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Studie: Von Chancengerechtigkeit keine Spur! Frauen erhalten trotz besserer Noten seltener Stipendien

Große Unterschiede in Bezug auf Chancen bei Stipendien hat jetzt eine Studie festgestellt. Trotz besserer Noten erhalten Frauen weniger Stipendien als Männer. Schlechtere Chancen auf Stipendien haben auch Studierende mit Migrationshintergrund und Nicht-Akademiker-Kinder.

Frauen bewerben sich weniger häufig um Stipendien und sind mit ihren Bewerbungen auch weniger erfolgreich. Dabei hatten die an der Studie teilnehmenden Frauen einen deutlich besseren Notenschnitt als ihre männlichen Pendants. Da ist die geringere Erfolgsquote beim Rennen um Stipendien umso überraschender.

Dies zeigt die bisher größte Studie zur Stipendiensituation in Deutschland. Durchgeführt wurde die Studie im Juni 2016 von der ItS Initiative für transparente Studienförderung und der Stiftung Mercator. An ihr nahmen insgesamt knapp 28.000 Studierende und Abiturienten aller deutschen Hochschulen teil.

Nur jeder vierte Bürger sieht die Qualität der Schulen und Hochschulen zuversichtlich. Foto: striatic / Flickr (CC BY 2.0)

Das Stipendienwesen ist sozial sehr selektiv, sagen die Studienautoren. Foto: striatic / Flickr (CC BY 2.0)

Nicht-Akademikerkinder und Studierende mit Migrationshintergrund haben weniger Chancen auf ein Stipendium

Akademikerkinder dominieren weiter das Stipendienwesen. Sie versenden mehr Bewerbungen aber vor allem haben sie mit ihren Bewerbungen auch viel mehr Erfolg. Bei Kindern aus Akademikerfamilien erhalten von 100 Bewerbern 41 ein Stipendium. Bei Nicht-Akademikerkindern sind es nur 34. Insgesamt erhalten Kinder aus Akademikerfamilien 30 Prozent häufiger ein Stipendium als Nicht-Akademikerkinder.

Auch Studierende mit Migrationshintergrund erhalten weniger Stipendien als solche ohne Migrationshintergrund. Einwandererkinder trauen sich zu selten: Sie bewerben sich weniger häufig. Außerdem haben sie mit ihren Bewerbungen deutlich weniger Erfolg. Gerade bei den 13 Begabtenförderungswerken bewerben sie sich besonders selten. Zudem sind Studierende mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Studierenden ohne Migrationshintergrund schlechter über Stipendien informiert.

In Deutschland bleibt Chancengleichheit ein Traum

Im deutschen Stipendienwesen mangelt es an Chancengerechtigkeit. „Das deutsche Stipendienwesen ist sozial nach wie vor sehr selektiv,“ sagt myStipendium-Gründerin und -Geschäftsführerin Dr. Mira Maier. Arbeiterkinder, Frauen und Studierende mit Migrationshintergrund bleiben bei den Stipendien eine Seltenheit.

„So werden die Stipendienchancen maßgeblich durch das Geschlecht und das Elternhaus bestimmt – Chancengleichheit besteht hierzulande kaum“, sagt Dr. Felix Streiter, Bereichsleiter Wissenschaft der Stiftung Mercator, die sich seit vielen Jahren für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzt.

Regionale Analyse: Deutlicher Nachteil bei der Stipendienvergabe für Studenten aus dem Ruhrgebiet

Ein zusätzlicher Fokus der Studie lag auf der regionalen Analyse der Stipendiensituation im Ruhrgebiet. Hier zeigt sich, dass Studierende aus dem Ruhrgebiet bei der Vergabe von Stipendien deutlich schlechter abschneiden. Sie verschicken zwar genauso viele Bewerbungen wie Studierende in Restdeutschland, haben mit ihrer Bewerbung aber deutlich weniger Erfolg.

Diese Situation zeigt sich auch hier und in nochmals verschärfter Form für die generell benachteiligten Personengruppen. So liegt die Stipendiatenquote von Studierenden mit Migrationshintergrund im Ruhrgebiet um ganze 40 Prozent unter der Stipendiatenquote von Studierenden ohne Migrationshintergrund. Im Bundesdurchschnitt beträgt die Differenz lediglich knapp 10 Prozent.

