Ist Schreiben mit der Hand noch zeitgemäß? Forscher sagen: Unbedingt

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KÖLN. Kaum ein Job, der heute noch ohne Tippen am Computer auskommt. Sollten Schüler also überhaupt noch lernen, mit der Hand zu schreiben? Unbedingt, meinen Forscher – allerdings nicht auf Kosten des Tippens.

Immer mehr Schüler haben Probleme mit der Rechtschreibung. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)
Immer mehr Schüler haben Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

A wie Apfel, B wie Birne, C wie Computer – mit Schulbeginn heißt es für Erstklässler: Schreiben lernen. Manche Buchstaben sind einfach, andere gelingen nicht direkt beim ersten Anlauf. Doch nach und nach erarbeiten sich die Grundschüler eine Technik, die sie ihr ganzes Leben lang begleiten wird – das Schreiben mit der Hand.

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Schon seit Jahrzehnten diskutieren Wissenschaftler und Pädagogen über die Vor- und Nachteile verschiedener Schriftarten und Lernmethoden. Längst kommt heute auch das digitale Schreiben hinzu, das in vielen Berufen unverzichtbar ist. Skeptiker sehen dadurch die Handschrift in Gefahr. Sie fürchten um das kulturelle Gut, aber auch um die motorischen Fähigkeiten, die beim Schreiben mit der Hand erlernt und gefördert werden. Wissenschaftler des Mercator-Instituts der Uni Köln haben nun bisherige Studien zum Thema ausgewertet.

«Auf Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse ergibt es daher keinen Sinn, das Handschreiben und Tastaturschreiben gegeneinander auszuspielen», schreibt der Direktor des Mercator-Instituts, Michael Becker-Mrotzek. «Anstatt die Entweder-oder-Frage zu stellen, sollten Lehrkräfte besser beide Techniken fördern und fordern.» Zwar gebe es Hinweise darauf, dass sich Schreiben mit der Hand positiv auf feinmotorische Fähigkeiten und das Gehirn auswirke. Andererseits gibt es den Forschern zufolge auch Erkenntnisse dazu, dass Schüler beim digitalen Tippen durchschnittlich längere, sprachlich richtigere und inhaltlich sinnvollere Texte abliefern.

Das Schreibmotorik Institut forscht zum Thema Handschreiben

Auch Christian Marquardt vom Schreibmotorik Institut beschäftigt sich seit Jahren damit, welche Bedeutung das Schreiben mit der Hand für den Menschen hat. Ihm zufolge ist es von Fähigkeiten der Schüler abhängig, ob das Handschreiben positive Effekte habe oder nicht. «Es gibt bei den guten Schreibern Vorteile, bei den schlechten Schreibern Nachteile», sagt er.

Schreiben mit der Hand und das Tippen sind für den Experten zwei grundsätzlich unterschiedliche Abläufe. «Sie müssen beim Schreiben mit der Hand viel mehr in die Zukunft denken», sagt Marquardt. Die Informationen müssten in kleine Einheit zerhackt und der Bewegungsfluss müsse vorausgeplant werden. Da das Tippen grundsätzlich schneller gehe, sei es dabei nicht so sehr notwendig, Informationen stark zu abstrahieren.

«Es gibt da relativ massive Grabenkämpfe», sagt Marquardt – zwischen Traditionalisten auf der einen Seite und jenen Vertretern auf der anderen Seite, die digitale Bildung vorantreiben wollen. Er selbst hält es – wie auch die Kölner Forscher – für sinnvoll, beide Methoden miteinander zu verzahnen. Wenn Kinder in der Handschrift einigermaßen sicher seien, könne man das mit digitalen Geräten unterstützen. «Ich würde nämlich digitales Schreiben nicht nur aufs Tippen beschränken», sagt Marquardt. So könne etwa ein digitaler Stift helfen, die Handschrift zu verbessern und Buchstaben sicher zu erlernen.

