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Flüchtlingskinder in der Schule – eine extrem heterogene Gruppe: vom Analphabeten bis zum Mathe-Ass

STUTTGART. Einige von ihnen hatten noch nie ein Blatt Papier oder gar ein Buch in der Hand. In Vorbereitungsklassen lernen Flüchtlingskinder zunächst Deutsch – und Pünktlichkeit.

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

Mohamed kommt aus dem Sudan. Sein Traum: «Ich will Tierarzt werden.» Deshalb geht der 13-Jährige seit Montag in die Stuttgarter Rosensteinschule. Er besucht aber nicht den regulären Unterricht, sondern eine Vorbereitungsklasse. Hier lernt er er Deutsch, wird aber auch in Mathe oder Musik unterrichtet.

Zu Beginn des neuen Schuljahres bittet Klassenlehrerin Fatma Pekbey die neun Kinder, das Wort «Hallo» in ihrer Sprache zu nennen. Später stehen etwa das sudanesische «Merhabe», das arabische «Salem aleikum» oder das portugiesische «Olá» an der Tafel. In den speziellen Klassen werden alle Kinder aus dem Ausland unterrichtet, die Deutsch lernen müssen. «Die Lehrer sind alle studierte Deutschlehrer», hätten aber nicht Deutsch als Fremdsprache gelernt, sagt Schulleiterin Ingrid Macher. Für den Umgang mit traumatisierten Kindern habe es Fortbildungen gegeben.

«Ich habe viel aus dem Bauch heraus gemacht. Wenn die Schüler mich gar nicht verstehen, versuche ich es mit Händen und Füßen», erzählt Klassenlehrerin Pekbey über den Unterrichtsalltag. In den Klassen sind alle Altersgruppen vertreten, der Wissensstand ist unterschiedlich. «Manche Kinder sind schon sehr weit, andere sind fast Analphabeten», sagt die 37-Jährige. Mancher entpuppe sich gar als Mathe-Ass.

Allein nach Baden-Württemberg kommen in diesem Jahr geschätzt 103.000 Flüchtlinge, knapp ein Drittel davon sind Minderjährige. 60 Prozent dieser Kinder und Jugendlichen sind schulpflichtig – insgesamt rund 20.000 Mädchen und Jungen. Die reguläre Schulpflicht beginnt sechs Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland. Aber auch vorher schon können sie jederzeit eine Schule besuchen, wenn sie das wünschen.

Viele junge Flüchtlinge werden in den nächsten Tagen und Wochen auch an der Käfertalschule in Mannheim erwartet. Die Grundschule in einem ruhigen Viertel am Stadtrand liegt nur wenige Kilometer vom Benjamin-Franklin-Village entfernt, einer ehemaligen US-Kaserne, in der derzeit mehr als 1000 Flüchtlinge untergebracht sind. Ihre Kinder sind nach einem halben Jahr in Deutschland schulpflichtig – und werden unter anderem in der Käfertalschule unterrichtet.

Das Schulgebäude wirkt freundlich und hell – «ein Haus das lebt», verspricht ein Plakat. Rund 280 Kinder gehen hier zur Schule, viele mit Migrationshintergrund. Wie viele Flüchtlingskinder in diesem Jahr dazukommen werden, weiß Direktorin Christine Riedl noch nicht. Nur dass es deutlich mehr sein werden als im vergangenen Schuljahr, als zehn Schüler in der Vorbereitungsklasse Deutschunterricht bekamen.

1500 Vorbereitungsklassen werden in diesem Schuljahr im Südwesten eingerichtet, rund 300 mehr als im Jahr zuvor. Doch sie werden vermutlich nicht reichen, wie ein Sprecher des Kultusministeriums sagt.

Lernen – für viele Flüchtlingskinder sei das alles neu, sagt Riedl. Das System Schule sei ihnen unbekannt, manche hätten vorher noch nie ein Buch oder auch nur ein Blatt Papier in der Hand gehabt. Zunächst jedoch muss Riedl ihnen beibringen, pünktlich zu sein – und jeden Tag wiederzukommen.

Wie soll ein Lehrer unterrichten, wenn er nicht einmal die Sprache der Schüler versteht? Riedl beginnt mit ganz einfachen Sätzen – «Guten Tag» oder «Wie heißt du?». Die Schüler sprechen die Sätze immer wieder nach und stellen sich gegenseitig vor. Das Material für den Unterricht hat die Direktorin teils selbst gebastelt.

Fürs Lernen gibt es einen Anreiz: Im lichtdurchfluteten Klassenraum im zweiten Stock stehen drei Computer. Aber da darf nur ran, wer lesen und schreiben kann. Von zehn Kindern haben drei im vergangenen Jahr Lesen und Schreiben gelernt. Das sei unglaublich viel, schließlich fingen diese Kinder bei Null an, sagt Riedl.

Die einheimischen Kinder gehen nach Angaben von Grundschullehrerin Nicole Bittmann sehr offen mit den Flüchtlingskindern um. Die Sprachbarriere werde spielerisch überwunden. Zwar gebe es auch mal Missverständnisse, aber da finde sich immer eine Lösung. Wenn ein neues Kind in die Klasse komme, werde auf dem Globus nachgeschaut woher – und «schwuppdiwupp ist es integriert», sagt die Lehrerin.

Unter den neuen Schülern in den Vorbereitungsklassen sind nun möglicherweise auch Kinder aus Syrien und dem Irak, die oft durch Krieg und Flucht traumatisiert sind. Was dadurch auf die Lehrer zukommt, ist noch ungewiss. «Wir tun, was möglich ist», verspricht Riedl. Von Sandra Cartolano und Julian Weber, dpa

Zum Bericht: Flüchtlingskinder: Philologenverbandschef will Pensionäre zurück in die Schulen holen

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