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Homeschooling: Lernen ohne Schule, ohne Noten, ohne Lehrer – in Deutschland verboten. Warum eigentlich?

BERN. Spinnerei oder Alternative zum Pflichtpauken in der Schule? Sogenannte Freilerner erwerben Bildung fürs Leben zu Hause. In Deutschland ist Home- oder Unschooling – Lernen ohne Schulbesuch – bislang nicht erlaubt. Anders in einigen Kantonen der Schweiz: Dort wird das Modell praktiziert. Unter Auflagen.

Lernen am Küchentisch: Für diese amerikanische Familie in Des Moines findet der Unterricht zu Hause statt. Foto: IowaPolitics.com / flickr (CC BY-SA 2.0)

Lernen am Küchentisch: Für diese amerikanische Familie in Des Moines findet der Unterricht zu Hause statt. Foto: IowaPolitics.com / flickr (CC BY-SA 2.0)

Bis vor zwei Jahren besuchten die 13-jährige Amanda Gremlich und ihr 14-jähriger Bruder Bastian noch die Schule. Dann teilte Amanda ihrer Mutter mit, dass sie dazu keine Lust mehr habe. «Ich wollte nicht, dass mir ein Lehrer immer sagt, was ich tun muss», erzählt die junge Schweizerin. Auch ihr Bruder fühlte sich nach der Schule oft niedergeschlagen. Die Mutter und gelernte Sozialpädagogin hatte Verständnis. So wurden die Gremlichs aus dem Schweizer Kanton Bern zur Freilerner-Familie: Die Teenager lernen, wenn ihnen gerade danach ist, und beschäftigen sich mit dem, was sie interessiert. Amanda hilft dem Tierarzt, Bastian zeichnet geometrisch, sie spielen Theater und kochen amerikanisch.

Unschooling – die freieste Form

In vielen Schweizer Kantonen ist Hausunterricht erlaubt. Anders als in Deutschland gilt dort – ebenso wie in eingen anderen europäischen Ländern – zwar Bildungs-, aber nicht Schulpflicht. Teils müssen Eltern eine Bewilligung einholen und die Kinder müssen jährliche Lernkontrollen bestehen. Teils werden sie nur ab und zu von Schulinspektoren besucht. Wie die Gremlichs, die in einem alten Bauernhaus leben, praktizieren auch einige Familien in besonders liberalen Kantonen das Unschooling – die freieste Form von Hausunterricht.

Freilerner-Eltern geben ihren Kindern keinen Stundenplan oder konkrete Aufgaben. Stattdessen beantworten sie deren Fragen, geben Tipps oder besorgen bei Interesse Lernmaterialien. «Ich habe mit meinen Kindern den offiziellen Lehrplan besprochen, aber ich zwinge sie nie, etwas zu lernen, was sie nicht wollen», sagt Andrea Gremlich. «Kinder wissen, was gut für sie ist. Amanda will später mit Tieren arbeiten, daher ist für sie Grammatik weniger wichtig.» Auch beim Spielen würden Kinder lernen. «Wenn sie etwas nicht interessiert, dann vergessen sie es ohnehin gleich wieder.»

Amanda liest zurzeit viel über Thailand, weil sie bald dorthin in den Urlaub fahren wird: «Dabei lerne ich nebenbei auch Mathe – ich habe ein Klimadiagramm von Thailand erstellt.» Unschooler argumentieren, dass jedes Kind lernen will und dass die Schule diesen natürlichen Vorgang behindern würde. Amandas Bruder hat in den letzten Monaten sein Englisch und Französisch aufgebessert. Dem Großvater in den USA half er, ein Haus zu bauen, und einige Zeit lebte er bei einer Heimunterrichtsfamilie in der französischsprachigen Schweiz: «Jetzt spreche ich Englisch und Französisch viel besser, als wenn ich in der Schule Vokabeln gebüffelt hätte», sagt Bastian.

