Expertin schlägt „Emotionsunterricht“ in der Grundschule vor

32

OLDENBURG. Heftige Gefühlsausbrüche von Grundschülern sind längst keine Seltenheit mehr. Die Oldenburger Bildungswissenschaftlerin Juliane Schlesier schlägt vor, eine Art Emotionsunterricht in die Lehrpläne aufzunehmen.

Kinder benötigen emotionale Kompetenzen. Foto: Shutterstock

Grundschullehrer erleben häufig Unterrichtssituationen, in denen Schüler emotional reagieren. Das anschließende Wechselspiel zwischen der Reaktion der Lehrkraft und dem Verhalten des Kindes läuft meist nach einem festen Schema ab, so das Ergebnis einer Studie der Bildungswissenschaftlerin Juliane Schlesier von der Universität Oldenburg.

Mal ärgert sich ein Kind, weil es eine Aufgabe nicht versteht, und beginnt aus lauter Frust, seinen Nachbarn mit dem Stift zu piken. Ein anderes Kind hat Angst vor Mathe und fängt an zu weinen, weil es an der Tafel etwas vorrechnen soll. Jeder Grundschullehrer kann Geschichten über Schüler erzählen, die ihre Gefühle nur schlecht kontrollieren können. Emotionen und ihre Regulation seien ein Klassiker der pädagogischen Forschung, so Schlesier. „Die Interaktion zwischen Lehrkraft und Schulkind hat in Studien dabei bislang jedoch keine Rolle gespielt“, sagt sie.

Die Wissenschaftlerin analysierte in ihrer Doktorarbeit Interviews mit 31 Grundschullehrern zum Thema Emotionsregulation. Sie fragte danach, wie Schüler positive und negative Gefühle regulierten, von Freude, Hoffnung oder Stolz über Langeweile bis hin zu Ärger, Angst, Scham oder Hoffnungslosigkeit.

Anhand der Ergebnisse entwickelte die Forscherin ein Modell, um die Interaktion von Lehrkräften und Schulkindern zu beschreiben. Demnach laufen Unterrichtssituationen, in denen Kinder emotional reagieren, häufig nach dem gleichen Muster ab. Auf einen Auslöser – ein Kind soll beispielsweise ein Arbeitsblatt bearbeiten – entwickele es infolge seiner Interpretation dieser Situation eine Emotion, etwa Ärger oder Angst. Kann das Kind diese Emotion selbstständig regulieren, fülle es den Zettel – wenn auch vielleicht widerwillig – aus. Es ist aber auch eine für den Schulunterricht unangemessene Reaktion möglich: Das Kind verweigert beispielsweise die Arbeit oder fängt an zu schreien. Auf dieses Verhalten reagierten wiederum die Lehrer: Oft machten sie sich Gedanken über die Ursache des Gefühlsausbruchs, müssten gleichzeitig aber auch eigene Emotionen wie Hilflosigkeit oder Stress verarbeiten.

Um den kindlichen Ärger zu beschwichtigen, griffen sie zu verschiedensten Maßnahmen – sie wiesen das Kind zurecht oder schickten es vor die Tür, erklärten die Aufgabe noch einmal, sprächen dem Kind Mut zu oder nähmen es in den Arm. Je nachdem, ob es daraufhin sein Verhalten ändert oder nicht, könne sich der gesamte Prozess ein- oder mehrmals wiederholen. Am Ende könne eine solche Situation positiv für das Kind und die Lehrkraft ausgehen – das Kind traut sich die Aufgabe doch zu, die Lehrkraft freut sich darüber – oder auch negativ: Das Kind lässt sich nicht beruhigen, muss womöglich von den Eltern abgeholt werden, die Lehrkraft wäre mit ihren pädagogischen Mitteln am Ende.

Eine inhaltliche Analyse der Interviews ergab, dass Ärger die häufigste kindliche Emotion in den Situationen sei, die die Lehrkräfte schilderten, gefolgt von Angst und Trauer. Positive Emotionen wie Stolz, Lernfreude oder Hoffnung kämen in den Berichten der Lehrer dagegen deutlich seltener vor.

