Generation Corona: Was Schülerinnen und Schüler jetzt dringend brauchen!

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MÜNCHEN. Kinder und Jugendliche haben in den letzten eineinhalb Jahren eine Ausnahmesituation erlebt – mit teils gravierenden Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit. Erst im Juli 2021 bestätigte das eine neue Studie zu Belastungen von Kindern, Jugendlichen und Eltern in der Corona-Pandemie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Ein Problem, das Lehrkräfte zum neuen Schuljahr herausfordern dürfte. Lehrer und Jugend-Mentor Peter Maier analysiert in seinem Gastbeitrag die Situation und plädiert für eine Rückbesinnung auf die pädagogischen Aufgaben von Lehrkräften, wohl wissend welch hohen Belastungen diese selbst ausgesetzt sind. 

„Statt die Welt zu erkunden, saßen sie zu Hause. Statt Liebe zu suchen, hielten sie Abstand.“ Foto: Shutterstock

Mehrere totale Lockdowns, Homeschooling, Wechselunterricht, Schulbesuch nur mit Gesichtsmasken und strengen Hygienevorschriften, Unterricht in großen Abständen, anfängliche Überforderung mit Videokonferenzen und digitalen Unterrichtsmaterialien: Diese Liste könnte fast beliebig fortgesetzt werden. Kurz gesagt: Unsere Schüler/innen haben nun eineinhalb Horrorjahre hinter sich. Denn auch ihre Freizeit konnten sie Corona-bedingt nicht wie gewohnt erleben und gestalten. Zurecht schreibt Sara Maria Behbehani daher in der Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Wir, Generation Corona“ über die Situation der Jugendlichen: „Statt die Welt zu erkunden, saßen sie zu Hause. Statt Liebe zu suchen, hielten sie Abstand. Die Pandemie hat Europas Jugend vieles genommen, was Jungsein ausmacht.“[i]

Die Erfahrungen der Generation Corona

Sehr eindringlich führt die Autorin in dem SZ-Bericht die Lage der Jugendlichen weiter aus: „Zum Erwachsenwerden gehört dazu, noch nicht wissen zu müssen, wer man ist und wer man sein will. Den Ort erst noch finden zu dürfen, an den man gehört. Nur was, wenn die Suche schon wieder vorbei ist, noch bevor man auch nur eine Chance hatte, irgendwo anzukommen? Die Pandemie hat alles ins Gegenteil verkehrt, was Erwachsenwerden ausmacht: Statt sich näher zu kommen, mussten wir Abstand halten. Grenzen respektieren, statt sie zu überschreiten, zu Hause bleiben, statt raus in die Welt zu laufen…“[ii]

Um diese allgemeinen Aussagen noch plausibler zu machen, möchte ich kurz von einer Erfahrung mit einer neunten Klasse erzählen, die ich in Religion am Gymnasium unterrichtete – ein knappes Jahr vor Beginn der Pandemie. Es war Wandertag Anfang Juni. Zu Fuß waren wir zum nahe gelegenen See marschiert. Dort gab es am Ufer auf einem Hügel einen Feuerplatz. Am Morgen hatte ich mit dem Auto einen Kofferraum voll Holz hingebracht. Nach dem Anbrennen des Feuers packten alle Schüler/innen ihr mitgebrachtes Grillgut aus, spießten es auf kleine Äste und hielten ihre Würste ins Feuer. Auch ein Brotteig wurde über der Glut gebacken. Kartoffel wurden in Alufolie gewickelt und ebenfalls in die Glut gelegt. Die ganze Klasse fühlte sich wohl und saß während des Essens um das Feuer herum.

