KARLSRUHE. Die sportliche Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland bleibt auch Jahre nach dem Ende der Corona-Beschränkungen deutlich unter früheren Werten. Forschende sehen vor allem bei Ausdauer und Koordination anhaltende Defizite – obwohl viele Kinder längst wieder in Sportvereinen aktiv sind. So steht eine unbeantwortete Frage im Raum: Warum erholt sich die Motorik nicht – obwohl die Strukturen scheinbar wieder funktionieren? Eine mögliche Antwort: Während politische Programme den Ganztag ausweiten, scheint der Schulsport zu leiden.

Die Sportwissenschaftlerin Claudia Niessner, die am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) einen Teilbereich der vom Bundesforschungsministerium geförderten Motorik-Modul-Längsschnittstudie (MoMo-Studie) verantwortet, beschreibt die Lage in einem aktuellen Interview mit Spektrum der Wissenschaft mit einem klaren Befund: „Wir sehen einen Einbruch in der motorischen Leistungsfähigkeit nach der Coronapandemie. Am stärksten macht sich das bei der Ausdauer bemerkbar.“ Zugleich verweist sie darauf, dass das Ausgangsniveau bereits vor der Pandemie gesunken sei.
Diese Einschätzung deckt sich mit vorläufigen Ergebnissen der Motorik-Modul-Studie „MoMo 2.0“, die im vergangenen Jahr öffentlich wurden. Demnach sank die Ausdauerleistung von Jungen im Fahrradtest um knapp 7,7 Prozent, bei Mädchen sogar um 9,6 Prozent – jeweils im Vergleich zu den letzten Erhebungen vor der Coronapandemie. Studienleiter Prof. Alexander Woll erklärte laut MDR: „Es gibt einen Einbruch bei Ausdauer und Kraft.“ Untersucht wurden rund 4.500 Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren an etwa 200 Orten bundesweit. Dem Bericht zufolge erreichen nur etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland das von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Aktivitätsniveau.
„Wie es aussieht, bleiben die Rückgänge bestehen – und das, obwohl die Kinder nach einer coronabedingten Delle wieder in ihre Sportvereine gehen“
Niessner ordnet diese Entwicklung nun ein. „So könnte man sagen“, antwortet sie auf die Frage, ob die Pandemie einen vorherigen Abwärtstrend verschärft habe. Entscheidender sei jedoch ein anderer Punkt gewesen: „Die wirklich spannende Frage lautete daher, ob diese Rückgänge bleiben oder sich wieder geben.“ Und: Die bisherigen Daten deuten auf eine dauerhafte Verschiebung hin. Niessner formuliert es so: „Wie es aussieht, bleiben die Rückgänge bestehen – und das, obwohl die Kinder nach einer coronabedingten Delle wieder in ihre Sportvereine gehen.“
Bereits frühere Erhebungen hatten in eine ähnliche Richtung gewiesen. Das Fitnessbarometer 2023 der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg (News4teachers berichtete) zeigte einen Einbruch des Fitness-Gesamtwerts um 2,4 Prozent im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie. Studienleiter Prof. Klaus Bös äußerte seinerzeit die Erwartung: „Leider sieht es bisher so aus, als ob wir einen ‘Corona-Knick’ bekommen werden.“
Niessner sieht die Ursachen für die ausbleibende Erholung bislang nicht eindeutig geklärt. „Warum bleibt die Motorik weiter im Keller, warum holen die Kinder nicht wieder auf?“ Die Sportwissenschaftlerin betont zunächst die Bedeutung sozialer Faktoren. „Der Sozialstatus etwa wird eine große Rolle spielen“, sagt sie. Kinder aus wohlhabenderen Familien hätten während der Lockdowns eher Zugang zu Gärten oder Freiflächen gehabt. Auch städtische Verdichtung spiele eine Rolle: „Wo eng bebaut wurde, wo es viele Hochhäuser und wenig Grünflächen gibt, dort waren Kinder höchstwahrscheinlich stärker in ihrer Aktivität eingeschränkt.“
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Ähnliche Beobachtungen finden sich im Fitnessbarometer. Dort wird berichtet, dass der Einbruch der motorischen Leistungsfähigkeit insbesondere bei Kindern in Städten besonders stark ausfiel. Gleichzeitig sei aber auch im ländlichen Raum ein Rückgang zu beobachten, „den sich die Forscher noch nicht so recht erklären können“.
