Manche wollen es besonders schick, anderen ist das nicht so wichtig», sagt Hoffmann, die selbst im Organisationsteam war. Bei 35 Euro für den eigenen Eintritt bleibt es – persönliches Interesse hin oder her – meist allerdings nicht.

Wenn Nina Hoffmann Kassensturz macht, sieht das so aus: die fünf Karten für Eltern, Freund, Großmutter und sich selbst – 175 Euro. Hinzu kommen Kosten für Ballkleid (195 Euro), Maniküre (30), Pediküre (15), Friseurbesuch (30), Handtasche (35), ein Paar Schuhe (150), noch ein Paar Schuhe zum Tanzen (100) und 20 Euro Startkapital zu Beginn der Oberstufe. Wer die Fingernägel passend zum silberfunkelnden Haarreif gestaltet haben möchte, muss zahlen. Rückblickend sei das «schon happig», sagt Hoffmann. Aber: Es sei doch Tradition, das Abi derart zu feiern.

Tradition? Für Andreas Hamerski (54) wäre ein solcher Abiball undenkbar gewesen. «Ich wäre nie im Anzug dahingegangen. Das hätte ich total spießig gefunden», sagt der Psychologe und Leiter der Familienberatung und des Schulpsychologischen Dienstes in Köln. Komplexes Weltgeschehen und mediale Reizüberflutung führten jedoch dazu, dass Menschen auf Bewährtes zurückgriffen. «Menschen neigen dazu, auf alte Muster als vermeintlich sichere Verhaltensform zurückzugreifen, wenn sie überfordert sind.»

Auch Konsumforscher Thomas Kirschmeier vom Rheingold Institut nennt die veränderte Lebenswelt als Grund für die konservativen Bälle: Die Rente ist unsicher, ganze Staaten gehen pleite und Europa funktioniert nicht so wie gedacht. «Früher wussten die Abiturienten, dass sie mit ihrem Abschluss nicht auf der Straße stehen werden», sagt Kirschmeier. Heute sei die Zukunft ungewiss. Nach der Party-Gesellschaft der 90er und 2000er Jahre sei der Abiball ein Halt gebendes Symbol, eine «heile Welt im Kleinen».

Wirklich wichtig an dem Ball sei, das Abitur als Einschnitt im Leben der Schüler zu würdigen, sagt Hamerski. «Im Verhältnis zum Anlass halte ich diese Form des Feierns jedoch für übertrieben.» Wolfgang Pabel vom Bundeselternrat sieht das ähnlich: «Auf den Bildungserfolg kann und soll man stolz sein.»

Nina Hoffmann plant ein Lehramtsstudium für die Sekundarstufe zwei. Ob das klappt? Sie weiß es nicht. Vorher geht’s ohnehin in den Urlaub: eine Woche Mallorca mit dem Freund. Und über die Kosten für den Abiball sagt sie schließlich doch: «Es hat sich gelohnt.» Michel Winde

3 Kommentare

  1. Milch der frommen Denkungsart

    Wenn man auch solcherlei Kreativität die Bewunderung nahezu nicht versagen kann, ist hiermit neues Betätigungsfeld für ideologiegesättigte Gleichmacher nunmehr gefunden.

  2. Was ist eigentlich eine Strechlimousine?

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