Lehrer berichten: Immer mehr Schüler haben Probleme mit dem Handschreiben

Doch das mit der Unterstützung wird zunehmend zum Problem, wie eine Online-Befragung unter Lehrern belegt, die der Verband Bildung und Erziehung sowie das Schreibmotorik Institut vor einigen Monaten durchgeführt haben (News4teachers berichtete). Darin stellen Grundschullehrer bei mehr als einem Drittel ihrer Schüler Probleme fest, eine flüssige und lesbare Handschrift zu entwickeln. Die meisten sind sich einig: Ein spezielles Training und mehr Übung zuhause und in der Schule würden helfen. Dafür bleibt aber im hektischen Schulalltag oft keine Zeit.

So wichtig das Schreiben auch ist – es lernt sich nicht von allein. «Unser Schreibunterricht ist antiquiert und wird in dieser Form nicht überleben können», kritisiert Marquardt. Durch größere und heterogenere Klassen hätten die Lehrkräfte gar nicht mehr ausreichend Zeit, um Kinder individuell zu fördern. Entscheidend ist also nicht so sehr, welche Schrift man schreibt oder mit welchem Medium – sondern dass man Raum und Zeit bekommt, das Schreiben zu lernen. Von Larissa Schwedes, dpa

Wie Lehrer das Handschreiben mit besonderer Förderung retten – Symposium bot eindrucksvolle Berichte aus der schulischen Praxis

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15 KOMMENTARE

    • @Felixa
      Es kommt wohl immer auf die Perspektive und den Standpunkt des Betrachters an, aus der man die Entwicklung von Schülern beobachtet und diese begleiten darf.
      Als Nachfahren von Primaten, werden dem Menschen Kulturtechniken, wie das Lesen, Schreiben und Rechnen, im Anfang eher begreiflich und verständlich, wenn diese Techniken in motorischen Abläufen, Form und Gestalt, sowie Gehör und Sprache emotional näher gebracht werden, als dies durch ein stures einhämmern auf eine Tastatur möglich wäre .
      Erkenne was du vor Augen hast.

        • @Felixa
          Ich glaube, dass Sie es sich hier und im vorherigen Artikel ein wenig zu einfach machen mit der Beurteilung anderer, nicht diskussionsfähig zu sein.
          Anscheinend hat man aneinander vorbei geredet und argumentiert oder ich habe mich unverständlich ausgedrückt, weil das Erlernen des Schreibens an der Tastatur von GriasDi und mir im Allgemeinen gar nicht zur Disposition gestellt wurde, sondern aus meiner Sicht der Zeitpunkt des Erlernen der Tastaturschrift in weiterführenden Schulen erfolgen sollte, so die Kinder keine schwere Beeinträchtigung der Motorik, wie eine spastische Parese, haben.

  1. Herr Prof.Becker-Mrotzek führt sich eingangs des Artikel gleich mit der lautschriftlichen Abbildung der Anlaut-Tabelle ei, und so vermittelt er uns seine tiefgreifenden Erkenntnisse über die reformpädagogische ABC-Pädagogik, die uns diese fröhlichen Schriftkreationen aus Schülerhänden generiert, Frohlocken und Jubelgeschrei auslösend, uns in ständiger Ehrfurcht vor den schriftsprachlichen Neuschöpfungen erstarren lässt, um durch lautes Nachsprechen des Geschriebenen, Erkenntnisse aus diesen Wort-und Sprachschöpfungen zu ziehen.
    Mögen wohl manche Buchstaben einfach gelingen, im Nachzeichnen vorgegebener Druckzeichen verzerrt erscheinen, in eckiger Form gegossen, um diese dann lufttechnisch im Geiste zu verbinden, um dann beim Lesen lautstarke Überbetonungen der Endlaute , Inlaute und Vokale lauttechnisch zu erzeugen, weil eben alles Erlernte weitgehend eigenständig erarbeitet wurde, unter Anwendung und dem Ausprobieren aller möglichen Schriftkreationen, die Frohlocken bei den Lernbegleitern ob des Durchschreitens der nächsten Schreibstufe hervorrufen, begleitet von Schreibanalysen des Schulpersonals, dass beständig an eine natürliche Besserung des Schriftspracherwerbs glaubt, um dann auch einmal tröstende Wort für die verängstigten Eltern bereithält.
    Bedenke, denn Glaube versetzt Berge, oder eben auch nicht.

