Tarifstreit: Kitas in Baden-Württemberg werden erneut bestreikt

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Viele Eltern müssen sich in der kommenden Woche erneut darauf einstellen, eine andere Lösung für die Betreuung ihrer Kinder zu finden. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ruft die Erzieherinnen und Erzieher im Südwesten ab Dienstag in mehreren Kommunen erneut zu Warnstreiks auf.

Fällt bald das Streikverbot für beamtete Lehrer? Dass das Bundesverfassungsgericht mündlich über die Beschwerden der Kläger verhandeln will, gilt schon als Erfolg. Foto: Richard Huber / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Mit dem Warnstreik zeigen die Kita-Mitarbeiter, dass es ihnen ernst ist. Foto: Richard Huber / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0) (Ausschnitt)

Verdi-Vizechefin Hannah Binder sagte am Freitag in Stuttgart, um die immer größere Fachkräftelücke im Sozial- und Erziehungsdienst zu schließen, wollten die Arbeitgeber weiterhin auf Werbekampagnen setzen. Sie lehnten Gespräche über eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ab und somit auch Vereinbarungen zur Qualität der Angebote.

Mit geschlossenen Einrichtungen müssen Eltern am Dienstag im Kreis Ludwigsburg, in Ulm sowie in Rastatt und Offenburg rechnen. Am Mittwoch sollen dann Beschäftigte im Rems-Murr-Kreis und im Raum Heilbronn ihre Arbeit befristet niederlegen.

Die Arbeitgeberseite hatte die Warnstreiks in der Vergangenheit regelmäßig kritisiert und erklärt, man sei in konstruktiven Verhandlungen und die Gewerkschaften könnten an diesen sehen, dass man so agiere, dass eine Einigung möglich sei.

Verdi fordert für die bundesweit rund 330.000 betroffenen Beschäftigten bessere Arbeitsbedingungen, Maßnahmen gegen Fachkräftemangel und eine höhere Eingruppierung vieler Mitarbeiter. In Baden-Württemberg sind nach Angaben der Arbeitgeber rund 50 000 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst betroffen. Die dritte Verhandlungsrunde ist für den 16. und 17. Mai in Potsdam geplant. dpa

Statistik zum Kindergartentag: 93 Prozent des Kita-Personals sind weiblich (und unterbezahlt?)

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Angelika
1 Monat zuvor

Unglaublich, dass der Arbeitgeberseite die Idee gekommen ist, an Massagen für Erzieherinnen in der Mittagspause zu denken…
https://mehr-braucht-mehr.verdi.de/++file++623a16eed7ff6ad748465c61/download/20220322_Flugblatt_zweite_Verhandlungsrunde.pdf

Welche Mittagspause? – werden manche Fachkräfte denken, die wegen des Personalmangels die Einrichtung nicht verlassen und ihr Butterbrot irgendwo essen, wo sie gerade gebraucht werden. Man kann sich nur noch verhöhnt fühlen!

Von Streiks betroffene Kita-Träger zahlen den Streikenden keinen Lohn. Ein langer Streik ist für Städte und Kommunen finanziell vorteilhaft. Und sobald er länger andauert, ziehen sich die Erzieherinnen wieder den massiven Unmut der Eltern zu. Bald danach – zum „Happy-End“ – knicken sie vorzeitig ein. Denn wenn „die neuen Kleinen“ eingewöhnt werden, kann man ihnen selbstverständlich keine Schließtage zumuten.

Hoffentlich haben Erzieherinnen einmal die Ausdauer, auf besseren Arbeitsbedingungen – die auch den Kindern zugute kämen! – zu bestehen!

Marion
1 Monat zuvor

„…um die immer größere Fachkräftelücke im Sozial und Erziehungsdienst zu schließen, wollten die Arbeitgeber weiterhin auf Werbekampagnen setzen.“
Klar, ist ja auch billiger als für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen – bringt dafür aber nix.
Da wird auf schicken Bildern und mit pfiffigen Slogans eine heile, harmonisch – bunte Kitawelt kreiert, die mit der Realität so wenig zu tun hat, wie einst die Werbung für „Fruchtzwerge“ mit gesunder Ernährung.
Das Geld könnt ihr euch ruhig auch noch sparen.
Und während es in den Kitas einfach weitergeht wie gehabt, wird in der Öffentlichkeit weiter das Hohelied auf die frühkindliche Fremdbetreuung gesungen und den Eltern vorgegaukelt, daß es für ihre Kinder nichts besseres gibt.
Spätestens, wenn immer mehr Kitagruppen wegen Personalmangel dicht machen müssen, werden alle mit großen Augen dastehen und sich wundern, wie es, trotz der pfiffigen Werbekampagnen, nur so weit kommen konnte.