Schlesier folgert aus ihren Ergebnissen, dass es sinnvoll wäre, eine Art Emotionsunterricht in die Grundschullehrpläne aufzunehmen, in dem sich Kinder emotionale Kompetenzen aneignen könnten: „Dort könnten sie lernen, die eigenen Gefühle besser zu erkennen, auszudrücken und Verständnis für die Gefühle anderer aufzubringen“, sagt die Lehr- und Lernforscherin. Es sei durch viele Studien belegt, dass emotional kompetente Kinder erfolgreicher in der Schule sind, oft eine bessere Beziehung zum Lehrer und zu ihren Mitschülern haben und über ein größeres Selbstbewusstsein verfügen als Schulkameraden, die ihre Gefühle weniger gut im Griff haben.

Darüber hinaus sollten angehende Lehrer Schlesiers Meinung nach bereits im Studium erfahren, wie sie Schulkinder dabei unterstützen können, ihre Gefühle besser wahrzunehmen und zu steuern. Und: „Lehrkräfte brauchen außerdem mehr alternative Handlungsmöglichkeiten, wenn ein Kind im Unterricht Ärger empfindet“, ist ihre Überzeugung. Anstatt ein störendes Kind zu isolieren – wie es häufig geschieht – sei es zum Beispiel auch möglich, es durch andere Aufgaben abzulenken oder die gesamte Klasse für einige Minuten mit einer Bewegungsaufgabe zu beschäftigen. Die Forscherin will nun untersuchen, welche Interventionsmöglichkeiten hierbei am erfolgreichsten sind. (zab, pm)

Viele Heimkinder bekommen kaum noch Unterricht, weil Lehrer mit ihnen überfordert sind

 

Anzeige


32 KOMMENTARE

  1. Wenn nicht gerade durch Corona der Zugang für Besuchende beschränkt wäre, könnte die Forscherin gerne vorbeikommen und im Unterricht üben, wie das Ablenken durch Bewegungsaufgaben dem schwer traumatisierten, verstörten Kind anderer Muttersprache hilft, die aufgetragene Aufgabe besser zu verstehen und zu bewältigen.

    Einmal mehr wird der Lehrkraft unterstellt, sie habe zu wenige Handlungsalternativen eingesetzt.

    Seit Jahrzehnten gibt es Programme zum sozialen Lernen und tatsächlich werden dort diese Inhalte aufgegriffen, Wahrnehmung von Gefühlen und Selbststeuerung.
    Das hilft bedingt bei einer zunehmenden Anzahl von Kindern mit psychischen Störungen, einschließlich Trauer und Traumata.

  2. Hm, ja, das hebt die Arbeitsmoral ungemein, wenn man als Kind die Erfahrung macht, dass man ne Extrawurst gebraten kriegt, sobald man nur laut genug wird.

    Unerwünschtes Verhalten belohnen – vielen Dank für den Tipp.

    Grüße an den Elfenbeinturm gehen raus!

    • Es geht nicht um das Belohnen! Sondern darum zu zeigen, ich sehe dich und du kannst anders handeln. Wenn man ständig ignoriert wird, ist das frustrierend und macht noch mehr in einem kaputt. Also bitte nicht so engstirnig sein und auch eine andere Sichtweise mal annehmen…

  3. Und mal wieder ein neues Fach, was irgendwelche „Experten“ einführen wollen. Stundenplan am Montag: 1. Stunde: Glück, 2. Stunde: Erste Hilfe, 3. Stunde: Emotionen, 4. Stunde: Gesunde Ernährung, 5. Stunde: Sozial Media, 6. Stunde: Alltags- und Allgemeinwissen, 7. Stunde: Lebensökonomie

    Mathe, Deutsch, Chemie, Englisch, Latein, Physik, Französisch, Bio: Alles doof, braucht kein Mensch!

    So wird das was mit dem Bildungsstandort Deutschland!

  4. Wieder einmal spricht eine Expertin aus ihrem Elfenbeintum., die meint „Schule“ zu kennen.
    Die Schule „All Inklusive“ kann es mit ihrem Rahmenbedingungen nicht geben.
    Wir sind keine therapeutische Einrichtung. Die von Frau Schlesier vorgeschlagenen Maßnahmen gehören dem Bereich Therapie an und sind mit einer vollgestopften Klasse nur schwer umzusetzen.
    Da ich in meinem ersten Leben Therapeutin war, weiß ich wovon ich spreche.
    Daher schlage ich vor, dass Frau Schlesier ein Konzept entwickelt und dieses möglichst an einer inklusiven Brennpunktschule ausprobiert. Erfahrungsgemäß finden sich hier viele Kinder mit emotionalen Problemen.

