Kinderschützer nehmen mehr Gewalt in Familien wahr. Und die Politik schläft

24

BERLIN. Nach einem Jahr Pandemie liegen in vielen Familien die Nerven blank. Jugendpsychiater nehmen immer mehr Ängste, Zwangs- und Essstörungen unter Kindern und Jugendlichen wahr. Die Bildungseinrichtungen fallen in der Corona-Krise als Stabilisatoren weitgehend aus. Die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Frankfurt, Prof. Christine Freitag, sieht bei der Politik eine „organisierte Verantwortungslosigkeit“.

Die Coronakrise sorgt für ein höheres Aggressionspotenzial in vielen Familien. Foto: Shutterstock

Warnungen von Kinderschützern, die Gewalt in den Familien könne in der Corona-Pandemie zunehmen, scheinen sich zu bewahrheiten. Das droht vor allem dort, wo es schon vor der Pandemie Schwierigkeiten gab. «Die Luft wird dünner, und die Menschen explodieren schneller», sagt etwa der Gründer des Kinderprojekts Arche, Bernd Siggelkow.

«Der Stresspegel ist hoch und die psychische Belastung für Kinder immens», so der Leiter der Arche, die an bundesweit 27 Standorten Angebote für Kinder aus benachteiligten Familien schafft. Kinder seien aggressiver untereinander und gegenüber ihren Eltern. «Wir hatten kürzlich eine Situation, in der eine Achtjährige ihre Mutter erwürgen wollte», so Siggelkow.

«Im Lockdown fallen gesellschaftliche Kontrollmechanismen durch Schule oder Vereine weg»

Mit einer Plakat-Kampagne in Berlin und anderen Städten warnt der Verein Innocence in Danger vor den Nebenwirkungen des Lockdowns für Kinder. Dabei geht es vor allem um Opfer sexuellen Missbrauchs, der häufig zuhause stattfindet. «Im Lockdown fallen gesellschaftliche Kontrollmechanismen durch Schule oder Vereine weg. Kinder sind Tätern und Täterinnen in ihren Familien schutzlos ausgeliefert», erklärt Geschäftsführerin Julia von Weiler.

Repräsentative Daten, die eine Zunahme von Gewalt in Familien während der Corona-Pandemie belegen, liegen laut dem Kinderschutzexperten Jörg Fegert bislang nicht vor. «Online-Befragungen weisen allerdings darauf hin, dass etwa ein Drittel aller Kinder psychische Auffälligkeiten aufweisen, während es vor dem  ersten Lockdown etwa ein Fünftel waren», so der Kinder- und Jugendpsychiater am Universitätsklinikum Ulm.

Nach dem Ende des ersten Lockdowns sei bei der Medizinischen Kinderschutzhotline ein deutlicher Anstieg der Anrufe verzeichnet worden, so Fegert, der die Hotline leitet. Dort können sich etwa Ärzte, Psychotherapeuten und Mitarbeiter der Jugendhilfe melden, wenn sie kollegiale Beratung bei Verdacht auf Kindesmisshandlung wünschen.

Auch das bundesweite Sorgentelefon «Nummer gegen Kummer» verzeichnet eine deutliche Zunahme an Anrufen von überlasteten Eltern und Kindern mit Problemen. Gewalterfahrungen seien im Pandemiejahr 2020 von Kindern und Jugendlichen häufiger thematisiert worden als 2019, berichtet Sprecherin Anna Zacharias. So wandten sich rund 9200 Kinder und Jugendliche mit einer Gewaltproblematik an das Kinder- und Jugendtelefon – rund 15 Prozent mehr als 2019. Auch die Onlineberatung wurde öfter genutzt, von rund 1100 Kindern und Jugendlichen – 17 Prozent mehr als 2019.

