Jetzt schießen auch Berufsschul-Lehrer gegen Kretschmann

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STUTTGART. Der Kummerkasten wird immer voller: Nach den Realschul- und den Gymnasiallehrern fühlen sich in Baden-Württemberg auch die Pädagogen an den Berufsschulen von Grün-Rot vernachlässigt. Zu wenig Stellen und zu wenig Anerkennung, beklagt ihr Verband.

Fährt einen harten Sparkurs: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Grüne NRW / flickr (CC BY-SA 2.0)
Fährt einen harten Sparkurs: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Grüne NRW / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die baden-württembergischen Berufsschullehrer haben der grün-roten Regierung vorgeworfen, ihre Schulart werde systematisch ausgehungert. «Der Unmut wächst an den beruflichen Schulen», klagte Verbandschefin Margarete Schaefer. Im Schuljahr 2013/14 würden von 650 freiwerdenden Stellen nur 550 besetzt. Überdies fehlten weitere 500 Stellen, um den bereits im Stundenplan eingebauten Unterrichtsausfall und die Überstundenbugwelle von umgerechnet 1826 Stellen schrittweise abzubauen.

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Das Kultusministerium wies die Vorwürfe zurück. Im laufenden Schuljahr seien die durch Schülerrückgang freiwerdenden Stellen weitgehend in den Berufsschulen verblieben. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sagte aber auch, die beruflichen Schulen würden wie alle anderen auch zu bei den beschlossenen Kürzungen herangezogen.

Nach Schaefers Worten hat die grün-rote Koalition ihre Versprechen vor der Wahl 2011 nicht gehalten, für 400 zusätzliche Stellen jährlich für die beruflichen Schulen über drei Jahre hinweg zu sorgen. Gegen die «Benachteiligung» ihrer Schulart protestierten Berufsschullehrer in mehreren Städten des Landes unter dem Motto «Rote Karte für Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Finanzminister Nils Schmid (SPD)». Der Berufsschullehrerverband vertritt mehr als 1.000 Lehrer, die derzeit rund 357 000 Schüler unterrichten. Grün-Rot missbrauche den Bildungsbereich immer mehr als Steinbruch für den Finanzminister, rügte auch der Verband Bildung und Erziehung.

Das strukturelle Unterrichtsdefizit an den beruflichen Schulen ist allerdings von jahrelang 4,1 auf 2,7 Prozent im Landeschnitt gesunken, aber regional sehr unterschiedlich. Während im Regierungsbezirk Nordbaden noch vier Prozent des Unterrichts «geplant» ausfallen, sind es im Regierungsbezirk Tübingen nur 1,5 Prozent. Die Gründe für die Unterschiede sind laut Schaefer unklar. Stoch verwies darauf, dass Unterricht auch dadurch ausfalle, dass Lehrkräfte mit den nötigen hochspezialisierten Lehrbefähigungen fehlten.

Schülerzahlen sinken – Standorte bedroht?

Schaefer mahnte einen raschen Einstieg in die regionale Schulentwicklung an. Denn in knapp zehn Prozent der Klassen drücken weniger als 16 Schüler die Schulbank. Diese Zahl ist die Untergrenze zur Bildung einer Klasse. Bei der Entscheidung über den Erhalt von Kleinstklassen müsse man den Bedarf der Wirtschaft im Auge behalten. Dies bestätigte die IHK Region Stuttgart: «Ohne wohnortnahe Beschulung ihrer Auszubildenden bekommen die Ausbildungsbetriebe noch größere Probleme bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses», sagte Hauptgeschäftsführer Andreas Richter. «Wenn das Land Standorte zentralisiert, muss es zugleich sagen, dass die zusätzlichen Kosten für längere Wege und auswärtige Unterbringung übernommen werden.»

Schaefer fordert überdies, berufliche Gymnasien mit den Oberstufen der Gemeinschaftsschulen zu verzahnen, um teure Parallelstrukturen zu vermeiden. Die SPD-Fraktion unterstützte dieses Anliegen und sprach sich wie die Grünen für den Erhalt eines flächendeckenden Netzes beruflicher Schulen aus. «Das kann jedoch nicht bedeuten, dass es an jedem Standort ein komplettes Ausbildungsprogramm geben muss – wenn es nur von einer Handvoll Schülern besucht wird», schränkte der Grünen-Abgeordnete Siegfried Lehmann ein.

Nach Schaefers Überzeugung sind die rund 300 beruflichen Schulen im Vergleich zu den allgemeinbildenden benachteiligt. So liege der Klassenteiler – anders als in der Gemeinschaftsschule – trotz großer Unterschiedlichkeit der Schüler bei 30. Schaefer: «Ganz bitter ist, dass unsere Integrationsleitung völlig unterschätzt wird.» Außerdem stünden den allgemeinbildenden Gymnasien mehr Unterrichtsstunden zur Verfügung als den beruflichen. Die FDP im Landtag monierte, dass an den beruflichen Gymnasien noch immer nicht jeder Bewerber einen Platz erhalte, auch wenn er den notwendigen Notenschnitt mitbringe. dpa

(22.4.2013)

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