Auch die Kluft zwischen den Geschlechtern ist im Ruhrgebiet deutlich größer als in Restdeutschland. Unter Studentinnen finden sich fast ein Viertel weniger Stipendiatinnen als unter Studenten. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist damit dreimal höher als im Bundesschnitt. Handlungsbedarf besteht dabei überall: Frauen bewerben sich seltener häufig um Stipendien und sind mit ihren Stipendien auch weniger erfolgreich. nin

14 Kommentare

  1. Mal ganz ehrlich: Wer schreibt denn bitte solche Artikel?
    Dass in der WAZ ein Artikel erscheint, der sich größtenteils nur auf die Pressemitteilung der Mecator-Stiftung bezieht, mag durchaus möglich sein, aber dass man hier auch davon ausgehen muss, dass die Studie von den Autoren nicht gelesen worden ist, ist echt überraschend.
    Mal zur Klarstellung:
    Der Satz “ Trotz besserer Noten erhalten Frauen weniger Stipendien als Männer. “ ist so nicht nur eine Halbwahrheit, sondern im Bezug auf seine Aussagekraft eine LÜGE.
    Korrigieren Sie mich bitte, liebe Moderation, aber:
    In der Studie wird gesagt, dass die Durchschnittsnoten der Teilnehmerinnen der Studie mit 1,91 besser war als die Durchschnittsnote der Teilnehmer von 2,05.
    Das sagt NICHTS darüber aus, ob die Bewerberinnen und und Bewerber je nach Geschlecht diskriminiert worden sind. Zunächst einmal haben sich nicht alle TeilnehmerInnen um ein Stipendium beworben und darüber hinaus wurde ein Ergebnis hinsichtlich der Frage, ob Männer mit schlechteren Abiturdurchschnittsnoten eher ein Stipendium erhalten als Frauen mit besseren Noten gar nicht erst ermittelt.
    Mit anderen Punkten in diesem Artikel möchte ich gar nicht erst anfangen.
    Ich bitte Sie diesbezüglich um Sachlichkeit und nicht um einen in BILD-Manier nach Schlagzeilen haschenden Boulevardjournalismus.

    • was regen sie sich so auf? wenn die autoren ahnung von statistik hätten, wären sie mathematiker und keine journalisten oder lobbyisten geworden.

      (wer ironie findet, lasse sie bitte für weitere leser drin. danke)

    • Wo genau ist im Text von Diskriminierung die Rede? Oder von Diskriminierung von Frauen?

      Und was genau macht die beklagte Lüge zur Lüge?

      • Diskriminierung kann man vereinfacht als Ungleichbehandlung von Individuen oder Gruppen verstehen. Wenn also Frauen bei der Vergabe von Stipendien benachteiligt werden, ist das Diskriminierung. Genau das wird durch die Überschrift und den ersten Absatz impliziert.

        Der Satz „Trotz besserer Noten erhalten Frauen weniger Stipendien als Männer. “ legt den Lesern nahe, dass eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts vorliegt. Dies wird vom Abschnitt
        „Dabei hatten die an der Studie teilnehmenden Frauen einen deutlich besseren Notenschnitt als ihre männlichen Pendants. Da ist die geringere Erfolgsquote beim Rennen um Stipendien umso überraschender.“
        auch noch unterstützt.
        Objektiv betrachtet wird hier ein Zusammenhang hergestellt, der so nicht haltbar ist, sondern ein falsches Bild erzeugt. In meinen Augen ist das eine Manipulation der Leserschaft, die man als Lüge bezeichnen kann.
        Ich wiederhole gerne noch einmal:
        Man hat 28.000 Studierende unter anderem nach Noten, Herkunft und Stipendien befragt.
        Die befragten Frauen hatten tatsächlich insgesamt betrachtet durchschnittlich bessere Noten (1,91 (w) und 2,05 (m)).
        Inwieweit die durchschnittlichen Noten der Frauen und Männer waren, die sich tatsächlich um ein Stipendium beworben haben, wird nicht erwähnt.
        Es wird also kein Zusammenhang zwischen der Durchschnittnote und dem Erfolg bei der Bewerbung um ein Stipendium hergestellt.
        Auch werden andere Faktoren wie die Anzahl an Bewerbungen pro Bewerber nicht berücksichtigt.
        Vielmehr wird einfach von der Durchschnittnote männlicher und weiblicher Teilnehmer und des relativen Anteils der Geschlechter bei der Vergabe von Stipendium automatisch auf eine geschlechtliche Diskriminierung geschlossen ohne andere Variablen darin einzubeziehen.
        Ein Studie, die so vorgeht, genügt keinen wissenschaftlichen Ansprüchen. Sie basiert nicht auf der unvoreingenommenen Beantwortung einer Fragestellung, sondern lediglich auf dem subjektiven Forschen nach Vorurteilen.