«Die Onlineberatung wurde insgesamt viel mehr in Anspruch genommen. Möglicherweise, weil Kinder und Jugendliche sie unbemerkt von ihren Eltern nutzen können», sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), Heinz Hilgers. Der DKSB trägt die Hotline mit. «Seit das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Jahr 2000 gesetzlich verankert wurde, haben wir etwa 15 Jahre lang große Erfolge erzielt. Dann stagnierte die Entwicklung. Jetzt fürchten wir durch Corona Rückschläge», so Hilgers.

Doch nicht jedes Kind ist in der Lage, allein Hilfe zu suchen. «Es braucht Personen, die überhaupt auf Probleme aufmerksam werden. Wenn Kinder nicht mehr in die Schule gehen, nicht mehr ins Krankenhaus oder zum Arzt in die Praxis kommen, sind die Chancen auch geringer, gehört zu werden», so der Ulmer Experte Fegert.

Zu den Kindern, die nicht oder kaum gehört werden, zählt Bernd Siggelkow die jungen Arche-Besucher. «Wir sind die Dunkelziffer», sagt er. Viele Dinge, die die Kinder erlebten, kämen nicht an die Öffentlichkeit. Seine Mitarbeiter versuchten, die Kinder trotz Pandemie zu betreuen. Das gehe aber nur noch in kleinen Gruppen. «Die Kinder können nur noch alle zehn Tage in die Arche kommen», bedauert Siggelkow.

Von einer Dunkelziffer spricht auch die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Frankfurt, Prof. Christine Freitag. Sie beobachtet vor allem eine starke Zunahme von Ängsten, Zwangs- und Essstörungen. «Die Kinder und Jugendlichen brauchen einen Alltag, sie müssen in die Schule gehen und ihre Freunde sehen. Natürlich kann das nur mit einem Hygienekonzept funktionieren», betont sie.

«Man hätte in Schulen längst flächendeckend zum Beispiel Lüftungsanlagen installieren und Teststrategien entwickeln können»

Sie sei erstaunt, wie vergleichsweise wenig bislang getan worden sei, um sichere Abläufe in Schulen und Kitas zu gewährleisten. «Wir haben uns im Krankenhaus im März 2020 innerhalb von fünf Wochen auf Hygienemaßnahmen umgestellt. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, dass die Schulen das nicht hinbekommen», so Freitag, die auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist.

Lehrer und Erzieher seien keine Hygieneexperten, betont sie. Die Länder seien verantwortlich, gemeinsam mit Fachleuten Konzepte zu entwickeln, die frühzeitig umgesetzt werden. «Man hätte längst flächendeckend zum Beispiel Lüftungsanlagen installieren und Teststrategien entwickeln können. Aus meiner Sicht besteht hinsichtlich der bisherigen Strategie zur Öffnung von Schulen und Kitas so etwas wie eine organisierte Verantwortungslosigkeit», sagt Freitag.

Wird nun eine ganze Generation langfristige Schäden davontragen? Der Ulmer Experte Fegert plädiert dafür, «nicht darüber zu diskutieren, ob wir jetzt eine verlorene Generation haben». «Das sind für unsere Breiten zu hoch gegriffene Worte, die auch Kinder gleich aufgeben. Die meisten werden es gut bewältigen und den eigenen Kindern mal erzählen, was das für eine seltsame Zeit war», ist er überzeugt. Von Anja Sokolow, dpa

Kinderpsychologe: Viele Familien sind tief erschöpft – viele Lehrer auch

 

Anzeige


24 KOMMENTARE

    • Vermutlich weil es nicht in die Zuständigkeit von Lehrkräften fällt, häusliche Gewalt zu verhindern, obwohl stets versucht wird, das den Schulen auch noch anzupappen.

