Covid-19 und die bayerischen Schulen: Chaos in Familien und Zoff in der Koalition

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MÜNCHEN. Es ist ein Jahr, an das sich Schüler wie Lehrer noch lange erinnern werden: Abstandsgebote, Maskenpflicht, Wechsel- und Distanzunterricht bestimmten das Jahr 2020. Doch selbst jetzt noch gibt es mit dem Distanzunterricht Probleme.

Die Nachricht von den bevorstehenden Schulschließungen platzte an einem Freitagvormittag Mitte März in den Unterricht. Schon am Montag drauf war für die 1,65 Millionen Schülerinnen und Schüler in Bayern alles anders: Der Schulalltag in seiner gewohnten Form, mit Unterricht im Klassenzimmer und den Pausen, mit Lernen, Ratschen und Raufen war passé. Neun Monate später gibt es nun schon den zweiten Lockdown, beim Distanzunterricht hapert es aber noch immer. Das sorgt für heftigen Streit in der Koalition.

Es hakt beim Distanzunterricht an Bayerns Schulen. Foto: Arek Socha / Pixabay (P. L.)

Das Fass zum Überlaufen gebracht haben in dieser Woche die wiederholten Probleme bei der Lernplattform Mebis. Seit Mittwoch sind sämtliche Schulen dicht, doch zahlreiche Schüler konnten sich morgens nicht in das staatliche System einloggen – obwohl die Server schon im ersten Lockdown im Frühjahr regelmäßig in die Knie gegangen waren.

Entsprechend harsche Kritik ergoss sich über Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler), dessen Ministerium zudem erst zu Wochenbeginn mit einer unklaren Anweisung zu Distanzunterricht und Distanzlernen für Verwirrung gesorgt hatte. Nachdem Piazolos Agieren schon in den Vormonaten öfter unter Beschuss stand, forderte die FDP nun sogar seinen Rücktritt.

Zeigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zuletzt noch öffentlich Verständnis für die schwierige Rolle seines Ministers, der es nie allen recht machen könne, änderte auch er am Mittwoch die Tonlage. Er habe sich «geärgert über diese Kommunikationspanne».

Mit Blick auf Mebis wurde Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) noch deutlicher: Die erneuten Störungen seien «unverständlich und ärgerlich. Wir haben den klaren Auftrag an das Kultusministerium erteilt, die Probleme umgehend zu beheben. (…) Nach den Ferien muss der Distanzunterricht reibungslos stattfinden können, wenn es notwendig ist.»

Eine scharfe Ansage also an ihren Kultusminister – das ließen die Freien Wähler nicht auf sich sitzen. «In einer Koalition arbeitet man zusammen und stellt sich keine gegenseitigen Ultimaten oder verteilt Schuldzuweisungen», betonte der Chef der Landtagsfraktion, Florian Streibl. Kurz vor Weihnachten hängt der Haussegen in der Koalition nun mächtig schief.

Das liegt auch daran, dass das Thema Schule per se ein hoch emotionales ist. Zudem lagen – und liegen – die Nerven in vielen Familien durch den monatelangen Distanz- und Wechselunterricht samt dadurch entstehender Betreuungslücken blank. Die häufig wechselnden und oft kurzfristig kommunizierten Vorgaben führten dazu, dass es auch bei Lehrern und Direktoren kräftig rumorte.

Wie es nach den Ferien am 10. Januar weitergeht, ist derzeit noch offen. Eine sofortige Rückkehr in den normalen Unterricht ist aber nicht zu erwarten. Wahrscheinlicher scheint ein Wechselmodell aus Präsenz- und Distanzunterricht.

«Jeder Lehrer, alle Schulen sind inzwischen in der Lage, diesen Distanzunterricht anzubieten. Aber das Level, die Effizienz, die Art und Weise, wie dieser Distanzunterricht angeboten wird, ist sehr unterschiedlich», räumt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann, ein.

Zwar hätten die Lehrkräfte heuer außergewöhnlich viele Fortbildungen gerade zum digitalen Unterricht besucht. Dennoch gebe es schlicht noch keine jahrzehntelangen Erfahrungen wie im Präsenzunterricht. Doch der Anspruch sei hoch: «Es kann nicht nur um Beschäftigung und Betreuung der Kinder gehen, es ist ein Bildungsangebot!»

Das manchmal schon am schleppenden Breitbandausbau und den langsamen Internetverbindungen der Schulen scheitert, wie Michael Schwägerl, der Vorsitzende des Philologenverbands, berichtet. Auch längst nicht alle Kinder haben Zuhause ein stabiles Internet zur Verfügung. Immerhin: Inzwischen scheinen alle Schüler, die selbst keinen Laptop oder Tablet besitzen, versorgt zu sein.

«Dennoch können wir den Distanzunterricht definitiv nicht mit 100 Prozent Präsenzunterricht vergleichen», betont Fleischmann. Es sei klar, dass dieses Schuljahr kein normales sei, findet auch Söder.

Druck rausnehmen – dieses Schlagwort hört man seit Wochen immer wieder. Die Abiturprüfungen wurden bereits um knapp zwei Wochen nach hinten verschoben, über die Verschlankung des Lehrplans und die Reduzierung von Proben wird intensiv diskutiert.

Doch vieles sei noch in der Schwebe. «Wir betreten Neuland, wenn es darum geht, im Distanzunterricht Leistungsnachweise einzufordern», führt Schwägerl als Beispiel an. Auch der Datenschutz oder die Sicherheit beim Streamen des Unterrichts seien noch ungeklärt.

Neben den technischen Faktoren gibt es noch weitere Bausteine für guten Unterricht und guten Lernerfolg, um die sich die Lehrer sorgen. «Jetzt hat das Kind ein Endgerät, top ausgestattet von der Schule, hat aber null Raum Zuhause, null Ruhe, keinesfalls die Struktur, die wir in der Schule bieten. Dann ist das Kind zwar ausgestattet, aber nicht in der Lage, am Distanzunterricht erfolgreich teilzunehmen», schildert Fleischmann. «Es gibt auch Kinder, die sind aufgrund ihrer Behinderung, ihres Förderbedarfs, ihrer psychischen Verfassung daran gehindert, alleine zu Hause dem Unterricht beizuwohnen.»

Zwar legen sich viele Lehrer krumm, um den Familien mit Elternchats und Videosprechstunden beizustehen. Schulsozialarbeiter rufen die Kinder daheim an, um sich ihre Sorgen anzuhören. Und doch steht nach Experteneinschätzung zu befürchten, dass vor allem die Kinder, die es ohnehin nicht leicht haben, zu den Bildungsverlierern der Corona-Krise gehören werden. (Elke Richter, dpa)

Söder rechnet mit Wechselunterricht auch im Januar und mahnt Piazolo

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1 KOMMENTAR

  1. Also ich werde Beurlaubung ohne Bezüge beantragen, um ab Sommer als wissenschaftlicher Mitarbeiter an eine Uni zu wechseln- bisher mit halber Stelle, dann eben ganz. Das kostet mich- nach dann 28 Jahren an der Basis- eine Menge Geld. Aber was im Moment läuft- so will ich nicht arbeiten: als Büttel der Politik, Betreuungskraft, gebasht und wider allen (eigenen) Ansprüchen an Intellekt und Unterrichtsentwicklung.
    Außerdem steht für mich Gesundheit- psychiche und physische- immer oben. Mein Leben hat für mich keine Abwägungspotential.

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