        (Ich verweise an dieser Stelle gerne auf die Studie der GEW, bei der es um den Einfluss des großen Anteils weiblicher Lehrkräfte in Grundschulen auf die Beurteilung von Jungen und Mädchen ging.
        Diese Studie stellte fest, dass Jungen bei gleicher Leistung schlechtere Noten erhalten als Mädchen und dass Jungen bei gleichen Noten seltener eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten.
        Es liegt also eine Ungleichbehandlung der Geschlechter vor, die nicht bestritten wird.
        Diese Studie betrachtete aber alle möglichen Einflussgrößen und kam zu dem Schluss, dass lediglich die Jungen (selbst) für diesen Umstand verantwortlich sind.

        Ein Beschäftigung mit anderen Einflussgrößen als dem Geschlecht und dem Migrationshintergrund scheint aber bei dieser Studie nicht notwendig gewesen zu sein.)

        [Ironie:
        Wenn Jungen benachteiligt werden, sind sie selber verantwortlich.
        Wenn man eine Studie veröffentlichen möchte, müssen die Frauen diskriminiert werden. ]

  2. Die Zahl der Bewerbungen ist für die Studie nicht erheblich, da es hier vor allem um die Beobachtung geht, dass akademische Leistungsfähigkeit sich nicht in der Zahl vergebener Stipendien spiegelt. Vorausgesetzt wird, dass akademische Leistungsfähigkeit durch (Durchschnitts-)Noten angezeigt wird. Weiter vorausgesetzt wird, dass die Verteilung von Einzelnoten in den verglichenen Gruppen mindestens ähnlich ausfällt, also eine Durchschnittsnote von 2.0 bei Mädchen nicht meint, dass sie alle eine 2,0 haben, bei Jungen aber, dass 50% eine 1,0 haben und 50% eine 3,0.

    Die letzte Annahme scheint plausibel: In NRW haben Mädchen z. B. nicht nur insgesamt einen besseren Abiturschnitt, sondern produzieren z B. auch mehr 1,5en als Jungen. Es wäre erstaunlich, wenn nun die entsprechenden Verteilungen in einer Stichprobe von 28.000 nicht gelten würden. Wenn Sie belegen könnten, dass dies statistisch sehr wohl wahrscheinlich ist, hätten Sie vielleicht ein Argument.

    Als bildungspolitische Information (z. B. auch für die Foerderungswerke) ist auf jeden Fall relevant, dass es offenbar nicht gelingt, die Verteilung von Exzellenz oder akademischer Leistung im eigenen Stipendiatenpool zu replizieren. Objektiv sind die Chancen für unterschiedliche Personengruppen auf Förderung (auch für bestimmte Jungengruppen) unterschiedlich. Dazu muss es weder intentionale Diskriminierung im Einzelfall geben noch ist es wichtig, ob die Unwucht in der Informations-, Bewerbungs- oder Auswahlphase entsteht.

    • Bitte entschuldigen Sie, aber ich finde Ihre Ausführungen, sollten sie eine Antwort auf meinen Beitrag sein, dahingehend unverständlich, dass mir in Teilen der Bezug unklar erscheint ( – besonders der zweite Abschnitt). Sollten meine Ausführungen also den Eindruck erwecken, ich hätte Sie falsch verstanden, bitte ich mich zu korrigieren und gegebenenfalls ausführlicher zu antworten:

      Zu Ihrem ersten Absatz muss ich sagen, dass ich über die Bedeutung eines Durchschnitts informiert bin. Deshalb wies ich darauf hin, dass die besseren Durchschnittsnoten der weiblichen Befragten im Vergleich zu den männlichen Befragten genau deshalb keine Schlussfolgerung im Bezug auf die Anteile bei den Stipendien zulassen, weil man nicht davon ausgehen kann, dass die Durchschnittnoten bei den Bewerbern um ein Stipendium ähnlich sind bzw. ein Stipendium eher an einen Bewerber mit schlechterem Durchschnitt vergeben wird als an eine Bewerberin mit besserem Durchschnitt. (Es fand keine Unterscheidung zwischen Teilnahmer an der Umfrage und Bewerber um ein Stipendium statt bzw. es wurde kein Bezug zwischen Durchschnittsnote, Geschlecht und Stipendium hergestellt.)
      Natürlich ist es notwendig, dass die akademische Leistungsfähigkeit ein entscheidendes Kriterium für die Vergabe von Stipendien ist. Daneben gibt es aber weitere Kriterien, wie religiöse, parteinahe oder soziale, die über die Vergabe eines Stipendiums entscheiden. Foglich ist alleinige Nennung der Durchschnittnote als Kriterium verzerrend.
      Unter diesem Gesichtspunkt kann es daher doch entscheidend sein, dass ein Bewerber mit mehreren Bewerbungen bei verschiedenen Stellen bei der Vergabe eines Stipendiums im Vorteil ist, wenn man ihn mit einem Bewerber mit nur einer Bewerbung vergleicht. Es entscheidet nämlich nicht nur die Note.