  5. Emotionale Kompetenz bekommen Kinder durch ein Elternhaus, das ihnen Liebe, Sicherheit, Struktur und Grenzen bietet. Wieder wird hier versucht, Aufgaben des Elternhauses auf die Schule zu übertragen. Bei einer massiven Problemlage gibt es auch ausserschulische und kompetentere Therapiemöglichkeiten. Nicht jeder Lehrkraft liegt es, Schüler in den Arm zu nehmen, und das ist sicher auch nicht immer ganz frei von Missverständnissen.

    • Ich würde das auch nicht wollen, dass mein Kind von den Lehrerinnen in den Arm genommen wird. Aber es andere Möglichkeiten, Kindern zu zeigen, dass man es versteht und keine Lieblingsschüler hat.

  6. Zustimmung zum Kommentar von Palim.

    Zum Thema:
    Emotionen ist ein sehr vielschichtiges Thema und Emotionen werden sehr wohl in der Grundschule thematisiert. Einmal als Thema, dann wieder in aktuellen Situationen oder in Reflexionen und in Enzelgesprächen mit Schülern. Das gehört zum Thema Sozialverhalten.

    Bei Kindern, die sehr große Probleme mit der Emotionskontrolle haben, müssen Fachleute ran. Bei uns ist es die Sozialarbeit und wir empfehlen oft eine Kinderpsychologin. Das kann die Schule nicht mehr leisten. Bei den Kindern, die Ausraster haben, geht es darum, wie man ab besten damit umgeht und da spricht man mit Experten die Handlungsstrategien ab, wenn die Pädagogik, die einige Strategien anbietet, unzureichende Ideen hat.

    Ich selbst erlebe als Lehrerin die einfache Grundregeln:
    – Wenn man zum Kind eine gute Beziehung hat, dann kann man einige Probleme besser lösen und das Kind zeigt mehr Bereitschaft.
    – Wenn ein Kind in seiner emotionalen Bockigkeit gefangen ist, gibt man ihm erst einmal die Chance, sich zurückzuziehen und lässt es in Ruhe. Viele Kinder wollen regelrecht eine solche Auszeit um wieder runterzukommen. (Unsere Sozialarbeit hat einmal eine Umfrage genau darüber gemacht und da ist zum größten Teil herausgekommen, dass Kinder eine Rückzugsmöglichkeit wollen. So wird das oft zuhause gehandhabt.)
    – Als Lehrer muss man im Laufe seines Lehrerlebens verinnerlichen, dass man sich zwar schon über die Ursache des Gefühlsausbruch Gedanken machen kann, aber nicht die Situation auf sich in Richtung Unzulänglichkeit beziehen. Die Ursache liegt woanders, man hat höchstens den Ausbruch unbewusst getriggert.

    Ablenkbarkeit wie oben geschildert, funktioniert nur bei Traurigkeit, aber nicht bei Wut. Für traurige Kinder ist schon die Schule eine gute Ablenkung, deswegen muss man das nicht forcieren. Wütende Kinder mit geringer Frustrationstoleranz erzeugen oft Konflikte, da muss man nach dem Auslöser schauen, denn ich finde, die Provozierenden sollten auch in die Verantwortung genommen werden. Um die Frustrationstoleranz von einigen Kindern zu steigern – da müssen Experten an den Ursachen arbeiten.
    Wenn alle pädagogischen Mittel ausgeschöpft sind und der Unterricht nicht weitergehen kann, dann braucht das Kind, so leid es einem tut, eine „große Auszeit“, die natürlich nur kurzfristig eine Erleichterung bringt bzw. den Unterrichtsbetrieb sicher stellt, aber keine Dauerlösung ist.

    Zu den Vorstellungen der Autorin: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch neue Interaktionsstrategien zwischen Lehrer und Schüler gibt, die noch niemand entdeckt hat. So, wie wir in der Grundschule die Emotionen angehen, reicht das vollkommen. Mehr will ich nicht darin rumwühlen, das gehört nämlich zu einer professionellen Therapie.

    Dennoch könnte ich mir schon vorstellen, dass die diversen Handlungsstrategien und pädagogische Ansätze durch immer wiederkehrende Fortbildungsangebote ins Bewusstsein rücken könnten. Sehr gut geeignet finde ich da das Angebot von Fallbesprechungen (Coaching, Supervision…), das bei uns üblich ist.