      Egal, um welches gesellschaftliche Problem es sich handelt, Lehrerinnen und Lehrer sollen’s richten – natürlich ohne entsprechende Ressourcen dafür. Ob für Integration oder Inklusion, für Missbrauch, für Gewalt in den Familien, für Islamismus-Prävention, fürs falsche Zähneputzen oder für Dickleibigkeit von Kindern werden die Schulen verantwortlich gemacht. Eine Studie will jetzt sogar ergeben haben, dass durch Corona-bedingte Schulschließungen die Lebenserwartung der heutigen Schüler sinkt – was im Umkehrschluss bedeutet, dass Lehrerinnen und Lehrer auch fürs Sterbedatum ihrer Schülerinnen und Schüler zuständig sind.

      Hat der Staat irgendetwas unternommen, um problematische Familien in der Corona-Krise besonders zu stützen, etwa die Hausbesuche der Jugendämter hochgefahren? Nach meiner Kenntnis fielen die in der Pandemie reihenweise aus. Das ist sehr bedauerlich. Aber was haben Lehrkräfte damit zu tun?

      • Mit den Hausbesuchen der Jugendämter liegen Sie völlig richtig! Sofort ab März letzten Jahres hatten die Mitarbeiter und Sozialpädagogen einen Arbeitsschutz, von dem wir in den Schulen bis heute nur träumen können. Da wurde u.a. auf die schwierigen Bedingungen durch uneinsichtiges Klientel hingewiesen und Familienkontakte auf das absolute Minimum (und darunter) heruntergefahren. Hingegangen zu den Wohnungen ist kaum noch jemand und wenn Familienmitglieder auf dem Amt persönlich vorstellig werden mussten, wurde ein exorbitantes Sicherheitsprogramm gefahren (so wie jetzt noch auf allen Behörden mit unvermeidbaren Einzelkontakten. Wer in letzter Zeit z.B. einen Ausweis beantragen musste, kann ein Lied davon singen).

        Und wenn Sie sich als Lehrer um derartige Familienverhältnisse kümmern, sich also „ungebeten einmischen und Unterstellungen verbreiten“, können Sie froh sein, wenn Sie „nur“ telefonisch oder per Mail angefeindet werden, Beschwerden en masse über Sie bei der Schulleitung oder dem Schulamt eingehen oder mal etwas Abfall in Ihrem Briefkasten landet.
        Unterstützung von vorgesetzter Seite: Fehlanzeige.

        • Bernd, es ist aber etwas menschliches, wenn man Kinder vor Gewalt schützt. Und wenn die Schule oder der Verein das kann, ganz einfach weil man es dort sieht, dann ist das doch gut und richtig oder nicht.
          Aber sich hier herzustellen und die Hände zu heben und zu sagen „sorry, aber bin ich nicht für zuständig“ das zeugt nicht von viel Mitgefühl.
          Ich bin völlig bei ihnen, wenn sie schreiben, dass die Schule für alles zuständig ist.
          Ich finde es überhaupt nicht gut, wenn Lehrer alles aufgebürdet bekommen ohne die nötigen personellen Ressourcen. Bei Lehrern ist es das selbe wie in der Medizin. Sparen koste es was es wolle. Völlig ihrer Meinung.
          Es sind auch nicht nur Schulen oder Kitas, die Missbrauch und Gewalt merken. Es sind auch Vereine. Leider wird den Kindern aktuell alles genommen, was sie auffängt.
          Kinder welche in normalen Verhältnissen aufwachsen, sind sicher durch die Situation angespannt, genau wie die Eltern. Aber das wird keinen dauerhaften Schaden hinterlassen.
          Aber die die jetzt hinten runterfallen, bleiben liegen. Und zum die kümmert sich niemand.
          Jugendämter sind genauso chronisch unterbesetzt.
          Mein Eingangs Kommentar war vielleicht etwas doof ausgedrückt.