      Im dritten Abschnitt stimmen Sie mir meiner Ansicht nach zu und ich pflichte Ihnen dahingehend bei, dass die Chancen für ein Stipendium für unterschiedliche Personengruppen unterschiedlich sind. In der Studie und hier im Artikel wird direkt auf eine Chancenungleichheit verwiesen, wobei die Frage ist, wie man den Begriff Chance definiert.
      Im Artikel wird impliziert, dass Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen aus bildungsfernen Schichten aktiv benachteiligt werden.
      Aus der Studie geht hingegen hervor, dass die Chancen gleich sind, aber sie unterschiedlich genutzt werden, was die Anzahl an Bewerbungen je nach betrachteter Gruppe zeigt oder die Beschäftigung mit der Thematik der Stipendien. Sollte ein Bewerber sich nach akribischer Beschäftigung bei mehreren Stellen gut und formal korrekt bewerben, sind seine Chancen natürlich besser als jemand, der sich nur bei einer Stelle bewirbt oder der keine ausreichende Vorbereitung für die Bewerbung aufgebracht hat.

      Viele logische Dinge wurden bei dieser Studie also außer Acht gelassen, wie ich bereits erwähnt habe.
      Ein Punkt ist die Qualität der Bewerbungen, genauso wie die Voraussetzungen für ein Stipendium.

      Dazu zählt aber zum Beispiel auch die Frage, warum Kinder aus Akademiker-Familien häufiger ein Stipendium beantragen. Überlegt man, so kann man bei Akademiker-Familien häufiger von einem höheren Einkommen ausgehen als bei Nicht-Akademiker-Familien. Folglich erhalten diese Kinder seltener Bafög und die Eltern müssen zahlen. Dementsprechend ist es mehr als nachvollziehbar, dass das Bestreben der Eltern größer ist ihr Kind hinsichtlich eines Stipendiums zu fördern.

      • Ich denke nach wie vor, dass Sie die Pointe der Studie missverstehen. Von aktiver Diskriminierung in Ihrem Sinne (!) ist hier nicht die Rede – und den Begriff Diskriminierung haben Sie ja auch in die Debatte geworfen, nicht die Autoren der Studie.

        Tatsächlich kommt es darauf an, wie man den Begriff „Chance“ verwendet. Die Studie setzt hier schlicht weiter an als Sie – und tut damit etwas, was in der bildungspolitischen Diskussion gang und gäbe ist. Es ist nicht nötig, hier gleich von Manipulation zu reden.

        Eigentlich ist der zugrundeliegende Streitpunkt sehr simpel. Sie setzen ein Ideal an, dass den Menschen mittelschichtig und tendenziell männlich modelliert. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Es gibt wenig politische und institutionelle Bringschuld.

        Die Autoren tun das nicht. Sie stellen in Rechnung, dass schon die Möglichkeiten, sich über Stipendien zu informieren, sehr ungleich verteilt sind, aber auch die gesellschaftliche Suggestion, man könne oder solle sich bewerben etc. Und zwar nicht, weil die Kandidaten ungleich sind, sondern Lebensumstaende, zugeschriebene Rollen etc. ungleich sind. Und sie erwarten, dass Institutionen aktiv (!) gegensteuern, wenn grobe Unwuchten evident sind. Das ist der Sinn der Studie. Wenn Sie also wiederholt betonen, unterschiedliche Bewilligungsquoten ergäben sich aus unterschiedlichen Bewerbungsquoten, ist das aus Studiensicht kein Argument für Chancengleichheit (wie für Sie), sondern ein Argument gegen Chancengleichheit.

