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Streit ums Sitzenbleiben: Sinnvolles Instrument oder pädagogisch verfehlt?

Bringt die so genannte „Ehrenrunde“ Schüler voran – oder handelt es sich nur um Zeitvergeudung? Foto: ErwinDesign / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Bringt die so genannte „Ehrenrunde“ Schüler voran – oder handelt es sich nur um Zeitvergeudung? Foto: ErwinDesign / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

DÜSSELDORF. Früher gab es schlechte Noten für schlechte Leistung. Heute soll kein Kind zurückgelassen werden. Die Zahl der Sitzenbleiber sinkt seit Jahren – bundesweit. Eine Entwicklung, die Experten unterschiedlich beurteilen.

Das Sitzenbleiben ist außer Mode – deshalb aber noch lange nicht abgeschafft. Wenn am Freitag in Nordrhein-Westfalen die Zeugnisse verteilt werden, ist die «Ehrenrunde» für manch einen Schüler amtlich. Dabei hat die Zahl der Wiederholer sich im Land zwischen 2002 und 2014 mehr als halbiert. Sowohl Experten als auch Interessenvertreter haben dazu unterschiedliche Urteile: Kinder bräuchten ab und zu einen deutlichen Warnschuss, sagen die einen. Das Sitzenbleiben sei nur bedingt hilfreich, sagen die anderen.

Die einen – dazu gehört zum Beispiel Ulrich Czygan, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Er sagt: «Es bedarf heute schon einiger Anstrengung, um überhaupt noch sitzen zu bleiben.» Dem Leitsatz in NRW – kein Kind zurückzulassen – wird seiner Ansicht nach häufig gefolgt, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Viel zu oft werde eine Gnadenvier und noch eine Gnadenvier vergeben, sagt Czygan. Aber: «Was soll besser werden, wenn alte Sachen schon nicht verstanden wurden und dann Neues hinzukommt?» Und überhaupt: «Wer in Klasse acht ein fauler Schüler war, wird sich nach dem Sommer nicht plötzlich ändern.» Warnschuss, Ehrenrunde, neuer Versuch – dadurch würde nach Czygans Überzeugung auch der Frust durch neue Misserfolge begrenzt.

77 649 Schüler haben nach dem Schuljahr 2001/2002 laut Statistischem Landesamt an allgemeinbildenden Schulen in NRW eine Klasse wiederholt. Zwölf Jahre später waren es knapp 54 Prozent weniger, nämlich 36 033 – eine Entwicklung, die bildungspolitisch gewollt ist. Stichwort: individuelles Fördern. Dazu wurden sogar zusätzliche Lehrerstunden bereitgestellt.

Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW, begrüßt diese Entwicklung. Die «Ehrenrunde» bewirke höchstens im Einzelfall etwas, meint Schäfer. Dass Sitzenbleibern dadurch Frust erspart bleibt, hält sie für unwahrscheinlich. Die meisten Schüler würden sich bei der Wiederholung in den meisten Fächern langweilen. Sie plädiert dafür, frühzeitig auf gefährdete Schüler zuzugehen und zu klären, wo es hapert.

Wird viel zu oft ein Auge zugedrückt, wenn es um die Versetzung geht? Peter Silbernagel, der Vorsitzende des Philologenverbandes in NRW, glaubt ja. Dass das Sitzenbleiben politisch nicht gewollt ist, hält er für ein «Signal an die Schüler», die es folglich etwas ruhiger angehen könnten. Wie Czygan glaubt auch er, man müsse sich schon «extrem anstrengen», um sitzen zu bleiben. «Insgesamt ist das der Qualität nicht zuträglich», formuliert Silbernagel diplomatisch.

Gewerkschaftsvorsitzende Schäfer sieht dieses Problem nicht. Mit gefährdeten Schülern werde immer eine Zielvereinbarung ausgemacht. Wird die verfehlt, bleibt der Schüler eben sitzen. Auch Margret Rössler, Vorsitzende des Schulleiterverbandes in NRW, sagt, es könnten nicht beliebig oft die Augen zugedrückt werden. Minderleistungen müssten deutlich aufgezeigt, den Schülern aber gleichzeitig mehr Rückmeldung gegeben werden, damit sie den Anschluss wiederfinden. «Man sollte lieber in zwei Fächer investieren, anstatt ein ganzes Jahr zu verlieren.»

Darin sind sich im übrigen alle weitestgehend einig. Ein oder zwei Fünfen sollten nicht zwingend dazu führen, dass ein ganzes Jahr wiederholt werden muss. Daran zu arbeiten, sei realistisch, sagt Elternvertreter Ulrich Czygan. Und falls das nicht gelingt, muss eben doch ein Warnschuss fallen. dpa

Zum Bericht: Kurz vor den Zeugnissen: Philologen-Chef Meidinger verteidigt Noten – und das Sitzenbleiben

3 Kommentare

  1. In RP führt eine Fünf nie, zwei oder auch drei Fünfen führen NIE alleine zum Sitzenbleiben. Wer mit 1, 2, 3en ausgleichen kann, kommt weiter. Nur wer außer den Fünfern auch noch in den anderen Fächern schlecht ist, muss wiederholen.

    • In NRW auch nicht. Besonders die Leute, die groß tönend „wegen Mathematik“ hängen bleiben, tun das _nur_, weil sie in Deutsch, Englisch, zweite Fremdsprache keine „3“ schaffen, was in der Regel weniger mit fachlicher Überforderung als mit pubertätsbedingtem sich selbst im Weg stehen zu tun hat.

      Bei mehr als einer fünf gibt es noch so viele politisch gewollte Konstruktionen, die ein Wiederholen vermeiden. Außerdem gibt es sehr viele Schüler deren Halbjahreszeugnis eine Katastrophe ist, das Versetzungszeugnis dagegen ausreicht.

      In der Oberstufe (Qualiphase) darf man ja nur so und so viele Defizite ansammeln. In der Realität kann aber aber ein Computer etliche der Defizite aufgrund der Laufbahnentscheidung des Schülers in mehr oder weniger nachvollziehbarer Weise im Grundkursbereich angehäufte Defizite verschwinden lassen. Alles mit dem Ziel einer hohen Abiturientenquote, weil die ja ein Zeichen eines guten Schulsystems ist.

  2. Die Waldorfschulen weltweit arbeiten seit Gründung der ersten Schule in Stuttgart 1919 ohne Sitzenbleiben und sind überzeugt von dem Sinn dahinter, weil der gleichbleibenden Klassengemeinschaft eine wichtige Rolle zugeschrieben wird. Die sicheren Beziehungen zu Mitschülern und Lehrern sind die wichtigste Grundlage für erfolgreiches Lernen, wie auch zahlreiche Hirnforscher längst bestätigt haben.
    Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, sagt dazu: „Emotionalität und Beziehung sind für den Lernerfolg von besonderer Bedeutung. Informationen werden nur dann nachhaltig verankert, wenn zugleich auch emotionale Zentren im Gehirn aktiviert und vertrauensvolle Bindungen zu den Bezugspersonen aufgebaut werden können.“ Auch der Neurobiologe Joachim Bauer erklärt: „Lernen beruht auf Beziehung: Überall dort, wo Menschen mit Menschen zu tun haben, muss ein Umdenken passieren. Motivation und Teamgeist, Freude am Lernen und Kooperation gilt es zu fördern, um der Bildungsmisere zu begegnen.“ Das steht dem Konzept des Sitzenbleibens diametral entgegen!

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