didacta-Thema: Freiheiten und Grenzen im Kita-Alltag („Du darfst auch ‚Nein‘ sagen“)

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STUTTGART. Bis zum morgigen Mittwoch noch läuft Europas größte Bildungsmesse didacta – erstmals (coronabedingt) als reine Online-Veranstaltung. Ein Schwerpunktthema: frühkindliche Bildung. In der Kita ist es für Kinder wichtig, Selbstbestimmung zu erleben, aber auch Grenzen kennenzulernen und selbst zu setzen – darin ist sich die Prozess- und Organisationsbegleiterin Ursula Günster-Schöning sicher, die auf der didacta referiert. Doch auch für Erzieherinnen und Erzieher haben Grenzen im Arbeitsalltag eine wichtige Bedeutung.

Ursula Günster-Schöning ist systemische Prozess- und Organisationsbegleiterin, systemischer Coach (DGSF), SeniorCoach QRC und pädagogische Koordinatorin, staatlich anerkannte Sozialfachwirtin. Foto: Stefan Schöning

Frau Günster-Schöning, sie werden auf der diesjährigen didacta zum Thema Grenzen setzen sprechen? Aber fangen wir doch andersherum an: Warum ist es bereits in der Kita wichtig, dass Kinder Selbstbestimmung erfahren?

Günster-Schöning: Weil es wichtig ist, gut für sich zu sorgen, und zu erleben, dass ich als Persönlichkeit respektiert werde. Kinder sollen spüren: Da ist jemand, der mich ernst nimmt, der auch mein „Nein“ respektiert. Er zeigt mir aber auch auf, dass ich in einer sozialen Gemeinschaft heranwachse und von daher eine eigene Meinung haben darf, die aber nicht immer durchgesetzt werden kann.

Kostenlose Teilnahme

Erfolgreich ist Europas größtes Bildungsevent, die Bildungsmesse didacta, gestartet. Sie findet aufgrund der Corona-Pandemie bis Mittwoch, 12. Mai, erstmals als rein digitale Veranstaltung statt.

Die didacta sollte eigentlich in Stuttgart stattfinden – jetzt digital. Foto: Koelnmesse

Das Interesse des Fachpublikums ist hoch, „bislang haben sich mehr als 25.000 Gäste für das Vortragsprogramm mit rund 200 Veranstaltungen in den verschiedenen Internet-Foren registriert“, freute sich Stefan Lohnert, Geschäftsführer der Messe Stuttgart.

Auf sechs Aussteller- und Partnerbühnen präsentieren BranchenvertreterInnen informative Vorträge, inspirierende Live-Talks und Diskussionsrunden zu den Themen „Frühe Bildung“, „Schule und Hochschule“, „Berufliche Bildung“ und „Weiterbildung“ sowie „digitales Lernen“. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Infos hier.

Veranstaltungen zum Thema „Frühkindliche Bildung“ (unter anderem):

Vortrag: Über Grenzen nach- und hinausdenken
Referentin:  Ursula Günster-Schöning
12.05.2021
11 Uhr bis 11:45 Uhr

Vortrag: Brauchen Kinder Grenzen?
Referent: Wolfgang Bergmann
12.05.2021
13 Uhr bis 14 Uhr

Vortrag: Gesundheitliche Grenzen im Kita-Alltag
Referentin: Elisa Martini
12.05.2021
15 Uhr bis 16 Uhr

Kostenlose Besucherregistrierung.

Welche Rolle spielt es für die Selbstbestimmung von Kindern in der Kita auch Grenzen kennenzulernen und mit diesen umgehen zu müssen?

Günster-Schöning: Es gibt generelle Regeln, an die sich alle zu halten haben, wie zum Beispiel das wir anhalten, wenn die Ampel rot ist, sowie faktische Grenzen, z. B. Landesgrenzen oder physikalische Grenzen z.B. eine gemauerte Wand. Und dann gibt es persönliche Grenzen, die erst im Laufe des Lebens reifen. Gerade in den ersten Jahren erleben Kinder, sehr viel begrenzt und reglementiert zu werden. Und deswegen ist es wichtig, dass sie auch ein Pendant kennenlernen, nämlich dass sie selber auch Grenzen setzen dürfen, indem sie zum Beispiel „Nein“ oder „Halt“ sagen.

Was sind denn Situationen, in denen es besonders darauf ankommt, Grenzen zu setzen?

Günster-Schöning: Immer dann, wenn es um den eigenen Körper geht. Im Krippenbereich ist das Füttern ein Beispiel: Wenn Kinder aus Ablehnung den Kopf wegdrehen, muss ich das ernst nehmen und dieses Signal der Kinder einfangen und interpretieren können. Kinder sollen ein gutes Selbstwertgefühl erleben: Du bist wichtig, deine Wahrnehmung ist wichtig und du darfst auch „Nein“ sagen und eine eigene Meinung haben. Und umgekehrt sollten Kinder auch wissen, dass wir in einer sozialen Gemeinschaft leben und sie daher nicht immer ihren Willen durchsetzen können.

An welcher Stelle kommt es denn für Erzieherinnen und Erzieher darauf an, ebenfalls Grenzen zu ziehen?

Günster-Schöning: Das Thema Grenzen umfasst alle, ob nun Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Kinder oder eben auch das gesamte Team. Ich muss mich auch im Team manchmal abgrenzen, wenn es mir zu viel wird oder im Umgang mit den Eltern. Gerade jetzt in der belastenden Situation durch die Pandemie müssen Erzieherinnen und Erzieher Grenzen setzen, etwa wenn sie für etwas verantwortlich gemacht werden, für das sie nichts können. Es geht nicht darum, den Eltern vor den Kopf zu stoßen, aber ganz klar aufzuzeigen: bis hier hin und dann wird eine Grenze überschritten.

Und worauf sollten die Erzieherinnen und Erzieher achten, wenn sie solche Grenzen ziehen?

Günster-Schöning: Es geht immer darum, den anderen nicht zu verletzen. Ich muss dafür auch Strategien kennen, wie ich beispielsweise mit Widerstand umgehen kann. In Gesprächen mit Eltern muss ich manchmal auch zum Wohle des Kindes Dinge ansprechen, die eine Mutter oder ein Vater vielleicht nicht gerne hören möchten. Hier muss ich gut abwägen, wie ich eine Grenze ziehen oder jemanden auf eine Grenze hinweisen kann.

Wie wichtig ist es denn, Grenzen auch einmal zu überschreiten?

Günster-Schöning: Mit Blick auf die Kinder ist es wichtig, dass sie auch Grenzerfahrungen machen, und das auch proaktiv und intrinsisch motiviert. Einfach mal testen: Was passiert, wenn ich eine Grenze überschreite? Es gibt manche Grenzen, die müssen eingehalten werden, weil sie Schutz bieten. Auf der anderen Seite dürfen Kinder auch spüren, dass sie manche Grenze überschreiten können, und dann stellen sie fest, dass dies Folgen, gar Konsequenzen haben kann. News4teachers

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