        Akademische Stipendien sollten, wie Sie ja selbst einräumen, primär nach akademischen Kriterien vergeben werden. Als Indikator hierfür wird die Durchschnitts Note verwendet. Das ist ein grober Indikator, reicht als Problemindiz aber imho aus.

        Was nun die mathematische Seite angeht, ist meine Frage weiter offen. Auch wenn man alle von Ihnen benannten Faktoren berücksichtigt (Religion etc.), um Unterschiede in der Stipendienvergabe zu erklären. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie die ermittelten Unwuchten in einem Sample von 28.000 Studierenden erklären?

        Und selbst wenn: Dann würden die Autoren der Studie wohl sagen, dass wir ein Stipendiensystem haben, das strukturell diskriminiert. Und zwar meiner Ansicht nach zumindest mit bedenkenswerten Daten.

        In jedem Fall wäre eine angemessene Reaktion auf die Studie m. E. eine kritische Reflexion – und nichts anderes.

        • Bitte verstehen Sie mich an dieser Stelle nicht miss, aber ich verstehe die Pointe dieser Studie sehr wohl, jedoch kann ich nicht über sie lachen, sondern bin eher von der Qualität der Studie und ihrer Intention erschüttert.
          Dementsprechend kann ich auch Ihren Standpunkt nachvollziehen und ihm an verschiedenen Stellen meine Zustimmung nicht verweigern.
          Gehen wir von der Überschrift aus:
          „Studie: Von Chancengerechtigkeit keine Spur! Frauen erhalten trotz besserer Noten seltener Stipendien“
          Es wurde allgemein festgestellt, dass Studentinnen im Durchschnitt bessere Noten haben als Studenten, aber relativ betrachtet ist der Anteil mit Stipendium unter den Studenten größer als der Anteil mit Stipendium unter den Studentinnen.
          Dieser Umstand bedarf einer Erklärung und einer (angemessenen) aktiven Gegensteuerung durch Institutionen [Zustimmung]. Sollten durch gewisse Umstände die Chancen sich um Stipendium zu bewerben ungleich verteilt sein, sollte gegengesteuert werden.
          Die Mercator-Stiftung spricht hier (hingegen) von einer Benachteiligung bei der Stipendienvergabe („Frauen, Arbeiter- und Einwandererkinder sind bei der Stipendienvergabe benachteiligt“).
          Somit beginnt mein erstes Problem, das Sie auch richtig erkannt haben. Die Begriffe Chance und Benachteiligung sind im Sinne der Studie „neutral“ verwendet worden. Dem geschulten Leser ist das bewusst, aber bezugnehmend auf die Begriffsbildung in der Bevölkerung führen die Begriffe Chance und Benachteiligung immer zum Begriff der Diskriminierung.
          Während Sie das aber erkannt haben, verstehen Sie bisher mein zweites und entscheidendes Problem nicht, nämlich das der Datenverwendung:
          Ich habe geschrieben, dass es weitere Kriterien neben den Noten gibt, die bei der Vergabe von Stipendien berücksichtigt werden, die aber im Ergebnis der Studie keine Rolle gespielt haben. Gehen wir aber mal nur von den Noten aus.
          Dann – und korrigieren Sie mich bitte – liegt hier ein fahrlässiger Fehler vor, weil man den Notendurchschnitt aller Teilnehmer mit dem aller Teilnehmerinnen vergleicht und Rückschlüsse auf die Vergabe von Stipendien zieht.
          Die Studie sagt sogar, dass Studentinnen „mit ihren Bewerbungen signifikant seltener einen Erfolg verbuchen können.“
          Von allen TeilnehmerInnen haben sich nur circa die Hälfte um ein Stipendium beworben. Die Durchschnittsnote der BewerberInnen ist doch dann entscheidender und nicht die der TeilnehmerInnen.
          Man müsste die Stichprobe in die drei Gruppen „hat sich nicht beworben“, „hat sich erfolgreich beworben“ und „hat sich ohne Erfolg beworben“ einteilen und deren Notendurchschnitte vergleichen. Die Daten dazu lägen vor.
          Nur so könnte man untersuchen, ob Studentinnen trotz besserer Noten seltener ein Stipendium erhalten als Studenten mit schlechteren Noten.
          Dass es im Endeffkt darum geht, dass sich die akademisch besten um ein Stipendium bewerben und sie dabei fair beraten und betreut werden, ist mir bewusst. Die Vorgehensweise dem Motte „Der Zweck heiligt die Mittel“ entsprechend aber eine Studie unwissenschaftlich auszuwerten, ist nicht nur unseriös und scheinheilig, sondern in meinen Augen eine Lüge an der Bevölkerung.
          Wie Sie selber schreiben: „Auch wenn man alle von Ihnen benannten Faktoren berücksichtigt (Religion etc.), um Unterschiede in der Stipendienvergabe zu erklären. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie die ermittelten Unwuchten in einem Sample von 28.000 Studierenden erklären?“
          Das ist eine Frage, die Sie und ich aufwerfen dürfen, aber die keiner von uns beantworten muss, weil sie von der Studie geklärt zu werden hat.
          Eine Studie, die bereits solche Faktoren nennt und diese nicht berücksichtigen will oder kann, wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet, weshalb ihre Aussagekraft so in Zweifel zu ziehen ist, dass ihre Botschaft nicht mehr ernst genommen werden kann.