Niessner bringt für die anhaltenden Effekte eine Hypothese ins Spiel: „Vielleicht haben wir es hier mit einer Art sozialem Long Covid zu tun.“ Gemeint ist eine dauerhafte Veränderung von Lebensgewohnheiten. „Seit Corona hat sich die Lebenswelt der Kinder weiter verändert“, erklärt sie und verweist auf intensivere Mediennutzung, mehr Zeit in Innenräumen und veränderte Familienstrukturen. Als mögliche Faktoren nennt sie veränderte Alltagsroutinen und strukturelle Veränderungen im Bildungssystem, etwa den Ausbau des Ganztags.
Im Wortlaut: „Seit Corona hat sich die Lebenswelt der Kinder weiter verändert. Natürlich gab es vorher schon Smartphones, aber die Art der Mediennutzung hat sich durch die Pandemie nachhaltig gewandelt. Das sehen wir auch bei uns Erwachsenen – Homeoffice und Videokonferenzen sind geblieben, Familien halten sich insgesamt mehr drinnen auf. Und die Lebenswelt der Kinder ist tatsächlich noch bewegungsärmer geworden: Sie werden häufiger zur Schule gefahren, leiden gewissermaßen unter Verhäuslichung. Aber das ist eben eine Hypothese, das müssen wir erst noch belegen.“
Was bedeutet „Verhäuslichung“? „Freies Spielen draußen findet kaum noch statt“, antwortet Niessner. Gleichzeitig seien Tagesabläufe stärker durchgetaktet, was spontane Bewegung zusätzlich einschränke. Auch gesundheitliche Begleiterscheinungen deuten in diese Richtung. Laut Niessner zeigen Daten aus dem Fitnessbarometer Baden-Württemberg, dass der Body-Mass-Index von Kindern nach der Pandemie weiter leicht gestiegen ist. Dies korrespondiert mit den beobachteten Rückgängen bei Ausdauer und Bewegung.
„Sport ist immer nur dieses Nebenfach, das schnell weggekürzt oder fachfremd unterrichtet wird“
Die Diskussion berührt auch die Rolle der Schule. Niessner formuliert deutliche Kritik: „Der Sportunterricht leidet dramatisch.“ Zwar fehle es an aktuellen Daten, da die letzte umfassende Schulsportstudie aus dem Jahr 2016 stamme. „Wir wissen schlicht nicht, wie viel Sportunterricht ausfällt – und wie viel überhaupt erteilt wird.“ Aber: Während der Pandemie sei Sportunterricht häufig als erstes gestrichen worden. Auch danach werde er strukturell benachteiligt. „Sport ist immer nur dieses Nebenfach, das schnell weggekürzt oder fachfremd unterrichtet wird“, sagt Niessner.
Die politischen Implikationen werden besonders im Kontext des Ganztagsausbaus sichtbar. Niessner sieht hier eine wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung. Zwar gebe es Ideen, Vereinssport stärker einzubinden, doch „das scheitert oft an der Wirklichkeit“, weil Trainer meist ehrenamtlich tätig seien und tagsüber nicht zur Verfügung stünden.
Gleichzeitig betont sie die Bedeutung von Bewegung über den Sportunterricht hinaus. „Ein bewegter Schulhof gehört dazu, bewegte Pausen, bereits das bewegte Zur-Schule-Kommen.“ Bewegung müsse „ganzheitlich mitgedacht werden“. Die langfristigen Folgen betreffen nicht nur körperliche Fitness, sondern auch Sicherheit und Gesundheit. „22 Prozent aller Grundschulkinder in Deutschland können heute nicht schwimmen“, sagt Niessner und verweist auf fehlende Infrastruktur und Personal. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation sei Ertrinken bei 5- bis 14-Jährigen die häufigste Todesursache.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Niessners Aussage besonderes Gewicht: „Schulsport ist eine Investition in die gesunde Zukunft von Kindern.“ Die vorliegenden Daten und Einschätzungen deuten darauf hin, dass diese Investition derzeit nicht im erforderlichen Umfang erfolgt – während die Effekte der Pandemie sich offenbar dauerhaft in den Körpern der Kinder eingeschrieben haben. News4teachers
Hier geht es zum vollständigen Interview von Spektrum der Wissenschaft mit Claudia Niessner.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule”.