      • Bernd,da bin ichganz bei Ihnen.Schulen sollen Wissen vermitteln.Meinetwegen auch noch Sozialverhalten.Aber Schulen sibd kein Auffangbecken für Kinder,die es zuhause nicht gut haben.Wie denn auch?Nachmittags und nachts sind sie geschlossen!Hierfür sind Jugendämter und Sozialarbeiter zuständig.Es kann nicht sein,dass alle anderen wegen solcher (ohne Frage nicht hinnehmbaren)Fällen Gesundheit und Leben riskieren sollen,weil diese als Grund für Öffnungenherhalten müssen.Da läuft schon vom Ansatz her was verkehrt!Ach Minna,kleine Gegenfrage.Wo ist denn IHRE Solidarität mit denen,die Ihrer Meinung nach ruhig dem Risiko ausgesetzt werden können,weil ja alles gar nicht so schlimm ist?!

  1. Das ist jetzt keine Überraschung oder? Das Gewalt an Kindern zunimmt… War klar, oder. Die Reißleine wird kürzer. Und die die Gewalt an Kindern ausüben, machen es jetzt noch schneller. Früher haben Schule Kita und Verein wenigstens einpaar davon abgefangen. Das sind alles lediglich Kollateralschäden.

  2. Traurig ist schon, dass 1 von 5 Kindern vor Corona psychische Probleme hatten. Das ist sehr viel und hier sollte nach den Ursachen gesucht werden!
    Das durch Angst vor Infektionen oder um Angehörige oder auch aufgrund von Einschränkungen oder durch zunehmende häusliche Gewalt das ganze noch zu nimmt, ist tragisch.
    Aber zu sagen, eine ganze Generation wird nun langfristige Schäden davontragen finde ich absurd. Stichwort Resilienz.
    Familien, die jetzt gewalttätig werden, da lag wahrscheinlich auch vorher schon was im argen. Vielleicht ist die Corona Krise bei einigen psychischen Erkrankungen der Auslöser, aber wahrscheinlich nicht die Ursache.
    Oder was denkt ihr?

    • @Vid:
      Natürlich ist das lediglich der Auslöser und nicht die Ursache. Dies macht es aber nicht besser. Es ist traurig und echt schlimm, denn diese Kinder hätten vermutlich keine Gewalt erfahren, oder ihr Leid wäre rechtzeitig erkannt worden, wenn gesellschaftliches Leben hätte drauf schauen können. Und da gehört neben vielem auch die Schule bzw. Lehrer dazu. Es verlangt niemand, dass Lehrer sich um diese Missstände kümmern sollen. Aber sie und viele andere (Vereine, …) sind oft die einzigen, die die Kinder außerhalb der Familie kennen, denen Veränderungen auffallen und somit an die zuständigen Stellen den Missstand weiterleiten können. Hab noch kein kleines Kind gesehen, das von sich aus zum Jugendamt gegangen ist und sein Leid klagt, was ihnen Mama oder Papa antun. Natürlich betrifft das keinen Großteil der Kinder – es werden wenige mehr als unter normalen Umständen sein. Aber ist nicht jedes Kind eines zu viel?
      Ist die einzige Aufgabe von Lehrern stur Wissen zu vermitteln? Sorgen, Ängste und Probleme von Kindern zu entdecken (nicht lösen!) ist doch genauso eine Aufgabe, oder nicht?

      • Nein. Der Arbeitsvertrag sieht die Arbeit als Fachlehrkraft vor, die Wissen zu vermitteln hat. Alles andere wird den Lehrkräften aufgebürdet, weil die zuständigen Stellen kein zusätzliches Geld für Schulsozialarbeit und schulpsychologischen Dienst ausgeben wollen.

        • @dickebank:
          Alles klar! Vielen Dank für Ihren Einsatz!
          Ich habe lediglich vom Weiterleiten an die zuständigen Stellen gesprochen – weder davon, dass Lehrer Psychologen oder Sozialarbeiter „spielen“ sollen. Kann man da wirklich sehenden Auges zuschauen, wenn es Kindern offensichtlich schlecht geht, nur weil ein Anruf beim Jugendamt nicht im Arbeitsvertrag steht?