  3. Wenn es mehr Stipendien in den Bereichen Ingenieurwissenschaften und Naturwissenschaften als bei den Kulturwissenschaften gibt, dann ist die Vergabe der Stipendien bedarfsgerecht und nicht diskriminierend.

    • So sehe ich das auch.
      Wer unbedingt Ungerechtigkeiten, Chancenungleichheiten und Diskriminierungen finden will, der wird sie auch finden, und sei es, dass er Äpfel mit Birnen vergleicht.
      Dieser Lieblingssport (nicht nur im Bildungsbereich) kommt durch seine oberflächlichen Vergleiche und fragwürdigen Schlüsse immer wieder zu Ergebnissen, die falsche Entscheidungen und Handlungsbedarfe als notwendig erscheinen lassen.

    • all das hätte man auch herausrechnen können …

    • Um in diesem Bereich nicht den Vorurteilen und den Falschaussagen der Studie und dieses Artikels zu erliegen, empfehle ich die Studie selber zu lesen:
      https://www.stiftung-mercator.de/media/downloads/3_Publikationen/Mystidpendium_-_Stipendienstudie_2016.pdf
      Hier wird unter anderem auch am Rande genau diese Frage nach den Bereichen beantwortet. Dabei wird deutlich, dass der Anteil von Stipendien im Bereich der Ingenierwissenschaften im Ruhrgebiet größer ist als im Bundesdurchschnitt und der Anteil von Stipendien in Sprach- und Kulturwissenschaften kleiner, was ebenfalls erklären könnte, warum männliche Teilnehmer der Umfrage in NRW häufiger ein Stipendium erhalten haben als männliche Teilnehmer im Bundesdurchschnitt.

      Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, halte ich diese Studie und die bisher dazu gelesenen Artikel nicht nur für Werkzeuge der Diskriminierungsindustrie, sondern darüber hinaus auch für unseriös.
      Wissenschaftliche Standards, die bezüglich einer Fragestellung alle möglichen Einflussgrößen berücksichtigen sollten, werden ignoriert und im Fokus liegen je nach Wunsch der Forschenden nur das Geschlecht, der Migrationshintergrund und die Bildungsherkunft.
      Was ist mit Teilnehmerinnen ohne Migrationshintergrund und Teilnehmern mit Migrationshintergrund?
      Erfahren sie die gleiche Chancenungerechtigkeit?
      Obgleich Daten über die Noten der Befragten vorlagen, wurden diese – bis auf den Gesamtdurchschnitt von Männern und Frauen – nicht in Zusammenhang gebracht mit den Chancen auf ein Stipendium oder der Bildungsherkunft. Warum geschah dies nicht?
      Wenn es keinen Zusammenhang gab, hätte man ja indirekt gezeigt, dass die genannten Vorurteile, die man zu untermauern versucht, gerechtfertigt sind.
      Im Endeffekt lag also nur eine Fokussierung auf die Belegung von Diskriminierung vor, die zu einer Publikation und medialer Aufmerksamkeit führt. Damit wird das Bild wissenschaftlichen Arbeitens dahingehend bestätigt, dass sich die Ergebnisse nur nach Trends und den daraus resultierenden Geldgebern für weitere Studien richten und nicht mehr nach den tatsächlichen Ergebnissen.

      • nicht umsonst ist die englische Übersetzung des Wortes Wissenschaft science und meint speziell die Naturwissenschaften …

        • Man muss doch nur sehen, welche Fakultäten einen M.sc. vergeben und welche einen M.A. vergeben.
          Wer in den Ingenieurwissenschaften kann, sieht zu, dass er M.Sc. und nicht M.eng. wird.

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