Als der Lehrer noch im Zweireiher unterrichtete: Wie Schule sich verändert hat

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BREMEN. Der Rohrstock in deutschen Klassenzimmern ist zum Glück längst Geschichte. Doch auch viele andere Dinge, die früher in der Schule normal waren, sind verschwunden – oder werden es bald sein. Selbst das Poesiealbum ist nicht mehr das, was es mal war. Ein Vergleich.

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Als Maresi Lassek zur Schule ging, griffen manche Lehrkräfte noch zum Rohrstock. Bei den Mädchen gab es Schläge auf die Hand, bei den Jungs auf den Po. «Das war 1959 und hat danach auch noch angehalten», erzählt Lassek, deren Eltern damals mit ihr von Österreich nach Bayern gezogen waren und die fortan dort die Schule besuchte. Die Prügelstrafe ist inzwischen längst tabu.

Schule ist immer im Wandel, das zeigt dieses Beispiel besonders krass. Heute nehmen die Lehrer den Schülern zur Strafe eher das Smartphone weg, geben Strafhausaufgaben oder lassen sie nicht an Exkursionen teilnehmen.

Vieles, was an Schulen einst Normalität war, gibt es heute nicht mehr: Samstagsunterricht, Matrizen, das Fach Schönschreiben. Und dann gibt es Dinge, die auf kurz oder lang wohl verschwinden dürften, wie der Polylux, Kartenräume – und ja, selbst gedruckte Bücher. Ein Blick in die Vergangenheit und Zukunft der Schulen:

Bei Ungehorsam gab es einst Prügel. Wenn Schüler aber etwas gut gemacht hatten, wurden BIENCHEN verteilt. Heute sind andere Zeichen verbreitet, Smileys zum Beispiel. «Die Lachgesichter sind sehr stark angesagt, die Sternchenkultur ebenso», sagt Maresi Lassek. Es gebe aber Unterschiede zwischen den Schulen. Lassek war viele Jahre Direktorin an einer Bremer Grundschule, seit drei Jahren ist sie im Ruhestand. Als Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes begleitet sie die Schulentwicklung weiter.

Als man noch Samstag in die Schule ging

Früher hieß es zum Teil auch am Samstag: Ab in die Schule! «Das war etwa in der DDR obligatorisch», sagt Lassek. Heute aber gilt in den Klassenräumen der Republik in aller Regel die Fünf-Tage-Woche, der SAMSTAGSUNTERRICHT ist Geschichte.

Ein klassischer DDR-Begriff ist der POLYLUX, Schüler in Westdeutschland kennen ihn eher als OVERHEAD-PROJEKTOR. Das Gerät wirft auf transparente Folien aufgetragene Notizen, Schaubilder oder Zeichnungen an die Wand – es ist gewissermaßen der analoge Vorgänger des Beamers. Und genau wegen diesem wird er demnächst vom Aussterben bedroht sein, prognostiziert Heinz-Peter Meidinger. Noch ist er aber an Schulen im Einsatz, die digital nicht gut ausgestattet sind.

Meidinger arbeitet als Schulleiter eines Gymnasiums im bayerischen Deggendorf und ist Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Was heute dem Polylux blüht, ist in den Achtziger Jahren den MATRIZEN passiert: Sie wurden von einer besseren Technik abgelöst. Bis dahin gab es noch keine Kopierer in den Schulen. Wenn Lehrkräfte Blätter für die Klasse vervielfältigen wollten, kamen die Matrizendrucker zum Einsatz.

Das Papier wurde vor dem Druck mit Spiritus benetzt. «Die Schüler haben also immer schon gerochen, wenn man ausgedruckte Testblätter dabei hatte, um eine Leistungskontrolle zu schreiben.»

Schönschreiben war einmal ein Unterrichtsfach

Ein Fach, das sich viele Lehrer und Eltern manchmal zurückwünschen dürften, ist das SCHÖNSCHREIBEN. «Das gibt es überhaupt nicht mehr», sagt Maresi Lassek. Sie lege mit ihrem Verband viel Wert darauf, dass Kinder eine Handschrift entwickeln, die sie selbst gut lesen können – andere aber auch. Doch das gelingt in der Praxis nicht immer.

