Lehrermangel: Tonne ordnet fast 3.000 Lehrer ab – Verband: Nützt wenig!

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HANNOVER. Der Lehrermangel an den Grundschulen in Deutschland wird immer dramatischer. Beispiel Niedersachsen: 2900 Lehrer müssen von kommenden Montag einige Stunden pro Woche Personallöcher an anderen Schulen stopfen. So will das Ministerium verhindern, dass allzu viel Unterricht ausfällt. Eine 100-prozentige Versorgung, das ist schon jetzt klar, wird es aber trotzdem nicht geben.

Niedersachsens designierter Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Foto: Martina Nolte / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Niedersachsens neuer Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Foto: Martina Nolte / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Rund 2900 Lehrer in Niedersachsen müssen in dem am Montag beginnenden zweiten Halbjahr an anderen Schulen Personalengpässe ausgleichen und unterrichten. Von diesen Abordnungen betroffen seien damit 650 Lehrer mehr als im vorherigen Schuljahr, teilte das Kultusministerium am Donnerstag mit. Das heißt: Die Lehrer müssen einen Teil ihrer Stunden an einer Schule unterrichten, an der sie sonst nicht arbeiten.

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«Gerade bei Grundschulen gibt es das Problem des Bewerbermangels», erklärte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) bei einer Pressekonferenz in Hannover. Deshalb werden nun 750 Gymnasiallehrer landesweit verpflichtet, dort bis zu dem Sommerferien Unterrichtsstunden zu übernehmen. Tonne sagte, er sei sich bewusst, dass das eine hohe Belastung für die Lehrer ist, aber es sei nötig. Gymnasiallehrer sollen demnach im Idealfall ihre Studienfächer und Grundschüler in der dritten und vierten Klasse unterrichten.

Das Land hatte für das zweite Schulhalbjahr nach eigenen Angaben 1200 Lehrerstellen ausgeschrieben. Ihren Dienst nehmen zum Start des neuen Halbjahres jetzt 1070 neue Lehrer auf, davon 121 Quereinsteiger. Das seien rund 90 Prozent der ausgeschriebenen Stellen, betonte Tonne. «Jede eingestellte Lehrkraft hilft uns», beschrieb der Minister. Die Zahl der neu eingestellten Lehrer decke die Zahl der in Pension gegangenen Kollegen derzeit ab. Doch eine Lücke gebe es weiterhin.

“Aufs Höchste belastet”

«Unsere Kolleginnen und Kollegen sind auf das Höchste belastet und erwarten endlich konkrete Maßnahmen, wie ihre schwierige Situation verbessert werden kann», sagte Torsten Neumann, Landesvorsitzender des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL). Auf Quereinsteiger zu setzen, sieht der Verband kritisch. Die bisherige Praxiserfahrung habe gezeigt, dass sich die Erfolge in Grenzen halten. Die Unterrichtsversorgung werde dadurch nicht nachhaltig stabilisiert.

«Die Gymnasiallehrer retten gerade landesweit die Grundschulen vor massivem Unterrichtsausfall. Das darf kein Dauerzustand werden», warnte der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion, Björn Försterling. Auch Julia Willie Hamburg, schulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, sieht Handlungsbedarf und mahnte: «Wo keine Lehrkräfte sind, können auch keine geschnitzt werden.»

Die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Mareike Wulf sieht trotz der «ernüchternden Zahlen für das zweite Halbjahr» optimistisch in die Zukunft. Es sei zumindest gelungen, den Abwärtstrend bei der Unterrichtsversorgung zu bremsen. Langfristig wirkten aber nur die derzeit geplanten 2000 Einstellungen zum neuen Schuljahr 2018/19.

Nach Zahlen der Bertelsmann-Stiftung spitzt sich der Mangel an Grundschullehrern in den nächsten Jahren zu: Bis 2025 fehlten bundesweit 35.000 Lehrer für die ersten Schuljahre. In Niedersachsen ist nach Angaben der Ministeriums aber im Moment der Höchststand bei den Pensionierungen erreicht. Während im gesamten Jahr 2018 mit gut 2500 ausscheidenden Lehrern gerechnet wird, werden es 2019 voraussichtlich 200 weniger, 2020 dann schon 400 weniger sein.

