Startseite ::: Titelthema ::: 2016 ist wieder ein PISA-Jahr – Schleicher: Deutschland hat seine Hausaufgaben gemacht, aber…

2016 ist wieder ein PISA-Jahr – Schleicher: Deutschland hat seine Hausaufgaben gemacht, aber…

BERLIN. Die Daten sind bereits eingesammelt – und müssen nur noch ausgewertet werden: 2016 werden wieder PISA-Ergebnisse präsentiert. Der internationale Vergleichstest ist so breit angelegt wie noch nie. Auch deutsche Bildungspolitiker zittern dem Termin traditionell entgegen. Doch ein PISA-Desaster wie vor 15 Jahren ist nicht zu befürchten.

Lobt Deutschland: PISA-Koordinator Andreas Schleicher. Foto: Hans Peter Schaefer / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Lobt Deutschland: PISA-Koordinator Andreas Schleicher. Foto: Hans Peter Schaefer / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Am 6. Dezember, dem Nikolaustag, präsentiert die OECD ihre Ergebnisse. Besser als je zuvor werden die neuen PISA-Tests nach Einschätzung von Chefkoordinator Andreas Schleicher Bildungserfolge und Misserfolge in weltweit mehr als 70 Ländern oder Regionen abbilden. Erstmals gehe es nicht nur um die Leistungen der 15-Jährigen in Naturwissenschaften, diesmal Schwerpunkt, Mathematik und Lesekompetenz. «Diesmal messen wir auch das Wohlbefinden von Schülern und ihre soziale Kompetenz», sagte der oberste OECD-Bildungsforscher in Berlin. «Daran hatte sich ja früher die Kritik an PISA entzündet, dass Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen/Textverständnis nicht alles sind.

Die erstmals computerbasierten PISA-Tests aus dem vorigen Frühjahr werden nach Schleichers Worten «jetzt erst einmal aufbereitet, im Februar oder März 2016 kriegen wir einen ersten Datensatz». Der Vergleich sei «mehrdimensionaler» und damit aussagekräftiger denn je. «Soziale und emotionale Kompetenzen haben heutzutage enorme Bedeutung. Wir versuchen das immer besser abzubilden im PISA-Bereich – eine Entwicklung, die einer sich rasch verändernden Gesellschaft Rechnung trägt.» Besonders das gemeinschaftliche Problemlösen, also die Teamfähigkeit, ist für den «PISA-Papst» aus Paris ein spannendes neues Feld.

Laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahmen an PISA 2012 etwa 510.000 Schüler aus 65 Ländern und Regionen teil. Nun seien es in erstmals computerbasierten Tests «um die 630.000», sagte Schleicher. «Und 2018 werden wir sogar 85 Länder dabei haben. Der Zulauf ist groß, das Interesse am internationalen Vergleich wächst.»

Das «Programme for International Student Assessment» (PISA) gibt es seit 15 Jahren, die Vergleichstests werden von der OECD im dreijährigen Rhythmus organisiert. Das schwache Abschneiden deutscher Schüler beim Auftakt hatte hierzulande einen «PISA-Schock» ausgelöst, der zu einer Reformdebatte und Verbesserungen bei nachfolgenden Tests führte. Kritisiert wurde stets die enge Verbindung zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen.

«Deutschland hat wie kein anderes Land im Jahr 2000 angefangen, seine Hausaufgaben zu machen», sagte Schleicher. «Das kann sich sehen lassen, zumindest für die ersten Jahre. Jetzt ist die entscheidende Frage: Wie kann man aus einer Phase der Stagnation heraus nochmal einen qualitativen Sprung nach oben schaffen?» Im Zeitraum 2003 bis 2009 habe sich hierzulande «nicht nur das Leistungsniveau gebessert, sondern auch der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Ergebnissen. Der ist wirklich messbar geringer geworden.

Seit sechs Jahren ging es nicht mehr so dynamisch voran, in Deutschland sei also «immer noch viel zu tun», so Schleicher. So liege Deutschland gerade mal im Mittelfeld. Wie es aber wirklich mies laufen kann, sei mit dem Abschneiden Frankreichs zu besichtigen. «Oder schauen Sie nach Schweden. Da war zuletzt viel los, weil die Ergebnisse schlechter geworden sind.» Die OECD beobachte auch Finnland, weil es dort wohl nicht mehr rund laufe. Der PISA-Europameister lag 2012 freilich noch überwiegend klar vor Deutschland.