Danach gab es am nahegelegenen Bolzplatz ein Fußballspiel, bei dem es die Jungs wissen wollten, wer die coolere, stärkere, witzigere Mannschaft ist. Die Mädchen feuerten sie begeistert an. Später wurde am Feuer in kleinen Gruppen geratscht, gechillt und viel gelacht, bevor es nach Löschen der Flammen wieder zurück ans Gymnasium ging. Dieser Ausflug an den See blieb vielen Schüler/inneninnen in sehr guter Erinnerung, die Klassengemeinschaft wurde dadurch gestärkt, es konnte endlich einmal gemeinsam verweilt werden – ohne den üblichen Leistungsdruck an der Schule.

Leider fanden solche Veranstaltungen jetzt zwei Sommer lang nicht mehr statt. Und es gab in dieser Zeit auch so viele private Treffen in der Freizeit der Schüler/innen nicht, von einem normalen Unterricht ganz zu schweigen. Vielleicht kann man die Lernrückstände aus den vergangenen Monaten wieder etwas ausgleichen. Denn laut dem „Lehrerverband Bildung und Erziehung“ (VBE) haben 20 bis 25 Prozent der Schüler Corona-bedingt nun größere Lücken im Lernstoff. Zur Förderung von Kindern und Jugendlichen wurde von der Bundesregierung deshalb im Mai ein zwei Milliarden Euro starkes „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona“ verabschiedet, um Lernrückstände auszugleichen und die psychosoziale Belastung von Kindern und Familien aufzufangen: „Mit dieser Unterstützung sollen Kinder und Jugendliche nach der Pandemie die bestmöglichen Chancen auf gute Bildung und persönliche Entwicklung erhalten.“[iii]

Kann man auch Blockaden in der psychischen Entwicklung so einfach aufholen wie Lernrückstände?

Aber kann man auch Blockaden in der psychischen Entwicklung so einfach aufholen wie Lernrückstände? Wenn man vor diesem Hintergrund die Persönlichkeitsentwicklung unserer Jugend insgesamt betrachtet, die durch die Corona-Pandemie in so vielen Fällen massiv gelitten hat, klingen für mich die Aussagen der Autorin in obigem Zeitungsbericht gar nicht mehr so provozierend, sondern irgendwie auch verständlich und berechtigt, weil sie den tiefen Schmerz von Jugendlichen ausdrücken:

„Wir brauchen kein Aufholprogramm fürs Lernen. Wir brauchen ein Aufholprogramm fürs Leben. Ein Aufholprogramm für ein Jahr verpasste Chancen und ein Jahr verpasste Freundschaften… Wir brauchen ein Kontingent an Tagen, an denen wir schwänzen dürfen, an den Schulen, an den Unis, in den Firmen, weil wir, statt zu lernen oder zu arbeiten, jetzt erst mal ins Schwimmbad gehen müssen. An den See fahren, alle zusammen, in die Berge wandern, oder einfach nur einen Sommer lang auf der Picknickdecke liegen, ganz nah beieinander… Wenn wir ein Aufholprogramm brauchen, dann wirklich nur eines: im Unbeschwertsein.“[iv]

Bekommen wir eine „verlorene Generation Corona“?

Eine solche Prognose ist nach eineinhalb Jahren Corona-Einschränkungen an den… Lesen Sie hier die FORTSETZUNG…

Quellen

[i]           Süddeutsche Zeitung vom 29./30. Mai 2021, BUCH ZWEI, S. 11

[ii]         ebd.

[iii]        www.web.de/magazine/ratgeber/kind-familien-lernrückstände vom 06.06.2021

[iv]         SZ, a.a.O.

[v]          vgl. ebd.

[vi]         vgl. Magazin „lehrernrw“, Ausgabe 4/2021, S. 3 f.

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8 KOMMENTARE

  1. Das Aufholprogramm für das Leben kann, bzw. konnte genau jetzt stattfinden, in den 6 Wochen Sommerferien bei noch relativ niedrigen Inzidenzen.