    • Die Grundregeln sind gut und den Hinweis auf die Unterscheidung zwischen Trauer und Wut finde ich wichtig.
      Auch dass man als Lehrkraft unbewusst triggern kann, ist nachvollziehbar und kann im Nachhinein zu Verständnis und für die Zukunft für Abhilfe sorgen.

      „Sehr gut geeignet finde ich da das Angebot von Fallbesprechungen (Coaching, Supervision…), das bei uns üblich ist.“
      Danke, das ist ein sehr schöner Vorschlag, für den die Bildungswissenschaftlerin dann gerne im Bundesland plädieren darf!

      In diesem BL gibt es ja eine sonderpädagogische Grundversorgung von max. 2 Std. pro Woche pro Klasse für Prävention und Förderung aller SuS sowie die Förderung, Förderplanung, Beratung und Begutachtung von SuS hinsichtlich der Schwerpunkte L, ESE und Sprache, WENN die FöS noch Stunden hat. Mit diesem Zu-Krümelchen (von Brot kann man da nicht sprechen) wird die Inklusion umgesetzt, die an allen GS verbindlich ist.

      Anerkennung oder Entlastung für irgendwelche zusätzlichen Gespräche auch mit außerschulischen Fachkräften werden nicht gewährt, dennoch sind diese für immer mehr SuS notwendig, gerne auch in unterschiedlichen Sprachen.

      „Supervision“ ist hier ein Fremdwort, die Versorgung mit SchulpsychologInnen eine der schlechtesten bundesweit und Fallbesprechungen laufen ggf. als kollegiale Beratung innerhalb der Schulen ab.

  7. Traumatisierte Kinder gehören nicht nur in den Regelunterricht, sondern ganz eindeutig in die Hand des Fachmannes (m,w,d), der in Einzelmaßnahmen die Probleme aufarbeitet. Unterricht kann das unterstützend begleiten, indem soziale Verhalten und emotionale Kontrolle eingeübt werden. Kinder, die zu Hause immer ihren Willen bekommen, wenn sie sich mit emotionalen Ausbrüchen gegen Unbequemes wehren, brauchen hingegen Erziehung. Viele emotionale Äußerungen sind genau diesem Feld zuzuordnen, da Eltern sich leider zunehmend weniger dem Nachwuchs, sondern lieber dem Smartphone zuwenden. Selbst bei einem Elterngespräch hatte ich schon Leute sitzen, die schnell irgendwas in das Telefon tippen mussten, obwohl wir eigentlich zusammen ergründen wollten, warum das Kind so oft aggressiv reagiert.

  8. Die ganze Kommentarreihe der bis hierher finde ich super! Hier wurde viel angesprochen. Ich frage mich, wer hier die wirkliche Experten sind. Diejenigen, die täglich und jahrelang mit solchen Situationen umgehen und sich damit immer neu auseinandersetzen oder diejenigen, die mit theoretischem Hintergrund aus kurzen Momentaufnahmen irgendwelche Schlüsse ziehen, bei denen man merkt, dass die Kenntnis des praktischen unterrichtlichen Settings fehlt.

    • Die nächste PraktikantIn oder LiV (Lehrkraft im Vorbereitungsdienst/ReferendarIn) kommt womöglich mit solchen Vorstellungen an die Schule und möchte das vor Wut tobende Kind in den Arm nehmen.

      Ich empfehle der Bildungswissenschaftlerin die Lektüre „„Krass auf das Lehramt bezogen“ – Lehramtsstudierende wünschen sich mehr Kohärenz in ihrem Studium“, (Schesier u.a., 2019): „Die befragten Lehramtsstudierenden wünschen sich zur Herstellung von Kohärenz eine intensivere Vernetzung und Zusammenarbeit von Schule und Universität, inhaltlich, räumlich und personell. Sie suchen nach Vorbildern und hoffen, diese in Universitätslehrenden zu finden. Des Weiteren wünschen sie sich Studieninhalte, die in der Praxis Bestand haben.“

      Vielleicht sollte man nicht nur fordern, mehr Lehrkräfte in die Uni zu berufen, sondern denen, die an den Universitäten in der Lehrkräftebildung tätig sind, Praktika oder wenigstens Vollzeit-Hospitationen in mehreren Schulformen empfehlen, damit sie wissen, zu welchem Beruf und unter welchen heutigen Bedingungen sie die Studierenden ausbilden.