Auch bei PISA 2015 – in Deutschland nahmen daran im April/Mai an gut 250 Schulen mehr als 10.000 Schüler teil – wird sich nach Einschätzung Schleichers an der Spitzenposition der Asiaten kaum etwas ändern. Für künftige Vergleiche erwartet er nicht zwangsläufig negative Auswirkungen durch den Andrang von Flüchtlingen ins deutsche Bildungssystem. «Deutschland ist doch ein schönes Gegenbeispiel. Hier ist die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund schon in den letzten Jahren größer geworden, und trotzdem haben sich die Leistungen bei PISA verbessert. In den Flüchtlingen steckt enormes Potenzial. Die Frage ist, ob Deutschland die Ressourcen für diese Herausforderung bereitstellt.»

Pessimistisch äußert sich dazu der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger: «Ich bin mir sicher, dies ist der letzte PISA-Test, in dem sich Deutschland nochmal verbessert. Danach wird das dann kein dramatischer Einbruch sein, aber es wird sich abbilden.»

Der Verbandschef hält PISA zugute, dass die internationalen Vergleiche hierzulande viel bewirkt haben. «Früher konnten sich doch alle Bundesländer in die Tasche lügen, was die Qualität von Schule betrifft.» Aber Meidinger meldet auch Zweifel an: Warum sich Deutschland in den vergangenen 15 Jahren so verbessert hat, «das kann hier niemand wirklich schlüssig begründen. Man weiß es einfach nicht.»

Insgesamt verbesserten sich die Ergebnisse der Schüler aus Deutschland in den Tests 2003, 2006, 2009 und 2012 stetig, ohne dass es zu Spitzenplätzen reichte. So steigerte sich Deutschland in Mathematik von 490 auf 514 Punkte, näherte sich damit dem europäischen PISA-Vorbild Finnland (519), war von asiatischen Ländern wie Japan (536) aber noch weit entfernt. In Lesekompetenz stieg die deutsche Formkurve von 484 auf zuletzt 508 Punkte (Finnland: 524; Japan: 538). In Naturwissenschaften ging es von 487 auf 524 Punkte hoch (Finnland: 545; Japan: 547).

Immerhin: Deutschland hat aufgeholt und liegt in allen drei Disziplinen nun über dem OECD-Durchschnitt. Auch bildungsferne Schüler schnitten 2012 im Durchschnitt besser ab als noch zur Jahrtausendwende. PISA-Spitzenreiter mit teils riesigem Vorsprung waren südostasiatische Länder oder Regionen wie Shanghai, Singapur, Hongkong und Korea. dpa

Zum Bericht: 15 Jahre nach der ersten PISA-Studie: Die OECD lobt Deutschland für sein Bildungssystem

4 Kommentare

  1. Über 10000 Schüler von 250 Schulen entspricht gut 40 Schüler pro Schule und damit zwei Klassen pro teilnehmende Schule. Kein Wunder, dass ich niemanden kenne, der jemanden kennt, der jemanden kennt (…), der an der PISA-Studie teilgenommen hat.

    Hoffen wir mal, dass die Schulen repräsentativ ausgewählt wurden und die Fachlehrer es mit dem Teaching to the Test vergleichbar ernst genommen haben. Durch computerbasierte Tests lässt sich gute Schulbildung nicht zwangsläufig messen, zumal das auch intensivst im Vorfeld geübt werden kann. Offensichtlich können Anzugträger auch emotionale und soziale Kompetenzen durch Ankreuzen messen, ich (kein Anzugträger, aber Lehrer) kann das nicht, also weder messen und erst recht nicht durch Ankreuzen.

    Im internationalen Vergleich kann man sich verbessern, wenn man selbst schlechter wird, die anderen aber noch schlechter.

  2. Bei den VERA-Tests in Mathe regt meine Kollegen seit Jahren auf, dass es nur „richtig“ und „falsch“ gibt, also keine Möglichkeit, richtige Gedankengänge mit kleinen Fehlern oder alternative Lösungsansätze irgendwie abzubilden. Wie wird das wohl bei PISa gemacht? Wie kann man wohl komplexe und anspruchsvolle Aufgaben, z.B. einen Beweis oder die eigenständige Erläuterung eines Begriffs, in eine Testaufgabe fassen? Es bleiben Zweifel und de Verdacht, dass hier vielleicht doch ein enger Ausschnitt schulischer Bildung quantifiziert wird.

    • gebau. zumal die Frage im Raum steht, ob fast richtig richtig im Sinne von nicht ganz falsch oder falsch im Sinne von nicht ganz richtig gewertet werden soll.

  3. Wer zahlt eigentlich die Millionen für diese Tests? Und ich muss bei 17 Grad im Klassenzimmer unterrichten.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*