  2. Ja, diese „Generation Corona“ wird u.a. ‚ein Aufholprogramm für’s Leben‘ in Anspruch nehmen (müssen).

    Aber Teile dieser „Generation Corona“ sind auch nicht ganz unschuldig an der Gesamtsituation und damit auch an ihrer Lage, vor allem die älteren Jugendlichen/ jungen Erwachsenen (Berufsschule & Oberstufe) – zahlreiche Medienberichte zeigten & zeigen (bis heute), wie viel Solidarität vorhanden ist (…).

    Schwer zu glauben, dass deren Solidarität durch ‚Aufholprogramme‘ zurückgewonnen werden kann, die sie vor allem eines machen sollen: vermittlungsfähig.

  3. Ein sehr guter Beitrag und müssten alle Politiker und KM lesen. Alle haben dringend die Sommerferien nötig um neue Energien zu sammeln und Lebensfeude zu genießen und zu erfahren. Die lange außergewöhnliche Lebensphase hat vielen heranwachsenden Jugendlichen grundlegende Erfahrungen in Ihrer persönlichen Entwicklungund Entgalftung genommen. Die genommenen Erfahrungen zur weiteren Entwicklung wird man nicht aufholen können aber mit vielen Lichtblicken in der Freizeigestaltung zu einer Stabilität führen. Es ist ganz wichtig den Spaß zu pflegen um die nächste Hürde der vierten Welle auszuhalten und ertragen zu können. Die Unbeschwertheit muss im Vordergrund stehen um die nächste Zeit bestehen zu können der jungen Menschen. Leider haben die KM dazu keinen Beitrag geleistet und das Aufholprogramm ist für die Schüler kein tragendes Konzept und gibt den Schülern keine Aussicht die anghäuften Lernlücken aufarbeiten zu können in einem angemessenen Zeitraum. Die Schüler in BW haben G8 an den Schulen und hatten ein G7 Schuljahr und haben eine große Last der vielen Defiziete. Frau Schopper spricht von etwaigen Rückständen und hat die Not der Schüler bei einem G7 Schuljahr nicht anerkannt. Leider auch mit keiner Ehrlichkeit in den Blick genommen und betreibt auf Kosten der G8 Schulen Augenwischerei und trägt zu keiner fairen Bildungszeit bei. Die abgehängten Schüler haben massive Ängste und andere Symtome entwickelt und der anghäufte Lernstoff belastet sehr. Es sind alle sozialen Schichten von Defizieten betroffen und die Bildungsschere im Klassenverband ein großer Druck für Lehrer und Schüler. https://www.phv-bw.de/zumeldung-des-phv-bw-zur-pressemitteilung-der-initiative-buendnis-g9-jetzt-fuer-ein-corona-aufholjahr-durch-g9-an-den-gymnasien/

  4. Ja, das letzte Jahr war richtig blöd und schlimm – für die Kinder und für alle anderen Menschen in und außerhalb derSchulen!

    Ich bin aber mal wieder ganz erstaunt (,ich kann’s nicht lassen), welche Aufgaben das System Schule noch übernehmen „darf“.
    Bitte ab jetzt Freitags die Dreckwäsche der gesamten Familie in die Schule mitbringen, die kann dann Montags sauber, duftig und gebügelt (auch die Socken) wieder mitgenommen werden. Wir bedauern sehr diesen Eigenanteil der Aktivität (Mitbringen & Abholen), dass dies keine Teilhabe (am eigenen Alltag) sondern eine Zumutung bedeutet. Wir sind uns dessen bewusst und können uns gar nicht oft genug entschuldigen. Aber wir arbeiten schon am Hol- und Bring-Service.
    Weitere unsinnige Ideen reichen Sie bitte direkt bei der KMK ein, die unsinnigste Idee wird prämiert mit einem Mini-Luftfilter-Modell aus Knetmasse.
    *kopfklatsch*

