Lehrer engagieren sich in einem Modellversuch gegen Rechtsextremismus – und stoßen auf Widerstand unter ihren Kollegen

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DRESDEN. Was tun, wenn Schüler im Unterricht fremdenfeindliche Sprüche fallen lassen? Ein Projekt in Sachsen soll Lehrern helfen, souverän und sicher darauf zu reagieren. Das Modell, bei dem die Pädagogen im richtigen Umgang mit Rassismus und Rechtsextremismus geschult werden, wird jetzt ausgeweitet. Die wissenschaftliche Evaluation des Versuchs, der bislang an neun Berufsschulzentren im Freistaat durchgeführt wurde, offenbart allerdings, dass es massive Probleme, sogar Widerstand gegen das Engagement der Lehrer gab – aus dem Kollegenkreis.

Die Zustimmung wächst: Rechtsextremer auf einer Demonstration in Düsseldorf 2014. Foto: Die Grünen / flickr (CC BY-SA 2.0)
Wie lässt sich Rechtsextremismus in Schulen bekämpfen? (Teilnehmer einer Demonstration in Düsseldorf 2014). Foto: Die Grünen / flickr (CC BY-SA 2.0)

Sachsen will mehr Lehrer im richtigen Umgang mit Fremdenfeindlichkeit im Unterricht schulen. Dafür soll das Modellprojekt «Starke Lehrer – starke Schüler» ausgeweitet werden, kündigte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) in Dresden an. Zwei Koordinatoren sollen sich um die Umsetzung kümmern, geplant sind zudem Lehrerfortbildungen, Coachings und der Aufbau eines Netzwerkes mit externen Unterstützern. Dafür sollen in den nächsten beiden Jahren rund 400.000 Euro fließen.

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Das Modellprojekt wurde 2015 durch das sächsische Kultusministerium und die Robert Bosch Stiftung gestartet. Beteiligt waren 23 Lehrer an neun Berufsschulzentren – so in Dresden, Leipzig, Reichenbach im Vogtland, dem nordsächsischen Delitzsch und Annaberg im Erzgebirge. Die Lehrer durchliefen in dieser Zeit ein intensives Training und Coaching, das von der TU Dresden entwickelt wurde. Sie lernten mehr über rechtsextreme Jugendkultur und entwickelten gemeinsam mit Experten mögliche Erklärungen und Reaktionen.

Die Auswertung habe gezeigt, dass Lehrer mehr Hintergrundwissen bräuchten, um direkt und sicher auf antidemokratische und diskriminierende Sprüche reagieren zu können, sagte Piwarz. «Es wird ein weiter und steiniger Weg sein, alle Lehrer für neue Methoden, Ansätze und Prozesse zu gewinnen. Doch der Weg lohnt sich.»

Die beteiligte Robert Bosch Stiftung kündigte bereits an, die Erfahrung aus Sachsen auf andere Bundesländer zu übertragen. Als nächstes soll das Projekt «Starke Lehrer – starke Schüler» in Niedersachsen starten. «Damit Schulen wirkungsvoll gegen extremistische Haltungen arbeiten können, ist das gesamte Schulsystem gefordert, angefangen bei der Lehrerausbildung», erklärte die stellvertretende Stiftungsvorsitzende Uta-Micaela Dürig.

“Grenzen bei der praktischen Umsetzung”

Was bei der Pressekonferenz nicht zur Sprache kam: Es gab offenbar massive Schwierigkeiten im Modellprojekt. Dies legt jedenfalls der wissenschaftliche Evaluationsbericht nahe. „Während sich im Projektverlauf sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Supervisorinnen eine Professionalisierung bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus feststellen lässt, sind doch auch Grenzen bei der praktischen Umsetzung der erworbenen Kompetenzen festzustellen“, so heißt es darin. Diese Grenzen zeigten sich beim Umgang mit problematischen Situationen im Unterrichtsalltag. „So werden ausgrenzende Äußerungen und diskriminierende Handlungen von Schülern oftmals als gesellschaftliche Normalität wahrgenommen und als nicht weiter problematisierungsbedürftig betrachtet.“

Schlimmer noch: Rassismus und Rechtsradikalismus waren offenbar so präsent an den Schulen, dass die Lehrer Angst hatten, sich für die rechtsstaatliche Demokratie einzusetzen. „Entsprechende Interventionsformen werden von vielen Lehrkräften (..) als riskant wahrgenommen. Man mache sich angreifbar und laufe Gefahr, in der Auseinandersetzung mit rechtsaffinen Schülern zu unterliegen. Man will vor der Klasse nicht sein Gesicht verlieren“, so heißt es.

Überrascht zeigen sich die Autoren des Berichts, dass Teilnehmer von Widerstand sogar aus dem Kollegenkreis berichteten. „Verunsicherung wurde dadurch hervorgerufen, dass im Kollegium negative Einstellung gegenüber dem Projekt in durchaus abschätziger Weise offen kommuniziert wurden. Projekteilnehmerinnen und Projekteilnehmer  schilderten, wie von Teilen des Kollegiums offensiv rechtspopulistische Positionen vertreten wurden. Da auch viele Schulleitungen sich nicht oder nur sehr zurückhaltend zugunsten der Projektziele positionierten, fiel es den Lehrkräften schwer, sich im Sinne des Projektes in der Schulöffentlichkeit zu engagieren.“

Das Fazit der Wissenschaftler fällt vernichtend aus: „In Bezug auf die Entwicklung einer reflexiven Schulkultur im Umgang mit rechtsextremen Vorfällen zeigte sich, dass an den Projektschulen insgesamt kaum Veränderungen erreicht werden konnten.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich der Evaluationsbericht herunterladen.