          • @dickebank:
            Erlauben Sie mir noch eine Anmerkung… Überall im Arbeitsleben leisten die Arbeitnehmer auch Dinge, die nicht im Arbeitsvertrag stehen. Und wenn es dann auch noch um das Wohl von Kindern geht, würde sich für mich eine solche Frage überhaupt nicht stellen. Ist das nicht auch eine Frage der Verantwortung?
            Aber derartige Vergleiche will ja hier immer keiner hören

          • Weiterleiten … wie gut das klappt kann man am Fall Lügde sehen.
            Die Jugendämter sind personell unterbesetzt, die nehmen die Meldung auf und verwalten den Fall. Für weitergehende Maßnahmen fehlt dann häufig das Personal. Folglich wird das ganze an die Schule zurück gespielt. Und dann begint das Problem für die Klassenleitung. Zwei bis drei „Fälle“ in der eigenen Klasse erfordern bezüglich der Dokumentationsverpflichtungen einen gewaltigen aufwand, der zulasten der anderen 25 Kinder in der Klasse geht.

            Was bitte ist daran verwerflich, sich an den eigenen Arbeitsvertrag zu halten und nur das zu machen, was vereinbart ist und auch vergütet wird?

      • Lila,
        ich verstehe ihre Überlegungen. Aber als Mutter, deren Kinder in Schule und Verein sind und die an beiden Orten, zwecks Mithilfe, auch immer mal wieder anwesend ist,
        frage ich mich, wie realistisch diese Forderungen sind. In der Grundschulklasse meines Sohnes waren 32 Kinder. Fast alle Jungs, auch meiner, haben, sobald es die Gelegenheit erlaubte, Fussball gespielt oder sich anders körperlich auseinander gesetzt. Sie hatten also permanent blaue Flecken u. auch andere Verletzungen. Auf dem Gym. sind die Klassen auch so groß. Ein Fachlehrer wusste mal bei einem Sprechtag mit dem Namen meines Kindes nichts anzufangen, da er sich für die neuen Latainkursen allein schon über 80 neue Namen merken musste!! Und für wie wahrscheinlich halten sie es, dass ein Kind zu seinem Lehrer geht und ihm von den Misshandlungen durch seine Eltern berichtet? Empfinden Kinder sowas nicht als Verrat der eigenen Eltern?
        Was Vereine angeht, kann ich nur auf Erfahrungen mit Fussball und Reitverein zurückgreifen. Beides waren keineswegs nur heile Orte, mit Trainern denen es in erster Linie um das Wohl der Kinder geht. Mein Mann u. ich achten bewusst darauf, dass unsere Kinder nicht in die Leistungssportmühle geraten, also nur Breitensport. Und auch da: Vom Ehrgeiz gepackte Trainer, denen es primär um das Aufsteigen der Mannschaften geht. Niemanden von denen hätte ich zugetraut, dass ihnen ein belastetes Kind auffällt. Kinder die den Ansprüchen, auch im Breitensport, nicht genügen, bremsen den Erfolg doch aus…also kann man auf sie auch verzichten…
        Wenn sie mal googlen: Sexueller Mißbrauch in Sportvereinen, werden sie sicher einiges zu lesen finden.
        Ich glaube, dass es der Stellenwert, der Schule und Verein, bei der Aufdeckung von Gewalt und Missbrauch zugeschrieben wird,überwiegend theoretisch ist. Oder gibt es dazu Untersuchungen?

        • @Stina:
          Ihre Ausführungen sind nachvollziehbar – vollkommen!
          Ich sage ja auch nicht, dass Missstände von diesen Einrichtungen (Vereine, Schule) aufgedeckt werde MÜSSEN. Es besteht dort lediglich die Möglichkeit, dass es ans Licht kommt. Und nochmal: ich verlange ja nicht, dass deswegen die Schulen geöffnet werden sollen! Man traut sich hier ja überhaupt nichts mehr zu schreiben – sofort werden einem Sachen unterstellt, die man nie gesagt hat.