    Gibt es eigentlich noch IRGENDETWAS in dieser Gesellschaft oder besser gleich im Universum, was Schule nicht geradebiegen, aufarbeiten … oder am besten vorhersehen und vermeiden soll?
    Und was ist mit den Menschen, die vor Ort in den Schulen arbeiten? Haben die keine Bedürfnisse, keine eigenen Sorgen, keine eigene Familie bzw. hat deren Familie auch noch zurückzustecken?
    Einfach mal ein bisschen Nachdenken wäre auch fein.
    PS.: NIEMAND war eingesperrt. (Quarantäne ausgenommen, aber die dauert nicht monatelang oder lebenslang.)
    Boah, ich hab Mega-Puls und gehe jetzt mal raus, weil das gut ist für meine persönliche Entwicklung … oder einfach weil’s entspannt. So einfach kann’s sein.

  5. @Pit 2020
    Sie sprechen mir sowas von aus der Seele. Ich kann’s echt auch nicht mehr hören. Wir hatten jetzt eineinhalb nicht so schöne Jahre. Ich bedauere auch zutiefst alle, die Verstorbene zu betrauern haben und auch diejenigen, die an Long Covid leiden.
    Trotzdem war für die meisten von uns diese Zeit doch einigermaßen auszuhalten. Unangenehm ja – aber doch kein Horrorjahr, wie es in dem Artikel genannt wird.
    Ehrlich, wenn uns das schon so vom Hocker haut, dann weiß ich wirklich nicht, wie die Menschheit die noch vor ihr liegenden, weitaus schlimmeren Probleme bewältigen will.

    • @Marion

      „… wie die Menschheit die noch vor ihr liegenden, weitaus schlimmeren Probleme bewältigen will.“

      Gar nicht?
      Manchmal beschleicht mich da ein ganz übles Gefühl, weil sich viele Leute ganz oft so in relative (!) Kleinigkeiten (z.B. im Vergleich zum Klimawandel, der wird uns länger beschäftigen) verbeißen, schlimm wird es dann wenn es keine Grenzen mehr gibt hinsichtlich Qualität und Quantität der Äußerungen.
      Ich will mich gar nicht grundsätzlich (!) ausnehmen, aber immerhin versuche ich mich da am Riemen zu reißen, und zwar täglich. Das fällt mir auch nicht immer leicht (, geneigte Mitleser wissen das) – aber das ist ja eine niemals endende Aufgabe des Individuums, sofern nicht nur volljährig sondern auch erwachsen. Außerdem halte ich mich einfach mal raus, wenn ich von etwas so gar keine Ahnung habe (z.B. würde ich meinem Zahnarzt nicht erklären, wie er mich zu behandeln hat und auch meinem Bäcker würde ich seinen Job nicht erklären.)
      Aber derzeit ist dieser Wettbewerb in Sachen haltlose Problemherbeirederei Marke „Ich weiß was, ich weiß was! Und ich habe auch die Lösung für alles.“ ganz besonders fehl am Platze.
      Das nötige tun und ansonsten mal etwas Ruhe einkehren lassen.
      Anders gesagt: Man kann einfach mal „die eigene Scholle beackern“ und wenn fertig: Gut is‘.

  6. Wenn die Klimaprognosen stimmen, werden diese jungen Menschen auf noch viel mehr verzichten müssen – vielleicht haben sie jetzt ja gelernt, wie wenig sie gestandenen PolitikerInnen vertrauen sollten, wie behäbig, gierig, kurzsichtig und verlogen Politik betrieben wird, wie wissenschaftsfeindlich und irrational. Ich habe zumindest viel gelernt – und ich bin viel älter.
    Die jungen Menschen und die allerkleinsten haben aber tatsächlich viel verloren – unser Kind in der Grundschule hingegen war einfach nur froh, sich nicht dem Gruppendruck und dem unvermeidlichen Ranking aussetzen zu müssen – es hat gespielt und gespielt und gespielt (und die Aufgaben schnell erledigt). Den Wechselunterricht fanden viele Kinder auch toll.

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