Mehrere Hundert Fälle in Deutschland

Obwohl ein derartiger Heimunterricht in der Bundesrepublik nicht erlaubt ist, gibt es auch deutsche Freilerner-Familien. Der Bildungswissenschaftler Tim Böder von der Universität Duisburg-Essen schätzt, dass es mehrere Hundert sind. Sie würden im Verborgenen leben oder auswandern. Für das Bundesverfassungsgericht tragen Schulverweigerer zur «Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften» bei. Einigen Schulverweigerern wurde das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Wissenschaftliche Langzeitstudien zur Entwicklung solcher Kinder gibt es jedoch kaum.

Die Gründe, warum sich Familien entschließen, ihre Kinder nicht zur Schule zu schicken, sind vielfältig: Sie misstrauen dem staatlichen Schulsystem, haben links-alternative oder konservativ-christliche Erziehungsziele, möchten ihre Kinder vor Mobbing und Gewalt schützen oder deren Bildung – wie bei der Familie Gremlich – einfach individueller gestalten. Besonders viele Hausunterrichtsfamilien – schätzungsweise rund zwei Millionen – gibt es in den USA. Dort hatte die moderne Heimunterrichtsbewegung in den 1960ern ihren Ursprung.

«Zurück zur Schule möchte ich auf keinen Fall», sagt Amanda. «Ich lerne jetzt viel besser und meine einstigen Klassenkameraden sehe ich ja immer noch oft.» Bastian hingegen bereitet sich zurzeit selbstständig auf die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium vor. Bei Fragen wendet er sich nicht nur an seine Eltern, sondern auch an Bekannte. Er ist sich sicher: «Mir wird es im Gymnasium nicht gefallen, aber ich brauche das Abitur, um später Physik oder Astronomie zu studieren.» Die zwei kleinen Brüder von Amanda und Bastian sollen nach den Vorstellungen der Eltern nie zur Schule gehen müssen. Von Anne-Sophie Galli, dpa

Zum Kommentar: Homeschooling ist elterlicher Kontrollwahn – Zum Kindeswohl gehört die Schulpflicht

 

Hintergrund

Heimunterricht für schulpflichtige Kinder ist in Deutschland nicht erlaubt. Nur bei einer längeren Krankheit dürfen Kinder von zu Hause aus lernen. «Eine generelle Befreiung von der Schulpflicht aus religiösen oder pädagogischen Gründen ist grundsätzlich nicht zulässig», heißt es im Handbuch für Schulrecht. Auch das Grundgesetz stellt in Artikel 7 klar: «Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.»

Dennoch gehen Experten von bundesweit Hunderten Kindern aus, die von ihren Eltern nicht zur Schule geschickt werden. Dies geschieht häufig aus religiösen Gründen. Oft sind Müttern und Vätern die an öffentlichen Schulen gelehrte Evolutionstheorie und der Sexualkunde-Unterricht ein Dorn im Auge. Der Verein «Schulunterricht zu Hause» ist der Ansicht, dass Eltern ihren Kindern «eine ihren körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten entsprechende Bildung» ermöglichen könnten.

Immer wieder haben deutsche Gerichte Heimunterricht verboten. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied 2007: «Eltern sind auch dann nicht berechtigt, ihre Kinder der Schulpflicht zu entziehen, wenn einzelne Lehrinhalte oder -methoden der Schule ihren Glaubensüberzeugungen entgegenstehen.» Hintergrund war ein Fall, in dem christliche Eltern Kinder daheim unterrichten wollten. Gegen sie war schon zuvor ein Bußgeld verhängt worden. Schließlich brachten die Eltern ihre Kinder in ein Dorf in Österreich, wo die Mutter sie unterrichtete. Der BGH sprach von einem «Missbrauch der elterlichen Sorge».