In einer Umfrage monierten viele Lehrkräfte kürzlich die Schreibfähigkeiten ihrer Schüler. Demnach sahen sie bei mehr als jedem dritten Grundschulkind (37 Prozent) Schwächen, eine lesbare und flüssige Handschrift zu entwickeln. Lehrer an weiterführenden Schulen sehen bei 43 Prozent der Schüler Mängel. An der Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) und dem Schreibmotorik Institut hatten sich bundesweit mehr als 2000 Lehrer beteiligt (News4teachers berichtete).

Das POESIEALBUM hat mit der Handschrift nur am Rande zu tun. Doch auch diese Büchlein sind nicht mehr das, was sie einst waren. Heute sind die Seiten strukturiert und geben damit ein Korsett vor, in dem man antworten muss: Name, Hobbys, Lieblingsessen, eine Ecke für ein kleines Porträtbild, Lieblingsfächer, et cetera. Maresi Lassek kennt noch die Poesiealben, deren Seiten einfach weiß waren. «Dann musste man alles selbst gestalten.»

Auch Heinz-Peter Meidinger hat den Formwandel der Poesiealben von frei gestaltbaren Heften zu den vorgedruckten Exemplaren beobachtet. Und noch etwas ist anders: «Die Büchlein gehen schon noch rum», sagt er. Doch in seiner Wahrnehmung sollten sich Lehrer früher häufiger in die Alben eintragen. Heute bitten Schüler seltener darum.

Monologe im Unterricht – statt Mitarbeit

Geändert haben sich auch die UNTERRICHTSMETHODEN. In den sechziger und siebziger Jahren war aktive Mitarbeit zum Teil ein Fremdwort, der Lehrer stand im Mittelpunkt – und spulte sein Programm ab. «Ich kann mich an Geschichtsstunden erinnern, wo der Lehrer die ganze Zeit aus einem Buch vorgelesen hat und dazu immer mal persönliche Einschübe reingeworfen hat, mehr nicht – inzwischen unvorstellbar.»

Auch die Förderkultur sei heute ganz anders. Wenn jemand schlechte Noten hat oder leistungsmäßig abbaut, wird an den Schulen und auch in Zusammenarbeit mit den Eltern viel mehr überlegt, wie man helfen kann. Früher habe stattdessen oft die Devise «Friss oder Stirb» gegolten, erzählt Meidinger.

Als Meidinger Abitur machte, das war 1974, kamen TASCHENRECHNER erstmals auf. Mit den grafikfähigen Geräten, die es heute so gibt, waren die aber nicht zu vergleichen. Damals waren sie klobig, für die breite Schülermasse kaum erschwinglich und brachten wenige Funktionen mit. «Wir hatten den Sohn eines Chefarztes in der Klasse, der hatte einen», erzählt Meidinger. «Der konnte maximal Sinus und Cosinus ausrechnen und hat 1000 D-Mark gekostet.»

Taschenrechner sind noch da. Doch was sie können, leisten Smartphone-Apps inzwischen auch. Steht hier irgendwann die nächste Ablösung bevor? Schuldirektor Meidinger jedenfalls denkt, dass Taschenrechner schon heute immer weniger eine Rolle spielen.

Rechenschieber und logische Blöcke im Mathe-Unterricht

Ein Relikt aus der Vergangenheit sind RECHENSCHIEBER, auch RECHENSTÄBE genannt. Sie ähneln optisch einem Lineal, haben aber vielmehr Skalen und Zahlen aufgedruckt. Wer den Umgang beherrscht, kann mit ihnen multiplizieren, dividieren, aber auch die Wurzel einer Zahl ziehen oder Logarithmen bestimmen. «Diese sind aus dem Mathematik-Unterricht verschwunden, genau wie die logischen Blöcke», sagt Maresi Lassek. Mit den bunten Formen sollten Schüler einst die Grundlagen der Mengenlehre lernen.

Nicht nur im Mathematik-Unterricht haben sich die Hilfsmittel geändert. Der Englisch- oder Spanisch-Unterricht fand einst oft in SPRACHLABOREN statt. In diesen speziellen Zimmern war jeder Platz mit Kopfhörer, Kassettenrekorder und Mikrofon ausgestattet. Sie waren mit dem Lehrerpult verbunden. «Damit konnte der Lehrer, das war revolutionär, den Schülern Fremdsprachentexte auf ihre Kopfhörer spielen», erzählt Heinz-Peter Meidinger. Wenn Schüler eine Lektion mit einer Kassette absolvierten, konnte der Lehrer sich zu einzelnen Plätzen schalten und dann abhören, ob etwa die Aussprache korrekt ist.

