Experte: Standardisierung gefährdet die Qualität sozialpädagogischer Angebote

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KÖLN. Lehrer sind keine Sozialpädagogen, doch nicht erst im Zuge der Inklusion nehmen sozialpädagogische Fragestellungen immer breiteren Raum im Schulleben ein. An vielen Schulen gehören mittlerweile Sozialpädagogen zum Kollegium. Dennoch bleibt es oft ein langer und verschlungener Weg, bis Schüler professionelle Angebote in Anspruch nehmen können. Um deren Qualität sorgt sich der Kölner Professor Frank Gusinde.

Sozialpädagogische Angebote verlieren ihren originären Inhalt – und vielleicht sogar ihren Auftrag, wenn deren Adressaten nur noch auf eine Empfängerrolle reduziert sind, stellt Gusinde in seiner Antrittsvorlesung an der privaten Hochschule Fresenius fest. Er wünscht sich eine Weiterentwicklung der offensiven Kinder- und Jugendhilfe, die sich stärker für die Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien einsetzt.

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Sozialpädagogen leisten wichtige Arbeit auch an Schulen. (Symbolbild) Foto: Bernd Schwabe in Hannover / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Aktuell sieht Gusinde eine Tendenz, in der die Frage der Nützlichkeit für das ökonomische System wichtiger sei als die freie Entfaltung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Der Mensch selbst und die Wiederherstellung seiner Handlungsfähigkeit stünden nicht mehr primär im Fokus der Betrachtung.

„Wir brauchen Empathie und die Fähigkeit, Kongruenz herzustellen“, sagt Gusinde, der die zunehmende Standardisierung in der täglichen Arbeit als einen wesentlichen Problemfaktor ansieht: „Nehmen wir als Beispiel die Analyse so genannter auffälliger Merkmale bei einer Klientin oder einem Klienten. Wenn wir diese einfach zählen und linear quantifizierbar machen, verfehlen wir die entscheidenden Kernelemente des Hilfeprozesses, es kommt zu dem, was ich Entprofessionalisierung der Sozialen Arbeit nenne.“

Es sei in der Praxis schon vorgekommen, dass Einschätzungen nur anhand von Checklisten zustande gekommen seien und in Fallbesprechungen nur diesen Ergebnissen gefolgt worden sei. „Gerade wenn es um die Gefährdungsbeurteilung geht, ist das eine fatale Vorgehensweise“, so Gusinde.

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Abhilfe schaffen könne Gusinde zufolge vor allem ein „Zusammendenken von Subjekt und Struktur“. Konkret bedeute dies eine stärkere Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, in denen sich ein Mensch bewegt. „Beide bilden ein System wechselseitiger Beeinflussung und Abhängigkeiten. Wir müssen das Wechselspiel zwischen objektiven, in der Struktur vorhandenen Verwirklichungsgelegenheiten und subjektiven Fähigkeiten des Einzelnen beobachten und daraus Beurteilungen und Handlungsempfehlungen ableiten.“

Die Problematik hänge nicht zuletzt mit einem wachsenden Fachkräftemangel zusammen: „Standardisierungen sind häufig die Folge fehlender Ressourcen“, sagt Gusinde und rechnet: „Bis 2030 brauchen wir ca. 350.000 Fachkräfte zusätzlich im Sozialwesen. Der Branche wird die zweithöchste Wachstumsrate prognostiziert. Viele dieser Fachkräfte benötigen wir in der Kinder- und Jugendhilfe.“ Angesichts wachsender Herausforderungen, wie sie durch Zuzug und Digitalisierung entstehen, sei auch die Qualitätssicherung in der Kindertagesbetreuung ein Thema, dem künftig eine höhere Bedeutung beigemessen werden wird. (zab, pm)

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2 KOMMENTARE

  1. “Aktuell sieht Gusinde eine Tendenz, in der die Frage der Nützlichkeit für das ökonomische System wichtiger sei als die freie Entfaltung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Der Mensch selbst und die Wiederherstellung seiner Handlungsfähigkeit stünden nicht mehr primär im Fokus der Betrachtung.”

    Die OECD sieht Kinder als Humankapital.
    Wenn Unternehmen feststellen, dass das Humankapital jünger sein muss, wird G8 eingeführt.
    Wenn Unternehmen feststellen, dass das Humankapital unzureichend ist, wird G9 zurückgeholt.
    Wenn Universitäten feststellen, dass die Grundlagen fürs Studium fehlen, müssen sie selber schauen, wie sie das hinbekommen. Schließlich müssen sie Absolventen generieren.

    Dieses ökonomische System, zu dem auch die Politik zählt, ist doch nur noch auf Kostenminimierung und Optimierung von Absolventenquoten (Abitur, Studium) ausgelegt.
    Das Wohl von Kindern mit individuellen, besonderen Bedarfen fällt dabei unter den Tisch, weil es zu teuer ist.

    Die Leidtragenden sind die Kinder und die Pädagogen, die ohne angemessene Mittel und Möglichkeiten den Betrieb Schule besuchen müssen.

  2. Generell schadet die Standardisierung auch dem Bildungsbereich. Alle Vergleichstests haben das Niveau gesenkt und nivelliert, vollkommen unabhängig davon, dass die ausgewiesenen Kompetenzen nur wenig über echte Kenntnisse und Fertigkeiten aussagen. Vielmehr versucht man, die Ergebnisse je nach politischer Intention schön oder schlecht darzustellen, z. B. durch Erfindung der Standortfaktoren.

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