3 Kommentare

  1. Was soll dieser Artikel? Wird die Frage der reißerischen Überschrift überhaupt beantwortet?
    Im Endeffekt werden hier doch im ersten Teil nur Positiv-Beispiele genannt, wie Home-Schooling funktionieren kann. Dann folgt die erwartete Antwort in einem Satz:
    „Für das Bundesverfassungsgericht tragen Schulverweigerer zur «Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften» bei.“
    „Wissenschaftliche Langzeitstudien zur Entwicklung solcher Kinder gibt es jedoch kaum“, weshalb man wohl auch keine Negativ-Beispiele liefern konnte.
    Bei Sätzen wie „Die Teenager lernen, wenn ihnen gerade danach ist, und beschäftigen sich mit dem, was sie interessiert. Amanda hilft dem Tierarzt, Bastian zeichnet geometrisch, sie spielen Theater und kochen amerikanisch.“ muss einem doch klar werden, dass die Arbeit der Eltern hier entscheidend ist.
    Haben wir aber in Deutschland nicht das Problem, dass ein Teil der Eltern als Helfer ausfällt?
    Haushalte aus bildungsfernen Schichten oder Haushalte, in denen kein Deutsch gesprochen wird, sind wohl kaum ein Nährboden für individuelle Förderung in dem hier dargestellten Maß. Hier sind alleinerziehende Elternteile mit Beruf oder Eltern, bei denen beide Teile arbeiten, nicht einmal berücksichtigt.
    Da wirken Sätze wie „«Ich habe mit meinen Kindern den offiziellen Lehrplan besprochen, aber ich zwinge sie nie, etwas zu lernen, was sie nicht wollen»“ eher wie Hohn.
    Das Argument, dass hier wohl subjektiv großen Anklang findet, ist das Prinzip der selbstständigen Auseinandersetzung mit Inhalten:
    „«Ich wollte nicht, dass mir ein Lehrer immer sagt, was ich tun muss»“
    Sagen wir aber mal, dass man ein solches System in Deutschland einführt. Dann wäre es maßgeblich, dass zum Wohle der Kinder ein vergleichbares Bildungsniveau erreicht wird. Das funktioniert also nur über „jährliche Lernkontrollen“ oder dadurch, dass die Kinder „ab und zu von Schulinspektoren besucht“werden.
    Das kostet also wieder Geld und ist ein organisatorischer Mehraufwand, der sich in dem Sinne wieder nicht lohnt, wenn die Kinder einen besseren Arbeitsplatz suchen oder studieren wollen. Die zugehörigen Abschlüsse müssen sie dann wieder auf Regelschulen erwerben.
    Zusammengefasst kann man also sagen, dass das Prinzip hinter Home-Schooling sehr schön ist, es aber in der heutigen Gesellschaft nur für wenige passend ist und es damit wieder einen ablenkender Lückenfüller darstellt.

    • Weder Bildungsferne noch Alleinerziehende im Beruf werden ein Konzept für das Freilernen aufstellen. Auch bezweifelt niemand, dass die Schulpflicht und die staatliche Aufsicht im Allgemeinen gut und segensreich ist. Es geht vielmehr darum, Eltern einen legalen Rahmen zu geben, wenn sie in besonderen Fällen die schulische Erziehung in die eigenen Hände nehmen wollen, so wie das ja auch z.B. für Zirkusleute und Binnenschiffer oder bei langfristig kranken Kindern möglich ist. Natürlich sollte der Lernerfolg von Freilernern unter staatlicher Aufsicht stehen, und damit wäre auch das Grundgesetz erfüllt.
      Aber „Das kostet also wieder Geld “ ist kein gutes Argument – gelegentliche Kontrollen sind im Vergleich zu den Summen, die eine gut gemachte Inklusion oder die Betreuung sozial auffälliger Kinder erfordern, wirklich nicht teuer.
      Was wäre nun, wenn herauskäme, dass Freilernen _mehr_ Erfolg bringt als das staatliche Schulwesen? Wäre das nicht schrecklich?

