Bekommen Schüler aus Platzmangel ihr Mittagessen im Klassenraum? GEW sieht Probleme bei Gratis-Mahlzeit in Schulen voraus

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BERLIN. Eine kostenlose Mahlzeit pro Tag für alle Grundschüler – der Berliner Senat feiert das neue Angebot als sozialpolitischen Meilenstein. Aus Sicht der GEW hat die Sache aber mehrere Haken. Die SPD-Fraktion der Bundeshauptstadt zog unterdessen mit einem Tweet zum Thema viel Spott auf sich.

Viele Schulen sind mit der Gestaltung des Schulessens allein gelassen. Grundsätzlich herrscht starker Preisdruck. Foto: Hans / pixabay (CC0 Public Domain)
Soll bald in Berlin für kostenlos sein: das Schulessen. Foto: Hans / pixabay (CC0 Public Domain)

Kurz vor dem Start des kostenlosen Mittagessens für alle Berliner Grundschüler warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor erheblichen Problemen bei der Umsetzung. Viele Schulen seien auf das neue Angebot und die erwartbare Zunahme der Essensteilnehmer nicht vorbereitet, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doreen Siebernik. Die räumlichen und personellen Voraussetzungen seien nicht an allen Schulen vorhanden.

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Nach Einschätzung von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sind die meisten Berliner Schulen «gut vorbereitet» auf die Neuerung. «Aber es gibt auch einzelne Schulen, wo wir wirklich baulich etwas verändern müssen. Da wird es Übergangslösungen geben. Da wird es vielleicht kein warmes Essen an einer Schule geben, sondern im Übergang ein anderes Essensangebot», sagte sie dem Radiosender B2.

GEW: An manchen Schulen muss es sechs Essensdurchgänge geben

«An diversen Schulstandorten wird es beim Essen nicht um mehr Qualität gehen, sondern um das Motto «satt und sauber»», sagte Siebernik. In manchen Schulen werde es zwischen 11.00 und 14.00 Uhr sechs Essensdurchgänge geben. Für die Schüler bedeute das: «Schnell essen und aufstehen, weil die nächsten schon warten.» Das habe nichts mehr mit einer vernünftigen Mittagspause zu tun.

Weil die Zahl der Schüler beim Mittagessen an manchen Schulen stark steige, sich womöglich sogar verdopple, hätten diese platzsparende Möbel angeschafft, berichtete Siebernik weiter. In einer Schule etwa stünden in der Mensa jetzt Hocker statt Stühle, um gleichzeitig 120 statt bisher 80 Schüler verköstigen zu können.

Es gebe auch Fälle, bei denen Schüler in ihrem Klassenraum zu Mittag essen müssten. «Da stellt sich die Frage der Hygiene, wer macht dort anschließend sauber, bevor der Unterricht weitergeht», so die GEW-Chefin. Normalerweise würden die Schulen nur nachts oder am frühen Morgen gereinigt.

Scheeres: Schulen haben ein Interesse, Lösungen zu finden

Natürlich würden mehr Kinder in der Schule am Mittagessen teilnehmen, so Scheeres. «Genau das wollen wir.» Es gebe Schulen ohne Probleme, weil sie gebundene Ganztagsschulen seien oder ohnehin einen großen Anteil von Kindern hätten, die am Mittagessen teilnehmen. Daneben gebe es auch Schulen, in denen Veränderungen nötig gewesen seien.

«Da wurden Räume umgewidmet oder auch zusätzlich Materialien angeschafft.» Das Land habe dafür fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt. «Was ich sehr, sehr gut finde ist, dass die Schulen und Bezirke wirklich das Interesse haben, hier Lösungen zu finden», sagte Scheeres.

«Not macht Schulen erfinderisch, Not ist aber kein guter Begleiter in der Bildung», sagte Siebernik. Grundsätzlich begrüße die GEW das kostenlose Essensangebot. Aber: «Die Vorbereitungszeit war zu kurz.» Nötig sei nicht zuletzt mehr Personal. Denn mit der ebenfalls neuen kostenlosen Hortbetreuung für die ersten beiden Jahrgänge hätten die Schulen weitere Herausforderungen zu bewältigen.

Das Abgeordnetenhaus hatte das Gratis-Mittagessen für die ersten bis sechsten Klassen Anfang April mit den Stimmen der rot-rot-grünen Koalition beschlossen. So sollen auch Kinder aus Familien mit wenig Geld die Chance auf eine warme Mahlzeit haben. Gleichzeitig – so die Idee – soll die Qualität der Speisen besser werden.

Laut Bildungsverwaltung betrifft das Angebot, das formal ab diesem Donnerstag und faktisch mit dem ersten Schultag am 5. August gilt, bis zu 198 000 Grundschüler. Nehmen es tatsächlich alle in Anspruch, kostet das 129 Millionen Euro jährlich. Berlin ist mit dem kostenlosen Mittagessen bundesweiter Vorreiter.

Die GEW schätzt, dass bis zu 30 Prozent der Grundschulkinder bisher nicht an der Ganztagsbetreuung teilnehmen und deshalb in der Regel auch kein Mittagessen in der Schule erhalten. Zuletzt hieß es bei Bildungsfachleuten, dass von einer zusätzlichen Nachfrage von rund 9000 Schülern auszugehen sei. Ob diese Annahme noch zutrifft, ist unklar. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Billig abgespeist?

Von wegen Gemüse und Salat: Mit ihrer Werbung für kostenfreies Mittagessen an Berliner Grundschulen hat die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus nicht gerade Appetit auf das neue Angebot gemacht. Ein auf Twitter verbreitetes Foto zeigt einen Teller fettiger Nudeln mit Ketchup. Dazu der Satz: «Kein Kind sollte hungrig in den Unterricht gehen müssen.» Verbreitet wurde das ganze unter anderem mit den Hashtags #bildungfüralle und #zukunftgestalten.

Hohn und Spott bei der Netzgemeinde ließen nicht lange auf sich warten. «Billig abgespeist», meinte ein Nutzer. «Also wenn ihr euch das für eure Kinder wünscht, gute Nacht», kommentierte ein anderer. «Traditionelles Berliner Frühstück?», fragte ein dritter Twitterer mit Blick auf die Tatsache, dass die Schule auch in Berlin am Morgen beginnt und nicht erst nach dem Mittag.

Eine Fraktionssprecherin sagte, das Motiv sei in eine Gesamtkampagne zu Entlastungen für Eltern und Schüler eingebettet, die zum Beginn des neuen Schuljahres am 5. August greifen. Ein Punkt ist das Gratis-Mittag-Angebot für alle Schüler der Klassen eins bis sechs. Rot-Rot-Grün hatte das beschlossen, damit auch Kinder aus Familien mit wenig Geld die Chance auf eine warme Mahlzeit haben. Gleichzeitig – so jedenfalls die Idee – soll auch die Qualität der Speisen besser werden. dpa

 

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1 KOMMENTAR

  1. Mit freundlicher finanzieller Unterstützung der Geberländer des Länderfinanzausgleichs, die sich natürlich finanziell einen solchen Luxus nicht leisten.

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