    Natürlich haben Kinder Probleme mit dem Entwickeln einer lesbaren Schrift und der Entwicklung der Feinmotorik, weil eben das Erklärte Ziel der verbundenen Schrift nicht gezielt gefördert wird, da den Kindern die Initiative zur Entwicklung von Verbindungen der Buchstaben aufgetragen wird, womit offensichtlich die deutliche Mehrheit der Schüler überfordert ist.

    • Ich frage mich, wie Generationen von Kindern die Schreibschrift lernen konnten, ohne dass dieser angeblich so schwierige Prozess unzählige Experten auf den Plan rief, die über Vereinfachungs- und Erleichterungsvorschläge nachbrüteten, weil die armen Kinder ja so schrecklich überfordert waren.
      Entweder sind die Kinder von heute unfähiger als ihre Vorgänger oder es stimmt etwas nicht in der heutigen Pädagogik.
      Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass die Kinder heutzutage unter Wert beschult und vor lauter Scheinfürsorge der “Experten” zu wehleidigen Nichtskönnern erzogen werden. Wahrscheinlich steckt hinter den immer neuen “Problemen” der Kinder ein knallhartes Geschäft für die Problemlöser.
      Mir kommt das allmählich so vor wie die “Krankheitserfinder” in der Pharmaindustrie.

  2. Kinder sind schon weit vor dem Eintritt in die Schule in der Entwicklung der Feinmotorik anders aufgestellt, als es früher war. Das liegt nicht an den Erwartungen oder Zielen, die in der Schule gesetzt werden und die sich hin und wieder verändern oder Kompetenzen, die man in Klasse 2 oder 4 erwartet. Kinder werden in ihrer vorschulischen Feinmotorik nicht besser, weil Schule die Ziele ändert.
    Die Frage ist, wie man mit schlechter ausgebildeten Vorkenntnissen umgehen kann. Die wird hier aber gar nicht gestellt.

    Hier ist eher die Frage, wem man GLAUBEN will, weil es einem in den Kram passt.
    Eine Studie zur Mitschrift in der Uni per Stift oder Tastatur hat mit dem Erlernen der Handschrift an sich, der Schrift- und Stiftwahl in der Grundschule gar nichts zu tun,
    bis auf den Ansatz, dass man ohne eine Handschrift irgendeiner Form erlernt zu haben 15 Jahre später in der Uni nicht mitschreiben kann.

    Schreibgeräte-Hersteller bringen sich in Stellung und betonen die Notwendigkeit von Handschrift und Schreibgeräten,
    Verlage betonen die Notwendigkeit von Lehrgängen,
    Hersteller digitaler Endgeräte plädieren für die Notwendigkeit derselben und forcieren die Digiatlisierung,
    der Hersteller von Software wird gerade seine Produkte als besonders effizient anpreisen.
    Und nun?
    Das nennt man Werbung, das ist bekannt.

    Inzwischen ist es so, dass jeder in den Medien seine Meinung möglichst oft wiederholung und möglichst breit streut, damit sich dies nach und nach ins Hirn einbrennt und als Wahrheit erkannt wird.
    Sich prominente Unterstützer zu suchen, ist eine Möglichkeit auf dem Weg, die eigenen Interessen durchzusetzen,
    Studien zu finanzieren ein anderer.
    Alles kann man über Medien verbreiten und als “Nachricht” einsetzen, statt “Werbung” darüber zu schreiben.

    Es gibt keine unabhängige Forschung zu diesem Thema in Deutschland (siehe Interview-Fragen an Herrn Lorz und Beitrag zur Forschung im Saarland), die wird es offensichtlich auch in den nächsten Jahren nicht geben.
    Bei allem, was wir bisher zu lesen bekommen haben, stand die Pädagogik nicht im Fokus, schon gar nicht der Erstunterricht.
    Um so mehr muss man die Ergebnisse auf den Prüfstand setzen und sollte nicht das Ergebnis jeder Studie unreflektiert als allgemeine Wahrheit auf den Sockel stellen.

    Bleibt noch die Frage, wie man mit den schwachen Vorkenntnissen der SuS umgeht.
    So wie immer:
    Man hat die SuS und die Ziele vor Augen und überlegt sich differenzierte Wege, die allen ein möglichst gutes Ergebnis ermöglichen. Dabei kann man die Werbung mit einbeziehen oder es sein lassen.
    Über die Ziele kann man sich streiten, klar, über Wege auch, aber auch das ist hier gar nicht das Thema.