      • Zunächst einmal hätte ich kein Problem damit, wenn das Freilernen erfolgreich verliefe. Die Arbeit, die damit verbunden ist, sollte aber nicht unterschätzt werden.
        Die vergangenen Entwicklungen zeigen nämlich diesbezüglich, dass die deutschen Bildungsexperten dazu neigen, ihren Blick Richtung Ausland schweifen zu lassen, dies aber nur halbherzig geschieht. Als Beispiel sei hier das gemeinschaftliche Lernen genannt, das im Ausland super funktioniert, aber nur aufgrund von Rahmenbedingungen, die in Deutschland nie geschaffen worden sind. Dazu zählen ausreichend Personal und kleine Klassenstärken. Im Endeffekt läuft es also wieder auf die Frage der Finanzen hinaus.
        Die staatliche Aufsicht, die sie hier anführen, möchte ich diesbezüglich sehr stark in Zweifel stellen. Sie sollte prinzipiell vorhanden sein, ABER am Beispiel der Aufsicht durch das Jugendamt kann man sehen, wie das System durch mangelnde Finanzierung und dadurch durch mangelndes Personal an seine Grenzen geführt wird. Nehmen wir mal an ein Fünftklässer steht morgens alleine auf, muss sich alleine anziehen und alleine zur Schule gehen. Nachmittags wartet er dann alleine auf seine Eltern. All das geschieht, weil beide Elternteile arbeiten müssen. Wenn das Kind dann emotional und sozial auffällig reagiert, ist das doch kein Wunder, aber das Jugendamt kann sich darum nicht kümmern, denn die Zahl schwierigerer Fälle ist zu hoch. Man könnte Kinder nennen, die stets zu spät und ohne Schulmaterial zur Schule erscheinen und die Eltern nicht helfen können oder wollen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern und in allen Fällen leiden im Endeffekt die Kinder darunter, dass für sie keine schützende Hand existiert.
        Aber sie wiesen ja bereits darauf hin, dass die „gelegentlichen Kontrollen“ nur geringe Kosten verursachen. Wie würden diese Kontrollen denn ausfallen? Müsste man sich an den Lehrplänen orientieren? Müssten alle Fächer abgedeckt werden? Müssten regelmäßige Lernstandskontrollen erfolgen? Oder reicht hier ein Gespräch aus?
        Würde ein Kind im Falle der Nicht-Erfüllung zurück in die Regelschulen müssen?
        Welche Voraussetzugen müssen die Eltern vorweisen? -> Besonders hier stellt sich die Frage, ob es nicht wieder ein Prinzip ist, von dem nur die bildungsnahen und finanziell starken Haushalte profitieren.
        Wie gesagt, halte ich den Grundgedanken des Freilernens für sehr schön und angenehm im Hinblick auf die Erlebnispädagogik.
        Die Fragen, die sich daraus ergeben, damit die entsprechenden Kinder eine Zukunft haben, müssen aber angemessen beantwortet werden.
        Dieser legale Rahmen, der daraus entstehen würde, wäre in Bürokratie-Deutschland entweder ein Organisationsmonster oder aufgrund von Vernachlässigung unterreglementiert.
        (Abschließend möchte ich noch sagen, dass die Frage der Finanzierung in meinen Augen auch kein Argument ist, wenn es um Bildung geht. Theoretisch sind sich darin alle einig. Praktisch werden die Haushalte von Ländern und Kommunen aber wie die von Unternehmen betrachtet und daher muss optimiert werden, was zu einer stets praktizierten Kostenreduktion führt, die – und da stimmen Sie mir sicherlich zu – den Arbeitsdruck für die kleinen Rädchen der Lehrkäfte, ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen kontinuierlich erhöht, um den Kinden bessere Chancen zu liefern.
        Anschaulich wird dies durch das folgende Bild gut dargestellt:
        http://imgur.com/tDrun6B .)

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