Ist Handschreiben in der Schule verzichtbar? Wissenschaftler und Schulpraktiker diskutieren aktuelle Befunde

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Welche Fähigkeiten brauchen künftige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer? Welche Grundkompetenzen gehören dazu? Was bedeutet das für den Unterricht? Diese Fragen diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter von Schulverwaltung und Schulpraxis aus vier europäischen Staaten, die beim 3. International Symposium on Handwriting Skills 2019 am 11. Oktober in Berlin zusammenkommen. Die Ausgangsthese dabei lautet: Wer über keine flüssige und lesbare Handschrift verfügt, hat auch künftig weniger Aussichten auf Erfolg in Bildung und Beruf. Anmeldungen sind ab sofort möglich.

Fast einhellig stellen Lehrer fest: Die Schwierigkeiten beim Handschreiben nehmen zu. Foto: Shutterstock

Die aktuelle STEP-Studie* unter Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) und des Schreibmotorik Instituts zeigt auf, dass es immer mehr Kindern schwer fällt, mit der Hand zu schreiben.  Grundschullehrkräfte sagen, dass mehr als ein Drittel der Kinder (37 Prozent) Probleme hat, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln. Lehrkräfte von weiterführenden Schulen sehen im Schnitt sogar bei 43 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten.

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Erkenntnisse zum Thema Handschreiben bündeln

Wie lässt sich hier gegensteuern? Oder wäre es sinnvoller, künftig verstärkt auf die Tastatur zu setzen – gerade im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung und damit des verstärkten Einsatzes von künstlicher Intelligenz (KI) und der Tatsache, dass neue Berufe auch neue Fähigkeiten erfordern? Einen eigenen Lehrstuhl, der wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Handschreiben bündeln und das Thema stärker zum Beispiel in der Lehrkräfteausbildung verankern könnte, gibt es in Deutschland bislang nicht. Umso wichtiger ist die internationale Perspektive, wenn es darum geht, neueste Forschungsbefunde in den Blick zu nehmen.

Dafür steht das nunmehr 3. International Symposium on Handwriting Skills 2019, das das Schreibmotorik Institut in diesem Jahr erstmals in Kooperation mit dem VBE ausrichtet. Es steht unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Präsident der Kultusministerkonferenz und Kultusminister des Landes Hessen.

„Ziel ist es, die neuesten Forschungsergebnisse im Bereich des Handschreibens sowie bewährte Praxisprojekte in einem internationalen Rahmen zu diskutieren. Die vorhandenen Lücken in Forschung und Praxis sollen geschlossen werden“, erklärt Dr. Marianela Diaz Meyer, Ergonomie-Expertin und Leiterin des Schreibmotorik Instituts.  Sie betont: „Der Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt führt über das Schreiben und Lesen. Wir sehen, dass hochmoderne Unternehmen der Robotik die Produkte der Zukunft mit handschriftlichen agilen Methoden und Konzepten entwerfen und entwickeln.“ Die Basis dafür ist eine flüssige, lesbare und ermüdungsfreie Handschrift und eine gute Schreibmotorik. „Nun müssen wir alles dafür tun, dass der Zugang dazu zielführend unterstützt wird und auch der Schreibunterricht angepasst wird“, so Diaz Meyer. Denn immer mehr Kinder bedürfen einer besonderen motorischen Förderung.

“Handschreiben als Startkapital für Bildung”

Die Veranstaltung läuft unter dem Titel: „Handschreiben als Startkapital für Bildung“. So betont auch Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des VBE: „Wir engagieren uns vor allem deshalb, weil wir wissen, welche positiven Auswirkungen das Handschreiben auf die gesamten Lernfähigkeiten eines Kindes hat. Beim Schreiben mit der Hand werden mehr Gehirnregionen aktiviert, wodurch sich bessere Wahrnehmungs- und Denkformen entwickeln. Denn: Texte, die mit der Hand geschrieben werden, müssen intensiver durchdacht und geplant werden. Das schult das logische Denken, was wiederum eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe und Teilnahme am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben ist.“

  • Als Referent zugesagt hat der Digital-Experte Prof. Christian Barta von der Hochschule Ansbach, der die These vertritt: „Die Visualisierung in digitalen Medien fängt mit Handschreiben an.“
  • Dr. Sabine Wollscheid vom Nordic Institute for Studies in Innovation, Research and Education, berichtet aus Norwegen, wie dort moderner Unterricht in der Balance zwischen Analog und Digital gelingt.
  • Dr. Susanne Grassmann, bis Ende 2018 an der Pädagogischen Hochschule der FHNW in der Schweiz tätig, forscht unter anderem zum Schrift- und Bildungsspracherwerb. Sie beleuchtet den Zusammenhang von schreibmotorischen Kompetenzen und Rechtschreibleistung, ausgehend von Untersuchungen bei Zweitklässlerinnen und Zweitklässlern in der Schweiz.
  • Auch Grund- und Mittelschulpädagoginnen aus Deutschland kommen zu Wort: Kerstin Detto und Melanie Hiergeist berichten von ihren Erfahrungen aus einem Erasmus+ Projekt, das vom Schreibmotorik Institut gemeinsam mit den Regierungen von Mittelfranken und Niederbayern sowie Partnern aus Österreich und Südtirol, Italien, durchgeführt wird.

Vorträge zu Erfahrungen aus Österreich und zum weitverbreiteten Problem einer schlechten Stifthaltung runden das Programm ab. Grußworte sprechen Bettina Martin, Bildungsministerin Mecklenburg-Vorpommern als Vertreterin der Kultusministerkonferenz, und der VBE Bundesvorsitzende Udo Beckmann.

Das Symposium richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Schreibmotorik, Neurowissenschaft, Sport- und Bewegungswissenschaft, (Ergo-)Therapie, Medizin, Entwicklungspsychologie, Ergonomie bzw. Arbeitswissenschaft, (Grundschul-)Pädagogik sowie Vertreterinnen und Vertreter der Lehrkräftefortbildung, Kultusministerien und Schulen. Das 3. International Symposium on Handwriting Skills 2019 ist als Lehrkräftefortbildung für Bayern zugelassen sowie von der Hessischen Lehrkräfteakademie akkreditiert. Die Teilnahmegebühr beträgt 210 Euro. Anmeldungen sind ab sofort möglich – und zwar hier: https://www.schreibmotorik-institut.com/index.php/de/anmeldung

*Ergebnisse der STEP-Studie sind hier abrufbar: www.schreibmotorik-institut.com

3. International Symposium on Handwriting Skills 2019
Freitag, 11. Oktober 2019, 9 bis 17 Uhr (Ein Get-together für alle Teilnehmenden findet bereits am Donnerstagabend, 10. Oktober 2019 statt.)
dbb Forum
Friedrichstraße 169
10117 Berlin

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1 KOMMENTAR

  1. Ich staune immer, wie viele Fotos es mit einer richtig schlechten Stifthaltung gibt. Wieso eigentlich? Ist das Absicht? Soll damit auf die Misere des Handschreibens hingewiesen werden? Also gewissermaßen als “didaktischer Kniff”? Wahrscheinlich aber nicht …

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