  9. Womit wir wieder beim Thema „kleine Gruppen“ sind.
    Seit Jahrzehnten weiß doch jeder Lehrer, dass Beziehung die Grundlage für ein gutes Miteinander auch mit „herausfordernden“ (wie es heute so nett heißt) Schülern ist.
    Und das geht nur, wenn wir dauerhaft kleinere Lerngruppen, mehr Zeit auch neben einem durchgetakteten Curriculum und mehr Kontakt zu den Kindern haben.
    Wenn in den weiterführenden Schulen dann ein Fachlehrer durch unzählige Klassen und Lerngruppen pro Woche geschleust wird, um dort sein Fachwissen im 45 Minuten-Rhythmus (oder welchem auch immer) an die Kinder bringen soll, wird das nix mit der persönlichen Beziehung, die auch mal Emotionen aushält und den Kindern in diesem Bereich Lernmöglichkeiten bietet!

    Und das gilt in ganz besonderem Maße auch für Kinder mit besonderem Förderbedarf, mit individuellen emotionalen Situationen, die sie von außen in die Schule tragen, mit anderem kulturellem Hintergrund etc.

  10. Alles richtig, aber es ist doch nur eine Doktorarbeit 🙂
    Man muss halt ein Thema finden, das akzeptiert wird und aus dem man etwas herausholen kann. In erster Linie will man die blöde Arbeit erledigt kriegen um den Titel zu haben.
    Das bedeutet nicht, dass die Dame dies tatsächlich so umsetzen will.
    Meiner Meinung nach…

    • …dann muss das aber hier nicht unbedingt verôffentlicht werden! Und was heißt: „nur“ eine Doktorarbeit??? Ich überlasse die Antwort mal der Phantasie der geneigten Leser!

      • Richtig, muss nicht veröffentlicht werden, aber es ist immerhin ein Thema was zu dieser Seite passt und die Redaktion veröffentlicht hier, nicht die Doktorandin.
        „Nur“ sollte nicht die Arbeit, den Fleiß und die Anstrengungen einer Doktorarbeit herabwürdigen. Es bezog sich darauf, das man nicht unbedingt seine Doktorarbeit über ein Thema schreibt, das einen schon lange beschäftigt und welches man wirklich erforschen will um eine wichtige Erkenntnis zu erlangen.
        Du musst in diesem Berufszweig unbedingt weiterkommen, eine Doktorarbeit ist ein wichtiger Schritt.
        Du musst auch viel veröffentlichen.

    • Es ist eben nicht „nur eine Doktorarbeit“.
      Zum einen sollten auch diese nicht „nur“ irgendetwas sein, damit man den Titel für die Karriere bekommt, weil man ohne diesen keine hätte. Die neuen Erkenntnisse, die sich ergeben sollen, bringen nichts, wenn sei fern der Realität sind und Empfehlungen geben, ohne eine entsprechende Basis zu haben.
      Wenn das Thema so egal wäre, könnte man ja jedem, der eine ausführliche Examensarbeit verfasst hat, auch rückwirkend einen Doktorgrad verleihen.
      Selbst die Bachelor-AbsolventInnen füllen seit Jahren die Foren mit Umfragen und Erhebungen.

      Zum anderen werden genau diese Aspekte direkt in die Lehre übernommen, da diese Bildungswissenschaftlerin in der Ausbildung von Lehrkräften tätig ist und in Gremien mitarbeitet.
      Der Weg dahin, dass PraktikantInnen mit diesem vermeintlich sicheren Wissen in die Schule kommen und sich entsprechend verhalten, ist also recht kurz.

      Forschung ist sicher wichtig, wenn diese Arbeiten aber dazu fürhen, dass man z.B. für die Bildung in Schulen Inhalte verbreitet, ohne selbst je vor einer Klasse gestanden zu haben, sollte man es lassen oder genau das sehr deutlich in allen Veröffentlichungen kenntlich machen.

      Ansonsten kann man die Titel-Verteilerei auch einfach lassen, wenn sie so wenig aussagekräftig ist.

      • Ist alles richtig. So sollte es sein…
        Tatsächlich ist das Ergebnis der Arbeit fragwürdig, und es besteht durchaus ein Veröffentlichungszwang und auch das Schreiben einer Doktorarbeit ist wichtig, wenn man in diesem Beruf (Wissenschaftler) weiterkommen will.
        Man braucht ein Thema, das Thema muss auch zugelassen werden, und es ist vielleicht auch nicht die erste Wahl.
        Ein Titel ist für viele Dinge und den Aufstieg in dieser Sparte nötig.
        Ebenso viele wissenschaftliche Veröffentlichungen und da wird ne Menge unausgegorenes Zeug veröffentlicht, in allen Bereichen (Physik, Bio, Medizin, etc.). Oft ohne die eigentlich vorgeschriebene Prüfung und in fragwürdigen Medien.