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7 KOMMENTARE

  1. Wie wurde in dem Modellversuch “rechtsextrem” eigentlich definiert? Wie ich die derzeitige Stimmungslage einschätze, ist die größte rechtsextreme Gruppe in Deutschland darin nicht enthalten: Die Grauen Wölfe.

    @Bernd und Ignatz: Die AfD ist erst dann rechtsextrem, wenn sie vom Bundesverfassungsgericht oder einem anderen zuständigen Organ als rechtsextrem eingestuft wird. Derzeit ist sie zweifellos rechtspopulistisch und einige Mitglieder dürften bereits rechtsextrem sein, was sich noch nicht und hoffentlich nie auf die allgemeine Politik durchschlägt.

    • Haben Sie den Text vollständig gelesen, denn dann wäre Ihnen aufgefallen, dass von Schülern offen rechtsextremes Gedankengut offen vertreten wurde, und Teile der Lehrer sich gegen eine Einflussnahme gegen diese Gedankenstrukturen sich aktiv wehren.
      Da scheint in diesem “Freistaat Sachsen” und anderswo so richtig etwas im Argen zu liegen.

    • Ps.
      Wünschen Sie, dass ich ab jetzt auch immer ein Bernd , Cavalieri und Co. vorausschicke?
      (Die Doppelungen habe ich selbst bemerkt.)
      Eines ist klar. Herr Dr. Blex und Herr Höcke fühlen sich als Lehrer in Dunkel-Deutschland bedeutend wohler als in NRW oder Hessen, denn dort funktioniert Migration seit über 150 Jahren gut (siehe Ruhrgebiet und Rhein-Main-Region)und erfolgreich, was man von Sachsen und Thüringen nicht behaupten kann.

      • Tun Sie das bitte. Ich habe es ja auch nur aus voreilendem Gehorsam getan, weil Sie und / oder Bernd ohnehin wieder die Nazikeule ausgepackt hätten.

        • “Und Teile der SPD sind Linksextremisten”, Zitat des Herrn Maaßen beendet und immer alles Negative relativieren und schönreden.

    • Die teilnehmenden Lehrer wurden in Bezug auf die rechtsextreme Jugendkulturszene geschult, diese an verwendeten Symbolen zu erkennen, um dann auf Äußerungen dieser eingehen zu können.
      Angeworben werden Jugendliche ab dem Alter von 12 bis 15 Jahren, ,wenn diese sich in der Pubertät befinden und radikalen Ansichten eher zugänglich sind als in ihrer Persönlichkeitsstruktur gefestigtere ältere Jugendliche. Der Zugang erfolgt über Freundeskreise und Cliquen, die Kontakt zur rechtsextremen Szene aufnehmen.
      Angelockt werden diese Jugendlichen durch die Musik der Gruppen Landser und Stahlgewitter ( “Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen”, dass auch gerne von Herrn Andreas Kalbitz zitiert wird.)
      Auch Kameradschaftsgeist, Geltungsdrang, Lust auf Abenteuer und Protestverhalten spielen eine wichtige Rolle, sich derartigen Gruppen anzuschließen. Gefördert wird der Übertritt durch rassistische Denkstrukturen im häuslichen und sonstigen persönlichen Umfeld.
      Befördert wird der Übertritt in die rechtsextreme Szene auch dadurch, dass rassistische Äußerungen in der breiten Bevölkerung Zuspruch erfahren und, wie im Falle des rechten Flügels der AfD, noch in die Öffentlichkeit transportiert werden und sogar in den Parlamenten geäußert werden, denn dann wird Rechtsradikalismus gesellschaftsfähig.
      Angeworben werden Jugendliche aber auch über die radikale Fußball-Fanszene. Hinzu treten in den vergangenen Jahren Kampfsportarten, oder öffentliche Demonstrationen rechtsnationaler Autonomer Gruppen, wie in Dortmund mit der verbotenen Reichskriegsflagge. Allerdings ist die Szene im Westen deutlich älter als im Osten Deutschlands. 90 % der Anhänger sind männlich, haben ein atavistisches Denkverhalten bezogen auf die Rolle der Frau in der modernen Industriegesellschaft.

  2. Es ist schon erschreckend zu hören, dass sich Rechtsextremismus in Wort, Denken und im Handeln in sächsischen Berufsschulen ohne Widerstände von Teilen der Schüler sowie von Teilen der Lehrer übernommen werden konnte, ohne dass es Widerspruch , geschweige denn Widerstand dagegen gab.
    Derartige Lehrer gehören mit sofortiger Wirkung nach der ersten Abmahnung bei dem zweiten Vorfall vom Dienst suspendiert.

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