    • Im Nachtrag eine wahre Begebenheit : Im reformpädagogisch orientierten Kindergarten einer ostdeutschen Universität, da wird bald gewählt, hatten Bekannte ihre Kinder zur Betreuung übergeben.
      Die “betreuten” Kinder sollten ihrer Entwicklung sich selbst entscheiden, wann sie essen, trinken, malen, zur Toilette gehen wollten oder eben frei spielen wollten. Alles erfolgte ohne eine Vorgabe von den begleitenden Betreuerinnen.
      Die Folge war, dass die Tochter wegen des Einnässens bis zu 8 verschiedene Wechselbekleidungen anziehen musste, weder einen Stift halten konnte, noch sich konzentriert mit irgend einer Sache über einen längeren Zeitraum beschäftigen konnte. Können Sie sich darauf einen Reim machen ? Ich schon. Vernachlässigung kann zu schlechten Voraussetzungen führen, und dieses Prinzip galt schon immer, egal ob in 1970 oder eben heute.

  3. @Palim
    “Kinder sind schon weit vor dem Eintritt in die Schule in der Entwicklung der Feinmotorik anders aufgestellt als früher ,” schreiben Sie hier ohne eine wissenschaftliche Grundlage allgemein pauschalierend in den Raum geworfen, und ohne dass Sie für diese gewagte These auch nur irgendeine vergleichende Studie benennen könnten, die diese gewagte These stützen könnte, weil niemals in einer Längsschnittuntersuchung die Eingangsvoraussetzungen der Schüler heute gegenüber einem Früher (1960? 1970 ?,1980 ? )untersucht wurden.
    Und da sind die vom Grundschulverband propagierten Methoden der Selbstalphabetisierung natürlich wieder einmal das Allheilmittel, um dem von Ihnen propagierten Umstand einer postulierten schlechteren Feinmotorik zu begegnen.
    Dabei werden dann natürlich auch eben alle Schüler gleich schlecht behandelt, einschließlich der feinmotorisch geübten Kinder, die sich an der neu kreierten Grundschrift versuchen dürfen, obwohl die Kinder e-und l-Schleifen, u- und m-Wellen, sich brechende c-Wellen malen können, wenn sie in entsprechend linierten Arbeitshaften malen dürfen, oder eben Wasserwellen und Dachziegel gestalten dürften.
    Sie wissen noch nicht einmal, ob es auch den weniger geübten nicht auch gelingen würde, weil eng angeleitetes Arbeiten in großen Gruppen mit Hilfe der Lehrerin von vorne herein abgelehnt wird, weil es eben sehr viel mehr Instruktion und Anleitung durch die Lehrerin bedarf, als dies der Spracherfahrungsansatz mit seinen Selbstalphabetisierungsprinzipien nach Brügelmann fordert.

    Es entspricht mehr einer rhetorischen “Sophistelei”, als einem wissenschaftlichen Arbeiten mit Kindern, die als Versuchskaninchen einem groß angelegten Feldversuch ausgesetzt werden, um sich selbstständig auf dem Weg zum Erwerb der eigenen Druckhandschrift zu machen, um selbständig eine eigene Handschrift aus einer neu “konzipierten” Druckschrift mit einem Häkchen zu entwickeln.
    Es geht hier schon lange nicht mehr darum, wem man glauben soll und wem nicht, denn die Ergebnisse der länderübergreifenden Vergleichsuntersuchungen sind desaströs und am schlimmsten in den Bundesländern, die ihre Methoden am umfangreichsten umgesetzt haben.

  4. Zu Handschreiben und Tastaturschreiben:
    Ich bin ebenso für das Erlernen beider Techniken. Es ist nur die Frage wann und wie man das zeitlich unterbringen soll. Tippen ist entspannender für die Hand. Die Aussagen in Bezug auf unterschiedliche Weisen des Vorausdenkens sehe in Bezug auf einen Erwachsenen, der fit beim Tippen ist, aber nicht beim Schüler, der noch die einzelnen Buchstaben auf der Tastatur suchen muss.

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