        31 Interviews sind die Grundlage dieser „Forschung“.
        Das Thema wurde zugelassen, das Ergebnis kennen Sie.
        Forschung unter Ergebnisdruck (die Arbeit muss fertig werden) führt zu Ergebnissen, aber zu mehr auch nicht.

  11. Es ist so lächerlich und grotesk, was Lehrer und Erzieher schon jetzt in Schulen und Kitas im Rahmen der „sozialen Kompetenzen“ inszensieren oder unmsetzen sollen! Obwohl menschliche Gesichter enorm ausdrucksfähig sind, gibt es Mimik-Würfel, Stempel mit Smilies oder anderen Plattheiten oder die „Gefühlewand“ des Förderprogramms Papilio (Man erinnere sich: Freudibold, Heulibold, Bibberbold und Zornibold!). Das „Ich-bin-ich-Programm“, Faustlos, Klik-Verhaltenstraining, Faustlos und, und, und… Manches wird von Krankenkassen gesponsert, die leider behinderten Kindern wichtige Therapien und alten Menschen die Inkontinenzhilfen nicht bezahlen wollen. Aber Pädagogen sollen vor Kindern rumkaspern und sich nicht nur sprichwörtlich zum Affen machen. – Und im Schulbus machen die älteren Kinder Witze!

    Es tut gut, dass so viele Lehrer den Schmu kritisch sehen. Man stelle sich mal vor, was los wäre, wenn wir im Rahmen des von der Politik Förderprogramms Papilio unser Foto nicht täglich umhängen, sondern monatelang unter ZORNIBOLD hängen lassen würden. – Wenn Lehrer und Erzieher Papilio nicht kennen, liegt es manchmal daran, dass die Leitung sich spontan und schnell dagegen entschieden hat. Ab in Ablage „P“.
    Kinder brauchen keinen „Emotionsunterricht“ – aber gern „Anschauungsunterricht“ durch Lehrer und Erzieher, die souverän Verantwortung übernehmen und entspannt mit Kindern umzugehen verstehen.

    Ist auch nicht schlimm, wenn es am Ende kein Zertifikat oder Diplömchen gibt.

    • Ich denke schon, dass Kinder Unterricht zur Wahrnehmung von Emotionen benötigen. Die Auflistung der unterschiedlichen Programme zeigt noch einmal, dass es diesen bereits gibt.
      Die Programme unterscheiden sich häufig durch die Identifikationsfigur, mal ein Drache, mal ein Monster, inhaltlich greifen sie ähnliches auf: Gefühle bei sich und anderen wahrnehmen, den Umgang damit lernen, Selbstkontrolle üben, Konflikte bewältigen, ggf. noch weitere Aspekte der Gesundheitsförderung.

      Das ist wichtig, muss aber in Abstimmung mit den anderen Inhalten erfolgen. Küstenfuchs hat schon recht, dass man viele Stunden damit füllen kann, die Unterrichtszeit verlängert sich aber nicht mit jedem Auftrag, der in der Schule abgegeben wird.
      Wenn es mehr braucht, wäre die flächendeckende Versorgung mit SchulpsychologInnen, SozialarbeiterInnen und TherapeutInnen hilfreich … aber das ist ja nicht erwünscht.

      Das wäre übrigens mal ein sehr schöner Forschungsanlass: Wie viele Lehrkräfte können konkret den Einsatz dieser Fachkräfte in der Schule benennen, wenn sie denn da wären? Welche Möglichkeiten sehen Forschende, wenn sie im Alltag einer Lehrkraft hospitieren? Gibt es eine solche Studie schon im inklusiven Schulalltag?

      • Für Autisten würde ich es bejahen. Aber bei ihnen ist vor allem eine klare, unmissverständliche Sprache enorm wichtig. Kein Gesülze, keine irritierenden Bilder, die von ihnen nicht verstanden werden können.