Ein Punkt in der Diskussion um den Lehrermangel ist auch immer wieder das Gehalt: Während Gymnasial-, Förder- und Berufsschullehrer in Niedersachsen einen Beamtensold in Höhe von A13 bekommen, werden Lehrer an Grund-, Haupt- und Realschulen nach A12 bezahlt.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und auch der VNL fordern schon länger «A13 für alle». «A13 ist nicht finanzierbar auf einen Schlag», sagte Tonne am Donnerstag dazu. Das Thema Besoldung der Lehrkräfte stehe aber auf der Agenda. Für Schulleiter von Grundschulen ist demnach das Gehalt schon auf A13 erhöht worden. dpa

Die Stellungnahme des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte

HANNOVER. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR) beklagt eine “weiterhin schlechte Unterrichtsversorgung an sehr vielen Ober-, Real-, Haupt- und Förderschulen in Niedersachsen”, die nach der aktuellen Statik lediglich zwischen 93,1  und 97,4 % liege. Die von Kultusminister Grant Hendrik Tonne vorgelegten Zahlen bestätigten die kritische Lage an den Schulen, die einen sehr großen Teil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und den verschiedensten Unterstützungsbedarfen inklusiv unterrichten müssen. „Es hilft dabei wenig, dass der Kultusminister die schlechte Unterrichtsversorgung dieses Mal nicht schön redet“, erklärte der VNL/VDR-Landesvorsitzende Torsten Neumann.

Nur eine gute Unterrichtsversorgung mit hoch motivierten Lehrkräften sei Grundlage für gute schulische Qualität und gute Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler. Ob die Vereinfachung des Quereinstiegs dazu beitragen werde, wird vom Verband angezweifelt. Aus der bisherigen Praxiserfahrung würden sich die Erfolge in Grenzen halten, die Unterrichtsversorgung durch vermehrte Einstellung von Quereinsteigern nachhaltig zu stabilisieren beziehungsweise zu verbessern. Das gelte insbesondere, wenn deren Unterstützung von Seiten der Schulbehörde relativ gering sei. “Bislang ist diese Unterstützung jedoch sehr mau, die Hauptlast liegt bei den Lehrkräften in den Schulen vor Ort. Diese sind aber jetzt schon stark überfordert, so dass zu befürchten ist, dass jede zusätzliche Einstellung von Quereinsteigern zu weiteren Belastungen der Lehrkräfte vor Ort führen wird”, so heißt es.

Der VNL/VDR hält das von Tonne angekündigte Maßnahmenpaket zur Unterrichtsversorgung zum neuen Schuljahr “für die jetzt schon stark gebeutelten nicht-gymnasialen Schulen im Sekundarbereich I” für unzureichend, es werde nicht nachhaltig spürbar greifen. „Ohne eine sicht- und spürbare Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufes wird das nicht klappen. Das bedeutet, dass alle Lehrkräfte mindestens nach A13 besoldet werden müssen, wenn die derzeitige Einstellungsmisere im Ober-, Real-, Hauptschul- und Primarbereich gestoppt und damit die Unterrichtsmisere behoben werden soll”, betont Neumann.

Bis 2025 fehlen 35.000! Studie liefert dramatische Zahlen über künftigen Lehrermangel

 

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1 KOMMENTAR

  1. Im Sommer wird alles super sein, die Unterrichtsversorgung bei knapp 100% – Bestimmt!

    Dafür wird gestrichen, was gestrichen werden kann:
    – Sprachförderung vor der Einschulung? Können Erzieherinnen machen, ja, könnten sie. Aber es gibt auch zu wenige Erzieherinnen und durch die Freistellung der KiGaJahre werden dringend weitere in den Gruppen benötigt werden. Gezielte Sprachförderung wird in binnendifferenzierten Maßnahmen verpuffen.
    – Stunden für die Inklusion? Werden mangels FöS-LuL nicht zugewiesen und aus der Statistik gestrichen. Wo keine LuL sind, müssen die Stunden auch nicht ausgewiesen werden.
    – DaZ-Stunden? Klassenteilungen?: Nur auf gesonderten Antrag, für den die Hürden noch höher gelegt und die Bearbeitungszeit endlos ausgedehnt werden kann.

    Die CDU hatte schon im Wahlprogramm, dass jede Unterrichtsstunde auf den Prüfstand käme, Herr Tonne setzt es nun in der GroKo um.
    Im Sommer wird uns dann erzählt, dass alles gar nicht so schlimm ist, da die Unterrichtsversorgung ja bestens aussieht.

    Wenn das das Attraktivitäts-Paket sein soll, werden die Lehrkräfte in Scharen laufen…
    … allerdings nicht IN die Schulen!

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