Start Themenmonate Schulbau & Schulausstattung Warum Schultoiletten zur pädagogischen Architektur gehören (und was sie verbessert)

Warum Schultoiletten zur pädagogischen Architektur gehören (und was sie verbessert)

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BERLIN. Schultoiletten sind mehr als funktionale Sanitärräume. Sie beeinflussen Gesundheit, Wohlbefinden und das soziale Miteinander im Schulalltag. Doch wie lassen sich Toiletten nachhaltig verbessern? Entscheidend sind nicht allein robuste Materialien, sondern auch die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler und ihre Beteiligung an Planung und Gestaltung. Der Gastbeitrag des German Toilet Organization e. V. zeigt, warum Schultoiletten zur pädagogischen Architektur gehören – und wie Schulen selbst aktiv werden können.

So geht’s auch. Foto: ©HellwegRealschule

Wenn über modernen Schulbau gesprochen wird, geht es um Lernlandschaften, flexible Räume, Cluster, offene Konzepte und die Frage, wie Architektur zeitgemäßes und diverses Lernen unterstützen kann. Räume sollen nicht mehr nur funktionieren. Sie sollen pädagogische Prozesse ermöglichen, Begegnung fördern, unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen und dafür sorgen, dass sich Kinder und Jugendliche in ihrer Schule wohlfühlen.

Ein Raum bleibt in diesen Debatten erstaunlich oft außen vor: die Schultoilette. Dabei verbringen Schülerinnen und Schüler einen erheblichen Teil ihres Tages in der Schule. Wenn wir Schulgebäude als Lern- und Lebensorte verstehen, können wir nicht an der Toilettentür aufhören.

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Die Schultoilette ist Teil des pädagogischen Raums

Noch immer werden Sanitäranlagen häufig vor allem funktional betrachtet. Wie viele Toiletten werden benötigt? Welche Spendersysteme eignen sich für hochfrequentiert genutzte Räume? Welche Oberflächen sind robust und gut zu reinigen? All diese Fragen sind wichtig. Aber sie reichen nicht.

Für Schülerinnen und Schüler ist die Toilette mehr als eine technische Infrastruktur. Sie ist ein Ort, an dem sehr persönliche Bedürfnisse auf die Öffentlichkeit von Schule treffen. Privatsphäre und Sicherheit spielen hier ebenso eine Rolle wie Hygiene, Sauberkeit und Verlässlichkeit. Gleichzeitig kann die Toilette Rückzugsort und sozialer Raum sein. Genau deshalb lohnt es sich, bestimmte Prinzipien pädagogischer Architektur auch auf Sanitärbereiche anzuwenden.

Neben der sozialen und der emotionalen Komponente, ist die Schultoilette sogar ein politischer Raum. Sie ist der Ort im Schulgebäude, der die Schülerinnen und Schüler am persönlichsten berührt. Zugleich ist sie der erste Ort in unserer Gesellschaft, in dem Kinder und Jugendliche ohne die Aufsicht von Erwachsenen mit Gemeingut umgehen. Damit bekommt dieser vermeintliche Nebenraum eine andere Bedeutung für den Schulbau mit hohem pädagogischem und demokratischem Wert.

Heinz Trox-Stiftung

Hygienische und gepflegte Schultoiletten gehören zu einer gesunden Lernumgebung – deshalb unterstützt die Heinz-Trox-Stiftung das Anliegen der German Toilet Organisation. 

Doch ungepflegte Sanitärräume sind nicht das einzige Problem in Schulgebäuden: Auch fehlender Hitzeschutz, schlechte Luftqualität, störender Lärm und ungünstige Lichtverhältnisse können den Schulalltag belasten. Wer Klassenräume saniert, sollte deshalb alle diese Faktoren gemeinsam in den Blick nehmen.

Die Heinz Trox-Stiftung zeigt in ihrem kostenlosen Leitfaden „Klassenräume SMART sanieren“, wie Schulen und Schulträger Unterrichtsräume ganzheitlich modernisieren können. Die Publikation bietet praktische Orientierung für die Planung gesunder, lernförderlicher Klassenräume.

Leitfaden kostenlos herunterladen · Mehr zum Zukunftsraum Schule

Das Problem lässt sich nicht allein mit robusteren Materialien lösen

Wenn Schultoiletten verschmutzt oder beschädigt werden, heißt es sofort, dass die Schülerinnen und Schüler sich nicht benehmen können und auf der Schultoilette eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Diese Sichtweise greift zu kurz.

Die langjährigen Erfahrungen der Initiative Toiletten machen Schule® mit Schulen zeigen vielmehr, dass das gesamte System betrachtet werden muss: die bauliche Gestaltung, Reinigung und Wartung, Ausstattung, klare Verantwortlichkeiten und Vereinbarungen, aber ebenso auf die Frage, ob sich die Kinder und Jugendlichen mit diesem Raum überhaupt identifizieren können. Damit rücken Beteiligung und Mitbestimmung in den Fokus.