In einigen Schulen gibt es die Labore noch, in der Regel sind sie jedoch durch Computerräume ersetzt worden. Wie die Digitalisierung die Schule verändert, zeigt sich nicht nur hier. Die klassischen Karten, etwa für den Geografie-Unterricht, sie werden immer seltener genutzt, wie Maresi Lassek sagt. «Sie werden heute vom Beamer ersetzt.»

Die Digitalisierung lässt vieles verschwinden

Auf kurz oder lang dürften damit wohl die KARTENRÄUME in vielen Schulen verschwinden. Dort hängen die großen Rollen in speziellen Vorrichtungen. Braucht ein Lehrer eine bestimmte Karte, spannt er sie in einen mobilen Ständer und fährt sie ins Unterrichtszimmer.

Klassische Tafeln und Whiteboards gibt es mittlerweile auch als interaktive Variante. Und SCHULBÜCHER, die den Schulrucksack schwer machen, könnten bald Vergangenheit sein. «Mit Sicherheit wird es in zehn Jahren kaum mehr gedruckte Schulbücher geben», sagt Heinz-Peter Meidinger. Dann werde eher mit digitalen E-Books gearbeitet. Vorteil hier: Sie lassen sich leichter aktualisieren, wenn sich Lehrinhalte ändern, und jederzeit mit Zusatzinformationen anreichern.

In seiner Schule in Deggendorf gibt es in jedem Zimmer WLAN. In Zukunft, so prognostiziert es der Lehrerverbandspräsident, könnten Schüler mit einem Gerät auf eine Art Schul-Cloud zugreifen. Auf der Plattform liegen Unmengen von Lehrmaterialien bereit. Jederzeit für jeden verfügbar. Braucht es dann überhaupt noch die Schule als Präsenzort, oder kann dann jeder einfach von zu Hause lernen?

Die Schulen werden bleiben, davon ist Meidinger überzeugt. «Zum Lernen gehört immer auch Gemeinschaft und der Austausch mit anderen.» Ob seine Prognose zutrifft? Oder würde die Überschrift dieses Textes in zwanzig Jahren lauten: «Als es noch Schulgebäude gab»? Von Tom Nebe, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

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4 KOMMENTARE

  1. Gut so, dass sich vieles geändert hat. Ich möchte grundsätzlich nicht, dass die Kinder mit Angst in die Schule kommen.
    Aber bei dieser Aussage:
    “Mit Sicherheit wird es in zehn Jahren kaum mehr gedruckte Schulbücher geben”
    Da würde ich gerne dagegen wetten. Im Schulsystem ist der Fortschritt so langsam, dass in 10 Jahren nicht viel passiert. In 10 Jahren könnten alle Räume allerhöchstens Beamer haben, oder dieses beschriebene WLAN könnte es zumindest schon einmal für Lehrer im ganzen Schulgebäude geben, ansonsten glaube ich wird nicht viel passieren.
    Wenn jetzt alle Schulen auf den Zug springen und wenige interaktive Tafeln anstatt viele Beamer anschaffen, und es somit verpassen, wenigstens einen Grundstock an neuen Medien zu setzen, dann dürfte es auch noch schlechter aussehen.

      • Nein, das Verschwinden von Schulbüchern wäre ein Rückschritt in Richtung weg vom manuellem Erfassen von Lerninhalten, so die Schüler mit den Büchern und Arbeitsheften manuell arbeiten können.
        Aber die Schulbuchindustrie, auf deren Mitwirkung unter anderem auch die Einführung der “Vereinfachten Ausgangsschrift” zurückzuführen ist, eben wegen der einfacheren Druckbarkeit, wird ihren Einfluss auf die Politik geltend machen, um den Schulbuchdruck zu erhalten, allerdings aus merkantilen Gründen, und eben nicht aus dem Grund der besseren Zuträglichkeit des Erlernens der Lerninhalte durch ein manuelles Unterstützen des Erarbeitens der Inhalte.

    • Dass es in einigen Jahrzehnten keine Schulbücher mehr geben wird, halte ich für möglich. Das würde dann, vermute ich, damit zusammentreffen, dass Deutsche auch keine zusammenhängenden Texte mehr verstehen.

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