Tonne kündigt an: „Werte und Normen“ soll Grundschulfach werden

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HANNOVER. Niedersachsens Grundschüler erhalten eine Alternative zum Religionsunterricht: «Werte und Normen» soll ab 2025 überall angeboten werden. Die Eltern sind zufrieden. Doch was sagen die Kirchen dazu?

Setzt Akzente: Grant Hendrik Tonne. Foto: Foto-AG Melle, derivative work Lämpel – Own work / WIkimedia Commons / CC BY 3.0

Das Fach «Werte und Normen» soll bis 2025 an allen niedersächsischen Grundschulen als Unterrichtsfach eingeführt werden. Damit erhielten knapp 80 000 konfessionslose Grundschüler eine Alternative zum Religionsunterricht, erläuterte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) am Dienstagabend in Hannover. Eine ethische Bildung dieser Kinder sei «eine Frage der Gleichbehandlung».

Insgesamt werden nach Angaben des Kultusministeriums rund 120 neue Lehrerstellen für das Fach benötigt. Die Einführung soll vom Schuljahr 2021/22 an über vier Jahre stufenweise erfolgen: Jedes Jahr sollen demnach rund 400 der insgesamt 1700 niedersächsischen Grundschulen «Werte und Normen» einführen. Parallel sollen Weiterbildungsangebote für Lehrer und ein Studienfach entstehen.

Im Fach «Werte und Normen» sollen sich Schülerinnen und Schüler mit ethischen und moralischen Fragen beschäftigen. Der Landeselternrat begrüßte die Initiative des Ministeriums in einer Stellungnahme. Da Kinder heutzutage schon sehr viel früher mit Wertvorstellungen anderer konfrontiert würden, sei «Werte und Normen» eine wichtige Orientierungshilfe. «In der Schule gibt es Kinder, die kommen aus dem Krieg», veranschaulichte Kultusminister Tonne die Situation.

Bisher wurde «Werte und Normen» in Niedersachsen regulär nur an weiterführenden Schulen unterrichtet. Dort belegte im Jahr 2018 jeder fünfte Schüler das Fach. An 40 Grundschulen wird das Fach zudem schon getestet. Alle anderen Grundschüler ohne Konfessionszugehörigkeit können entweder den Religionsunterricht besuchen oder werden in der Zeit anderweitig betreut. Tonne betonte, dass mit der Einführung des neuen Fachs auch eine Möglichkeit der Bewertungsvermeidung abgeschafft werde. «Werte und Normen» sehe er nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum Religionsunterricht.

Die evangelische Landeskirche bezeichnete die Einführung des neuen Fachs als «konsequente Weiterentwicklung». Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track sagte: «Wir treten immer dafür ein, dass es sowohl ein Recht auf religiöse Bildung gibt, als auch auf ethische Bildung, die nicht religiös gebunden ist.» Wichtig sei jedoch, dass «Werte und Normen» auch gut mit der religiösen Frage umgehe.

Das Katholische Büro Niedersachsen als Vertretung der Diözesen forderte von der Landesregierung, «dass der Religionsunterricht durch die Erteilung von Werte und Normen in keinster Weise eingeschränkt wird.» Grundsätzlich sei die Einführung aber als sinnvoll zu erachten, meinte Sprecher Felix Bernard. Eine direkte Konkurrenz zum bestehenden Religionsunterricht sehe er nicht. dpa

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10 KOMMENTARE

  1. Warum heißt das nicht „Ethik“ wie bisher? Ethik ist doch das Nachdenken über Werte. Der Begriff „Normen“ stört mich, weil darin viel Relativismus mitschwingt: Normen werden von einer Kommission festgelegt, sie stammen nicht aus der Natur oder einer Vernunftsüberlegung. Aber vielleicht ist ein neuer Name auch ganz gut, weil „Ethik“ in den Ohren vieler durch die Praxis stark mit Atheismus assoziiert wird, was religiöse Eltern aus anderen Religionen (oder anderen christlichen Kirchen) abstoßen könnte. Vielleicht kann die Redaktion über den Sinn des neuen Namens noch mehr erfahren?

