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Umfrage: Mehrheit der Deutschen will Religionsunterricht abschaffen – Kardinal Woelki: Glauben stützt die Demokratie

KÖLN. Mehr als zwei Drittel der Deutschen befürworten eine Abschaffung des Religionsunterrichts an den Schulen. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unterstützten 69 Prozent das Vorgehen Luxemburgs, wo der konfessionelle Religionsunterricht zum neuen Schuljahr durch einen allgemeinen Werteunterricht ersetzt wurde. Von 39 Prozent der Befragten wird dies voll und ganz, von 30 Prozent zumindest eher befürwortet. Besonders stark ist die Zustimmung in Ostdeutschland, wo die Abschaffung des Religionsunterricht von insgesamt 81 Prozent unterstützt wird. Der Kölner Kardinal Woelki betont hingegen die Bedeutung des christlichen Glaubens auch für die deutsche Demokratie.

Sieht Christen eher gewappnet gegen politische Radikalität: Kardinal Rainer Maria Woelki. Foto: César / Wikimedia Commons  (CC BY-SA 3.0)

Sieht Christen eher gewappnet gegen politische Radikalität: Kardinal Rainer Maria Woelki. Foto: César / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Ein solcher Werteunterricht sollte sich nach Ansicht der Mehrheit nur am Rande mit Religion beschäftigen. 60 Prozent sprachen sich bei der Umfrage dafür aus, dass allgemeine Ethik, Normen und Werte im Zentrum stehen. Gleichzeitig sagten 66 Prozent, verschiedene Religionen und Konfessionen sollten zwar behandelt werden, aber nicht das Zentrum des Unterrichts bilden.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat unlängst in einem Gastbeitrag für den „Stern“ die Bedeutung des Glaubens für die Demokratie betont „Es ist wohl kein Zufall, dass christliche Bürger bei jeder Wahl – auch jüngst in Mecklenburg-Vorpommern – deutlich unterdurch­schnittlich für die AfD stimmten. Zwar gibt es auch bei kleinen Gruppen in der Kirche eine besorgniserregende Anfälligkeit für ideologisches Denken, fanatische Selbstgewissheit, Ressentiments gegen alles Fremde – ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten – und aggressive Parolen gegen eine liberal-rechtsstaatliche Politik des Maßes und der Mitte. Doch die übergroße Mehrheit folgt diesen Irrlichtern nicht“, so schrieb er.

„Wo Menschen sich im Letzten geborgen wissen, schrieb schon der große Theologe Romano Guardini, finden sie Gelassenheit im Vorletzten. Wo diese Geborgenheit massenhaft verloren geht, kann das auch politische Wirkungen zeitigen und zu einem raueren Klima in der Gesellschaft beitragen. Demokratie gedeiht nur in einem gemäßigten Klima. Sie braucht zwar die Auseinandersetzung, auch den Streit, aber ebenso Milde, Gelassenheit und Versöhnlichkeit.“ Christliche Demut könne tatsächlich davor bewahren zu glauben, „alles besser wissen zu können“. Demut sei eine wirkliche Tugend, die natürlich auch ohne den Glauben möglich sei, aber doch von ihm unterstützt werde, so Woelki.

Der Katholikenrat Rottenburg-Stuttgart hält Religionsunterricht auch deshalb für wichtiger denn je. In dem Fach finde eine notwendige Auseinandersetzung sowohl mit dem Christentum als auch anderen Weltreligionen statt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Zudem leite der Unterricht zur Ausbildung „einer persönlichen Moral an“. Die Diözese werde „Setting und die Ergebnisse der Umfrage analysieren und interpretieren“, sagte Veronika Rais-Wehrstein, Beisitzerin im Präsidium. Wenn sich aber eine grundsätzliche Ablehnung des Religionsunterrichts abzeichne, sei tatsächlich eine breite öffentliche Debatte nötig. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zur Kolumne von Woelki im „Stern“.

 

 

 

21 Kommentare

  1. Religion? Willkommen im Mittelalter.
    Die Kunst und Musiklehrer fordern mehr Stunden in der Schule. Die Geschichtslehrer beklagen sich, dass der Unterricht zugunsten der MINT Fächer leidet und jetzt beklagen sich auch die Religionsvertreter, dass Religionsunterricht ja so wichtig ist heutzutage und es davon gar nicht genug geben kann.

    Und dann immer wieder diese Artikel, dass Kinder auch „Kind sein dürfen“ müssen und sie immer mehr Leistungsdruck haben und Stress und Burn-Out und andere psychische Leiden. Das Problem ist einfach, dass der Tag nur 24 Stunden und nicht 40 hat. Vielleicht sollte man das mal ändern?

  2. „wo der konfessionelle Religionsunterricht zum neuen Schuljahr durch einen allgemeinen Werteunterricht ersetzt wurde“
    WAs genau wurde gefragt?
    Ob Religionsunterricht ersatzlos gestrichen werden soll oder ob er durch einen allgemeinen Werteunterricht ersetzt werden könnte wie in Luxemburg?
    Das sind doch 2 Paar Schuhe!