          Untersuchungen dazu kenne ich keine, aber aus beruflicher Erfahrung kann ich sagen, dass Häusliche Gewalt fast immer erst durch Mitteilungen von Außen (und ja, da gehört die Schule auch dazu…) ans Licht kommen – und bei Kindern allemal.

        • @dickebank:
          Was daran verwerflich ist? Ich verstehe Ihre Aussagen bezüglich der Unterbesetzung der Jugendämter, der Aussichtslosigkeit, weil „nix bei raus kommt“, etc.
          Natürlich MUSS niemand außerhalb seines Arbeitsvertrages tätig werden. Aber ich frage nochmals… kann man da sehenden Auges mit gutem Gewissen zusehen? Ich könnte es nicht – es sei denn diese Kinder wären mir vollkommen egal. Und einfach nix weiterleiten, weil „die vom JA ja eh nix machen“ sehe ich problematisch.

  3. Lila,um Anrufe geht es hier nicht.Ich denke schon,dass da jeder,def mit Kindern zu tun hat,soviel Verantwortungsbewusstsein hat.Aber es kann wohl nicht sein,dass Schulen etc offen gehalten werden und Menschen erkranken und sterben,weil sonst andere vllt in der Familie Gewalt erfahren.Und das ist auch weit über das hinaus,was man leistet,obwohl es nicht in der Arbeitsbeschreibung steht.Da muss es andere Kontrollmechanismen geben.Und ja,auch jetzt gibt es regelmäßige Besuche von Familienberatern etc etc..Es kann nicht Aufgabe von Schulen sein,Kinder von gewalttätigen Eltern fernzuhalten.Nachmittags und nachts sind sie ja dann trotzdem dort.Und es wwrden auch nicht alle plötzlich gewalttätig,weil man mehr zuhause aufeinander hockt!

    • @Maren:
      Doch, genau um diese Anrufe geht es bei dem was ich gesagt habe. Lesen Sie sich bitte meine Kommentare oben genau (!!!) durch. Ich habe mehrfach betont, dass Lehrer keine Probleme lösen sollen, da es wie sie richtig anmerken, nicht deren Aufgabe ist. Ich habe auch nicht davon gesprochen, die Schulen einfach so zu öffnen. Ich habe lediglich angemerkt, dass es u.a. eben die Schulen bzw. Lehrer es sind, die derartige Missstände in den Familien bemerken können und dann melden können. Mehr nicht. Daraufhin wurde von @dickebank kurz und knapp geantwortet, dass dies nicht im Arbeitsvertrag steht.

    • Ja, so habe ich die Antwort verstanden! Deswegen meine Reaktion und mein Unverständnis! Ich wüsste auch nicht, wie man diese Antwort auf meinen Kommentar hin anders interpretieren könnte. Es sei denn @dickebank hat meinen Kommentar nicht ganz durchgelesen.

      • Als ob die lehrkraft direkt anrufen dürfte …
        Bevor eine solche meldung seitens der Schule an andere Einrichtungen und Dienststellen weitergeleitet wird, gibt es schulintern eine Menge informelle und offizielle Gespräche zwischen den Lehrkräften und der jeweiligen Klassenleitung und weitergehend mit der zuständigen Abteilungsleitung respektive Schulleitung. In der Zwischenzeit muss noch eine Menge Papier beschrieben werden, damit Vorgänge justiziabel dokumentiert sind.

        Wären in Schulen multiprofessionelle Teams mit ausreichenden Ressourcen vorhanden, könnte innerhalb des Systems Schule effektive Hilfe angeboten werden. Zeit und Kraft würden den betroffenen SuS zugute kommen und nicht in Verwaltungsmaßnahmen versanden.