        Es ist gut möglich, dass die Förderprogramme, nach denen Lehrer sich orientieren könnten, besser sind, als die für Erzieherinnen – aber unsere sind zu einem hohen Prozentsatz kabarettreif. Mir fällt keines ein, von dem ich nicht abraten würde.
        Die Authentizität der Erzieher leidet, wenn sie auf die gekünstelten Gesprächstechniken setzen und ich weiß nicht mehr, wie oft ich schon mitbekommen habe, dass Kinder Praktikantinnen gefragt haben „Warum sprichst du so komisch?“

  12. Beim Lesen Ihres Kommentars wurde ich zum Grinsibold. Sehr anschaulich und amüsant geschrieben – vielen Dank für die wahren, fast poetischen Worte!

    • Ein Vatler berichtet: https://www.buddenbohm-und-soehne.de/2011/04/13/paedagogische-feinheiten/

      Meine Freundinnen und ich haben uns auch sehr amüsiert. Nachdem wir die Animationsanleitungen im Kopf hatten, haben wir an Veranstaltungen des besonders hoch gelobten Förderprogramms, in dem sogar noch ein „Fräulein Pädagogibold“ vorkommt, teilgenommen. Leider gefiel es den Veranstaltern nicht, dass wir die Texte besser kannten als die „Papilio-Trainerinnen“ und so gab es dann später ein Hausverbot für zwei von uns.
      Mir ist es unverständlich, dass Lehrer an den Erzieherfachschulen sich darauf einlassen, dieses Programm weiterzuverbreiten. Das klappt übrigens recht gut, denn Erzieherinnen werden reihenweise von ihren Trägern zu den Fortbildungen geschickt. Manche würden sich aber lieber selbst aussuchen, welche Fortbildung gebucht wird.

  13. Ich verfolge schon lange die Kommentare auf news4teachers, ich bin keine Lehrerin sondern eine anderweitig berufstätige Mutter schulpflichtiger Kinder. Aber mit jedem Kommentar den ich hier lese, egal zu welchem Thema, werden mir die Augen geöffnet wie Lehrkräfte anscheinend über Schüler und Eltern denken. Sarkasmus, Ironie, Bitterkeit, festhalten an altem Denken, und vor allem ein Mangel an Selbstreflexion und Lösungsorientiertheit. In einem Unternehmen der freien Wirtschaft, würde im regelmäßigen Mitarbeitergespräch mit dem Chef ein solches Verhalten eine Aktennotiz oder eine Abmahnung zur Folge haben weil der Mitarbeiter nicht zum Wohl und Erfolg des Unternehmens agiert.

    • Meine Verwandten und Bekannten, die allesamt KEINE Lehrer sind, sind vollumfänglich zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen und Vorgesetzten. In Gesprächen mit ihnen bemerke ich stets, dass nur wir Lehrer mit der derzeitigen Situation und den Gegebenheiten unzufrieden sind. Vor allem auf dieser Website völlig unangebracht, über – eigentlich nicht vorhandene – Defizite zu diskutieren.
      Dazu besteht ja eigentlich auch kein Grund: Lerngruppen, in denen ein angenehmes Lernklima herrscht, die Ausstattung der Schulen ist on top (Da merkt man, wie viel unserer Gesellschaft an Bildung liegt.), der hoher Respekt, der unserem Berufsstand entgegengebracht wird und uns zusätzlich motiviert, klare Vorgaben von allen Weisungsträgern, besonders in der jetzigen Zeit ein gut durchdachtes Arbeitsschutzkonzept…
      Ich könnte die Liste noch weiter führen. Aber ich merke gerade selber, dass wir Lehrer für unsere Kritik eigentlich gar keine Substanz haben. Wir meckern eben nur gerne. Da bin ich jetzt mal ganz selbstreflexiv. Alles ist supi – ich bin der Fehler im System Schule. Danke, Charlotte, diese Erkenntnis habe ich jetzt wirklich gebraucht! Ich werde mich in Zukunft mit Kritik zurückhalten. Ist ja auch der falsche Ort…

    • Liebe Charlotte,
      solche Verallgemeinerungen bringen niemanden weiter. Wenn Sie die Eindrücke, die hier geschildert werden, auf alle Kinder und Eltern beziehen, stimmt das so sicher nicht, aber es sind auch keine Einzelfälle. In der freien Wirtschaft habe ich in über 20 Jahren übrigens kein Mitarbeitergespräch zu meinem persönlichen Arbeitsverhalten geführt. Wir haben eher inhaltsorientiert gearbeitet, und die Zahl der schwarzen Schafe war beträchtlich. Das wusste jeder, passiert ist aber trotzdem nichts. Es menschelt eben überall.