Angelika
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Man muss kein Psychoanalytiker sein, um erkennen zu können, dass eine frühe Langzeitbetreuung für viele Babys und Kleinkinder keine Wohltat ist. Legt eine Erzieherin ein Kleinkind schlafen und eine andere ist da, wenn es wach wird, bringt das manche Kinder zum Weinen, wenn sie darauf vertraut haben, das vor ihrem Einschlafen zuletzt gesehene Gesicht wiederzusehen. Es ist verlogen, das „Bezugserziehersystem“ (welche ein Wort!) in den höchsten Tönen als besondere Errungenschaft anzupreisen, wenn bereits Kleinkindern ständige Personalwechsel zugemutet werden.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika

Ich bin inzwischen zu der Überzeugung gekommen, daß das „System Kita“ wirklich erst komplett zusammenbrechen muß, bevor in dieser Gesellschaft ein Umdenken einsetzt.
Wir haben während der Pandemie erlebt, daß das Funktionieren des Arbeitslebens auf Gedeih und Verderb vom öffentlichen Betreuungssystem abhängig ist.
Eltern brauchen aber Auffangnetze, für den Fall, daß ihr Kind mal krank ist oder der Kiga nicht zur Verfügung steht.
Außerdem muß Eltern klar werden, daß sie in den ersten Jahren Möglichkeiten finden müssen, stärker für ihre Kinder da zu sein. Hier ist auch die Wirtschaft gefragt. Es kann doch nicht sein, daß Eltern gezwungen sind sich total aufzureiben zwischen Job, Erziehung und Haushalt und sich schon Kleinkinder komplett dem Arbeitstakt der Erwachsenenwelt unterzuordnen haben.
Solange das aber so ist, müßte doch eigentlich ALLES dafür getan werden, um die Bedingungen in den Krippen und Kindergärten so zu gestalten, daß Kindern dort die bestmögliche Betreuung zuteil wird.
Stattdessen erfahren wir von Seiten der Politik lediglich ein gleichgültiges Schulterzucken.
Im Gegenzug werden die Ansprüche immer noch ein Stück und noch ein Stück nach oben geschraubt. Immer mehr Kolleginnen fallen immer öfter aus wegen Krankheit. Und dabei geht es nicht immer nur um eine Erkältung, die man sich bei den Kindern geholt hat. Die psychische Belastung ist auf Dauer für viele einfach zu hoch.
Hören und Sehen will diese Signale aber niemand. Weder die Politik, noch die Arbeitgeber noch die Eltern. Denn auch Letztgenannte verschließen nur zu gern die Augen davor, daß die Story von den ach so optimal geförderten, ach so glücklichen Kindern in den ach so putzig eingerichteten Kitas ein verlogenes Märchen ist.
Kindergärten – ja! Aber Kitas als Vollzeitpflichtprogramm unsere Kinder – NEIN!
Zumindest nicht unter den derzeitigen Bedingungen.

TaMu
1 Monat zuvor
Antwortet  Angelika

Angelika und Marion, ich kann eure Kommentare nur dick unterstreichen! Gerade im U3 Bereich ist eine Bezugsperson extrem wichtig. Ich hatte vor kurzem sogar den Fall, dass ich ein Kind schlafen gelegt hatte mit den Worten „schlaf gut, ich bin da und wenn du ausgeschlafen hast, hole ich dich wieder aus dem Bett“. Die Mutter kam, als das Kind noch schlief und ich habe sie zu ihrem Kind ins Zimmer gelassen. Das Kind und seine Mutter haben eine wunderbare, ganz normale gut gebundene Beziehung und trotzdem hat es geweint und wollte zu mir auf den Arm und dann erst zur Mutter. So hatte es sich die Situation vor dem Schlafen eingeprägt und so hätte es beim Aufwachen sein müssen. Das hat mit kognitiven Schemata zu tun und die sind aus gutem Grund top wichtig für U3, sie geben Orientierung und Sicherheit. Davon haben Politik und Wirtschaft keine Ahnung.

Angelika
1 Monat zuvor
Antwortet  TaMu

Eigentlich müssten ganz viele Kinderbetreuerinnen unsere Erfahrungen bestätigen. In der Familie können Eltern es auch erleben, nur dass es da vermutlich weniger verwirrend für ein Kind ist als in der Kita, wo es mehr Personalwechsel gibt, als sich die Eltern vorstellen wollen.

TaMu, ich war Springerin und habe gestaunt, wie schnell sich Kleinkinder an eine Fremde zu binden scheinen. Kleinkinder wollen unbedingt den Pulsschlag am Hals spüren, sehen einem tief in die Augen und mein Name wurde schon etliche Male spontan in Mamangeli oder Mamangelika geändert.