In einer Toilette, in der Türen nicht richtig schließen, Privatsphäre fehlt, Seife oder Toilettenpapier nicht zuverlässig vorhanden sind oder Beschädigungen über längere Zeit bestehen bleiben, sendet der Raum eine Botschaft: Dieser Ort ist nicht wichtig. Räume beeinflussen, wie wir sie wahrnehmen und wie wir uns darin verhalten. Hier begegnen sich Architektur und Pädagogik.

Wenn Kinder Toiletten meiden, wird aus Schultoiletten ein Bildungs- und Gesundheitsproblem

Wie gravierend die Situation sein kann, zeigt eine Studie, die die Initiative Toiletten machen Schule® gemeinsam mit dem Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn an Berliner Schulen durchgeführt hat. Sie ist die bisher einzige wissenschaftliche Erhebung in Deutschland zu dem Thema und bezieht neben einer Bestandsaufnahme und Untersuchung der schulinternen Organisation rund um das Thema auch die Nutzung und Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler mit ein.

Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild. Die Mehrheit der befragten Schülerinnen und Schüler nimmt ihre Schultoiletten negativ wahr. Viele vermeiden die Nutzung. 46 % vermeiden demnach das kleine Geschäft, 85 % das große Geschäft. Noch alarmierender ist, dass 25 % der Befragten angaben, jeden Tag weniger zu essen oder zu trinken, damit sie die Schultoilette nicht benutzen müssen und für weitere 20 % ist das regelmäßig ein Thema. Das Vermeidungsverhalten bringt gesundheitliche Konsequenzen mit sich, wie Bauchschmerzen, Unwohlsein, chronische Verstopfung und Harnwegsinfektionen. Zu wenig Trinken hat einen negativen Einfluss auf das Konzentrations- und Aufmerksamkeitsvermögen.

Es geht also keineswegs um eine Nebensache. Eine Schultoilette, die Kinder nicht benutzen möchten, berührt Gesundheit, Wohlbefinden und den gesamten Schulalltag. Gerade im Ganztag spielen Bewegung und Ernährung eine wichtige Rolle.  Daher muss der Toilettengang als Dreiecksgleichung für ein gesundes Schulumfeld zwingend mit betrachtet werden.

Partizipation bei Schultoiletten als Schlüssel für eine langfristige Verbesserung

Ein erstaunlicher Widerspruch zeigt sich beim Schulbau immer wieder: Räume werden für Kinder und Jugendliche gebaut, ihre Perspektive wird aber nicht selbstverständlich in deren Planung einbezogen. Gerade bei Schultoiletten ist das problematisch. Die Schülerinnen und Schüler sind die Expertinnen und Experten für ihre Schultoiletten. Sie wissen, wann sie diese meiden. Sie wissen, an welchen Stellen Privatsphäre fehlt. Sie wissen, welche Situationen unangenehm sind und warum bestimmte Bereiche gut oder schlecht funktionieren. Partizipation sollte deshalb nicht erst beginnen, wenn eine fertige Toilettenanlage verschönert werden soll. Sie sollte Teil von Planung und Sanierung sein. So entsteht eine Grundlage dafür, dass Schülerinnen und Schüler sich mit den Räumen identifizieren und sie als Teil ihrer Schule annehmen.

Bei Schultoiletten können dabei andere Fragen entstehen als bei einer ausschließlich technischen Planung: Brauchen Schülerinnen und Schüler mehr abgeschirmte Kabinen? Wie lassen sich Wege und Waschbereiche kreativer und bedarfsgerechter gestalten? Was vermittelt Sicherheit? Wo und wie werden Verbrauchsmaterialien bereitgestellt? Welche Lösungen ermöglichen möglichst viel Selbstständigkeit? Und wie können Reinigung, Pflege und Verantwortlichkeiten schon bei der Planung mitgedacht werden? Welche Böden, Farben und Objekte werden gewünscht?

Beteiligung schafft mehr als schöne Wände

Partizipation wird manchmal als Einladung verstanden, Farben oder Motive auszuwählen. Das kann ein guter Anfang sein. Doch ernst gemeinte Beteiligung reicht weiter. Ein Beispiel aus der Arbeit der Initiative ist die Hellweg-Realschule in Unna. Dort entwickelte sich die Veränderung der Toiletten aus einem Prozess, der zunächst von Schulleitung und Lehrkräften initiiert und anschließend von Schülerinnen und Schülern übernommen wurde. Die Jugendlichen beteiligten sich an der Gestaltung und übernahmen zugleich Verantwortung für organisatorische Abläufe. Zur baulichen Veränderung gehörte unter anderem auch die Verbesserung der Privatsphäre durch höhere Kabinenwände.

Schultoiletten eröffnen damit noch eine weitere Perspektive. Sie gehören zu den gemeinschaftlich genutzten Räumen der Schule, bei denen unterschiedliche Interessen unmittelbar aufeinandertreffen. Wer darf was entscheiden? Wer trägt Verantwortung? Welche Bedürfnisse haben andere? Wie gehen wir mit einem gemeinsamen Ort um? Und was passiert, wenn etwas nicht funktioniert? Damit wird die Schultoilette zu einem Thema von Schulentwicklung und Demokratieförderung. News4teachers

Weitere Informationen: toiletten-machen-schule.de

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Schulbau & Schulausstattung“. 

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