  14. Selten entstand hier eine so lange intensive Beitragsfolge , verständlich ?
    Genau genommen scheinen aber hinter vielen Beiträgen die Scham und die Wut übers eigene Verhalten in der Klasse noch immer durch.
    Da werden auch methodische Werkzeuge, die uns die Wissenschaftlerin demnächst vorlegen möchte, kaum „Wirkung“ zeigen: Wir werden Feuerwehrleute des Systems für überwiegend selbst gelegte Brände bleiben, solange dieses Schulsystem nicht stärker die Vorstellung vom belehrpflichtigen und fremd zu steuernden Kind aufgibt.
    So teilen auch Kinder die Scham und die Wut ihrer Lehrkräfte in einem offenbar verhängnisvollen weil unbegriffenen Kreislauf.

  15. @Charlotte:
    Ich denke, auch in anderen Branchen wird außerhalb der Konferenz nicht nur Gutes über die „Firma“ geredet und durchaus Entscheidungen der Wissenschaft oder der Verantwortungsträger diskutiert und infrage gestellt. Nicht immer wird es da eine derartige Vernetzung geben wie hier auf dieser Platttform, wo schul-, schulform- und bundeslandübergreifend diskutiert wird.

    Ich sehe einen großen Unterschied zwischen durchaus empathischer und engagierter Haltung im Unterricht selbst ohne Zynismus und Bitterkeit den Schülern gegenüber und auf der anderen Seite einem großen Frust den Dienstherren gegenüber, mit denen man aber leider (anders als in mancher Firma) nicht reden kann. Das sorgt dann sicherlich für manchen Zynismus und viel Bitterkeit auf dieser Plattform.
    Und ich denke schon, dass Lehrer sehr lösungsorientiert denken und viel umsetzen zum Wohle ihrer Schüler.

  16. Nachdem ich schon in einigen Lehrerzimmern gesessen habe und aufgrund meiner Größe nicht auffiel, kann ich Ihnen versichern, dass Lehrer unter sich längst nicht so übel über die Eltern oder gar über die Kinder reden wie dies umgekehrt der Fall ist.

    Ein echter Satiriker kann – nach Charlie Chaplin – übrigens nur ein Mensch sein, der im Herzensgrund die Menschen liebt. Ironie ist ohnehin sowohl liebevoll als auch selbstkritisch. Wir haben alle unsere Schwächen. Und sogar Bitterkeit ist ein Gefühl, das manchmal eine angemessene Reaktion ist. Erst wenn einem etwas wirklich gar nicht schmeckt, achtet man darauf, dass es einem nicht nochmals zugemutet wird.

    Und ich finde nicht, dass sich kritische Lehrer zum Schämen in die Ecke gestellt werden müssen. Und wenn einer findet, dass die Schultoiletten bestialisch stinken, dann kann das echte, nicht einstudierte Sozialkompetenz sein…

      • Mit dem Pädagogenslang ist es wie mit Kinderliederpop – man wäre froh, wenn man in der Freizeit nichts mehr davon im Kopf hätte.

        Aber Ideen zu weiteren Sozialkompetenzbolden werden vielleicht noch irgendwann aufgegriffen. „Motzibold“ und „Hüpfibold“ kommen bereits in dem Kinderbuch „Paula im Koboldland“ vor. Das Werk dient selbstverständlich auch der Sprachförderung. Mit Halbsätzen wie „flüsterte Felix Paula laut mampfend ins Ohr“ oder der ungewöhnlich präszisen Schilderung „Der Regen prasselte außen aufs Dach und machte das ganze heute irgendwie noch heimeliger.“ (Zitat aus Paula und die Kistenkobolde von Peter Scheerbaum, Seite 3) Das Buch ist im Papilio Verlag erschienen und am 27.6.2012 hat Kristina Schröder aus ihm vorgelesen: https://www.papilio.de/files/papilio/red/nl/newsletter_papilio_1206.pdf In Frankreich hat es einen Preis bekommen und die Weiterverbreitung des Förderprogramms in anderen Ländern hat schon stattgefunden.

        Herzlichen Dank für den „Schämibold“!
        Der Regen prasselt so selten von innen gegen das Dach und das laut mapfende Flüstern ist bestimmt eine wichtige feinmotorische Übung.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here