Damit insbesondere Mütter nicht gekränkt sind, wenn sich ein Krippenkind zum Abschied an einer Erzieherin festklammert, geht manchmal die Lieblingserzieher eines Kindes aus dem Gruppenraum, wenn ein „Klammerkind“ abgeholt wird. Teamabsprache: Eine andere Betreuerin, die dem Kind weniger bedeutet, übergibt es an seine Mutter. So lässt man noch nicht einmal zu, dass Eltern nicht mehr die Augen davor verschließen können, dass weniger Fremdbetreuung vielleicht besser für ihr Kind wäre.

Von einigen sehr jungen Erzieherinnen weiß ich, dass sie es psychisch viel zu belastend fanden, Kleinkinder erst zu betreuen – und sie dann später nicht mehr zu sehen. Ein Tabu-Thema für Fachkräfte. Indem so getan wird, als müssten alle „professionell“ sein, wird über das, was die Betreuung der Jüngsten bei ihren „Bezugserzieherinnen“ auslösen kann, der Mantel des Schweigens gelegt.

Hoffentlich schaffen Erzieherinnen es, während des Streiks genau das „auszupacken“ was manche partout nicht an sich heranlassen wollen.

Sapperlot
1 Monat zuvor

Wow, ich bin begeistert. Es wird Geld in Werbekampagnen gesteckt….um auf den ach so attraktiven Beruf aufmerksam zu machen. Sorry, da fällt mir echt nichts mehr dazu ein. Anstatt wirklich tätig zu werden und die Arbeitsbedingungen zu verbessern( durch Massagen in der Mittagspause, ja nee is klar, dann kann ich mich ja entscheiden…ess ich was oder lass ich mich ganz entspannt massieren um danach total regeneriert die fehlenden Fachkräfte zu ersetzen) oder endlich das Gehalt anzupassen…..ich bin so entsetzt und sehr, sehr wütend.

Sapperlot
1 Monat zuvor

Und hey , die Kassen sind halt leer, das müssen wir doch auch mal verstehen ,ob jetzt wegen Corona oder egal…die sind für Erzieher* einfach immer leer. Wir erwirtschaften ja auch nix, sorgen nur dafür,dass erwirtschaftet werden kann…hört sich irgendwie paradox an? Also bitte für Erzieher* keine leistungsorientierte Bezahlung und schon gar keine Höherstufung. Was ist eigentlich mit den Gehältern, die sich die Arbeitgeber wegen nicht Besetzung der Stellen einsparen??? Also allein in meiner Kita sind das seit Monaten zwei Vollzeitstellen…und zwei 30 Stunden Stellen. Wäre eigentlich nur vernünftig dieses Gehalt an die verbliebenen pädagogischen Fachkräfte auszuzahlen. Die fangen dies alles ja schließlich auf , oder?

Angelika
1 Monat zuvor
Antwortet  Sapperlot

Gespart haben die Arbeitgeber schon immer gern. Ich kenne mehrere Kinderpflegerinnen, die früher M-O-N-A-T-E-L-A-N-G!!! ganz allein (noch nicht mal Praktikanten zur Unterstützung gab es) eine große Kindergruppe betreut haben. Zur Eingewöhnung der Kindergartenneulinge schaffte der Träger es dann allerdings doch noch eine Erzieherin als Gruppenleiterin zu finden.

In einem klassischen Männerberuf erscheint es mir undenkbar, dass Mehrarbeit und mehr Verantwortung rein gar nichts am Gehalt geändert hätten. Für Kindergartenleitungen sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dafür zu sorgen, dass eine Kinderpflegerin, die sich derart bewährt hat, dass man sie allein arbeiten läßt, auch wie eine Erzieherin bezahlt wird.
Auch der Elternrat dürfte gern gegen die Unterbezahlung vorgehen. Es ist doch nicht fair, dass Eltern ihre Berufstätigkeit bedenkenlos auf Kosten einer Kinderpflegerin ausleben!

Das durch ausbleibende Stellenbesetzungen eingesparte Geld könnte genutzt werden, um Springerkräfte besser zu bezahlen. Die Gehälter oder Honorare externer Springer müssten wie bei Freiberuflern üblich höher sein. )Akquise, Fahrten, Versicherungen u.s.w.) Tatsächlich sind sie so niedrig, dass sich Springerkräfte oft auf eine feste Stelle einlassen. – Mit dem Ergebnis, dass Städte oder große Träger ihre Erzieher wieder in Notfällen dort einsetzen, wo der Krankenstand besonders hoch ist. – Als Bazillenschiff kehren sie danach wieder in ihre Kita zurück… Virusgrippe ahoi!