    • In Niedersachsen heißt das Fach schon seit den 70ern „Werte und Normen“,
      warum sollte es umbenannt werden, wenn die Möglichkeit des Angebots auf die Grundschulen ausgeweitet wird?

      • Danke! bin in die Föderalismusfalle getappt und wähnte, im Norden hießen die Fächer so wie bei uns im Süden. ’s gibt keinen Grund zur Namensänderung, höchstens dass „Ethik“ kürzer ist.

  2. In der DDR hatten wir „Staatsbürgerkunde“. Sie sollte uns zu Verfechtern für den Sozialismus erziehen. Wie erfolgreich das war, sah man 1989.

    Ich bin nicht gegen „Wertekunde“. Ich warne nur davor, zu viel davon zu erwarten – vor allem, wenn die „gelebte Wirklichkeit der Erwachsenen“ dem allzu oft allzu sehr widerspricht.

    • … und es gibt ja seit Jahrzehnten den Religionsunterricht. Trotzdem sinken die Zahlen der Gläubigen im Allgemeinen und die der Kirchenmitglieder im Besonderen.

      Wie wirksam ist also so ein „Werte-Unterricht“, wenn die Gesellschaft nicht vorlebt, was da vermittelt werden soll?

    • 1. „Werte und Normen“, also Ethik, hat mit Staatsbürgerkunde wohl wenig Gemeinsamkeiten.

      2. Religionsunterricht hat nicht den Eintritt in Kirche zum Ziel. Verantwortungsvoller Religionsunterricht gibt nicht eine Meinung fest vor, sondern regt zur Auseinandersetzung mit Meinungen und Glauben an.

      3. Wirksam ist sicherlich, dass man sich mit Vorstellungen anderer auseinandersetzt. Genau darum geht es auch bei dem Ansinnen, jetzt als Alternative zum Religionsunterricht auch in der Grundschule „Werte und Normen“ einzusetzen. Gibt es das nicht, nehmen etliche SuS nicht am Religionsunterricht teil. Gibt es diese Alternative, muss man entscheiden, welchen Unterricht man wählen will, hat aber so oder so ähnliche Inhalte, dann mit mehr oder weniger religiösen Bezügen – auf Religionen geht der Ethikunterricht auch ein.
      Gerade in der Grundschule sind sehr viele Inhalte nahezu deckungsgleich: es geht um ähnliche Themen wie „Ich und andere“, „Konflikte lösen“, auch um Feiertage unterschiedlicher Religionen und deren Hintergründe, Weltreligionen, Freundschaft, Vorurteile etc.
      und ähnliche Prozesse: Texte deten, Standpunkte erkennen und vertreten, Symbole begreifen, Meinungen vergleichen, es geht auch um Ausdrucksformen für Gedanken und Gefühle.

      • Was soll denn dieser Quatsch? Staatsbürgerkunde sollte die Menschen in der DDR zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erziehen, also ERZIEHEN durch Unterricht. Darum ging es! Und dass dieses Erziehen doch so offensichtlich erfolglos war!

        Auch Religionsunterricht vermittelt Werte im Rahmen der christlichen Moral und Ethik. Und wie erfolgreich DAS war und ist, kann man an den Austritten aus der Kirche und aus dem Glauben wohl durchaus indizienhaft ablesen. Und ansonsten schaue man sich nur einfach mal in unserem Lande um, wie auch in anderen christlichen Ländern. War der Religionsunterricht also erfolgreich? DARUM ging es!

        • Wie es wohl sein wird, wenn noch weniger Kinder und Jugendliche in den Religionsunterricht gehen, von außerschulischen Angeboten abgesehen, und es keine verpflichtende Alternative wie „Ethik“ oder „Werte und Normen“ gibt?

          Noch einmal: Religionsunterricht _erzieht_ nicht zum Glauben und auch nicht zum Kircheneintritt.

        • Es ging der SED um die Indoktrinierung der Bevölkerung für die Ideale, die utopischen Ziele und den propagierten Klassenkampf im Sozialismus.
          Unter Ethik verstehe ich etwas anderes, als das was der Sozialismus verspicht.

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