    • Die Frage lautete: Würden Sie einen gemeinsamen Werteunterricht anstatt des Religionsunterrichts für alle Schüler befürworten oder ablehnen?

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

  3. „dass allgemeine Ethik, Normen und Werte im Zentrum stehen. “ wünscht sich diese (wie festgestellte?) „Mehrheit der Deutschen“. Wer würde dann diese allgemeinen Normen und Werte festlegen? Yougov? die dpa? Bertelsmann? Das EU-Parlament?

    • Die Aufgabe von Schulen ist es, Wissen zu vermitteln, das sie brauchen, um irgendwann ein eigenständiges Leben führen zu können. Dazu gehören auch Kenntnisse über Weltanschauungen, wozu selbstverständlich auch Religionen, als verbreitete und für viele Menschen bedeutsame spirituelle Überzeugungen zählen. Spezifischer Religionsunterricht hat dagegen in der Schule nichts zu suchen. Er ist dem Bereich privater Lebensgestaltung zuzurechnen.

      • Das steht in unserer Landesverfassung anders, und ich halte unsere Verfassung für gut, darum ließ ich mich auch gerne auf sie vereidigen. Eine Schule, die nur Wissen vermitteln wollte und nicht auch Menschen bilden – wozu natürlich ein reflektierter Standpunkt über den eigenen Glauben und existenzielle Fragen gehört – wäre armselig.
        Ich vermute, dass Ihre Vorstellungen von „spezifischem Religionsunterricht“ aus den 60er Jahren stammen, aber ich wäre neugierig zu hören, wie Sie heutigen Religionsunterricht wahrnehmen.

        • Worauf haben Sie sich denn in Bezug auf Religionsunterricht an Schulen in Ihrem Bundesland genau vereidigen lassen @Pälzer?

          „Spezifischer Religionsunterricht“: das bedeutet, Schüler in den Glaubensinhalten einer bestimmten Religion zu unterweisen.

          „Allgemeiner Religionsunterricht“: Faktenwissen über Religionen und Religiosität allgemein. Als Teil eines Werte- und Normenunterrichts. Das schließt die Auseinandersetzung mit Ethik und reflexive Unterrichtsinhalte ein. So wie es in den anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern auch ist und in vielen Bundesländern bereits praktiziert wird. Einen solchen Ethikunterricht halte ich sogar für so wichtig, dass er ein verbindlicher Bestandteil des Unterrichts sein sollte.

  4. Man müsste mal die Lehrpläne von katholischer Religionslehre, evangelischer Religionslehre und Ethik/Werteunterricht/praktischer Philosophie miteinander vergleichen. Nennenswerte Unterschiede wird es kaum geben.

  5. Inwieweit das kirchliche Arbeitsrecht und der strukturelle Aufbau der Katholischen Kirche demokratischen Prinzipien bzw. unserem Grundgesetz folgen, wäre mal wieder eine Untersuchung wert.

    In Mecklenburg Vorpommern beträgt der Anteil der Christen an der Bevölkerung kaum 20 Prozent. Repräsentativ ist es nicht, wenn sich darunter unterproportional wenig WählerInnen der AfD befinden. Es könnte eher daran liegen, dass die beiden christlichen Kirchen, insbesondere die evangelische, in der ehemaligen DDR einen engen Bezug zur SPD und zur CDU hatten.

  6. Sinnvoll wäre meiner Meinung nach, wenn es zwecks Wertevermittlung einen weltanschaulichen Ethik-Unterricht gäbe, in dem verschiedene tolerable Denkrichtungen – um es mal so auszudrücken – quasi als Angebot vorgestellt werden.

  7. Ist die christliche Religion mit ihren Werten so schlecht, dass sie unbedingt zurückgedrängt gedrängt werden muss, u. a. durch die Abschaffung dieses Schulfachs zugunsten irgendeines Moral- und Wertefachs, das mit Themen und Inhalten beliebig gefüllt werden darf je nach Mode, Zeitgeist, politischem Willen oder Macht von Lobbyisten?

    Pälzers Frage gefällt mir: „Wer würde dann diese allgemeinen Normen und Werte festlegen? Yougov? die dpa? Bertelsmann? Das EU-Parlament?

  8. Will Kardinal Woelki etwa behaupten, dass seine Kirche eine Art von Vorreiterrolle bei der Demokratie übernommen hatte? Die historische Wahrheit sieht ja wohl anders aus: Die Kirche stand anfangs des 19. Jahrhunderts nicht auf seiten der Demokratiebewegung, sondern auf Seiten der Restauration von Fürst Metternich. Heutzutage tun die Pfaffen so, als hätten sie die Demokratie und die Menschenrechte erfunden. Tatsächlich musste beides gegen den erbitterten Widerstand gerade der kath. Kirche erkämpf werden.

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