        Ganz abgesehen von der Vielzahl der Probleme und dem einzigen Telefonanschluss in einem Lehrkräfteverwahrraum mit 100 Lehrkräften. Da komen vertrauliche Gespräche immer gut. der Ablauf ist dann dieser:
        Lehrkraft meldet Beobachtung dem JA.
        Mitarbeiter des JA ist gerade nicht am Platz.
        Mailbox besprechen.
        Rückruf JA.
        Lehrkraft ist gerade im Unterricht.
        Andere Lehrkraft nimmt Gespräch an und schreibt Telefonnotiz.
        Erneuter versuch das JA telefonisch zu erreichen.
        JA-Mitarbeiter ist auf Außentermin bzw. im feierabend, da nur Halbzeitstelle.

        Die Telefonschleife lässt sich beliebig über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten. Alternative kurze Mail, aber nur wenn es einen dienstlichen Account gibt. Ansonsten ist der Ärger vorprogrammiert.

        Aber kurzer Anruf genügt … – Ist ja auch alles immer so easy. Dass ich nicht selbst darauf gekommen bin:(

        • @dickebank:
          Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Das leuchtet mir dann natürlich ein. Ich dachte ehrlich gesagt nicht, dass das ein derartiger Aufwand ist. Zum Wohle der Kinder ist das natürlich schlecht. Vorallem wenn man sieht, dass jeder einfach so beim Jugendamt anrufen kann, weil das Kind der Nachbarn zu lange geschrieen hat (bei entfernten Bekannten tatsächlich so geschehen – JA klärte das dann vor Ort ab).
          Ich gehe jetzt mal davon aus, dass dieser Aufwand im Falle eines wirklich schweren, offensichtlichen Problems dann zum Wohl des Kindes seitens der Schule auch in Kauf genommen wird. Man kann in einem solchen Fall (Kind erzählt von Misshandlungen, vertraut sich evtl. dem Lehrer an) auch direkt die Polizei anrufen. Da ist immer jemand erreichbar, es kommt sofort jemand und die Meldungen ans Jugendamt und weiteren Maßnahmen zum Schutz der Kinder werden auch von ihnen in die Wege geleitet. 😉 Allerdings verstehe ich auch, dass man da als Lehrkraft sich nicht in „die Nesseln setzen“ möchte und dann gar Drohungen o.ä. erhält. Danke jedenfalls für die ausführliche Antwort – so kann ich vieles nachvollziehen.

          • Der Punkt ist, ich als lehrkraft rufe ja nicht privat an sondern als vertreter*in einer Landesbehörde. Das kann ich aber nur mit Genehmigung und in Abstimmung mit der Schulleitung oder der Abteilungsleitung als teil der erweiterten Schulleitung tun. Direkten Kontakt kann ich als Klassenleitung ja nur intern z.B. zur Schulsozialarbeit oder zu den sonderpädagogischen Kräften aufnehmen und zu den Erziehungsberechtigten aufnehmen. Hilfreich ist es, wenn es bereits einen „Erziehungsbeistand“ (Hilfe zur Erziehung) gibt, dann darf dieser direkt informiert werden.

            Polizei rufen ist auch so eine Sache. Wenn in meinem Beisein z.B. beim Elternsprechtag oder auf dem Schulgelände ein Erziehungsberechtigter sein Kind verprügelt, kann ich direkten Kontakt zur Polizei aufnehmen (Gefahrenabwehr). Wenn ich den Verdacht habe, dass Kind könnte zuhause verdroschen worden sein, dann ist das zunächst einmal ein Verdacht, dem ich im Beisein eines Kollegen/einer Kollegin versuchen würde nachzugehen und das betroffene Kind befragen würde, um den Verdacht zu erhärten.
            Als Lehrer eine Schülerin alleine ohne Zeugen vertraulich zu befragen, ist ein absolutes no-go bzw. ein Hochrisikoereignis – also gleich lassen.

            Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here